NS-Szene | AIB 65 / 1.2005 | 12.03.2005

Vom Skingirl- und Trachten- zum Girlielook

Lange Haare, knappe Jacke mit Jeans und Turnschuhen – wer heute einen Neonaziaufmarsch betrachtet, erkennt, dass die Frauen der rechten Szene sich schon längst nicht mehr der Bekleidungsstile bedienen, die sie klassischerweise als Neonazifrauen enttarnen.

Bis Ende der neunziger Jahre war es noch üblich, dass sich die Frauen in der Rechten vorwiegend als »Skingirls« oder in einem trachtenartigen BDM-Look kleideten. Dieser Subkultur-Look war Ausdruck einer bereits optischen Abgrenzung der rechten Szene von der Gesellschaft.

Um in die rechte Szene integriert zu werden, wurden in den neunziger Jahren viel höhere Anforderungen an die ideologische Festigung gestellt, als es mittlerweile steter Umgang dieser Szene ist. Die stärkere Festigung der rechten Szene und eine damit einhergehende Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft kam auch durch optische Abgrenzung der Mode der Rechten zum Ausdruck. Dieses ideologische Diktat in der Rechten bedeutete für die Frauen in der Szene stärker noch als heutzutage ein Unterordnungsverhältnis. Das Frauenbild der Rechten orientiert sich am Nationalsozialismus. Dieses schreibt eine klare Hierarchisierung von Männern und Frauen vor, in der Frauen eine dem Mann untergeordnete Rolle haben. Effekt dieses Unterordnungsverhältnisses war, dass sich die Identitäten der Frauen in der Neonaziszene an die der Männer anlehnten. Dies war in den Neunzigern dementsprechend auch deutlich am Fehlen einer speziell weiblichen Kleidungsgewohnheit erkennbar.

So trat der eine Teil der rechten Frauen in dem als trachtenartig zu bezeichnenden BDM-Look auf, dessen sich in Anlehnung an den Nationalsozialismus bedient wurde. Einen anderen großen Teil der Neonaziszene stellten zu der Zeit noch Skinheads dar. In Anpassung an die ideologische Orientierung am Stärkekult der Skinhead-Szene bedienten sich »Skingirls« einer Mode, durch die sie optisch, wie ihre männlichen Entsprechungen, ein martialisch-militärisches Auftreten signalisieren wollten. Die Unterrepräsentierung von Frauen und explizit weiblicher Nazimode in rechten Zeitschriften und Magazinen war ebenso Ausdruck der Männerdominanz in der Neonaziszene. Waren es doch vorwiegend die Männer, die die Magazine und Zeitschriften verfassten und vertrieben. In ihrem Weltbild wurden Frauen nicht wahrgenommen, so dass Frauen in rechten Publikationen der neunziger Jahre nur selten vorkamen und wenn fast ausschließlich als Randerscheinungen.

Nicht anders war es bei rechten Versandkatalogen, ein Angebot für spezielle Frauenkleidung gab es nicht. Ausschließlich ließen sich T-Shirts und andere Kleidungsstücke nur in Übergrößen beziehen. Erst später waren auch nur in einigen Versänden Sachen zu beziehen, die in modischer Hinsicht auf die Trennung der Geschlechter schließen ließen. Es waren jedoch keine Textilien, bei denen es sich um explizit weibliche Bekleidungsstücke handelte. Es waren Bekleidungsstücke wie Bomberjacken, die mit dem Logo »Skingirl« versehen waren oder gleichartige Aufnäher.

Das rechte Girlie und die Mainstream Mode

Ab 2000 verbreitet sich bei Frauen in der rechten Szene der »Girlie-Style«. Mädchenhaft wirkende Frauen lächelten nun auf rechten Zeitschriften in knappem T-Shirt mit »Skrewdriver« Logo und Jeans bekleidet in die Kamera. So beispielsweise präsentiert sich die Neonazisängerin »Saga« der Band »Symphony of Sorrow« auf dem Cover der »RockNORD«. Und liegt damit stilistisch genau im Trend der Änderung der »rechten Modewelt«. In rechten Versandkatalogen und Zeitschriften war nun unter der Rubrik »Girlie« ein breites Angebot an Bekleidung explizit für Frauen zu beziehen. Knappe T-Shirts gehören bei den Versänden nun genauso zum gängigen Repertoire wie Schlauchkleider und Trägerhemdchen bedruckt mit Symbolen der rechten Szene.

Es handelt sich nun um Mainstream Mode, die sich in der rechten Szene mit einer Öffnung für gesellschaftliche Impulse durchgesetzt hat. Der rechte Bezug ist bei dieser Bekleidungsform nur noch mittelbar festzustellen. Lediglich durch versteckte rechte Symboliken oder durch kleine aufgedruckte Logos lässt sich die rechte Identität der Trägerin ermitteln. Mehrheitlich bedienen sich die Frauen der rechten Szene nun nicht mehr eines offensichtlich rechts codierten Bekleidungsstils. Es handelt sich um einen Bekleidungsstil, der als alltagsfähig zu bezeichnen ist. Die Frauen der rechten Szene haben sich damit ihres Subkultur-Images entledigt und zumindest modisch geöffnet. Der Einfluss des Mainstreams auf die Frauen der Rechten bewirkt ein optisches Aufgehen in diesem.

Zwar gibt es sie noch, die klassischen »Skingirls«, doch stellen diese heute eher eine Minderheit innerhalb der Rechten dar. Wenn überhaupt, sind Mischformen eines »Skingirl«- und »Girlie«-Styles vorzufinden. Es handelt sich um Paarungen von Stilelementen wie das Tragen eines Skingirlhaarschnitts, wobei dieser aber nicht mehr so extrem auffallend ist. Eher an einen modischen Kurzhaarschnitt erinnernd, geht er in der Gesamtgestaltung unter.

Ein Ausdruck davon, dass diese gesellschaftlich akzeptierte Mode von der Naziszene auch adaptiert wurde, lässt sich an dem Werbepotential des »Girlie«-Style erkennen. Ist es doch inzwischen gängiges Mittel, auf den Titelbildern rechter Zeitschriften und Fanzines mit Abbildungen von Girlies zu werben, ohne dass dieses Titelbild irgendeinen inhaltlichen Niederschlag im Heft finden würde. Und damit hat die Öffnung für die Mainstream-Mode einen neuen Absatzmarkt für die Rechte geschaffen.

Es wird alles anders...

Die Änderungen der Bekleidungsstile verdeutlichen einen Öffnungsprozess in der rechten Szene, der durch die Aufnahme gesellschaftlicher Impulse ausgelöst wurde. Der Effekt dieses Loslassens vom ehemals strengen Bekleidungscodex ist, dass es wiederum für neue Frauen leichter ist, sich in der rechten Szene zu integrieren. War noch in den neunziger Jahren die rechte Szene sehr verfestigt und grenzte sich stark von außen ideologisch und optisch ab, ist ein ideologisch komplett gefestigtes und geschlossenes Weltbild nun nicht mehr so entscheidend. Meint man darin eine Verwässerung der rechten Szene zu sehen, lässt sich doch nicht leugnen, dass mittlerweile auf Aufmärschen regelmäßig ein Frauenanteil von bis zu 20% zu sehen ist, er also deutlich gestiegen ist.

Erklären lässt sich das damit, dass Frauen, die sich zwar ideologisch als rechts verstehen, ehemals aber durch die starren Vorgaben der rechten Szene und das Bekleidungsdiktat abgeschreckt wurden, es nun leichter haben, an rechten Aktivitäten teilzunehmen. Ein sich Integrieren in die rechte Szene ist für die Frauen nun leichter möglich, doch ist festzustellen, dass Frauen die Szene auch umso schneller verlassen.

Die Lockerungen für Frauen der Rechten stellen zwar insoweit eine Emanzipierung dar, dass nun auch mehr Frauen aktiv sind, die kein Anhängsel eines Neonazis darstellen. Es handelt sich aber nicht um eine Änderung des Frauenbildes an sich. Das Frauenbild der rechten Szene orientiert sich unverändert an den Mustern des Nationalsozialismus, der eine klare Hierarchisierung von Männern und Frauen vorsieht. Somit bestehen keine Hinweise, dass sich an dem bestehenden Unterordnungsverhältnis etwas ändern würde. Vielmehr passt die Girlie-Weiblichkeitskonstruktion der Rechten nun besser zum bestehenden patriarchalen Verhältnis, in das sich Skingirls nicht eingliedern ließen.

Lediglich eine Befreiung vom Modediktat ereignete sich, welches jedoch den Frauen der rechten Szene hinreichend erschient, wie der Zuwachs an Frauen verdeutlicht.