Gerichtsprozeß vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR gegen fünf Agenten der "Kampfgruppe gegen Unmenschlickeit" (KgU) 1955 in Berlin. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-31253-0008 / Junge, Peter Heinz /CC BY-SA 3.0)
Geschichte | AIB 85 / 4.2009 | 04.12.2009

Die braunen Wurzeln der antikommunistischen »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit«

Enrico Heitzer (Zentrum für Zeithistorische Forschung)

1945 war der deutsche Angriffskrieg mit der totalen Niederlage zu Ende gegangen. Ostdeutschland wurde von den Sowjets besetzt, die Zehntausende in Speziallagern internierten. Die Anti-Hitler-Koalition zerfiel und der Kalte Krieg setzte ein. Der Systemkonflikt war eher ein aktiver Nicht-Frieden, den beide Seiten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln führten. Während der Berlin-Blockade, einem der ersten Höhepunkte der Auseinandersetzung, entstand 1948 in den Berliner Westsektoren die KgU, die einerseits ein Suchdienst für in der SBZ vermisste Personen und andererseits eine »Widerstandsorganisation« sein wollte, die sich die »Befreiung« der »Ostzone« vom Kommunismus auf die Fahne geschrieben hatte. Während ein Teil der KgU Suchdienst- und Dokumentationstätigkeiten ausübte, wurde von einer zweiten Sektion ein konspirativer V-Mann-Apparat auf dem Gebiet der SBZ/DDR errichtet. Fester Bestandteil der KgU-Tätigkeit war neben antikommunistischer Propaganda auch Spionage. Zeitweilig versuchte man, Brand- und Sprenganschläge sowie Sabotageakte durchzuführen. In einem Bericht der KgU findet sich eine aufschlussreiche Passage: »Am 22.9.51 gegen 9.00 Uhr vormittags wurde [in Berlin] der Zeitungsstand Bernauerstrasse-Ecke Brunnenstrasse hinter der ostzonalen Strassensperre [...] durch Wurf einer [...] Ph[osphor-Ampulle] in Brand gesetzt. Der Zeitungsstand brannte leider nicht ganz aus, da die Feuerwehr mit 2 Wagen nach ca. 10 Min. eintraf«. Begründet wurde die Aktion u.a. damit, dass »die Inhaberin des Zeitungsstandes eine überzeugte Bolschewistin« gewesen sei.1 In einem Fall lässt sich nachweisen, dass die KgU an den Planungen zur Tötung eines SED-Funktionärs beteiligt war: Das vorgesehene Opfer war 1941 zur Roten Armee übergelaufen und hatte als Partisan gekämpft. Nach 1945 machte er in Calbe/S. Karriere. Der Leiter der dort agierenden KgU-Gruppe »Pauline« war schon 1932 der NSDAP beigetreten. Er wollte nach Absprache mit dem KgU-V-Mann-Führer »Rux«, der seit 1931 der NSDAP und 1932 der SS angehört hatte, einen Giftanschlag ausführen. Bevor er zur Tat schreiten konnte, wurde er enttarnt und von den Sowjets hingerichtet. Solche Aktionsformen waren nicht die Regel, sondern die Ausnahme. 1952 stellte die Organisation die meisten militanten Aktionen ein. KgU-Mitarbeiter wurden in der DDR erbarmungslos verfolgt. Etwa 1100 Menschen wurden wegen angeblicher oder tatsächlicher KgU-Kooperation abgeurteilt. Mindestens 108, möglicherweise 143, wurden hingerichtet. Bei einem Großteil davon ist nichts über einen braunen Hintergrund bekannt. Es stellt sich die Frage, wer hinter der KgU steckte. Eine einfache Antwort ist kaum möglich: Öffentlich wahrgenommen wurden vor allem ihre Leiter Rainer Hildebrandt (1948–1950/51) und Ernst Tillich (1950/51–1958). Beide waren in NS-Haft gewesen. Hildebrandt hatte Kontakte zum Kreis der Hitlerattentäter von 1944. Tillich gehörte zur Bekennenden Kirche, was ihn mehr als zwei Jahre nach Sachsenhausen brachte. Die beiden Leiter waren aber keinesfalls repräsentativ für die KgU. Im Gegenteil, gerade in der Gründungsriege finden sich etliche, die keine Integrationsprobleme im NS-Staat gehabt hatten. In der Frühzeit kamen in der KgU u.a. mehr als ein Dutzend Adeliger zusammen, überwiegend mit baltendeutschem Hintergrund. Wir finden vormalige Freikorpskämpfer, Abwehrleute, aber auch Männer aus dem Goebbelsministerium oder dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Dieser Befund unterscheidet die KgU kaum vom BND, dem BKA oder anderen Behörden. Eine Differenz bestand lediglich darin, dass die KgU zwar eng mit westdeutschen Ämtern kooperierte, jedoch stets ein privater und überwiegend US-finanzierter Verein blieb. Ende 1950 sagte der West-Berliner Polizeipräsident Stumm (SPD) mit Blick auf die KgU, »dass sich in bestimmten westlichen Kreisen, die sich vielfach aus alten belasteten Nationalsozialisten rekrutierten, so etwas wie eine neue Feme-Organisation aufbaut«. Ministerien und der West-Berliner Senat stellten 1952 ihre Zuwendungen ein, weil die KgU zu militant agierte. Im selben Jahr wurde Tillich aus der SPD ausgeschlossen. Konstitutive Elemente der KgU-Weltsicht waren eine Kombination aus identifizierender Totalitarismustheorie, die sich auf die Formel »rot = braun« reduzieren lässt, mit einem scharfen Antikommunismus, der auch Anhänger eines NS-geprägten Antibolschewismus ansprechen konnte. Es ist hier nicht der Ort, auf alle KgU-Mitarbeiter mit braunem Vorleben einzugehen. Es soll nur auf symptomatische Fälle verwiesen sein. Am dichtesten war die Ballung von vormaligen Nazis nicht in der Berliner Zentrale, sondern in der Göttinger Filiale, dem Kampfbund gegen Unmenschlichkeit (KBU). 1950 hatte dort der aus Pommern geflüchtete Gutsbesitzer Erich v. Neindorff den Vorstandsvorsitz inne, der 1921 bis 1923 dem Völkischen Schutz- und Trutzbund sowie diversen daraus hervorgegangenen Nachfolgegruppen angehört hatte, ehe er am 1. August 1930 in die NSDAP eintrat. 1931 bis 1933 saß v. Neindorff für die Nazipartei im Preußischen Landtag und von 1933 bis 1936 im Reichstag. Zur selben Zeit war Bolko v. Richthofen bei der KgU. Der vormalige Königsberger Ordinarius für Frühgeschichte hatte sich nach dem I. Weltkrieg einem Freikorps angeschlossen.2 Schon in den 1920er Jahren engagierte er sich im NS-»Kampfbund für deutsche Kultur«, der für einen antisemitisch-völkischen Kulturbegriff eintrat. Im Krieg setzte er sich für die Aufstellung einer großrussischen »Befreiungsarmee« unter Führung des übergelaufenen Sowjetgenerals Wlassow ein. Für die KgU verfasste er 1950 ein »Weißbuch« über die Speziallager, das jedoch vom Verlag abgelehnt wurde. Nach seinem Ausscheiden unterstützte v. Richthofen die NPD und verbreitete die These, dass der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 lediglich einem geplanten Angriff durch die Rote Armee zuvorgekommen sei.3 KgU-Gründungsmitglied Erich v. Sivers, ein Gutsbesitzersohn, gehörte 1918 bis 1920 zu einem Freikorps. Im September 1941 wurde er im Rang eines Sturmbannführers nach Riga versetzt zum Stab des Höheren SS- und Polizeiführers (HSSPF) Russland-Nord, Hans-Adolf Prützmann, in dessen Umfeld er drei Jahre blieb.4 Prützmann ging alsbald als HSSPF Russland-Süd nach Kiew. In seinem Stab war v. Sivers u.a. Fachführer der Fachgruppe »SS-und Polizeiwesen«. Prützmann war an führender Stelle an der Judenvernichtung beteiligt, koordinierte in seinem Zuständigkeitsbereich die Tätigkeit von SS-Einsatzgruppen und anderen SS- und Polizeikräften beim Massenmord.5 1944 sich befand v. Sivers bei der SS-Polizeieinheit »Kampfgruppe Prützmann«, die gemeinsam mit ukrainischen Nationalisten zur »Bandenbekämpfung«, d.h. dem Einsatz gegen Partisanen und Zivilbevölkerung 6, eingesetzt war. Als Prützmann im September 1944 Chef des »Werwolf« wurde, ging v. Sivers in die »Leitstelle Russland« des SS-Hauptamtes. Dort wurden die Bemühungen der SS zum Aufbau der Wlassow-Armee koordiniert. Nach dem Krieg brannte v. Sivers seine SS-Blutgruppentätowierung aus und tauchte einige Zeit unter. Bei der KgU bestand seine vorrangige Aufgabe darin, bei Ministerien, der Industrie und Geschäftsleuten Spenden einzuwerben. Er soll aufgrund seines kultivierten Auftretens recht erfolgreich gewesen sein. Weiter fanden sich bei der KgU Männer wie »Dr. Urban« aus dem RSHA, der 1949/50 die Zentralkartei aufbaute. Die sensible Kartei leitete in den folgenden Jahren »Gabler«, NSDAP-Mitglied seit dem 1. November 1929. KgU-Mann »Kirstein«, seit August 1932 Parteimitglied, hatte im »Generalreferat Ostraum« des Propagandaministeriums unter Eberhard Taubert gearbeitet, dessen Zuständigkeitsbereich »Aktivpropaganda gegen Juden« hieß. »Kirstein« leitete hier ein Referat für Flugblattpropaganda in den besetzten Ostgebieten. 1945 wurde er in Sachsenhausen interniert. Nach der Entlassung 1950 fand er eine Anstellung bei der KgU, ehe er für andere antikommunistische Organisationen arbeitete. Berend v. Nottbeck, der später den Kölner Verlag »Wissenschaft und Politik« betrieb, arbeitete 1950 ebenfalls bei der KgU. Er war seit September 1939 Referent im RSHA gewesen. Später kam er zur SS-Standarte »Kurt Eggers«, einer Einheit, die führend an der psychologischen Kampfführung mittels »Zersetzungspropaganda« beteiligt war. Hermann v. Hirschheydt, der »Außenminister der KgU«, hatte bei der Propagandakompanie 666 gedient, ehe er 1943 zur Kosaken-Division des Helmuth von Pannwitz gewechselt war. Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch bei den KgU-V-Leuten machen, von denen es mehrere Hundert gab. Zum lebensgeschichtlichen Hintergrund der meisten lässt sich zwar wenig sagen. Unzweifelhaft ist aber, dass die KgU kaum Berührungsängste mit Nazis und NS-Tätern hatte. Es finden sich zwar bei der Organisation auch viele Unbelastete, etwa Jugendliche, die nur Flugblätter verteilten. Doch zumindest bei einer starken Minorität sind problematische Vorleben erkennbar. Zum Beispiel bei »Gerber«, der 1933 bis 1945 der NSDAP und SA angehört hatte. Später gehörte er zum Polizeibataillon 320, einer Mordeinheit, die »maßgeblich an der Vernichtung der ukrainischen Juden« beteiligt war.7 Es ließen sich zudem mindestens zwei vormalige KZ-Wärter identifizieren; namentlich bekannt sind etwa 40 SS-Männer (z.B. »Rendsdorf«, der ab 1934 der Leibstandarte Adolf Hitler angehörte, später für den SD tätig war); von 30 KgU-V-Leuten war zu ermitteln, dass sie vor 1933 der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation angehört haben (etwa »Kant«, der seit 1931 aktiver Nazi und seit 1932 in der SS war). Einzelne Personen aus dem KgU-Umfeld tauchten nach der Auflösung der Organisation 1959 bei rechtsradikalen Gruppen wieder auf, z.B. Wolfgang Strauß, der als »Vogel« einer Schweriner Oberschülergruppe angehörte, die 1950 wegen KgU-Verbindung verhaftet wurde. Strauß spielte in den 1960er und 1970er Jahren eine herausgehobene Rolle bei der Neuen Rechten. Zeitweise war er zweiter Vorsitzender der 1962 gegründeten »Unabhängigen Arbeiterpartei« (UAP) und stand deren Jugendverband vor. Zu Hochzeiten hatte die nationalrevolutionäre Partei 2.000 Mitglieder und versuchte sich als Gegengewicht zur NPD zu etablieren. Nach seinem Scheitern, sich als Führungsfigur der Neuen Rechten zu etablieren, ging Strauß in die NPD.8 Dennoch: die KgU als braune Organisation zu beschreiben, wird dem Problem nicht gerecht, auch wenn sich veritable braune Flecken finden lassen. Die starke US-Komponente und der Kontext des Kalten Krieges gaben der Organisation einen eigentümlichen Charakter. Sie bezog sich beispielsweise positiv auf das Hitlerattentat vom Juli 1944, in den 1950er Jahren eine sicherlich nicht für jeden Deutschen konsensfähige Haltung. Doch solche Punkte nahmen sich neben dem eigentlichen Programm dürftig aus. Das hieß Antikommunismus. Dieser machte die KgU anschlussfähig für bürgerliche Demokraten, aber auch für Nazis.

Der Autor ist Historiker und lebt in Berlin. Er schreibt seine Dissertation über die KgU.

  • 1. KgU-Bericht 24.9.1951; BArch B 289 SA 500/18/52, Bl. 17.
  • 2. Vgl. Personalakt B. v. Richthofen; BArch (ehem. BDC) DS A 55.
  • 3. Vgl. B. v. Richthofen,Kriegsschuld 1939 - 1941: der Schuldanteil der anderen, Vaterstetten 1968 (Das Buch wurde über das Jahr 2000 hinaus immer wieder aufgelegt.)
  • 4. Vgl. Personalakt E. v.  Sivers; BArch SSO (ehem. BDC) 139 B.
  • 5. Vgl. J. Hürter, Hitlers Heerführer: die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 20072, S. 537.
  • 6. Franziska Bruder, Kollaboration oder Widerstand?: die ukrainischen Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Bd. 53, Nr. 1 (2006), S. 35f.
  • 7. Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland: 1941 - 1944, Paderborn 2006, S. 618.
  • 8. Vgl. Jens Mecklenburg (Hg.): Handbuch Deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996, S. 152f., 313ff. und 408f.