Rassismus | AIB 97 / 4.2012 | 07.02.2013

Widersprüche inklusive

Thesen für antirassistische Politik(en)

In den letzten Monaten wurde in antirassistischen Zusammenhängen viel über den Ansatz Critical Whiteness dis­kutiert. Autoritäre Politikformen, Rassismusvorwürfe und weiße Abwehrstra­tegien waren Gegenstand einer zum großen Teil polemisch geführten Debatte, in der insbesondere das No-Border-Camp in Köln im Juli 2012 im Mittelpunkt stand.

AK Anna Mae

Ein Beispiel dafür stellt der Beitrag »Critical Whiteness auf gut deutsch« in der letzten Ausgabe des AIB dar. Es wird ausführlich über die Praxis einer einzelnen Grup­pe berichtet, während inhaltliche As­pek­te weitgehend ausgeblendet bleiben. Effektiv dient der Beitrag unserer Ansicht1 nach weniger einer konstruktiven solidarischen Debatte, sondern vielmehr dazu, eine ohnehin schon pola­risierte Debatte in destruktiver Weise weiter zuzuspitzen. Im Zuge dieser Zuspitzung fiel uns auf, dass sich Critical Whiteness mehr und mehr zu einem unbestimmten Sammelbegriff ent­wickelte. Für einige scheint das Konzept die hinreichende Essenz antirassistischer Theorie und Praxis zu beinhalten, für andere dient die Kritik an autoritären Politikstilen von Gruppen und Einzelpersonen, die sich auf Critical Whiteness beziehen, dazu, einen kompletten Ansatz zu diskreditieren.

In rassistisch strukturierten Gesellschaften werden unterschiedlichen (konstruierten) Gruppen unterschiedliche soziale Positionen zugewiesen. Diese Positionen stehen in einem hierarchischen Verhältnis, das heißt: die Unterdrückung der einen ist unabdingbar mit der Privilegierung der anderen verbunden. Um Rassismus zu analysieren und antirassistische Strategien zu entwickeln, reicht es daher nicht aus, den Fokus nur auf die Gruppe der rassistisch Unterdrückten zu richten. Denn Weißsein bzw. Weißdeutsch-Sein2 wirkt als Norm weiter, gerade weil sie nicht benannt wird, und verleiht seinen Träger_innen u.a. symbolische Macht.

Die Kritische Weißseinsforschung versteht »Weißsein als eine Konstruktion des Rassismus«, die »kollektive Wahrnehmungs, Wissens- und Handlungsmuster« hervorgebracht hat.3 Weißsein ist kein absolutes Privileg und wirkt sich in Verbindung mit verschiedenen geschlechter-, klassenspezifischen oder anderen Privilegien und Diskriminierungen oftmals auch unterschiedlich aus. Sich selbst im rassistischen Verhältnis als privilegiert zu verorten und andere Positionen gedanklich einzunehmen hat zum Ziel, dass Menschen »vielleicht verstehen können, wie ihre kulturelle Praxis die weiße Vorherrschaft fortschreibt, ohne damit lähmende Schuld oder Abwehr auszulösen«  und auf Basis dieses Verstehens die eigenen Praktiken zu verändern.

Wir wollen versuchen, einige der Leerstellen von auf Weißsein bezogenen Analysen und Praxen zu berücksichtigen ebenso wie die weiterhin bestehende Notwendigkeit der Reflexion weiß-deutscher Dominanz in linken Zusammenhängen, und einige kurze Thesen darstellen.

Vielfalt der Strategien

Die Debatte ist auch ein Produkt unterschiedlicher Rassismusanalysen und damit auch unterschiedlicher Strategien Rassismus anzugreifen. Diese realen Differenzen sollten nicht weggeredet werden. Während manchen Gruppen die Abgrenzung von »Identitätspolitik« und Kategoriendenken als grundlegend gilt, wird in anderen Zusammenhängen der Unterschied zwischen einer rein politisch begründeten und einer auf gemeinsamen Rassismuserfahrungen beruhenden Solidarität betont. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher praktischer Strategien und Schwerpunkte ist jedoch eine unverkennbare Realität. Die Analyse und Kritik kolonialer Kontinuitäten, Selbstorganisation und Empowerment, anti-identitäre Rassismuskritik, künstlerische Interventionen, Kampagnenarbeit gegen rassistische Gesetze und Institutionen, Unterstützungsnetzwerke, militante Aktionen und Sensibilisierungsarbeit für Alltagsrassismus sind allesamt Teil des weiten Feldes antirassistischer Politiken.

Erfahrungen anerkennen, Sprecher_–i­nnenpositionen einbeziehen

Es existieren Gruppen, innerhalb derer People of Color und/oder Migrant_innen Politik machen, und solche, in denen von Rassismus negativ Betroffene und rassistisch Privilegierte zusammen arbeiten ebenso wie weiß-deutsch dominierte Gruppen. Diese arbeiten nicht isoliert voneinander, sondern in punktuellen Allianzen und dauerhaften Bündnissen.  Vom ers­ten Tag an von einem Unterdrü­ck­ungs- und Ausbeutungsverhältnis positiv oder negativ betroffen zu sein, produziert allerdings unterschiedliche Erfahrungen. Auch wenn unserer Ansicht nach die Sprecher_innenposition nicht absolutes Kriterium für den gesprochenen Inhalt sein kann, spielt es eine Rolle, aus welcher Position bzw. Perspektive gesprochen wird. Gerade weil Rassismus strukturell ist, wird er auch in linken Strukturen reproduziert. In der Auseinandersetzung damit sollten bestimmte Mechanismen erkannt und unterbrochen werden: Externalisierung von Rassismus, Moralisieren und Individualisierung, der Automatismus von Abwehr und Schuldgefühlen.

Repräsentationsverhältnisse angreifen

Die Arbeit an Repräsentationsverhältnissen innerhalb linker Zusammenhänge ist unabdingbar, um eine politische Praxis zu finden, die strukturellen und symbolischen Ausschlüssen in der Gesamtgesellschaft etwas entgegensetzt und Bevormundung vorbeugt.4  Eine Veränderung des Repräsentationsverhältnisses setzt voraus, dass Menschen nach ihrer selbst wahrgenommenen Betroffenheit von Rassismus kategorisiert werden. Bezeichnungen wie »weiß« und »Person of Color«, so wurde eingewandt, vereinheitlichten Rassismuserfahrungen und zwängen Menschen, die sich darin nicht wiederfinden, eine Entscheidung zwischen zwei gegensätzlichen Selbstidentifikationen auf. Wenn jedoch eben diese uneindeutigen oder anders benannten Positionen akzeptiert werden, können sie auch zu einem reflektierten Umgang mit Kategorisierungen beitragen, da sie unterschiedliche Erfahrungen und Identitäten sichtbar machen, ohne damit die Frage der Betroffenheit für nichtig zu erklären.

Antirassismus muss auf allen Ebenen intervenieren

Wie alle Unterdrückungsformen bezieht Rassismus seine Wirkmächtigkeit aus seiner gesamtgesellschaftlichen strukturellen Verfasstheit. So ist Rassismus nicht nur, wie häufig in Konzepten der »Ausländerfeindlichkeit« oder der »Fremdenfeindlichkeit« angelegt, ein individuelles Einstellungsproblem einzelner Personen, sondern strukturell verankert: im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Wissenschaft, in den Medien, in Behörden, in Polizei und Justiz, auf dem Wohnungsmarkt usw. Ein Kampf gegen Rassismus muss dementsprechend auf all diesen Ebenen angegangen werden. Bei einer ausschließlichen Fokussierung auf Selbsttransformation besteht die Gefahr, gesamtgesellschaftliche politische Kämpfe zuguns­ten einer individualisierten und in der Konsequenz herrschaftskonformen Praxis aufzugeben.

Das Ziel ist eine freie Gesellschaft

Politischer Antirassismus und gesellschaftliche Identitäten sind nicht widerspruchsfrei. Dies zeigen Diskussionen um das Verhältnis von Solidarität und Kritik, die Bezugnahme auf erst durch rassistische Zuschreibungen entstandene Gruppen oder die gesetzlich verankerten und gesellschaftlich spürbaren Hierarchien zwischen rassistisch Diskriminierten. Zudem variieren rassistische Verhältnisse zeitlich und örtlich. Die Veränderung rassistischer Verhältnisse durch Diskurse, Ereignisse und Kämpfe produziert neue Kategorien und Formen von Rassismus, deren Analyse Privilegien und Diskriminierung sichtbar macht. Das letztendliche Ziel, Rassismus, ebenso wie Geschlechterverhältnissen, Klassenverhältnissen u.a., die Grundlage zur Hierarchisierung von Menschen zu entziehen und die konstruierten Gruppen zum Verschwinden zu bringen, darf dabei jedoch nicht aus den Augen verloren werden.

  • 1. Wir sind zwei weiß positionierte AktivistInnen, mit und ohne »Migrationshintergrund«, die in wissenschaftlichen und publizistischen Zusammenhängen sowie in Kampagnen und Bündnissen gegen Rassismus arbeiten.
  • 2. Critical Whiteness Studies sind stark durch den US-amerikanischen Kontext geprägt. Wie vielfach angemerkt erfordert eine Übertragung auf deutsche Verhältnisse, die herausragende Rolle, die das Konstrukt des »Deutsch­sein« für rassistische Ausgrenzung einnimmt, mit zu berücksichtigen und die Prägung durch deutschen Kolonialismus, NS-Ideologie und Kontinuitäten wie zum Beispiel die ausschließliche Definition von Staatsbürgerschaft nach dem »Abstammungsprinzip« bis 2000 einzubeziehen.
  • 3. Arndt, Susan 2009: ›Rassen‹ gibt es nicht, wohl aber die symbolische Ordnung von Rasse. Der ›Racial Turn‹ als gegennarrativ zur Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus. In: Eggers, Maureen Maisha / Kilomba, Grada / Piesche, Peggy / Arndt, Susan (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung. Münster: Unrast. S. 343
  • 4.  Auf Rassismus bezogene Repräsentationsverhältnisse in linken Kontexten meint hier sowohl die quantitative Unterrepräsentation von Menschen, die negativ von Rassismus betroffen sind, als auch die Frage danach, wer in Gruppen welche Rollen einnimmt, zum Beispiel öffentlich spricht.