International | AIB 103 / 2.2014 | 15.09.2014

Antifa in den Niederlanden

Was wir heute in den Niederlanden als Antifaschistische Aktion (AFA) kennen, entstand im September 1992 im Rahmen antifaschistischer Proteste gegen ein Neonazi-Konzert in der Stadt Hoek van Holland. Aus dem Kreis der an den Gegenaktivitäten beteiligten Gruppen und Einzel­personen wurde ein Papier veröffentlicht, das als Basis für eine neue und intensive Kooperation diente. Dem vorausgegangen waren Frust und Enttäuschung über die Zersplitterung der radikalen Linken und das Scheitern überregionaler Vernetzungsversuche.  

Jeroen Bosch, Editor ALERT!

Die AFA lud bewusst nur linksradikale und unabhängige Gruppen ein und setzte sich zum Ziel, einige Probleme der linken Szene anzugehen, z.B. das Abarbeiten an Events der extremen Rechten oder das Kokettieren mit Konspiration und Gewalt. Beides verhinderte ihrer Meinung nach eine effektive und nachhaltige Bündnisarbeit z.B. mit   Migrant_innenorganisationen, politischen Parteien oder progressiven, kirchlichen Krei­sen.

Hauptziel war es, die in lokalen Kämpfen gewonnene Erfahrung für eine landesweite Organisierung nutzbar zu machen. Diese Aufgabe und die nötige Vernetzung sollte eine zentrale Gruppe übernehmen, die über die notwendige Integrationskraft verfügte. Die Kontakte zu Gruppen außerhalb der Bewegung sollten wiederbelebt und auf eine kontinuierliche Grundlage gestellt werden. Die neue Bewegung sollte selbst offensiv politisch handeln und sich ihre Agenda nicht nur von Neonazis diktieren lassen. Es sollten der Schulterschluss mit radikalen AntirassistInnen gesucht und Kampagnen sowohl gegen rassistisches Regierungshandeln als auch gegen extrem rechte Wahlkämpfe organisiert werden. Die Kerngruppe war dazu da, die nötigen Diskussionen anzustoßen und aufrechtzu-halten. Mit einer Mischung aus Pragmatismus und Ideologie legten die AFA und 25 weitere Gruppen aus dem ganzen Land los.

Wissen über Aktivitäten, Ideologie und Pläne der verschiedenen extrem rechten Gruppen waren Grundvoraussetzung der Arbeit. Dafür wurde eine Kooperation mit den beiden Recherchekollektiven Kafka und FOK aufgebaut. Diese lieferten die nötigen Informationen für die beteiligten Gruppen, die nach dem Motto „gewaltfrei, aber bereit zur Selbstverteidigung“ handelten. Manche Gruppen waren so anonym, dass sie nur über Postfächer kommunizierten, andere hatten ein Büro, das für Interessierte immer offen stand.

Neben dieser kontinuierlichen Arbeit, die vor allem die Infrastruktur der Kraakerbewegung (Hausbesetzerbewegung) nutzte, gab es auch intern organisierte Aktionen: 1994 plante die extrem rechte Centrum Partei '86 einen großen Kongress. Es gab eine Kampagne zur internen Mobilisierung der AFA-AktivistInnen, die darin mündete, dass 300 Leute am frühen Morgen in einem langen Konvoi mit unbestimmtem Ziel aufbrachen. Nach stundenlangem Umherfahren wurde der Treffpunkt bekannt und die Antifas veranstalteten eine Demo zum Restaurant, in dem sich die Rechten trafen. Der Besitzer geriet unter Druck, MedienvertreterInnen trudelten ein, die Polizei kam und die Rechten wurden schließlich in Bussen davongekarrt.

1995 hingegen scheiterte die gleiche Strategie, da sich die extreme Rechte zunehmend konspirativer organisierte. Ein weiteres Problem kam auf: Die zu neuem Selbstbewusstsein gelangten Neonazis fingen an, quer übers Land verteilt unangekündigte Demos zu organisieren, die so schnell vorüber waren wie sie begonnen hatten, so dass Antifas und Polizei jedes Mal zu spät kamen.

Diese Entwicklung gipfelte schließlich darin, dass an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden im Februar sowie März 1995 jeweils 150 bewaffnete Antifas in Rotterdam festgenommen wurden, die versucht hatten Neonazis anzugreifen. In der Presse machten Bilder von Helmbergen und Knüppeln die Runde und die Behörden waren alarmiert — auch weil für das nächste Wochenende in Utrecht eine weitere Demo der Neonazis erwartet wurde. Antifas aus Utrecht riefen daraufhin zu einer gewaltlosen und nicht vom autonomen Erscheinungsbild geprägten Aktion am Anne-Frank-Denkmal auf. Hunderte Menschen kamen, doch viele wurden aufgrund ihres Aussehens festgenommen und in einem Fußballstadion festgehalten: ein roter Schal, ein Palituch, Stiefel oder ein Button reichten aus. Als bekannt wurde, dass die Massenverhaftung auf der Grundlage eines Gesetzes erfolgte, das in der Vorkriegszeit erlassen worden war um die holländische Nationalsozialistische Bewegung (NSB) am Marschieren zu hindern, war der Skandal komplett. Die Polizei sah sich zu einer Entschuldigung genötigt und die öffentliche Meinung war auf Seiten der AntifaschistInnen. Eine monatelange Debatte in allen Zeitungen über den Umgang mit neonazistischen Demonstrationen war die Folge.

Eine neue Phase im antifaschistischen Kampf begann 1996, als drei Bürgermeister rassistische Demonstrationen in ihren Städten erlaubten. In einem Rotterdamer Außenbezirk blieb die Außenwirkung gering, in Zwolle hingegen wurde es den extrem rechten Parteien Centrum Demokraten (CD) und CP ‘86 erlaubt in der Innenstadt zu marschieren. Diese Demonstration gilt als erste legale rassistische Demonstration in den Niederlanden. Die AFA organisierte eine Gegendemonstration mit 1000 TeilnehmerInnen. Im März durften CD und CP '86 eine Gedenkkundgebung in Leerdam abhalten. Hier hatten 1986 AntifaschistInnen ein Hotel angegriffen, in dem sich Neonazis trafen. Es gab einen Brand und mehrere Verletzte. Wieder gab es eine hitzige Mediendebatte und die Demo wurde schließlich verboten. Für die AFA zeigte sich, dass oft schon die Ankündigung von Gegenprotesten ausreichte, damit die Behörden extrem rechte Aufmärsche verboten.

Zu dieser Zeit gab es einen Anstieg von Rassismus unter Jugendlichen, besonders bei der sogenannten „Lonsdale-Jugend“, zu verzeichnen. Angezogen vom Skinhead-Style und nationalistischen Symbolen feierte eine neue, rassistische Jugendsubkultur in verschiedenen Teilen der Niederlande Konjunktur. Die AFA reagierte mit einer Zeitung namens Lonsdalenews und einer gleichnamigen Webseite inklusive Forum,  auf der Jugendliche diskutieren und sich informieren konnten. Dies war ein großer Erfolg und viele LehrerInnen, SozialarbeiterInnen u.a. bestellten und verteilten die Zeitung. So konnten breitere Kreise angesprochen und neue Kontakte geknüpft werden.

Die älteste Neonazi-Partei des Landes, die Niederländische Volksunion (NVU), brach 2001 erfolgreich das Demonstrationsverbot, als ihr gerichtlich erlaubt wurde in Kerkrade zu marschieren. Die AFA mobilisierte und konnte alle Parteien des Stadtrats zur Unterstützung bewegen, so dass 3000 Antifas die Neonazidemo nach einer Viertelstunde zum Abbruch zwangen. Das Demonstrationsverbot für die extreme Rechte war nun aber Geschichte: In den Folgejahren demonstrierten Neonazis, teilweise 20mal pro Jahr, vor allem in kleineren Städten. Die AFA brauchte eine neue Strategie, da ihre Demonstrationen nun oft verboten, an den Stadtrand verdrängt oder per Massengewahrsam aufgelöst wurden. Nur 2003 in Appeldoorn gelang es nochmals, die NVU erfolgreich zu blockieren.

2009 wurde das Konzept „LaatZeNietLopen“ („Lasst sie nicht laufen“) gestartet. Sobald man von einer geplanten Neonazidemo Kenntnis erlangte, veröffentlichte LZNL täglich Pressemitteilungen über die Auswirkungen der NVU-Politik auf die jeweilige Stadt (oft auch des jeweiligen Fußballvereins), und klärte die Menschen auf der Straße mit tausenden Flyern und Informationsveranstaltungen auf. Lokale Kontakte wurden geknüpft und den Leuten klargemacht, dass sie selbst aktiv werden müssen, wenn sie Neonazis stoppen wollen. LZNL versorgte sie dafür mit Material und stellte am Tag der Neonazidemo die Infrastruktur und den Informationsfluss sicher. Und es funktionierte: Ohne Gegendemo kein Verbot, und Hunderte Menschen aus allen möglichen Spektren beteiligten sich, um die Neonazis zu blockieren – eine Art organisiertes Chaos. Die Neonazis kamen zwar dennoch, aber ihre Demonstrationen riefen jedesmal erheblichen Widerstand und Protest hervor, mussten verkürzt, umgeleitet oder gestoppt werden und es war viel Polizei nötig, um sie abzusichern. Die Botschaft „Ihr und Eure Ideen seid hier nicht willkommen“ wurde sehr erfolgreich vermittelt und die NVU verlor in den folgenden Jahren an Stärke. Andere Neonazigruppen zogen sich von den gemeinsamen Aktivitäten zurück, da ihnen die Spießrutenläufe zu unsicher wurden. Mittlerweile veranstaltet die NVU nur noch alle zwei Jahre Demos, an denen nur Parteimitglieder teilnehmen — 20 Leute, die für eine halbe Stunde rumstehen, Fahnen schwenken und sich ein paar Reden anhören. Die AFA kam zur Überzeugung, dass keine Notwendigkeit mehr für die Fortführung der Kampagne LZNL bestand.

Aktuell widmen sich lokale antifaschistische Gruppen vor allem dem Kampf gegen die rechtspopulistische „Partei für die Freiheit“ und die staatliche Flüchtlingspolitik. Es zeigt sich, dass die Inspiration und Erfahrung, Ideen und die antifaschistische Geschichte nicht verloren gehen. •

Weitere Infos unter www.afanederland.org