Demonstranten in den USA fordern die Unabhängigkeit von Texas. (Bild: flickr.com/JD Lamb/sylvester75117/CC BY 2.0)
International | AIB 40 / 3.1997 | 09.11.1997

The Republic of Texas

Es hätte eine Filmszene aus einem Hollywood-Western sein können: Die Bösewichter werden zwei Wochen lang von den Texas Rangers in ihrem Versteck belagert, und schlußendlich ergibt sich der Banditenanführer. Allerdings erst, nachdem zwei seiner Anhänger in die Berge und Wüstengegenden von Texas entkommen sind. Die Rangers verfolgen die beiden Flüchtigen und töten einen von ihnen bei einem Schußwechsel. Aber der andere entkommt den Hubschraubern, Suchhunden und berittenen Truppen, die ihn verfolgen. Die Ranger geben die Jagd auf und erklären den übriggebliebenen Entflohenen für möglicherweise tot - getötet von Berglöwen, Schlangen oder dem gefährlichen Terrain. Zwei Monate später tauchen allerdings Neuigkeiten über den Flüchtigen auf: Es geht ihm gut, und er lebt jetzt in einem bewaffneten Camp, wo er auf eine neue Gelegenheit wartet, den Kampf mit den Bundesbehörden wieder aufzunehmen.

Sechs Fahnen wehen über Texas

Das ist die Hintergrundgeschichte von Richard Keyes und von »The Republic of Texas«. Allerdings handelt es sich hier nicht um einen Hollywoodfilm.

Im Juli wurde ein Haftbefehl gegen Keyes verhängt, aber das FBI hat keine Ahnung, wo er sich aufhält. Trotz des grandiosen Namens »Republic of Texas« handelt es sich hierbei um eine lose zusammenhängende Organisation, die 1995 gegründet wurde - angeblich, um für die Idee eines souveränen texanische Staats zu werben, der völlig unabhängig von der Bundesregierung in Washington D.C. sein soll. Die »Republic of Texas« hat nur ein paar hundert Anhänger und hat in vieler Hinsicht Ähnlichkeit mit den »Freemen«, die erklärt hatten, daß ihr bewaffnetes Lager im Bundesstaat Montana außerhalb der Autorität von Bundesund Bundesstaatsbehörden stehen würde.

Die Mitglieder der »Republic of Texas« argumentieren, daß Texas seit dem Ende des Bürgerkriegs Opfer einer nicht verfassungsmäßigen militärischen Besatzung sei. Sie behaupten, daß Texas in Wirklichkeit ein souveräner Staat geblieben sei. Allerdings haben bisher schon sechs Flaggen verschiedener Staaten über Texas geweht. Spanische Kolonisatoren kontrollierten 100 Jahre lang das Gebiet, und für einen kurzen Zeitraum etablierten auch die Franzosen hier einen Brückenkopf. Als Mexiko 1821 seine Unabhängigkeit von Spanien gewann, wurde Texas ein Bundesstaat von Mexiko. Aber weiße Siedler aus Tennessee und anderen Südstaaten strömten in die Region - viele von ihnen mit Sklaven -, weil sie auf der Suche nach unbestelltem Land für den Anbau von Baumwolle waren. Die Siedler revoltierten bald gegen die mexikanische Herrschaft und gewannen 1836 ihre Unabhängigkeit, woraufhin sie die »Republic of Texas« gründeten. 1845 annektierten die Vereinigten Staaten dann Texas und führten einen Krieg gegen Mexiko, um Mexiko neue Grenzen aufzuzwingen. Sechzehn Jahre später schloß sich Texas der Süd-Staaten-Konföderation an. Nach dem Bürgerkrieg schloß sich Texas, gemeinsam mit anderen Südstaaten, wieder den Vereinigten Staaten an. 

Die heutige »Republic of Texas« hat nicht erklärt, daß sie vorhaben, wieder zur Sklaverei zurückzukehren. Aber wie viele andere Christian Patriots vermischen sie eine Verfassungsidee auf der Grundlage eines »Rassensystems« mit antisemitischen Verschwörungstheorien und ultra-rechtem Nationalismus zu einer heftigen Mischung. Ihre »Unabhängigkeitsbewegung« hat auch einen Touch von Verrücktheit und einen ausgeprägten Hang zum gewöhnlichen Diebstahl. Kurz nach ihrer Gründung wählten sich Mitglieder der »Republic of Texas« in »Regierungsämter«, wie beispielsweise zum Präsidenten, Verteidigungsminister, Botschafter und Richter am Obersten Gerichtshof.

Alles wurde auf ihrer Webseite bekanntgegeben, und im Juli 1996 schickten sie den Vereinten Nationen die Information über ihren Status als souveräner Staat. Die »Republic of Texas« hielt zwei »Volksgerichtshof-Sitzungen ab (sog. »common law courts«, die angeblich auf christlichen und angelsächsischen juristischen Traditionen beruhen, aber ohne irgendwelche reale Autorität sind), bei denen »Anklagen« gegen Richter, Bundesstaatsbeamte und lokale Amtsträger erhoben wurden. Sie haben außerdem kistenweise Dokumente bei Amtsgerichten eingereicht (die sie als »Pfandanrechtsscheine« oder »Zurückbehaltungsgutscheine« bezeichnen), womit sie ihre angeblichen Besitzrechte auf das Land und den Besitz von anderen Leuten behaupten wollen.

Einige dieser Pfandanrechtsscheine richteten sich gegen Regierungsvertreter, gegen die politisch vorgegangen werden soll; aber andere Pfandanrechtsscheine wurden als freche Versuche eingereicht, um das Land oder den Besitz von Nachbarn zu stehlen. Alle Pfandanrechtsanträge waren illegal, und der Generalstaatsanwalt von Texas eröffnete im Juni 1996 einen Zivilrechtsprozeß gegen die »Republic of Texas«, um das als »Papierterrorismus« bezeichneten Vorgehen zu stoppen. Die »Republic of Texas« druckte auch Millionen von gefälschten Zahlungsanweisungen/Wechseln von kommerziellen Banken, die sie wie Geld benutzten. Die Banken konnten die meisten Fälschungen sicherstellen, aber ein Druckereibesitzer akzeptierte einen gefälschten Scheck in Höhe von $4.500 für einen Druckauftrag, um 5.000 falsche »Pässe« der Organisation herzustellen.

Im Dezember 1996 wurden Hartbefehle gegen Richard "Rick" McLaren, den »Botschafter der Republic of Texas«, wegen der Geldfäschungs- und Volksgerichtshofsangelegenheiten erlassen. McLaren ist noch nicht einmal ein »echter« Texaner, sondern ist vom Bundesstaat Mississippi nach Texas gezogen.

Kurz danach spaltete sich die »Republic of Texas« in drei Fraktionen: Die eine Fraktion entmachtete McLaren im März und enthob ihn seines Postens. Aber ein Dutzend seiner engsten Anhänger versammelte sich in McLarens Haus in den Davis Mountains im Südwesten von Texas und erklärten der Polizei, daß sie bewaffnet seien und sich nicht lebend ergeben würden. McLaren forderte Einheiten der Bürgermilizen dazu auf, nach Texas zu kommen, um seine Verhaftung durch die Strafverfolgungsbehörden zu verhindern. Unter den wenigen Bürgermilizanhängern, die dem Aufruf Folge leisteten, waren Richard Keyes aus St. Mary im Bundesstaat Kansas und Mike Matson aus Kalifornien. Eine weitere Einheit von sieben bewaffneten Männern wurde von der Polizei gestoppt, bevor sie zu McLaren gelangen konnten.

Eine Fraktion der »Republic of Texas«, die sich zunächst gegen McLaren gestellt hatte, entschied dann, das Vorgehen der Regierungsbeamten und Polizeibeamten zu überwachen und auszuspionieren: »Infiltriert ab jetzt die Büros der Bundesregierung mit Spionen,« lautete die Anweisung auf ihrer Website an die Anhänger. »Ihr müßt jetzt ihre Namen bekommen... Fangt an, das Vorgehen der US-Staatsanwälte zu verfolgen .... Fotografiert alle und verlangt, ihre Ausweise zu sehen.« Es gab auch die Anweisung, besonders nach Personen Ausschau zu halten, die Hebräisch oder Englisch mit britischem Akzent sprechen.

Die Behörden ließen McLaren in seinem Haus sitzen, das sich mittlerweile in ein festungsähnliches bewaffnetes Bergcamp verwandelt hatte, und machten gar nichts bis zu dem Zeitpunkt, als zwei Mitglieder der »Republic of Texas« das Gelände verließen. Die beiden wurden sofort verhaftet. Als Vergeltungsaktion schickte McLaren ein kleines bewaffnetes Team mit automatischen Gewehren aus, um ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft als Geiseln zu kidnappen. Eine Geisel wurde dabei verwundet. Das führte dann zu einer bewaffneten zweiwöchigen Blockade. Schlußendlich ergaben sich McLaren und die Mehrheit seiner Anhänger am 3. Mai. Nur Matson und Keyes verschwanden lieber in die Berge, als sich den staatlichen Behörden zu ergeben. Matson, ein Mann in den mittleren Jahren, hatte sich McLarens Bande erst drei Monate vorher angeschlossen. Gegen ihn lagen keine Strafverfahren vor. Aber der Bundesstaat Kalifornien suchte ihn, weil er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hatte, indem er Kalifornien verließ. Matson wollte dafür nicht ins Gefängnis gehen.

Am 5. Mai starb er in den Bergen in einem Schußwechsel. Die Behörden waren sich sicher, daß Matsons Mitflüchtling Richard Keyes in den Bergen an Unterkühlung gestorben war. Aber jetzt gehen sie davon aus, daß der 21 jährige überlebt hat. Eine Botschaft, die offenbar von Keyes geschickt wurde, lautet, daß er von Milizmitgliedern aus New Mexico gerettet wurde, durch ein Netzwerk von Safehouses geschleust und außer Landes gebracht wurde. Auch wenn Keyes in seiner Heimatstadt nicht als Survivalist oder Bürgermilizmitglied bekannt war, kommt der Tatsache, daß er an der Saint Mary's Academy and College  - die den Landkreis Pottawatomie politisch dominiert - seinen Abschluß gemacht hat, eine besondere Bedeutung zu. Der Landkreis Pottawatomie verfügt über eine Fläche von 828 Quadratmeilen bei einer Bevölkerungszahl von nur 15.000 Menschen, von denen 99% Weiße sind. Die St. Mary's Academy wird von der Society of Saint Pius X (Priesterbruderschaft St. Pius X), in Deutschland als Piusbruderschaft bekannt, geleitet, einer ultra-rechten katholischen Sekte, die zur Gefolgschaft des französischen Bischofs Marcel Lefebvre gehört.

Der Pottawatomie-Landkreis ist eine Hochburg der Bürgermilizen, und der örtliche Sheriff zählt über einhundert Einwohner zu den sog. Christian Patriots. Im Vergleich zur Bevölkerungsgesamtzahl ist das eine hohe Quote. Bis jetzt ist es unklar, ob Keyes von Bürgermilizgruppen aus Kansas unterstützt wurde.

Aber ein anderes Bürgermilizmitglied aus Kansas, Bradley Glover, wurde am 4. Juli verhaftet. Die Anklage gegen ihn lautet auf Verschwörung zu einem Angriff auf Fort Hood, einer Einrichtung der US-Armee in Texas. Der 57jährige Glover hat sich früher einmal als Brigadegeneral der 7ten Division der US Constitutional Militia bezeichnet. Bei seiner Verhaftung wurden Sprengstoff, Rohrbomben, ein Schalldämpfer, fünf Pistolen, zwei Gewehre und 16.000 Schuß Munition gefunden. Neben Glover wurden sechs weitere Personen der Verschwörung angeklagt.

Der Artikel stammt vom USA-Korrespondenten des internationalen Antifa-Magazins Searchlight (Übersetzung: AIB).