Der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich war Leiter des SD und Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). (Bild: Bundesarchiv, Bild 152-50-10 /CC BY-SA 3.0)
Geschichte | AIB 59 / 1.2003 | 10.04.2003

Das Führungskorps des RSHA

In den neunziger Jahren erschienen eine Vielzahl von Gesamtdarstellungen über Ursachen, Vorbereitung und Verlauf des Holocausts. Aber auch Fallstudien zur Motivation der Täter in Vernichtungslagern und in Einsatzkommandos. Doch wer waren die Täter im Planungsstab des Reichssicherheitshauptamtes? Michael Wildt legt hierzu eine furiose Monographie vor.

Das RSHA und der SD war lange Zeit Webstoff für Legenden über die NS Zeit. Diese wurden über Jahrzehnte als Entlastungsstrategie mit abgesprochenen Prozessaussagen und einer Amnestiekampagne für NS Täter durch seine Akteure selbst gestrickt. Einfluss nahm man auf journalistisch-historische Serien im "SPIEGEL" und spätere vermeintliche Standartwerke zu SS Geschichte. In nicht wenigen NS –Nachkriegsprozessen traten RSHA Mitarbeiter als Sachverständige auf. Bis auf die Todesurteile gegen SS-Gruppenführer Ohlendorf u.a.  im Einsatzgruppenprozess 1947 in Nürnberg kamen die meisten RSHA Täter glimpflich oder unbehelligt davon.

Michael Wildt verfolgt den Lebensweg dieser hochrangigen SS Funktionsträger und schreibt zugleich eine Struktur- und Ideologiegeschichte des RSHA. Im ersten Teil des Bandes widmet er sich den politisch-biographischen Prägungen der späteren RSHA Akteure. Sie kommen mehrheitlich aus einem rechtskonservativen Umfeld (klein)-bürgerlicher Elternhäuser, der Universität und rechtsradikalen Studentenverbindungen. Analysiert werden die politischen und sozialen Reaktionen dieser Milieus auf die Niederlage im Weltkrieg I, die Wirtschaftskrise und die Weimarer Republik. Dabei greift Wildt im Anschluss an Ulrich Herberts Studie über den RSHA Mann Best auf den Begriff des generationellen Stils zurück.

Gemeint sind hiermit imaginierte oder tatsächliche kollektive biographische Prägungen einer Generation, die sich im Laufe der 20er Jahre immer weiter nach rechts radikalisierte. Fixpunkte ihrer politischen Sozialisation sind der Ruhrkampf, die Para- Militärs der Freikorps und der völkische Flügel der Jugendbewegung. Als verbindende Ideologieelemente nennt Wildt den Antisemitismus und die antidemokratisch-elitäre Gesinnung dieser Personen.  Bestechend dekonstruiert der Autor die Selbststilisierung der Täter, die sich als Akteure des »heroischen Realismus« begreifen.

Im Anschluss nimmt der Autor das Entscheidungsjahr 1933 unter die Lupe. Beschrieben wird die schrittweise forcierte institutionelle Festung der Macht der NSDAP in der Sphäre der Verwaltung und des Staates und der sich gleichzeitig vollziehende Machtkampf innerhalb der NS Bewegung. Biographische Portraits einzelner Funktionsträger veranschaulichen, das und auf welche Weise in diesem Prozess eine Gruppe junger Juristen und Verwaltungsexperten die Karrierechance ihres Lebens im Dienste des im Ausbau befindlichen SD der SS erhält.

Im weiteren wendet sich Wildt der institutionellen Konflikte mit dem Reichsinnen- u. Justizministerium und Konkurrenten innerhalb der NSDAP um die Entstehung und den Ausbau des RSHA aus dem SD der SS zu. Er zeigt auf, wie gezielt die SD – Führung um Heydrich die Normen des bürgerlichen Verwaltungsrechts beseitigt und sich immer weitergehende Kompetenzen aneignet. Wildt macht deutlich, dass es hierbei nicht nur um die Eigendynamik des Machtgewinns der SS beim Umbau des Polizei- und Sicherheitsapparates handelt. Vielmehr wird das RSHA zu einer Instanz ausgebaut, die ideologisch determiniert jenseits aller Regeln bürgerlicher Exekutiven handelt. So wird das RSHA zur Keimzelle des der Verwirklichung Staats- und Gesellschaftskonzepts elitärer Kreise innerhalb von SS und NSDAP.

Ausführlich erläutert Wildt den Funktionswandel des RSHA von der Koordinierung der Bekämpfung politischer und weltanschaulicher Gegner des NS zur Vorbereitung und Durchführung des Holocausts. Zu Recht wiederholt der Autor, was nicht oft genug wiederholt werden kann. Die RSHA Funktionsträger waren keine Radau- Antisemiten, denen es um Pogrome oder personifizierten Judenhass ging. Sie waren Weltanschauungstäter, die ihr Handeln wissenschaftlich und geschichtlich über eine rassistische Ideologie zu legitimieren suchten und dies weit über die Existenzzeit des Dritten Reiches hinaus.

Wildt ist eine furiose Studie gelungen, die in ihrer methodischen Stringenz und ihrer sprachlichen Präzissession besticht. Gewiss, die Lektüre der fast tausend Seiten ist nur mit Ausdauer zu bewältigen. Für das Verständnis des Holocausts ist sie ein gewichtiger Beitrag.

Wildt, Michael:
Generation des Unbedingten – Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes;
Hamburger Edition; 
Hamburg 2002; 964 S.

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