Detlef Nolde (vorne) bei einem Neonazi-Aufmarsch am 1. Mai 1993 in Berlin.
NS-Szene | AIB 39 / 2.1997 | 01.09.1997

Berlin: Neonazi ermordet Neonazis

»Nazi-Krieg in Berlin: 2 Tote« und »Fememord: 2 Neonazis im Auto erstochen« prangte es am 18. April 1997 von den Titelblättern der Berliner Boulevard-Presse. Zwei Neonazis waren auf offener Straße von einem Gesinnungskameraden erstochen worden. Die beiden verhafteten Tatverdächtigen, Detlef Nolde (Früher Detlef Cholewa) und Lutz Schillok aus Berlin Köpenick, waren keine unorganisierten, unerfahrenen Jungneonazis, sondern »alte Bekannte« in der Berliner Neonazi-Szene mit einer jahrelangen Karriere in verschiedenen Organisationen.

Am Abend des 16. April 1997 fand in der Gaststätte „Waldesgrund“ in Berlin-Johannisthal (Treptow) eine Verlobungsfeier mit Polterabend des Anführers der „Kameradschaft Berlin-Nord“ bzw. „Kameradschaft Beusselkiez“, Mike Penkert1, mit dementsprechendem Neonazi-Publikum statt. Von hier aus machten sich kurz nach zwei Uhr nachts, sieben Neonazis in einem Wittenberger Auto auf den Nachhauseweg. Neben den Berliner Neonazis Detlef Nolde und Lutz Schillok befanden sich auch fünf Mitglieder der „Kameradschaft Elbe-Ost“ bzw. der „Kameradschaft Wittenberg“ im Auto. Der Fahrer und Besitzer des Autos Olaf Schmidtke und der damals aktuelle Führer der „Kameradschaft Elbe-Ost“ Chris Danneil gerieten in einen Konflikt mit Detlef Nolde und Lutz Schillok. Gegen 2.30 Uhr stoppte Olaf Schmidtke wegen einer roten Ampel an einer Kreuzung am S-Bahnhof Adlershof, wo es zu der tätlichen Auseinandersetzung und den tödlichen Messerstichen kam. Die Ermittlungen sollen ergeben haben, das Lutz Schillok hierbei ein Messer und Detlef Nolde Reizgas einsetzten. Eines der Opfer war sofort tot, das andere konnte sich noch blutend aus dem Wagen flüchten, bevor es am Kofferraum eingeholt und dort von hinten erstochen wurde. Der Täter und alle übriggebliebenen Auto-Insassen ergriffen daraufhin die Flucht, konnten aber wenig später von der Polizei in der Umgebung verhaftet werden. Den Rettungssanitätern gelang es trotz einstündiger Bemühungen nicht, Olaf Schmidtke und Chris Danneil wiederzubeleben.

Die Berliner Täter

Der geltungsbedürtige Detlef Nolde schrieb dem Antifaschistischen Infoblatt (AIB) vor einigen Monaten: »Gern könnt Ihr aber bei der Nennung meiner bisherigen politischen Funktionen noch ein paar, Euch offenbar unbekannte, hinzufügen. So müßte es vollständig heißen: 'Der ehemalige Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Berlin-Ost (Anfangs Mitteldeutsche Nationaldemokraten/MND), NPD- (Wahl-) Kandidat und JN-Verantwortliche Berlin/Ost (1990 bis Anfang 1992), Leiter der Kameradschaft Johannisthal (1992) sowie Vorsitzende des FAP-Kreisverbandes Berlin-Treptow und Schulungsverantwortlicher der FAP- Berlin (1993 bis Anfang 1995) und (Wahl)Kanditat der Nationalen2 sowie jetzige ... Detlef Cholewa.' Was ich jetzt, d.h. seit Febr. 95 'mache', ausgenommen meine Kandidatur zu den Abgeordnetenhauswahlen auf der offenen Liste der Nationalen, möchte ich Euch nicht anvertrauen.«

Verschwiegen hat uns Detlef Nolde seine Tätigkeiten für die "Kameradschaft Treptow", den "Deutschen Förderverein Berlin/Ost" und die "Anti-Antifa Berlin / Amt für Öffentlichkeitsarbeit". Auch seine Mitwirkung in einer bewaffneten Neonazi-Bande um den Berliner Neonazi Arnulf Priem3 (u.a. zusammen mit dem Neonazi-Mörder Kay Diesner)4und seine Autorentätigkeit für das bundesweiten Neonazi-Zeitungsprojektes »Berlin-Brandenburger Zeitung« (BBZ) aus den Strukturen des neonazistischen Vereins »Die Nationalen« wollte er uns nicht anvertrauen.

Sein »Kamerad« Lutz Schillok tauchte bereits 1987 bei der extrem rechten  „Bürgerinitiative für Demokratie und Identität“ (BDI)  in West-Berlin auf. Später landete Schillok bei der Neonazi-Organisation „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP), für die er dann auch in Dänemark auf einer Veranstaltung und Sonnenwendfeier der Neonazi-Gruppe „Danmarks Nationalsocialistiske Bevægelse” (DNSB) auftrat.

Die Wittenberger Opfer

Die beiden Ermorderten, Olaf Schmidtke und Chris Danneil, waren ebenfalls organisierte Neonazis. Sie stammten aus Wittenberg und waren in der der „Kameradschaft Elbe-Ost“ organisiert. Sie waren an dem Abend u.a. mit Danny Thüring in dem Auto unterwegs. Danny Thüring galt als einer der Drahtzieher der Neonazi-Szene in Sachsen-Anhalt und trat als Gründer der "Kameradschaft Elbe-Ost" / "Kameradschaft Wittenberg" in Erscheinung. Im Neonazi-Mailbox-Verbund "Thule-Netz" war er Szene-Kennern als "Starbuck" bekannt. Die "Kameradschaft Wittenberg" gilt als militant. Ihr werden regionale Überfälle, wie z.B. auf das Jugendzentrum "Schweitzergarten", zugerechnet. Einige Aktivisten sollen "Wehrsportübungen" abgehalten und mit dem Bau von Bomben experementiert haben.

Die Suche nach dem Motiv

Obwohl die Presse mit den verschiedensten Theorien um sich warf, ist der genaue Hintergrund dieser Morde noch immer ungeklärt.

Für den Verfassungsschutzchef von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Heidelberg, lautet das Mord-Motiv : "Die haben sich im Suff über Fußball gestritten." Ein Staatschutz-Polizist aus Sachsen-Anhalt erklärte: "Es ist denkbar, daß den Neonazis aus Treptow der Führungswechsel in der Wittenberger Kameradschaft nicht gepaßt hat."5

Andere berichten über einen alkoholisierten Streit über das richtige Verbotsdatum der FAP. Etwas wahrscheinlicher erscheint da noch die Vermutung, daß sich der Streit an Schmidtkes Rotlicht-Verbindungen in Wittenberg entzündete. Er soll zeitweilig als Türsteher in einem Bordell gearbeitet haben. Regionalen Gerüchten zufolge soll Rotlicht-Geld über Schmidtke an die „Kameradschaft Elbe-Ost“ geflossen sein, damit diese Schmidtkes Arbeit im Rotlicht-Milieu billigte. Die Kontakte zur organisierten Kriminalität kommentierte ein regionaler Staatsschützer mit den Worten: "Das würde auch erklären, wie die beiden Ermordeten zu ihrem 120 000 Mark teuren Audi kamen".6

Eindeutig ist eigentlich nur, daß die Morde nichts mit mit dem Konflikt zwischen den sogenannten »Nationalreformisten« und den sogenannten »NS-Fetischisten« zu tun haben, weil sich beide Kameradschaften eindeutig zu der »NS- Fetischisten« -Fraktion bekannt haben. Beide Kameradschaften waren außerdem gemeinsam mit achtzehn weiteren Kameradschaften in dem „Netzwerk Nationaler Sozialisten“ vom „Berliner Koordinationsgremium“ , den „Mitteldeutschen Kameradschaften und Vereinen“ und dem Netzwerk der BBZ-Redaktion organisiert. Dieser Zusammenschluß verfasste mehrere Briefe und Pamphlete gegen die »Nationalreformisten«.

Unwahrscheinlich ist auch, daß diese Taten längerfristig geplant oder in irgendeiner Form vorbereitet waren. Vielmehr ist zu vermuten, daß der Konflikt erst während der Autofahrt ausbrach und an der besagten Ampel auf tötliche Art eskalierte.

Die „Kameradschaft Treptow“

Die „Kameradschaft Treptow“ hat schon seit geraumer Zeit den nicht ganz unberechtigten Ruf, spontan und ohne viel Nachzudenken illegale Aktionen und brutale Überfälle zu starten. Wenn man sich die lange Liste von Überfällen, Brandstiftungen und Körperverletzungen ansieht, die „Kameradschaft Treptow“-Aktivisten zugerechnet werden konnten, ist es schon verwunderlich, warum diese Gruppe noch immer offen auftreten und Jugendliche rekrutieren kann.

Daß für »Antifaschismus in Berlin keine Notwendigkeit besteht« und daß in Berlin »keine rechtsterroristischen Strukturen bestehen«, wie Berlins Innensenator Jörg Schönbohm behauptete, wird auch durch die nachfolgenden Beispiele für einige Aktionen aus dem Kreis der „Kameradschaft Treptow“ hinterfragt.

So wurden der »Kameradschaft Treptow Ortsgruppe Nord und Süd«- Chef Henryk Wurzel 7 zusammen mit Mirco R. und dem damaligem „Kameradschaft Treptow“-Aktivisten Hans Sp. Ende 1994/Anfang 1995 polizeibekannt. Sie galten zeitweilig als Tatverdächtige für (versuchte) Brandstiftungen an Mülltonnen, Autos und an Geschäften von MigrantInnen. Auch das massive Verkleben von illegalen Nazi-Aufklebern wurde dem Kreis um Henryk Wurzel und Mirko R. zugerechnet.

1995 beschlossen Henryk Wurzel und Mirko R. etwas gegen den Jugendclub »Gerard Philipe« in Alt-Treptow zu unternehmen. Ihnen war zu Ohren gekommen, daß dort Feiern mit Lesben und Schwule stattfinden sollen. Am 17. April 1995 drangen Henryk Wurzel und Mirko R. über das Dach in den Jugendclub ein, legten an zwei Stellen Feuer und verschwanden anschließend durch eine aufgebrochene Ausgangstür. Der Jugendclub brannte durch den Brandanschlag komplett ab und mußte für 4,5 Millionen Mark neu aufgebaut werden.

Henryk Wurzel geriet bereits 1991 nach einer lautstarke Auseinandersetzung am S-Bahnhof Schöneweide (Treptow) in eine Polizeikontrolle. Bei dieser Kontrolle fand die Polizei bei ihm unter anderem ein Butterfly-Messer und eine Sturmhaube („Hasskappe“). Da sich Henryk Wurzel mit Hitlergruß und »Sieg Heil« von der Polizei verabschiedet haben soll, folgte ein Verfahren wegen Beleidigung und der Verwendung verfassungswidriger Symbole.

Am Herrentag 1995 fanden sich im »Jugendclub Walter Kroh« in Treptow- Bohnsdorf rund 150 Leute zu einer Neonazi-Geburtstagparty und einem unpolitischen Klassentreffen ein. Im Laufe des Abends wurde dann ein Klubbesucher Opfer von Übergriffen einiger anwesenden Neonazis der „Kameradschaft Treptow“ bzw. aus derem Umfeld. Ihm wurden die Haare angezündet, er wurde mißhandelt und verletzt. Von ihrem Plan, ihn aus dem Fenster zu werfen, ließen die Neonazis glücklicherweise ab. Der Klubbesucher flüchtete sich anschließend zu einer nahegelegenen Gartenparty, von wo sich einige Leute aufmachten, um die Täter zur Rede zu stellen. Als diese am Jugendclub ankamen wurden sie rassistisch beschimpft und ebenfalls angegriffen. Unter den an diesem Abend anwesenden Neonazis befand sich auch Detlef Nolde und weitere "Kameradschaft Treptow"-Aktivisten.

Am 10. Juli 1995 überfielen die „Kameradschaft Treptow“-Aktivisten Tino St. und Michael Sch. zusammen mit acht weiteren Neonazis eine Gruppe linksalternativer Personen in einer S-Bahn am S- Bahnhof Baumschulenweg (Treptow). Einer Person wurde dabei von Tino St. die Nase so brutal eingeschlagen, daß er bis heute nur eine eingeschränkte Nasenatmung hat.

Diese Aufzählung ist bestimmt nicht vollständig. Sie zeigt aber, daß die Morde in Adlershof nicht als eine »unerwartete, plötzliche Eskalation der Neonazigewalt« bezeichnet werden können.

  • 1. Mike Penkert kandidierte 1995 für die Neonazi-Partei "Die Nationalen" in Berlin-Tiergarten.
  • 2. Detlef Cholewa kandidierte 1995 für die Neonazi-Partei "Die Nationalen" in Berlin-Treptow.
  • 3. Detlef Nolde wurde am 13. August 1994 in der Wohnung des Neonazis Arnulf Priem verhaftet, als sie dessen Haus gegen eine antifaschistische Demonstration »verteidigen« wollten.
  • 4. Vgl. AIB Nr. 40: „Prozeß gegen Kay Diesner“
  • 5. Berliner Zeitung: „V-Leute oder Trunkenbolde?“, 19.04.1997
  • 6. Berliner Zeitung: „V-Leute oder Trunkenbolde?“, 19.04.1997
  • 7. Henryk Wurzel kandidierte 1992 für die Neonazi-Partei "Die Nationalen" in Berlin-Pankow.