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Neonazizentrum im Aufbau

Einleitung

Mit der Region Köthen/Anhalt, gelegen im geographischen Dreieck zwischen Halle/Saale, Magdeburg und Dessau, hat sich ein weiterer Knotenpunkt neonazistischer Aktivitäten in Sachsen-Anhalt etabliert.

Foto: Infothek Dessau

Steffen B. im Jahr 2008 bei einem NPD-Sommerfest in Sangerhausen.

Seit fast zwei Jahren sind in der Region Anhalt vermehrte neonazistische Aktivitäten ausgehend von der Köthener Kameradschaft zu verzeichnen. Im September 1999 war die Kameradschaft maßgeblich an der Organisation des »Ian Stuart Memorial Concerts« (Gedenkkonzert für den »Skrewdriver«-Sänger Ian Stuart Donaldson) in Garitz bei Zerbst/Sachsen-Anhalt beteiligt. Daran nahmen bis zu 2.000 Neonazis aus verschiedenen europäischen Ländern teil.

Einen Schwerpunkt der Aktivitäten der Kameradschaft bildet die Beteiligung an regionalen und überregionalen Aktionen der Szene und deren informellen Vernetzung. Dazu gehört die Teilnahme an Demonstrationen ebenso wie die Anwesenheit bei einer NPD Schulungsveranstaltung Anfang August in Magdeburg. Auch bei Kameradschaftsführertreffen sind die Vertreter der Köthener Szene präsent. Mitte Mai diesen Jahres demonstrierten in Köthen ca. 250 Neonazis »gegen organisierte Kriminalität und Drogen«. Angemeldet hatte den Aufmarsch eine »Bürgerinitiative gegen Drogen«, hinter der sich die örtliche „Freie Kameradschaft“ verbirgt. Nach Meinung des Oberbürgermeisters, der die Anmeldung verschwieg, sollte die Demonstration der Neonazis nicht »breitgetreten« werden, da sonst »die andere Front von links aufmarschiert«.

Erst vor kurzem war bekannt geworden, dass die beiden Köthener Neonazis Steffen B. und Sebastian D. seit Ende 1999 Räumlichkeiten im ehemaligen Finanzamt für ein Jahr von der dort ansässigen LIPSIA GmbH angemietet haben. Die ca. 100 m² großen Räume sind mit einer guten technischen Infrastruktur ausgestattet. Zudem gibt es einen Bandproberaum und Platz für Partys und kleinere Konzerte. Im Januar diesen Jahres hat die Polizei ein Konzert aufgelöst. Frequentiert wird das Objekt ob seiner günstigen geographischen Lage von Neonazis aus Bernburg, Magdeburg, Halle, Dessau. Ein weiterer entscheidender Vorteil dieses Anwesens, ist die Tatsache, dass sich die Aktivitäten der Neonazis öffentlicher und sozialpädagogischer Kontrolle entziehen.

Die Immobilienfirma LIPSIA GmbH hat Vorwürfe, hier den Neonazis eine Operationsbasis zu bieten, zurückgewiesen. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, so die LIPSIA, wolle man den Mietern kündigen. Doch nach Informationen von AntifaschistInnen soll der Staatsschutz der Firma die Vermietung an die Neonazis nahe gelegt haben. Begründet wurde dies mit dem Argument, dort wäre die rechte Szene wenigstens konzentriert und könne besser beobachtet werden. Ob sich in Köthen dauerhaft ein Schwerpunkt rechter Aktivitäten entwickelt, hängt auch vom Bestand dieses Objektes ab. Gelingt es den Neonazis das Zentrum zu halten, könnte es schnell überregionale Bedeutung erhalten.

Die drohende Hegemonie der Rechten in der Stadt zu brechen, dürfte ein sehr weiter Weg sein, da dort keine nennenswerte Gegenkultur existiert und dem Problem rechter Gewalt von staatlicher Seite mit Ignoranz begegnet wird. Als Anfang August Schwarzafrikaner aus dem kommunalen Asylbewerberheim nach einem bislang nicht aufgeklärten Überfall auf einen Mann aus Sierra Leone auf die Straße gingen, stießen sie bei Bürgern und Polizei auf Ablehnung. Von Beschimpfungen bis zu versuchten tätlichen Angriffen auf die Schwarzafrikaner reichten die Reaktionen der Bürger. Indes ließ die Polizei wissen, es handle sich bei dem Überfall mit Sicherheit nicht um eine fremdenfeindliche Straftat, sondern um ein Eigentumsdelikt, da das Opfer seinerPapiere, seines Handys und seines Geldes beraubt wurde. Zuvor hatten Asylbewerber wiederholt von versuchten Übergriffen und verbalen Attacken von rechten Jugendlichen berichtet.