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Zum Selbstverständnis (extrem) rechter Männlichkeit

Matthias Meyer (Gastbeitrag)
Einleitung

Dass im extrem rechten Selbstverständnis Männlichkeit eine wichtige Rolle spielt und dazu tendiert, überhöht zu werden, überrascht wenig. Als Beispiel mag das Zitat Björn Höckes dienen: „Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“ Es lohnt sich jedoch genauer zu untersuchen, auf welchen Narrativen rechte und extrem rechte Männlichkeit abseits von völkischer Reproduktion basiert und welche Männlichkeitsnarrative von extrem Rechten und rechten Intellektuellen verbreitet werden, um die Sensibilität gegenüber diesen zu schärfen.

Jongen-Reusch-Holm
(Screenshot: Twitter @Marc_Jongen )

AfD-Männertrio posiert für Social Media: Leif-Erik Holm (AfD-Bundestagsfraktion), Roman Johannes Reusch (Ex-Leitender Oberstaatsanwalt, Berlin) und Marc Stephan Jongen „Parteiphilosoph“ und „Vordenker“.

(Extrem) rechte „Bildungs“-arbeit

Das neurechte und (selbst) von der zuständigen Landesbehörde für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestufte "Institut für Staatspolitik" (IfS) veranstaltet regelmäßig sogenannte Herbst-, Sommer- oder Winterakademien. Diese Treffen sind in der Regel auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Zuhörenden beschränkt und sollen als (extrem) rechte Bildungsarbeit und Kaderschmiede fungieren. Der Mitgründer des IfS Karlheinz Weißmann, der vor seinem späteren Ausscheiden auch 14 Jahre lang als dessen „wissenschaftlicher Leiter“ fungiert hat, formulierte es vor etwa 20 Jahren so: „Uns geht es um geistigen Einfluss, nicht die intellektuelle Lufthoheit über Stammtischen, sondern über Hörsälen und Seminarräumen interessiert uns, es geht um Einfluss auf die Köpfe [...]“.

Auf der Winterakademie 2017 mit dem Thema Gewalt haben neben Martin Sellner auch Jack Donovan und Marc Jongen Vorträge gehalten. Vor allem die Vorträge von Jongen und Donovan, die auf dem YouTube-Kanal „kanal schnellroda“ zu finden sind, werden im Folgenden näher beleuchtet.

Jack Donovan auf der einen Seite ist neben Jordan B. Peterson eine der Ikonen der Maskulinisten- bzw. Männerrechtler-Bewegung und hat ein martialisches, gewaltverherrlichendes Auftreten und tribalistische Ansichten. Seine Bücher tragen Titel wie „The Way of Men“, „Becoming a Barbarian“ oder „A More Complete Beast“, der Vortrag auf der Winterakademie den Titel „Violence is Golden“. Auf der anderen Seite pflegt Dr. Marc Jongen als ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter von Peter Sloterdijk einen dezidiert wissenschaftlichen Habitus, der Vortrag auf der Winterakademie trägt den Titel „Migration und Thymostraining“. Jongen wurde in der Vergangenheit auch schon als „Hausphilosoph der AfD“ betitelt. Interessant ist, dass beide trotz aller Unterschiede ein ähnliches Selbstverständnis (extrem) rechter Männlichkeit mit den zentralen Pfeilern der wehrhaften bzw. soldatischen Männlichkeit und einem männlichen Dominanz­anspruch skizzieren.

Moral- bzw. Kulturverständnis und der daraus abgeleitete Dominanzanspruch

Als philosophischen Unterbau für den männlichen Dominanzanspruch bezieht sich Donovan auf Passagen aus Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“. Hier unterscheidet Nietzsche zwischen einer „Herren-Moral“ und einer „Sklaven-Moral“. Die Herren-Moral setze sich dort durch, wo die Herrschenden definierten, was „gut“ sei und die erhobenen und stolzen Zustände der Seele bestimmend seien; wo „gut“ und „schlecht“ soviel bedeutet wie „vornehm“ und „verächtlich“. Die Sklaven-Moral hingegen setze sich dort durch, wo „die Vergewaltigten, Gedrückten, Leidenden, Unfreien, Ihrer-selbst-Ungewissen und Müden moralisieren“; dort würden „das Mitleiden, die gefällige hilfsbereite Hand, das warme Herz“ die Moral bestimmen, allesamt von Nietzsche inklusive ihrer Ausrichtung auf „Nützlichkeit“ verachtet.

Donovan geht mehrfach hierauf und auf die darauf aufbauende „Herren-Weltanschauung“ ein. „Gewalt ist von zentraler Bedeutung für alle, die das besitzen oder entwickeln, was Nietzsche die „Herrenmoral“ genannt hätte. Gut zu sein, edel zu sein, mächtig zu sein, schön zu sein, glücklich zu sein und gesegnet zu sein, das sind einander ergänzende und harmonische Werte der Herren-Weltanschauung.“ Gleichzeitig sei Gewalt „das vorherrschende Prinzip und die grundlegende Funktion der Männlichkeit“.

Der Titel und das zentrale Thema dieser Winterakademie „Gewalt“ stellt also nach Donovan das Scharnier zwischen Männlichkeit und einer aus seiner Sicht erstrebenswerten gesellschaftlichen Moral, einer „Herrenmoral“, dar. „Die Fähigkeit, Gewalt effektiv zu nutzen […] ist die höchste Herrschertugend.“

Jongen referenziert für seine dominanztheoretischen Überlegungen auf Heiner Mühlmann. Die „Kulturtheorie“ Mühlmanns ist ähnlich binär angelegt wie Nietzsches Moralverständnis. Anstelle einer „Herren-Moral“ prägt sich nach Mühlmann eine „Siegerkultur oder [...] Verliererkultur“ heraus. Nach Mühlmann steht zu Beginn jeder Kultur ein „Maximalstress-Ereignis“, aus dem heraus die jeweilige Kultur gegründet werde, normalerweise ein Krieg. Während dieses Maximalstress-Ereignisses komme es dabei zu Maximalstress-Kooperationen, durch welche die Personen zusammengeschweißt würden. Aus diesen „maximal stress coorperations“ (MSC) entstehe zwischen den Kooperierenden eine genetisch vererbbare und auch tatsächlich weitervererbte Kultur. Je nach Ausgang dieses Maximalstress-Ereignisses bilde sich nun entweder eine Kultur aus dem Hochgefühl des Sieges oder aus der Niedergeschlagenheit der Niederlage heraus. Nach Jongen sei dies sogar anhand der hormonellen und biochemischen Werte zu messen, bei den Siegenden steige der Testosteronwert im Nachgang zu diesem Ereignis stark an, während er bei den Verlierenden stark abfalle, was sogar so weit gehen könne, dass „der Verlierer nach einigen Tagen, ohne weitere Einwirkung von Feinden, verstirbt. Bei Primaten ist das so beobachtet worden [...]“.

Jongen gibt hier eine hanebüchenes Verständnis von Genetik, Kultur und Testosteron wieder, welches impliziert, dass eine „Siegerkultur“ mit ausgeprägter Männlichkeit und hohen Testosteron-Leveln gleichzusetzen sei, während eine Verliererkultur „unmännlich“ sein müsse – inklusive der Gefahr, dass deren Mitglieder einfach versterben.

Diese „Natur der Kulturen“ als „kulturgenetische Theorie“ und die MSC legt Mühlmann in mehreren Büchern dar. Nicht nur ein überdeutlicher Kultur/Natur-Dualismus wird hier deutlich, den sowohl Mühlmann als auch Jongen vertreten und der als selbstverständlich vorausgesetzt wird, sondern das Kulturverständnis ist auch hochgradig biologistisch, die – meist durch einen Krieg – geprägte Kultur schreibe sich in die Genetik des „Volkes“ ein. Sloterdijk bezieht sich in einem anderen Werk ebenfalls auf diese Theorie Mühlmanns, ebenso wie Mühlmann in Büchern und Vorträgen Sloterdijk referenziert und beispielsweise zu einer Festschrift zu Ehren Sloterdijks einen Essay beigesteuert hat. Der Anschluss an und die Verehrung von Sloterdijk durch Jongen wird auch durch dessen Schrift „Sloterdijk Essenz – Homöopathisches Theoriefläschchen, darin ein Abglanz dieses erstaunlichen Genii sich möchte zeigen, zur allgemeinen Erbauung und geistigen Erquickung (...) dargereicht von Marc Jongen“ deutlich.

Wehrhaftigkeit

Diese kruden Ansichten zu dem Begriff „Kultur“ werden bei Jongen dann mit Ausführungen zu Wehrhaftigkeit verzahnt, um zu erläutern, „wie es zu diesem beklagenswerten Abfall der Thymosspannung kommen konnte und die uns so wehrlos gegenüber dem Migrantenzustrom gemacht hat“. Der Begriff Thymos taucht immer wieder bei Jongen auf, er nimmt für sich in Anspruch, diesen Begriff in den deutschen politischen Diskurs eingebracht zu haben, andere extrem rechte Akteur*innen wie Götz Kubitschek nutzen ihn ebenfalls.

Der Begriff Thymos geht ursprünglich auf Platon und seine Politeia zurück und soll neben Logos (Denken) und Eros (Begehren) eine dritte Triebfeder menschlichen Handelns darstellen; am ehesten übersetzt werden könnte es mit Beherztheit oder Mut, aber auch mit Jähzorn oder Wut. Im Deutschen wurde das Wort zuerst von Sloterdijk in seinem 2006 erschienenen Buch Zorn und Zeit genutzt – dem gleichen Sloterdijk, der in Reaktion auf die Migrationsbewegungen 2015 von einem „Souveränitätsverzicht“ Deutschlands und einer „Überrollung“, der Deutschland in der Folge preisgegebenen worden sei, geschwafelt hatte. Im Rekurs auf Platon beschreibt Sloterdijk den Thymos als notwendig zur Sicherung der Wehrhaftigkeit der Wächter im alten Griechenland. Der Thymos sei außerdem ein „Meilenstein auf dem Weg zur moralischen Domestizierung des Zorns“, durch welchen eine neue, durch Mannesmut geprägte Männlichkeit erzeugt werde.

Im Englischen wurde der Begriff etwa zeitgleich von Mansfield in seinem Buch Manliness aufgegriffen. Mansfield schreibt dort, dass der Begriff zentral sei, um Aggression „wissenschaftlich“ verstehen zu können. Der thymotische Antrieb sorge dafür, dass männliche Männer ihr Leben riskierten, der Thymos sei die rohe Seite der Männlichkeit. Sloterdijk und Mansfield verweisen bei der Nutzung und Wiedereinführung des Begriffs beide auf Francis Fukuyama, der 1992 irrigerweise das „Ende“ der (ideologisch-politischen) Geschichte prophezeit hatte (das berühmte Werk trägt den Titel „The End of History and the Last Man“, letzteres wiederum ein Verweis auf den letzten Menschen Nietzsches, der ihn als Vollendung der „Sklaven-­Moral“ dem Übermenschen gegenüber­gestellt hatte).

Die im Zusammenhang mit dem geschichts­revisionistischen und extrem rechten Narrativ eines „Schuldkults“ in Deutschland von Jongen so genannte „Thymosflaute“ bewegt sich damit nah an Sloterdijk, der in Zorn und Zeit über die Zügelung des thymotischen Zorns schreibt: „Gerade für Deutsche ist dieses Thema nicht ohne Reiz, denn sie bringen nach 1945 eine Sonderausgabe von Beherztheit heraus – die viel gelobte Zivilcourage, die Magerstufe des Muts für Verlierer, mit der man einer politisch zaghaften Bevölkerung die Freuden der Demokratie näherbringt.“ Dies stellt Sloterdijk in Gegensatz zu einer thymotischen Welt von Stolz und Krieg.

Jongen bezieht dies auf „den“ Islam und nennt ihn im Vortrag eine „thymotisch hochgepushte Kultur“. Hier wird ein ambivalentes Verhältnis zum Islam deutlich, welches Volker Weiß auch schon bei Karlheinz Weißmann oder dem regelmäßigen Autor der IfS-hauseigenen Zeitschrift Sezession, Martin Lichtmesz (eigentlich Martin Semlitsch), in „Die autoritäre Revolte“ beschreibt. Dem Islam bzw. männlichen Muslimen werden von diesen extrem rechten Akteur*innen Eigenschaften zugeschrieben, die diesen als erstrebenswert erscheinen, vor allem ein Hypermaskulinismus und eine hohe Wehrhaftigkeit im männlichen Selbstverständnis. Deshalb richtet sich der von Weiß dokumentierte Zwischenruf von Semlitsch/Lichtmesz auf einer Podiumsdiskussion auch gegen einen anderen Feind: „An Liberalismus gehen Völker zugrunde, nicht am Islam!“ Dies sollte aber nie über die zutiefst xenophoben Einstellungen von Jongen, Weißmann oder Semlitsch/Lichtmesz hinwegtäuschen.

Organisation in Männerbünden

Ein drittes Kernelement (extrem) rechter Männlichkeit ist die Organisation in Männerbünden. Sehr aktuelles Beispiel ist hier die Organisation extrem rechter Kampf­sportverbände oder Kampfsportevents, in welchen auch gleich die Verzahnung mit dem Aufruf zur Wehrhaftigkeit zu erkennen ist. Ein anderes Beispiel sind Burschenschaften, ein Art von Männerbünden, auf die auch Donovan im Vortrag anerkennend verweist, da er offenbar im Publikum Burschenschaftler erkennt. Burschenschaften wurden nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland eigentlich verboten, da aus ihnen Führungspersonal des NS wie beispielsweise Heinrich Himmler hervorgegangen war und die Alliierten sie als Keimzelle des Nationalsozialismus erkannt hatten. Das Verbot wurde aber de facto umgangen. Bezeichnenderweise ging 1986 dann aus genau diesem Burschenschaftsmilieu die "Junge Freiheit" hervor, eins der wichtigsten publizistischen Organe der „Neuen“ Rechten. Auch in der 2020er Leipziger Autoritarismusstudie wird auf die Aktualität des männerbündischer Antifeminismus und seine Bezüge zu (extrem) rechten und nationalistischen Einstellungen verwiesen.

Für Jack Donovan ist der Männerbund die „natürliche Form des Zusammenlebens“, eine „verbundene, hierarchische Vereinigung männlicher Personen, die sich zusammengeschlossen hat, um ihre Interessen gegen äußere Kräfte durchzusetzen“. Er verweist an vielen Stellen des Vortrags auf seine „Brüder“, an eine zu etablierende Kultur unter diesen, in der Gewalt heilig sei, und dass nur diesen und dem eigenen „Stamm“ die Wahrheit geschuldet werde.

Einer intensiven Auseinandersetzung mit Männerbünden hatte sich etwa 40 Jahre zuvor auch schon einer der damals bundesweit führenden Neonazis, Michael Kühnen, gewidmet, der wie Jack Donovan ebenfalls homosexuell war. Eine mögliche Erklärung für die intensive Auseinandersetzung ausgerechnet dieser beiden Personen ist, dass zwischen rechtem oder extrem rechtem Denken und Homosexualität ein grundsätzliches Spannungsverhältnis besteht.

Zunächst steht die völkische und auf Reproduktion abzielende Ideologie in Widerspruch zu der nicht auf Reproduktion abzielenden Homosexualität. Außerdem steht das typische Bild von Männlichkeit, welches in (extrem) rechten Kreisen reproduziert wird, in mindestens teilweisem Widerspruch zu homosexueller Männlichkeit innerhalb patriarchaler Gesellschaften. Diesen wird nach Connell hier gerade ein Mangel an Männlichkeit nachgesagt. Da die Definition also ein (vermeintlicher) Mangel an der definierten Sache selbst ist, folgt daraus auch ihre Einordnung von homosexueller Männlichkeit als untergeordnete Männlichkeit.

Connell hat 1995 in Masculinities, einem der Standardwerke zur Männlichkeitsforschung, einen theoretischen Rahmen entwickelt, mit welchem Männlichkeiten und der Bezug von Männlichkeiten untereinander analysierbar gemacht werden. Neben der genannten untergeordneten Männlichkeit bezeichnet sie als hegemoniale Männlichkeit diejenige, welche in kulturellen Vorbildern gezeigt wird und die den zum jeweiligen Zeitpunkt kulturell vorherrschenden Idealtypus eines Mannes verkörpert; ihre Funktion ist die Sicherung der patriarchalen Dominanz von Männern. Da diese Männlichkeit jedoch meist nur von wenigen Männern vollständig erfüllt wird, andere Männer aber trotzdem von der hegemonialen Männlichkeit profitieren, unterscheidet Connell davon die komplizenhafte Männlichkeit; den Vorteil, den diese Männer trotz der mindestens teilweisen Nichterfüllung der hegemonialen Männlichkeitsnorm aus dieser ziehen, beschreibt sie als patriarchale Dividende.

Homosexualität wird in (extrem) rechten Kreisen dagegen häufig eher mit „Dekadenz“ oder „Unnatürlichkeit“ in Verbindung gebracht, außerdem ist für sie kennzeichnend, dass homosexuelle wie auch andere untergeordnete Männlichkeiten häufig in ihrer Abwertung mit einer symbolischen Nähe zum Weiblichen aufgeladen sind oder ihre Abwertung gerade durch diese symbolische Nähe geschieht.

In der Geschichte gibt es viele Beispiele für dieses Spannungsverhältnis. Der Nationalsozialismus selbst hat eine grausame Geschichte in Bezug auf Homosexualität, allein etwa 50.000 Urteile wurden zur „Ausmerzung“ der Homosexualität vor dem, was damals als „ordentliches Gericht“ galt, vollstreckt. Das hinderte die Nazis allerdings nicht daran, Ernst Röhm als seit 1924 vergleichsweise offen homosexuell lebenden Mann so lange, wie es politisch opportun war, in seiner Position als Kommandant der SA zu belassen. Später wurde seine Homosexualität dann als Vorwand genutzt, um ihn und eine hohe zweistellige Anzahl weiterer SA-Männer inklusive der gesamten Führung in der sogenannten „Nacht der langen Messer“ zu ermorden.

In den 1980er Jahren verfasste der oben genannte Michael Kühnen ein Pamphlet mit dem Titel „Nationalsozialismus und Homosexualität“, nachdem ein homosexueller Neonazi von seinen eigenen „Kameraden“ aufgrund seiner sexuellen Neigungen ermordet worden war. In dem Pamphlet setzt Kühnen beides in Einklang miteinander, indem er sich ebenfalls auf Männerbünde fokussiert. Diesen komme eine „kulturschöpferische und kulturtragende Aufgabe“ zu und sie seien prädestiniert dafür, einen nationalsozialistischen Staat aufzubauen, da sie nicht durch romantische Beziehungen zu Frauen, eine eigene Familie oder noch allgemeiner das Streben nach Liebe außerhalb des Männerbundes abgelenkt würden. Er glorifiziert ähnlich wie Donovan diese Männerbünde. Wie Donovan sieht er in ihnen eine Kernformation gesellschaftlicher Organisation – oder dem, was bei Donovans tribalistischen Ansichten noch von einer Gesellschaft vorhanden ist. Auch der idealtypische Rückbezug auf Völker, die vor langer Zeit gelebt hätten, und sich auch so organisiert hätten, gleicht sich bei beiden. Kühnen referenziert auf ein Zusammenleben von „Horden“ unter „Häuptlingen“, Donovan bezieht sich auf Männer, die „ihre Speere geschwenkt und Schwerter auf Schilde geschlagen haben“. Homosexuelle hätten hierin aufgrund der oben genannten fehlenden Ablenkungen außerhalb des Männerbundes stabilisierende Funktionen. Das Pamphlet Kühnens änderte jedoch nichts daran, dass später Nationalsozialismus und Homosexualität innerhalb der deutschen extrem rechten bzw. nationalsozialistischen Szene (geschichtlich gesehen: erneut) als unvereinbar miteinander festgelegt wurden.

Donovan hat sich in seinem ersten Buch mit der eigenen Homosexualität auseinandergesetzt, welches den Titel „Androphilia. A Manifesto. Rejecting the Gay Identity, Reclaiming Masculinity“ trägt. Darin löst er sich von Gay-Szene, in der er vormals aktiv war, und bezeichnet seine Homosexualität als Androphilie, als eine so große Liebe zu Männlichkeit, dass er homosexuell sei. Bei Kühnen wie Donovan wird ein recht spezifischer Blick auf die Funktionsweise von Männerbünden zur ideologischen Rechtfertigung der eigenen sexuellen Neigungen innerhalb eines nazistischen Weltbilds genutzt.