Rezensionen | AIB 80 / 3.2008 | 15.09.2008

Lebensunwert?

Freundeskreis Paul Wulf

Die Vernichtungspolitik des NS-Rassenprogramms traf nicht nur als Andere definierte wie Juden, Roma und Sinti oder Slawen. Auch »Blutsdeutsche«, die nicht dem gesunden Ideal von Ärzten, Sozialhygienikern und Psychiatern entsprachen, hatten als Opfer unglaubliches Leid zu ertragen. Es reichte vom Weggesperrtsein unter entwürdigenden Lebensumständen über Zwangssterilisation auch im Kindesalter bis zur systematischen Vernichtung unter Aufsicht von Wissenschaft und Kirche.

Der »Freundeskreis Paul Wulf« stellt mit seinem Sammelband »Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune - NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand« zwei Opfer deutscher Mediziner und Bevölkerungsplaner vor. Das von Paul Wulf und Paul Brune Erlebte ist aber nicht nur die Geschichte von himmelschreiender Ungerechtigkeit – vor und nach 1945 –, sondern auch die von zwei Menschen, welche das ihnen angetane Unrecht nicht haben auf sich sitzen lassen. Die beiden verschwanden nicht hinter einer Mauer des Schweigens, wie so viele ihrer Leidensgenossen.

Wulf und Brune engagierten sich bis zuletzt für ihre Anerkennung als Opfer der Nationalsozialisten und gegen die willigen Vollstrecker in weißen Kitteln und Bürokratie in dieser Tötungsmaschinerie. Bei ihrem Kampf in der Bundesrepublik Deutschland um gesellschaftliche Ächtung der Verbrechen der Euthanasie oder zumindest eine kleine Opferrente für sich trafen sie auf dieselben (Schreibtisch-)Täter wieder. Sie waren immer noch Mediziner und Verwalter menschlicher Schicksale mittels der von ihnen gefertigten Diagnosen und Urteile. Der Makel an einem Vernichtungsprogramm beteiligt gewesen zu sein, haftete diesen Männern nicht an.

Kein Bestandteil des rassistischen Vernichtungsprogramms der Nazis fand so eine geringe Zäsur wie die Euthanasie- und Psychiatrisierungsvorstellungen gegen »Degenerierte« und »Schwachsinnige«, die in den NS-Erbgesundheitsgesetzen umgesetzt wurden. Auch nach dem 8. Mai 1945 starben die als »Erbkranke« oder »Psychopathen« klassifizierten und Verwahrten weiter in den Heimen, Anstalten und Krankenhäusern. Sie starben weiterhin an Medikamenten, Hunger und der Gewalt und Quälerei der Schwestern und des Aufsichtspersonals, die ihre Schutzbefohlenen eigentlich beschützen und heilen sollten. Der Umgang von Gesellschaft, Staat und Kirche mit den Schwächsten änderte sich erst allmählich im Zuge dessen, wofür heute »68« als Chiffre steht.

Für den als »Geisteskranken« selektierten Paul Brune machte es wenig Unterschied im Leid, ob er als »lebensunwert« in der Ideologie des Nationalsozialismus galt, oder ob er in den mittelalterlichen Vorstellungen eines Teiles der katholischen Kirche als vom Teufel besessener galt, dem der Beelzebub ausgeprügelt werden müsse.

Paul Brune holt nach seiner Höllenkindheit in verschiedenen Anstalten das Abitur nach und studiert Germanistik und Philosophie. Als »unverbesserlicher Querulant, der die Behörden belästigt« kämpft er gegen das Unrecht, welches ihm und Hunderttausenden im Rahmen der NS-Medizin angetan wurde. Gerade das Aufziehen dieses unterbelichteten Themas an dem Schicksal der beiden Pauls macht das Buch so lesenswert. Paul Brune und Paul Wulf waren nicht immer nur Opfer der perversen Medizin im NS und deren Kontinuitäten, sie waren auch »Querulanten«, »Rote«, politisch Aktive und vor allem immer Antifaschisten.

Freundeskreis Paul Wulf
»Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune –
NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand«

Verlag Graswurzelrevolution
Nettersheim