Leo Trotzki war Protagonist der Russischen Revolution, Gründer der Roten Armee und wurde 1940 im mexikanischen Exil im Auftrag Stalins ermordet. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15068/CC BY-SA 3.0)
Gesellschaft | AIB 84 / 3.2009 | 18.09.2009

Trotzkis Perspektive auf den Faschismus

Der siebte Teil der Reihe »Faschismustheorien. Erklärungen des NS« widmet sich dem  Kommunisten Leo Trotzki. 

Als in die Rolle des kommunistischen Beobachters Gedrängter, kommentierte Trotzki den zu seiner Zeit aufkommenden Faschismus durch die Brille der Bonapartismustheorie von Karl Marx und Friedrich Engels.

Fabian Kunow

Der russische Revolutionär Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt unter seinem Pseudonym Leo Trotzki, teilte mit August Thalheimer (Vgl. AIB 75: »Faschismustheorien«) das Schicksal, eine der großen Unpersonen der dogmatisch sowjetisch-kommunistischen Historiographie zu sein.

Beide verstarben im Exil und konnten vor ihrem Tod nur durch Schriften versuchen, Einfluss auf ihre Heimat und die Geschicke der kommunistischen Weltbewegung zu nehmen. Trotzki starb, anders als Thalheimer, bekanntlich gewaltsam. Sein politischer Widersacher Stalin hatte einen Mordanschlag im mexikanischen Exil auf ihn ausüben lassen. Trotzki wie Thalheimer eint nicht nur die gemeinsame Geschichte als Renegaten mit zumindest in den 1920er Jahren bedeutendem Einfluss auf ihre jeweiligen kommunistischen Parteien. Auch in ihrer Beurteilung der Machtübernahme durch die NSDAP waren beide nicht so weit von einander entfernt.

Einheitsfront statt Sozialfaschismusthese

Beide favorisierten das Konzept einer revolutionären Realpolitik. Sie traten gegen die »Sozialfaschismustheorie«, die in den Sozialdemokraten das größte Übel sah, wie auch gegen die, auf diese folgende, »Volksfrontpolitik« der Kommunistischen Internationale ein und wollten stattdessen ein Bündnis von KPD und SPD im antifaschistischen Kampf, die so genannte »Einheitsfront«, schmieden. Für eine kommunistische Partei gehe es nicht darum, den Weimarer Verfassungsstaat mit der Einheitsfront zu verteidigen, sondern um die materiellen und geistigen Positionen, die das Proletariat schon in Deutschland errungen habe. Selbiges schrieb Trotzki am 19. März 1933 in einem »Brief an einen österreichischen Genossen«, in dem er gegen den Aufruf des österreichischen Sozialdemokraten Otto Bauer, die Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen, wetterte: »Was heißt konkret heute in Österreich die Demokratie zu verteidigen? Das heutige Chaos der einander bekämpfenden und neutralisierenden Kräfte? (…) Die Demokratie in Österreich muss man nicht verteidigen, sondern auf eine neue Basis stellen«.

Die Einheitsfront definierte Trotzki so: »Der kommunistische Arbeiter muss zum sozialdemokratischen Arbeiter sagen: Die Politik unserer Parteien ist unversöhnlich; aber wenn die Faschisten heute Nacht kommen, um die Räume Deiner Organisation zu zerstören, so werde ich Dir mit der Waffe in der Hand zu Hilfe kommen. Versprichst Du, ebenfalls mir zu helfen, wenn die Gefahr meine Organisation bedroht.«1 Trotzki trat für das Bündnis der sozialistischen Kräfte ein und nicht das aller Demokraten, wie es die Volksfrontstrategie vorsah. Die proletarische Revolution sah Trotzki als das beste Mittel zur Bekämpfung des Faschismus an. Es bedürfe keiner Zwischenschritte die erst das Bestehende bewahren.

»Seine Faschismustheorie ist nur im Zusammenhang und vor dem Hintergrund seiner Theorie von der Notwendigkeit und Möglichkeit einer »permanenten Revolution« verständlich«, schreibt der Historiker Wolfgang Wippermann über Trotzkis Überlegungen zum Faschismus und der daraus resultierenden antifaschistischen Praxis.

In der Theorie der »permanenten Revolution« schließen sich Bündnisse mit der Bourgeoisie aus, da die Bourgeoisie im Laufe der kapitalistischen Genesis ihre fortschrittliche Rolle eingebüßt habe und nun eher einen passiven bis konterrevolutionären Standpunkt einnehme. Zu diesem Ergebnis kam Trotzki nach seinem Studium der Geschichte der verschiedenen bürgerlichen Revolutionen seit 1789.

Bonapartismusschriften als Ideengeber

Die Trotzkis antifaschistischer Strategie zugrunde liegende Faschismustheorie lehnte sich an die Bonapartismusschriften von Marx und Engels an. In diesen entwarf Marx am Beispiel Frankreichs eine Soziologie des bürgerlichen Staates und der Kämpfe der verschiedenen Gruppen in diesem. Unter Bonapartismus wird allgemein in der (marxistischen) Wissenschaft die Ausschaltung der Legislative zu Gunsten einer starken Exekutivgewalt verstanden, womit sich das Bürgertum politisch selbst entmachtet zu Gunsten einer autoritären, antidemokratischen Herrschaft, um so ihre soziale Macht in Form der Herrschaft über die Produktionsmittel gegenüber einer starken sozialistischen Bewegung abzusichern. Diese ist aber noch nicht in der Lage, selbst die Macht zu ergreifen. Bei diesem »Gleichgewicht der Klassenkräfte« kann sich der gesellschaftliche Akteur - Staat - von der bürgerlich-republikanisch verfassten Gesellschaft verselbstständigen, um mit den Mitteln seines Gewaltapparates selbst diktatorisch zu herrschen.

Trotzki unterschied sich aber klar vom österreichischen Sozialdemokraten Otto Bauer und dem Kommunisten Thalheimer in der anzuwendenden Strategie und Praxis des Antifaschismus. Trotzki attackierte beide, die zwar recht ähnliche Faschismustheorien besaßen, aber eher die »Volksfront« favorisierten. Er nannte die Gruppe um August Thalheimer auch Brandler-Gruppe oder Brandler-Thalheimer-Gruppe.

Trotzki wandte die Bonapartismustheorie nicht nur auf die Länder mit einer starken faschistischen Bewegung, sondern auch auf die Sowjetunion unter Stalin an. Er schuf somit eine »Totalitarismustheorie auf bonapartistischtheoretischer Grundlage« (Wippermann), was ihn für viele damalige Kommunisten indiskutabel machte. Insgesamt haftet den Überlegungen Trotzkis zum Faschismus an, dass er sich fast nur mit der Situation in Deutschland beschäftigte. Österreich wurde dabei von Trotzki den deutschen Ländern zugeschlagen.

Der Bezug Trotzkis auf die Bonapartismusschriften von Marx und Engels bei der Beurteilung der Situation Deutschlands am 26. September 1930 macht sich in dem Ausspruch, »in der Vergangenheit sahen wir ein starkes Anwachsen des Faschismus (in Italien, in Deutschland) als Ergebnis einer verpassten revolutionären Situation, am Ende einer revolutionären Krise, in deren Verlauf die proletarische Avantgarde sich unfähig gezeigt hatte, an die Spitze der Nation zu treten, um das Schicksal aller Klassen, auch der Kleinbourgeoisie, zu ändern«2 ,deutlich. Trotzki geht aber weiter, wenn er schreibt: »Der Umstand, dass der Faschismus eine derart mächtige Ausgangsposition bereits am Vorabend der revolutionären Periode und nicht erst an deren Ende einnehmen konnte, bezeugt nicht die Schwäche des Faschismus, sondern des Kommunismus«3. Trotzki sieht, dass die Kleinbürger eher den Weg des Faschismus als den des Kommunismus einschlagen werden, um von der Krise Erlösung zu finden. Er nimmt zudem wahr, dass der Faschismus »nicht nur Millionen halb-proletarische Elemente, sondern auch Hunderttausende von Industriearbeitern angezogen hat«.

Trotzki stellt die politische Lage Anfang der 1930er Jahre als eine Situation dar, die in die Linke zum Kommunismus, wie auch zur Rechten in den Faschismus umschlagen kann, welcher dann »der Arbeiterklasse den Rücken zerschmettert«. Trotzki sieht 1931 durch das schnellere Anwachsen der Stimmen der NSDAP, im Gegensatz zur KPD, das Pendel nach rechts ausschlagen. Die Entwicklung verläuft eben nicht, wie von der KPD-Führung angenommen, in verschiedenen Perioden, die unbedingt aufeinander folgen müssen, in der sich erst die »Sozialfaschisten« und dann die »Nationalfaschisten« vor den Massen blamieren müssen, um dann selbst ans Ruder der Macht zu kommen. »Nationalfaschisten« stand im KPD-Slang vor 1933, als nicht mit Faschismusvorwürfen gegeizt wurde, u.a. für die NSDAP.

Für Trotzki sind gesellschaftliche Prozesse dynamisch und können sich so oder so durch kluge Taktiken und die »revolutionäre Tat« am Ende gestalten. Aber »der Faschismus ist in Deutschland zu einer wirklichen Gefahr geworden; er ist Ausdruck der akuten Ausweglosigkeit des bürgerlichen Regimes, der konservativen Rolle der Sozialdemokratie und der akkumulierten Schwäche der Kommunistischen Partei im Kampf gegen dieses Regime«4. Zugleich sieht Trotzki Deutschland als einen Schlüssel zur internationalen Lage, später wird es Frankreich.

Warum der Faschismus zur Macht drängt

Zur Soziologie des Faschismus vor der Machtübernahme bemerkt Trotzki, dieser vereine »in sich so furchtbare Widersprüche«5, dass irgendwann sein »soziales Reservoir erschöpfe«6. Seine Wählerschaft werde vor der absoluten Mehrheit wieder schrumpfen und Hitler sei dann gezwungen »auf den Umsturz zuzugehen«. Bei der Analyse der Wahlalternativen in der Weimarer Republik führt Trotzki aus, »wir Marxisten betrachten Brüning und Hitler samt Braun als verschiedene Teilelemente desselben Systems.

Die Frage, wer von ihnen das »kleinere Übel« ist, hat keinen Sinn, denn das System, das wir bekämpfen, benötigt all diese Elemente. Aber diese Elemente des Systems befinden sich augenblicklich im Zustand des Konflikts und die Partei des Proletariats muss diese Konflikte im Interesse der Revolution ausnützen«7. Hier fängt der russische Revolutionär mit einer analytischen Betrachtung im Sinne des »18. Brumaire« an, geht aber einen Schritt weiter, in dem er die Tat – das Ausnutzen der Situation – propagiert. Trotzki sieht Antifaschismus eben nicht als Verteidigung des bürgerlichen Status Quo vor noch größerem Übel.

Ist der Faschismus ein Bonapartismus?

Am 23. März 1933 stellt Trotzki die Frage nach einem österreichischen Bonapartismus. »Österreich macht eine Periode durch, die der Periode Brüning-Papen-Schleicher in Deutschland analog; eine Periode der halb-bonapartistischen Diktatur, die sich durch gegenseitige Neutralisierung des proletarischen und faschistischen Lagers hält. Wir geben auch für Österreich der Bezeichnung Bonapartismus den Vorzug als eine Benennung, die sehr klar die Physiognomie einer Regierung charakterisiert, die zwischen zwei unversöhnlichen Lagern laviert und in immer größeren Ausmaße gezwungen ist, die unter den Füßen schwindenden sozialen Stützpunkte durch den militärisch-polizeilichen Apparat zu ersetzen«8.

Der Bonapartismus in Österreich hätte aber, wie der in Deutschland, nur »episodischen Charakter« als kurzfristiges Regime zwischen dem Regime der Demokratie und dem Regime des Faschismus. In dieser Zeit würde eine Regierung, die über den Klassen herrsche, dieser Zeit ihren Stempel aufdrücken. Im Bonapartismus herrscht der Säbel als Schiedsrichter der jeweiligen Ordnung über die jeweilige Nation. »Der Säbel hat kein selbstständiges Programm… Er ist berufen zu sichern, was besteht«9. Der Säbel des Bonapartismus wie der Faschismus dient dem jeweils herrschenden Kapital. Für die damalige Zeit nimmt Trotzki an, dass dieses das Finanzkapital sei. »Der Faschismus an der Macht kann, wie der Bonapartismus, nur die Regierung des Finanzkapitals sein«10. Hier trifft er sich wieder mit der Dimitroff-Linie. Nach dieser ist  Faschismus »die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«.

Der Klassencharakter des Faschismus als Regimeform entspricht nicht der soziologischen Massenbasis des Faschismus. Der Bonapartismus wie der Faschismus sind folglich nur Instrumente, die sich aber in der Sphäre des Politischen ganz unterschiedlich äußern. Es gibt also eine Zäsur, wenn der Faschismus an die Macht kommt.

Der wesentliche Unterschied zu Dimitroff liegt in Trotzkis Ansicht, dass das Finanzkapital nicht in der Lage sei, sich eine Regierung nach Belieben zu schaffen, sondern dass jede nicht proletarische Regierung gezwungen wäre, diesem zu dienen. Der Faschismus zeichnet sich anders als der Bonapartismus durch noch blutigere Repression, eigene Massenorganisationen und Massenbasis, eine eigene Sozialdemagogie sowie den Hass und Terror der Kleinbürger auf das Proletariat aus. Der Bonapartismus ist hingegen der starke Staat als Schiedsrichter, der »letztendlich die beiden extremen Lager disziplinieren soll«11.

Besonders genau möchte Trotzki die Kategorien Bonapartismus und Faschismus aber auch nicht trennen. Er spricht sich immer wieder gegen starres Kategorisieren aus. So verwendet er für Faschismus den Begriff »Faschismus auf bonapartistischer Grundlage«, während die Regime von Giolitti und Brüning-Schleicher »Präventiv-Bonapartismus« seien, die Ausdruck des extrem labilen kurzlebigen Gleichgewichts zwischen den kämpfenden Klassen sind.

Ernest Mandel knüpft an Trotzkis Überlegungen an

Der wohl bedeutendste Trotzkist, nach dessen Tod war der Belgier Ernest Mandel. Er schrieb die Vorwörter der in (West-)Deutschland ab den 1960er Jahren wieder herausgegebenen Schriften Trotzkis. Mandel macht dort den Unterschied zwischen dem Faschismus auf der einen Seite und der »klassischen« Militärdiktatur bzw. Bonapartismus deutlich. Er vertieft noch einmal die Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen Trotzki und Thalheimer sowie Bauer.

In Mandels Vorwort zu »Schriften über Deutschland«, das später eigenständig publiziert wurde, wendet er Trotzkis Bonapartismus- und Faschismusüberlegungen auf die damalige BRD an. »Unter der Bedingung eines vorwiegend wohlhabenden und konservativen Kleinbürgertums fehlt einem Neofaschismus jede objektive Möglichkeit, sich eine breite Massenbasis zu erobern«. Satte Bürger schlagen sich nicht mit revolutionären Arbeitern oder radikalisierten Studenten auf der Straße, sondern rufen nach einer starken Polizei. Die Ausbildung einer faschistischen Bewegung oder eines Regimes in den Staaten des Westens hänge stark von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Ändere sich diese entscheidend in den »spätkapitalistischen Gesellschaften«, schlage erst das Pendel nach links. Wenn dann die Arbeiterbewegung versagt, hat die Rechte bzw. der Faschismus seine Chance. Vorher solle man sich von der noch nicht vorhandenen Gefahr nicht zu sehr faszinieren lassen.

Was bleibt?

Heute bilden in Europa die verschiedenen trotzkistischen Gruppen wahrscheinlich in der radikalen Linken die größte Gruppe bei denen, für die zumindest der Anfang der Sowjetunion noch ein positiver Bezugsrahmen ist. Zahlenmäßig sind die Trotzkisten aber nicht stark aufgrund ihres Leninismus, sondern weil sie im Rahmen ihres unermüdlichen, teils auch nervigen Agitierens immer präsent sind, als die ewigen Flugblattverteiler. Dabei lohnt sich auch heute noch die Beschäftigung mit Trotzkis Unterscheidung von Bonapartismus und Faschismus. Hinter einem neuen »Sicherheitsgesetz«, wie es andauernd in die innenpolitische Diskussion eingebracht werden, verbirgt sich nicht der neue Faschismus. Es reicht, das autoritäre Gesetz und die zugehörige Gesellschaftsvorstellung zurückzuweisen. Dasselbe gilt bei der Beurteilung autoritärer diktatorischer Regime in anderen Ländern. Nur weil in diesen Ländern Sozialisten, Demokraten oder Kommunisten blutig unterdrückt werden, verdienen die Regime nicht automatisch den Stempel Faschismus. Sie zu bekämpfen, als das was sie sind, blutige Diktaturen, die abgelöst gehören, reicht vollkommen aus.

Literatur:
• Trotzki, Leo (1971): »Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen? Auswahl aus »Schriften über Deutschland««. (Hrsg.) Helmut Dahmer. Europäische Verlagsanstalt. Frankfurt am Main
• Trotzki, Leo (1971): »Schriften über Deutschland«. (Hrsg.) Helmut Dahmer. Europäische Verlagsanstalt. Frankfurt am Main
• Wippermann; Wolfgang (1997): Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis Heute. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

 

  • 1. Trotzki, Leo (1971): »Schriften über Deutschland« S. 451
  • 2. Trotzki, Leo (1971): »Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen? Auswahl aus »Schriften über Deutschland« S. 18
  • 3. ebd. S. 18
  • 4. ebd. S. 19
  • 5. ebd. S. 56
  • 6. ebd. S. 56
  • 7. ebd. S. 60
  • 8. Trotzki, Leo (1971): »Schriften über Deutschland« S. 503
  • 9. ebd. S. 680
  • 10. ebd. S.680
  • 11. ebd. S. 682