Braunzone | AIB 113 / 4.2016 | 12.02.2017

Zur NS-nahen Rhetorik des AfD-Politikers Björn Höcke

Zur Beantwortung der Frage, ob Björn Höcke eine Art faschistischer Ideologie verbreite oder ob Björn Höcke gar ein Neonazi sei, sollte auch das einschlägige Vokabular Höckes herangezogen werden, welches er in seiner (völkischen) Propaganda bzw. für diese benutzt.

Andreas Kemper

Tat-Elite

Mehrfach benutzte Höcke die Bezeichnung „Tat-Elite“. Unter anderem fiel diese Selbstkennzeichnung „seiner“ Bewegung in der berüchtigten Rede am „Institut für Staatspolitik“ (IfS), als er die rassenbiologischen Thesen vom „afrikanischen Ausbreitungstypen“ darlegte. Die „Tat-Elite“ solle die „Pseudo-Eliten“ um Angela Merkel ersetzen. „Tat-Elite“ war die Selbstbezeichnung der SS, vor allem im Bereich des Sports. Sollte das dem Geschichts- und Sportlehrer Höcke entgangen sein?

Wendezeit um Sein oder Nichtsein

In einer Grußbotschaft an die Vorsitzende Marie Le Pen vom Front National (FN) beschwor Björn Höcke den Zusammenhalt der nationalen Kräfte in der „historische[n] Wendezeit um Sein oder Nicht-Sein“. Diese Formu­lierung „Sein oder Nichtsein“ benutzte Hitler mehrfach, bspw. 1934 in einer Nürnberger Rede, in der er die Gebärfähigkeit deutscher Frauen beschwor. Diese Phrase wurde zudem zentral von Joseph Goebbels zur Begründung des „Totalen Krieges“ verwendet.

Volk steht auf, der Sturm bricht los!

Goebbels beendete seine Sportpalast-Rede, in der er die Frage nach dem „Totalen Krieg“ stellte und ihm die rechten Arme mit einem einstimmig gebrülltem „Jaaa!“ entgegengereckt wurden, mit dem Satz: „Nun Volk steh auf und Sturm brich los!“. Die Internetplattform „Der Flügel“, für die Björn Höcke im Impressum steht, veröffentlichte am 23.09.2016 das Theodor Körner zugeschriebene Zitat: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!“ Weiter heißt es: „Noch sitzt ihr da, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott.“ Erhard Jöst weist allerdings darauf hin, dass diese Sätze keinesfalls von Körner seien, sondern Körner untergeschoben würden. Es scheint Höcke also keinesfalls um die „Ehrung Körners“ zu gehen, sondern um die Propagierung der Parole „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ — als Geschichtslehrer müsste er die Sportpalast-Rede Goebbels’ kennen.

Bewegungspartei

Adolf Hitler nannte die NSDAP die „Partei der Bewegung“. In ähnlicher Weise bezeichnet Höcke die AfD als „fundamentaloppositionelle Bewegungspartei“.

Entartung“, „Degeneration“, „Dekadenz“, „Verfall

Diese Begriffe gehören zusammen und verweisen auf eine organizistische Palingenetik, also auf eine Weltanschauung nach der ein Volk etwas Organisches sei, seiner organischen Bestimmung bzw. Mission allerdings aufgrund von „Degenerationen“ nicht nachkommen könne. Das Volk müsse daher von „Entartungen“ und „Dekadenz“ befreit werden, es drohe sonst der komplette „Verfall“.

Organische Marktwirtschaft

Organische Marktwirtschaft“ ist ein Kunstbegriff von Björn Höcke oder von einem Neonazi, der unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ schrieb. Die Indizienkette für eine Identität von Björn Höcke und „Landolf Ladig“ ist jedoch derart dicht, dass eine alternative Erklärung für eine Reihe von Über-Zufälligkeiten kaum plausibel ist. Der Umbau der NS-Wirtschaft wurde mit dem „Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaus der deutschen Wirtschaft“ durchgeführt, Grundlage waren mehrere Bücher, die das Begriffspaar „organische Wirtschaft“ im Titel trugen. Als wesentlich für den Aufbau einer „organischen Wirtschaft“ galt die „Zerschlagung der Zinsknechtschaft“. Auch hier zeigt sich eine Parallele, so fordert Höcke, dass die „degenerierte Volkswirtschaft“ sich von „zinsbasiertem Globalkapitalismus“ befreien müsse.

Anlagen des Volkes (Entelechie) erwecken

Die „Anlagen des Volkes zu erwecken“, war die erzieherische Leitlinie des NS-Pädagogen Ernst Krieck. Diese „Anlagen“ bezeichnete Krieck in einem Rückgriff auf Aristoteles auch schon mal gerne als „Entelechie“, ein Begriff, auf den auch Höcke mehrfach zurückgriff. Höcke setzt auf „organisches Werden (Entelechie)“. Krieck: „Jedes Volk, jede organische Gemeinschaft besitzt geistige Urwesenheit (Entelechie).

Dass Deutschland erwacht

Deutschland erwache“ war die zentrale Parole der SA in der Weimarer Republik. Dies hindert Höcke nicht daran, ebenfalls davon zu träumen, dass „Deutschland erwacht“. „Deutschland erwache!“ drückt die Kernmerkmale einer faschistischen Geisteshaltung idealtypisch aus: Deutschland ist als ein organisches Wesen gedacht, welches durch ein Erweckungserlebnis vom Dämmerzustand des langsamen Verfalls befreit werden müsse. Höcke bezieht sich in diesem Kontext auch direkt auf den Nationalsozialismus: Deutschland sei seit 1945 „neurotisiert“.

Tausendjährige Zukunft“ Deutschlands

Das „Tausendjährige Reich“ verbinden nicht nur Geschichtslehrer wie Björn Höcke sofort mit dem Nationalsozialismus, es ist quasi ein Synonym, welches durchaus auch im Alltagswissen bekannt ist. Björn Höcke sprach mehrfach von einer „tausendjährigen Geschichte“ Deutschlands. In einer Rede während einer Demonstration in Magdeburg legte Höcke noch einmal nach und sprach direkt davon, dass er auch auf eine „tausendjährige Zukunft“ Deutschlands hoffe. Ihm dürfte bewusst gewesen sein, dass viele sofort die Assoziation zum „Tausendjährigen Reich“ herstellten. Es ist also davon auszugehen, dass Höcke diese Assoziation bewusst herstellte. Er forderte wenige Monate später explizit, den Mythos des Deutschen Reiches zu bedienen.
Eine öffentliche Entschuldigung oder Erklärung wurde im Nachhinein nicht bekannt. Er sprach in folgenden Reden spöttisch von „mehreren hundert Jahren“ — die Zahl Tausend "dürfe man ja nicht mehr sagen“. Für Björn Höcke sei die „Zeit der Rechtfertigung vorbei“, wie er sich wenig später ausdrückte. Tatsächlich hat Höcke nie auch nur einen öffentlichen Rechtfertigungsversuch für seinen Sprachgebrauch unternommen.

Mythos des deutschen Reiches

Passend zur Hoffnung auf eine „tausendjährige Zukunft“ Deutschlands ist auch Höckes Forderung während eines Treffens seiner Organisation „Der Flügel“: Der Sage nach, so Höcke, warte in der Höhle des Kyffhäuserdenkmals der Kaiser Friedrich II., um „mit seinen Getreuen […] des Reiches Herrlichkeit wieder herzustellen“. Friedrich II. entwerfe eine Universalreichsidee, die für die Zukunft wichtig werde. Höcke: „Wir müssen uns dabei natürlich die gemeinschaftsbildende Kraft des Mythos wieder neu erschließen, indem wir uns dieser gemeinschaftsbildenden Kraft der Wirkung des Mythos vollumfänglich öffnen.“

Volksverderber

Während einer Erfurter Demonstration im März 2016 sagte Björn Höcke: „Sigmar Gabriel, dieser Volksverderber, anders kann ich ihn nicht nennen.“ Adolf Hitler schrieb in „Mein Kampf“: „Hätte man zu Kriegsbeginn (1914) und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet.

(Gesundes) Volksempfinden

Höcke spricht von einem „Volksempfinden, das im gesunden Menschenverstand gründe“. Das „gesunde Volksempfinden“ ersetzte im NS die Rechtssicherheit durch verbindliche Gesetzestexte. NS-Richter bezogen sich auf ein vermeintliches „gesundes Volksempfinden“: „Sie [die NS-Anwälte, d.Vf.] werden für die geistige Gesundung des Teils der Anwaltschaft Verantwortung tragen, der von den jüdischen Krankheitskeimen bereits angesteckt ist.

Feuchtbiotope, in denen sich Keime des Fundamentalismus und der Verbrechen vermehren

Adolf Hitler 1923: „Nationalismus ist vor allem auch ein Vorbeugungsmittel gegen Krankheitskeime.“ Björn Höcke 2016: „Asyl­bewerberunterkünfte sind Feuchtbiotope, in denen sich Keime des Fundamentalismus und der Kriminalität idealtypisch vermehren. Nur durch regelmäßige Razzien lassen sich die Gefahren dort in den Griff bekommen.“ Ist das die „Natursprache des deutschen Herzens“?

(Der Text ist eine leicht überarbeitete Variante des zuerst im DISS-Journal 32 (2016) erschienenen Textes. Wir danken dem Autor und dem DISS für die Nachdruckgenehmigung.)

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