Rassismus | AIB 98 / 1.2013 | 22.06.2013

Sarazenengeflüster

Über Heimatfrontjournalismus in linken Medien

Abu Uli

Auch dieses Mal hat es zwei Wochen gedauert. Die Wahrheit ist komplizierter. Ich brauche Zeit, um mich von den Bildern, die das Trommelfeuer westlicher Propaganda in meinen Kopf getackert hat, zu lösen. Im Besetzerzelt vor dem Präsidentenpalast sitze ich dem Journalisten Kamal al Sha‘er gegenüber. Er ist seit 48 Stunden im Hungerstreik, hat ein Schild umgehängt, auf dem »Demokratie oder Tod« steht. Er schildert mir den letzten Angriff von Islamisten vor einigen Tagen, bei dem zwei Besetzer ermordet wurden. Wir sitzen im hinteren Teil des Zeltes. Snipers, Anhänger des alten Regimes, erschießen Aktivist_innen von den umliegenden Dächern aus. Hier und am Tahrirplatz.

Durch den Zelteingang haben wir den freien Blick auf die 30 Meter entfernt stehenden Panzer, die den Sitz des ägyptischen Präsidenten bewachen. Kollegen einer liberalen ägyptischen Zeitung sind auch dabei. Von westlichen Journalist_innen keine Spur. Wie immer. Man wertet wohl professionell die Nachrichtenagenturen aus und schaut, was sich verkaufen lässt. Einige Tage später treffe ich eine freiberufliche Journalistin der »Frankfurter Rundschau« in Assuan. Sie arbeitet an einem Artikel über den Beschluss der islamisch radikalen Salafisten, für westliche Tourist_innen in bestimmten abgegrenzten Bereichen, das Tragen von Bikinis zu gestatten. Den Streik von Arbeiter_innen im nubischen Museum hat sie nicht registriert. Auch nicht einen der anderen über 3000 Arbeiterstreiks 2012. Nicht die Gewerkschafter_innen, die Frauenrechtlerinnen, die Al Ahli Ultras, Fußballfans, die seit zwei Jahren organisiert gegen das alte und neue Regime kämpfen und mit den Ultras vom SC Freiburg befreundet sind. Das würde ihr sowieso niemand abkaufen.

Ägypten hat mit seinen 82 Millionen Einwohner_innen eine sozialistische, pro-sowjetische Vergangenheit. Die 22 Millionen Arbeiter_innen wissen, warum sie weiter kämpfen. Auf europäischen Druck wurden seit 1990 in immer neuen Privatisierungswellen für ca. 55 Milliarden ägyptische Pfund Staatseigentum verkauft, deren geschätzter eigentlicher Wert sich nach konservativen Bewertungen aus dem Jahr 1990 auf 500 Milliarden ägyptische Pfund beläuft. Korruption und Vetternwirtschaft im Zusammenspiel von so genannten Investoren: Das Geld ist in den Westen verschwunden. Das würde man der Journalistin aber nicht glauben. Auch wenn sie sich dafür interessieren würde. Und weil der Orient das Land der Märchen aus 1001 Nacht ist, schreiben die gedungenen Öffentlichkeitsarbeiter mit lasziver Hingabe seit dem Beginn der arabischen Revolution eben von jeder obskuren Begebenheit. Das kommt gut an. Und passt in das Weltbild jener, die mit Informationen aus zweiter Hand im Westen ihre Euros verdienen und sich erst gar nicht in das Reich des »Bösen« begeben. So hat jedes Blatt, jeder Fernseh- und Radiosender seinen »Experten«, eine Art neokolonialen Zensor. Seine Berichte sind linientreu und geschult an britischer Kolonialberichterstattung, dazu gewürzt mit einer Prise obskurantem Voyeurismus und einer grün-konservativen ethnoreligiösen Weltsicht, die schon den deutschen Romantikern die lebensnotwendigen Taler eingebracht haben. Und den antideutschen Sozialgenetikern ihre Jubelaufklärer. Es muss einen Schaudern machen: Der Blick auf die »Araber«, auf ihre »Frauen«, auf ihren »Islam« und auf ihren »Fundamentalismus«. Jetzt ist also auch das AIB dran.

Was ich lese, lässt mich erschaudern. Da wird über den Rassismus in, ja wo eigentlich, im »Nahen Osten« geschrieben. Und da gibt es so viele Traditionen aus dem Mittelalter und da werden die »weiblichen Bediensteten von ihren Hausherren (Arabern A.d.V.) zu sexuellen Dienstleistungen genötigt und vergewaltigt …«. Mich schaudert‘ s. Und in Ägypten, da werden »sudanesische und eritreische refugees beleidigt, betatscht, mit Obst, Gemüse oder Steinen beworfen… Sind es Mädchen oder Frauen, werden sie häufig auch als zu ge- oder missbrauchendes Sexualobjekt betrachtet.« Mich schaudert’s erneut und »Scholl Latourt« es gleichzeitig. Haben nicht Scholl-Latour und Konzelmann schon vor Jahrzehnten ihre Fantasien in den Orient projiziert? In der Tradition der deutschen Romantik. Kann es wirklich wahr sein? Warum dieses Interesse an derartigen Themen?

Der alte Typus des_der Heimatfrontjournalist_in hat es bis ins antifaschistische Spektrum geschafft. Wieder aus der Versenkung herausgeholt nach den Anschlägen vom 11. September, ist er_sie ein Produkt der Propaganda eines »Kriegs der Kulturen«. Doch anders als die voyeuristischen Abenteurer_innen der sechziger und siebziger Jahre, ist der »embedded« heute das Abfallprodukt der neuen westlichen Militärstrategie. Der so genannte »Krieg gegen den Terror« braucht nicht nur Soldat_innen und Armeen. Seit dem Überfall auf Afghanistan wurde die gesamte Region von der NATO in Brand gesteckt. Und wenn man weiter fleißig zündeln will, dann muss das Publikum ruhig bleiben.

Die de fakto Atommacht Deutschland hat seit der ägyptischen Revolution 2011 Waffen im Wert von 75 Millionen Euro an die ägyptischen Militärs und Islamist_innen geliefert. Die Waffenhändler brauchen Heilsverkünder, Manichäer, die in der Kommandoabteilung »Informationskrieg« dem entpolitisierten deutschen Publikum den Unterschied zwischen Gut und Böse definieren. Und wer eignet sich besser dazu, als der_die so genannte »Expert_in«, der aufgeklärte Glaubenskrieger, eine Kulturchirurgin, die die Thrombosen des Kapitalismus mit Säge und Skalpell behandelt. Er muss feststellen, dass vor dem europäischen Grenz­zaun Barbaren leben, die vereint  sind durch den Hass auf den de facto NATO-Verbündeten und -Handlanger Israel (komisch nur, dass die Revolution in Ägypten keine antisemitische Propaganda kennt) und deren glaubensgeprägte, patrimoniale Gesellschaft durch jeden Bericht bestätigt wird. Die Kenntnisse der Allwelterklärer_innen erstrecken sich nicht nur geographisch über ein »weites Feld«, ob Libyen, Irak, Syrien, Ägypten, Afghanis­tan, Jemen, Iran und so weiter. Der_Die Islam – oder besser Orientexpert_in ist ein_e Universalgelehrte_r mittelalterlicher Provenienz. Da er _sie an der Universität keinen Platz mehr findet, hat ihn_sie das Propagandagewerbe angeheuert.

Seit 9/11 tummelt er_sie sich auch im linken Spektrum. Doch der_die linke »Expert_in« ist zumeist kaum Schreiber_in, mehr »Abschreiber_in« und Kopist_in. Denn ihm_ihr fehlt nicht nur der Wille, sondern auch das Geld, an der arabischen Revolution teilzunehmen. Da bleibt das Beste, was man von Linken zu hören bekommt »Wir sind enttäuscht von den Arabern und ihrer Revolution«. Erkenntnisreicher Seufzer. Aus Deutsch­land lässt sich seit dem Bauernaufstand kein Erfolg mehr vermelden.

Ergebnis: Die sonst gewohnt kritischen und zuweilen auch selbstkritischen linken Zeitschriften haben sich in Bezug auf die arabische Revolution zu Abwieglern emporgeschwungen. Denn was nicht sein darf, ist nicht existent. Im Westen wird sprachlich und intellektuell die Oberhoheit behauptet. Während man in Ägypten von Revolution spricht, hat der_die Schreibtischanalytiker_in fern jeder Gefahr den fortdauernden Widerstand schon als »Arabellion« abgetan. Warum die Menschen in Tunesien und Ägypten weitermachen, ist ihm_ihr unklar. Und eigentlich interessiert man sich auch nicht dafür. »Araber« halt. So entgeht der_die dienstbeflissene linke Kolonialschreiber_in  der Gefahr, unter Umständen Solidarität mit Revolutionär_innen eingehen zu müssen. Weil doch alle Revo­lu­tio­nä­r_innen Englisch oder zumindest Spanisch oder Russisch sprechen können. In Ägypten spricht man Arabisch und Facebook. Am Abend, nach dem Interview mit Kamal al Sha’er im Zelt vor dem Präsidentenpalast, wird der Journalist entführt. Zehn Tage wird er gefangen gehalten und danach, Allah sei gelobt, ein Wunder, wieder freigelassen. Auf Facebook erzählt er den Hergang seiner Entführung bis ins Detail. Die Entführer haben ihm mit dem Tod gedroht, sollte er darüber reden. Aber auch Hosni Mubarak hat den Menschen 30 Jahre lang das Reden verboten. Im Dienste und zugunsten des Westens. In Ägypten verändert sich die Situation jeden Tag. In Deutschland hat sich nicht viel verändert. Dass dieselben Merkels, die mit Mubaraks Hilfe Ägypten und Tunesien ausgeplündert, und die Region in endlose Kriege geführt haben, dies heute mit Hilfe der Islamisten tun, bleibt sich gleich. Dass jedoch dieselben Scholl-Latours heute in linken Zeitschriften  ihren Unsinn verbreiten dürfen, ist etwas qualitativ Neues.

Anmerkung der Redaktion:
Einige beispielhaft zitierte Passagen dieses Artikels beziehen sich auf einen Artikel im AIB Nr. 97. Der Autor des hier zitierten Artikels schreibt seit Jahren für die jungle world und die Freien Radios auch über den »arabischen Frühling« oder Zeitschriften wie die ZAG zu antimuslimischem Rassismus und ist mit der Problematik vertraut.