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Vor allem eins: Dir selbst sei treu

Barbara Yelin und David Polonsky

In zwei Teilen berichtet das Buch von dem Leben der Schauspielerin Channa Maron. Sie wird 1923 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren. 1931 flieht sie mit ihrer Mutter vor den Nationalsozialisten nach Paris, um kurz darauf nach Israel zu emigrieren.

Der erste Teil des Buches besteht aus einer eher klassischen Comic-Erzählung von Barbara Yelin. In einer eindringlich gezeichneten und dicht erzählten Biographie beschreibt Yelin das Leben der Schauspielerin. Jedes Kapitel wird dabei von dem ge- zeichneten Charakter einer realen Person eingeführt, die im Folgenden ihre Perspektive auf Maron wiedergibt und von gemeinsamen Erlebnissen erzählt. Neben ihren Kindern sind dies vor allem Personen aus ihrem Leben als Schauspielerin.

Schon als Kind trat Channa Maron in Berlin am Theater auf oder spielte in Filmen mit. Besonders ihre Rolle als Pünktchen in „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner oder als Kinderstimme in „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“ verhalfen ihr zu einiger Bekanntheit. Weniger bekannt in Deutschland sind allerdings ihre Engagements in der jüdischen Brigade der britischen Armee oder die späteren Erfolge am Cameri-Theater in Israel. Aufgrund der Nachrichten, die sie aus Deutschland erhalten, lassen sich Maron und ihr späterer Ehemann von der britischen Armee rekrutieren. Zunächst wird sie als Sekretärin nach Kairo versetzt, um später als Schauspielerin im Unterhaltungskorps der neu gegründeten jüdischen Brigade aufzutreten und in über 250 Vorstellungen für knapp 200.000 Zuschauer_innen zu spielen. Als ein einschneidendes Erlebnis beschreibt ihre Tochter den Auftritt vor einem Publikum, das aus KZ-Überlebenden besteht und zitiert ihre Mutter mit den Worten: „Erst jetzt begreife ich ein Stück weit, was eigentlich geschehen ist.“ Ihre Arbeit als Schauspielerin unterbricht Maron nur einmal für längere Zeit. 1970 wird sie bei der versuchten Entführung einer El-Al-Maschine am Flughafen München-Riem schwer verletzt. Ihr muss ein Bein amputiert werden. Im Folgenden setzt sie sich jedoch immer wieder für den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina ein.

Yelin entwickelt über die verschiedenen Personen aus Marons Leben eine vielschichtige biographische Comic-Erzäh- lung, die das Bild einer Frau entwirft, die trotz einiger Schicksalsschläge nicht den Mut verliert und sich in aktuelle politische Debatten einbringt. Die Anordnung der Bilder ist dabei klassisch gehalten. Nur ver- einzelt übertreten die Zeichnungen die Panelgrenzen und überlagern, zum Beispiel als Lautmalerei, andere Bilder.

Der zweite Teil der Biographie gestaltet sich eher unkonventionell. Der israelische Illustrator David Polonsky („Walz with Bashir“) zeichnet große Porträtaufnahmen von Maron in ihren unterschiedlichen Rollen. Jedes Mal steht Maron im Vordergrund, während sich im Hintergrund Hinweise auf aktuelle politische und soziale Zusammenhänge ablesen lassen. In kurzen Texten, die allein auf der linken Seite stehen, während die Bilder rechts angeordnet sind, beschreibt Polonsky die jeweils zu sehende Rolle, die Maron gespielt hat, und verweist auf die historischen und politischen Geschehnisse während der Aufführung dieser Stücke.

Unterfüttert sind die beiden Teile zusätzlich mit Texten des Leiters des Goethe-Instituts Israel, der Philosophin Ofra Rechter, Tochter von Channa Maron, und der Journalistin und Dokumentarfilmerin Anne Linsel. Das Buch entstand in Folge einer Ausstellung, die Yelin und Polonsky gemeinsam mit dem Goethe-Institut entworfen hatten. In der Kombination der beiden sehr unterschiedlichen Teile entwickelt sich ein detailiertes, spannendes Buch, das sowohl Marons Leben, ihren Charakter und ihre Kunst, als auch die gesellschaftspolitischen Hintergründe ihres Lebens in den Blick nimmt. Die Intention, Channa Maron auch in Deutschland über ihre Kinderrollen hinaus einem breiteren Publikum bekannt zu machen, scheint damit gelungen.

Barbara Yelin und David Polonsky
Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Die Schauspielerin Channa Maron
Hardcover, 80 Seiten


Reprodukt, Berlin, 2016