Bolivien, 1980er Jahre: Stefano Delle Chiaie (hinten, mit dunkler Brille) und der neonazistische deutsche Söldner Joachim F. (ehemaliger spanischer Fremdenlegionär) in der Uniform von „Los Novios de la Muerte“ („Die Verbündeten des Todes“). Das paramilitärische „Todesschwadron“ wurde von dem NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie in Zusammenarbeit mit dem lokalen „narcotraficante“ Roberto Suarez gegründet. (Bild: Faksimile: Stuart Christie / ChristieBooks)
International | AIB 124 / 3.2019 | 16.12.2019

Stefano Delle Chiaie: Ein Neonazi-Komplize rechter Diktaturen

Der Twitter-Account des Watchblog „Anti-Fascism & Far Right“ verbreitete die Nachricht am 10. September 2019 als einer der Ersten: Stefano Delle Chiaie (82 Jahre), die „wohl wichtigste Figur“ des Neonazi-Terrorismus zwischen den 1960er und 1980er Jahren in Italien, ist am Tag zuvor gestorben. Aufgeführt wurden in dem kurzen Nachruf: Putschversuche in Italien, Mordanschläge auf Gegner des Franco-Regimes in Spanien, Militärputsche in Süd-Amerika und eine internationale Vernetzungsarbeit extrem rechter Organisationen.

Bereits 1984 untersuchte die englischsprachige Recherchebroschüre „Black Papers Nr. 1“, seinerzeit verlegt vom „Anarchy Magazine“, Delle Chiaies politischen Aktivitäten, die sich damals über zwei Kontinente und zwei Jahrzehnte erstreckten.1 Was da bereits über seine Karriere  bekannt war und was über die ex-nationalsozialistischen- und Junta-Kreise in Lateinamerika, Spanien und Griechenland vermutet wurde, traf in der Rückschau offenbar weitestgehend den Kern der Sache. Andere Bücher und Studien, die seine Karriere thematisierten, folgten.

Neonazi-Terror

Stefano Delle Chiaie, 1936 in Caserta geboren, gründete zusammen mit Pino Rauti das neofaschistische „Centri Studi Ordine Nuovo“. 1962 verließ er die Organisation, um seine eigene neofaschistische Gruppe - die „Avanguardia Nazionale“ - zu gründen. Die Gruppe galt als mitverantwortlich für eine Reihe von Bombenangriffen in Italien. Am 12. Dezember 1969 explodierte eine Bombe auf der Mailänder Piazza Fontana, 17 Menschen starben. Am 4. August 1974 explodierte eine Bombe im Schnellzug von Florenz nach Bologna, 12 Menschen starben. Als Stefano Delle Chiaie verdächtigt wurde, hinter den Attentaten zu stecken, floh er mit einem gefälschten Pass und einem „Aginter“-Presseausweis nach Spanien. Auch das verheerende Attentat von Bologna im Jahr 1980 mit 85 Toten wurde seiner Organisation zugerechnet.

Er spielte über Jahre eine wichtige Rolle in Italiens ‚anni di piombo‘ (Die bleiernen Jahre) in den 1960er bis 1980er Jahren, die von rechtem Terrorismus geprägt waren. 1974 lernte er in Madrid den chilenischen Machthaber General Augusto Pinochet auf der Begräbnisfeier von Spaniens Diktator Francisco Franco kennen. Bereits bei jenem Treffen soll ein Mordanschlag auf den Vorsitzenden der Sozialistischen Partei Chiles besprochen worden sein. Offenbar schien diese Begegnung so vielversprechend, dass sich Delle Chiaie nach Chile begab, wo er an der „Öffentlichkeitsarbeit“ des Diktators beteiligt war. Von dort aus fand er trotz seiner Haftbefehle Zuflucht in verschiedenen südamerikanischen Ländern. Nach siebzehn Jahren auf der Flucht und fünf Haftbefehlen gegen ihn u.a. - wegen Zugehörigkeit zu einer bewaffneten Gruppe und Komplizenschaft bei einem Massaker - wurde er 1987 in Caracas, Venezuela, verhaftet und nach Italien ausgeliefert. 1991 wurde er vom Vorwurf des Attentats auf der Piazza Fontana 1969 freigesprochen. Zu dem Anschlag von Bologna stellten die Richter fest, es gäbe keine Beweise für eine direkte Beteiligung (mehr). Delle Chiaie schrieb seine eigene Geschichte in dem Buch „L‘ aquila e il condor“ (Der Adler und der Kondor) als „Erinnerung an eine militante Politik“ nieder. Hier ist zu erfahren, dass er Ende der 1950er Jahre die kleine „Gruppi di Azione Rivoluzionari“ (GAR) gründete und bereits internationale Verbindungen, etwa mit dem Österreicher Konrad Windisch, dem Führer des neonazistischen „Kameradschaftsrings Nationaler Jugendverbände“ (KNJ), unterhielt.

Mit Joachim F. aus Eppstein (Taunus) wurde wegen des Bologna-Attentats 1983 auch ein 35-jähriger deutscher Neonazi verhaftet. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelte außerdem gegen ihn wegen Drogentransports in Bolivien, Anstiftung zum Drogenschmuggel in die USA sowie Misshandlung eines 17-jährigen Dienstmädchens. Die Neonazis der „Schwarzen Internationale“ hatten sich im „Bavaria“, der Kneipe des Deutschen in Santa Cruz (Bolivien) getroffen. Doch u.a. das Bundeskriminalamt soll sich für seine Freilassung ausgesprochen haben, da Joachim F., so damals die „Frankfurter Rundschau“, als V-Mann in Sachen Rauschgift tätig gewesen sei. Ähnlich glimpflich ging es auch stets für Delle Chiaie aus. Dank einer Konzession der Stadt Rom betrieb er nach seiner Rückkehr in Italien ein eigenes politisches Fernsehprogramm und seine Sendungen wurden von führenden VertreterInnen der extremen Rechten besucht.

Geheimdienste, Diktatoren, Drogen

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bilanzierte bereits 1985: „Der italienische Geheimdienst gehörte zu Delle Chiaies Förderern, wie auch die Militärdiktatoren in Chile, Bolivien oder Argentinien, die ihm und seinen Kumpanen bereitwillig Unterschlupf, Geld und Reisepässe zur Verfügung stellten.“ Chiaie war über sein politisches Netzwerk international an geheimdienstlichen Infiltrationsbemühungen und der Bekämpfung linker Bewegungen beteiligt. Bereits von 1962 bis 1964 war er für den „Servizio informazioni forze armate“, den damaligen italienischen Nachrichtendienst aktiv, dessen Aufgabe es auch war, in linke Strukturen einzudringen und diese zu zerschlagen.

Was antifaschistische Gruppen lange wussten und skandalisierten, fand in den letzten Jahren auch Eingang in die Wissenschaft und wird jetzt nach seinem Tod rezipiert. So das Buch eines Professors des „Middlebury Institute of International Studies“ mit dem Namen „The Darkest Sides of Politics“, welches verschiedene neofaschistische, paramilitärische und terroristische Gruppen der 1960er und 1970er Jahre in Europa und Lateinamerika untersucht und die „Manipulation“ von diesen durch die Sicherheitskräfte verschiedener Staaten, sowohl „autoritärer als auch demokratischer Natur“, schildert.

Die Aktivitäten von Delle Chiaie könnten Stoff für eine ganze Netflix-Serie bieten. Die meiste Zeit hatte er in Lateinamerika „gearbeitet“ und war Teil der sogenannten „Aginter Press“, gegründet während der Diktatur von António de Oliveira Salazar in Portugal. Diese Pseudo-Presseagentur machte sich als eine antikommunistische Söldnerorganisation mit Tochtergesellschaften in verschiedenen Ländern einen Namen. Delle Chiaie war, neben dem deutschen NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie, einer der Mitinitiatoren des sogenannten „Kokain-Coups“. Anfang der 1980er Jahre war Barbie zudem daran beteiligt, General Luis García Meza Tejada in Bolivien mit Hilfe von Drogenbaronen an die Macht zu bringen. Später arbeitete Delle Chiaie für dessen Regierung bei der „Ausbildung“ ihrer Soldaten. Klaus Barbie stand in Bolivien sowohl der Regierung von Hugo Banzer Suárez als auch der von Tejada als „Berater“ für die Umsetzung repressiver Maßnahmen zur Seite.

Delle Chiaie erklärte in einem Interview von 1983: „Als sich in Bolivien die Gelegenheit zu einer nationalen Revolution bot, waren wir daher da, um unsere Kameraden zu schulen. Wir waren weder Repressoren noch Narko-Terroristen, sondern politische Kämpfer.“2 Dieser Hingabe folgend war er beim Massaker von Ezeiza (Argentinien) am 20. Juni 1973 zumindest anwesend, traf sich 1975 mit einem chilenischen Agenten, um ein Attentat auf den chilenischen Christdemokraten Bernardo Leighton vorzubereiten und nahm 1976 an Operationen gegen Linke in Spanien teil.

Spätere Ermittlungen der spanischen Behörden zeigten, dass er sowohl für die politische Polizei von Pinochet, der „Dirección de Inteligencia Nacional“ (DINA), für die „Alianza Anticomunista Argentina“ (span., abgekürzt AAA oder Triple A), als auch für die Diktatur von Hugo Suárez in Bolivien gearbeitet hatte. Die AAA war eine regierungsnahe paramilitärische, extrem rechte und terroristische Gruppierung innerhalb des argentinischen Peronismus in den 1970er Jahren. Als sogenanntes Todesschwadron war sie für zahlreiche Entführungen, Anschläge, politische Morde und das „Verschwindenlassen“ von linken politischen Gegnern der Regierung verantwortlich.

Die Zeitschrift „Le Monde diplomatique“ beschrieb im Juli 1998 unter dem Titel „In the shadow of generals, hired killers and drug traffickers - Turkey’s pivotal role in the international drug trade“ von Treffen Chiaies mit dem türkischen Geheimdienst und dem rechten Terroristen Abdullah Çatlı in Lateinamerika und bei einem Besuch der „Grauen Wölfe“ im September 1982 in Miami. (Vgl. AIB Nr. 72: "Das Papst-Attentat. Mehr Fragen als Antworten") Die Beiden dürften sich gut verstanden haben. Abdullah Çatlı war ein verurteilter türkischer Geheimagent, Auftragskiller und ein Anführer der neofaschistischen „Grauen Wölfe“. Ab 1978 beteiligte er sich an tödlichen Terroraktionen gegen Linke in der Türkei, darunter das „Massaker von Bahçelievler“ und ein Bombenattentat vor der Istanbuler Universität. Angesetzt wurde er auch auf linke Kurd_innen. Sein Tod bei einem Autounfall offenbarte die Tiefe der staatlichen Mitschuld an organisierten Verbrechen, der sogenannte „Susurluk-Skandal“.

Bei einer Anhörung der parlamentarischen Untersuchungskommission von 1994 bis 2000 über den Terrorismus in Italien unter Leitung von Senator Giovanni Pellegrino im Jahr 1997 durfte Delle Chiaie selbstverständlich nicht fehlen. Dass er sich laut - mittlerweile „declassified“ - Dokumenten der CIA in Madrid mit einem chilenischen Agenten und einem Exil-Kubaner aus Miami traf, um mit Hilfe der französischen Geheimpolizei einen Mord(versuch) an einem chilenischen Christdemokraten am 6. Oktober 1975 zu planen, vervollständigt nur noch das bizarre Bild.3

Innenminister und „Schwarze Geister“

Aus diesem Milieu von Neofaschisten, Geheimdiensten und politischen Gewaltstrukturen hatte sich Delle Chiaie bis zu seinem Tod offenbar nicht gelöst. In einem Interview im Jahr 2014 behauptete er, mit jugendlichen SympathisantInnen über die Vorgänge in Syrien und der Ukraine zu sprechen4. Im Jahr 2017 ging sein Name durch die italienische Presse, als es um „Polizei-Informationen“ über den Forza Nuova-Funktionär und Mitgründer Roberto Fiore aus dem Jahr 2014 ging, wonach unter anderem Delle Chiaie (angeblich unter Anleitung von Geheimdiensten) eine Allianz zwischen den Neofaschisten der Casa Pound und der Lega Nord geschmiedet hätte. Der Journalist Giuseppe Scarpa zitierte in der „repubblica“ Ende 2017 einen Mitschnitt der Live-Stimme von Roberto Fiore, aus dem sich dessen Besorgnis über die Zusammenarbeit von Casa Pound, der „Miliz Italia“ und Stefano Delle Chiaie ergibt. Dieser hätte - hinter den Kulissen – mit Mario Borghezio von der Partei Lega am Vorabend des Aufstiegs von Matteo Salvini zum italienischen Innenminister eine Achse aufgebaut. Salvini war von Juni 2018 bis September 2019 immerhin Innenminister sowie stellvertretender Ministerpräsident Italiens und ist Parteisekretär der Lega. Ohne zu wissen, dass die Carabinieri mithörten, sprach Fiore am 26. September 2014 frei mit Alessio Costantini, Chef der „Forza Nuova“ in Rom. Costantini berichtet: „Delle Chiaie steht immer im Schatten (...) Aber er ist derjenige, der Kontakte in Rom hat und eine besondere Situation in Rom zwischen den verschiedenen Gruppen herbeiführen kann.“ Der Journalist Paolo Berizzi nannte ihn folgerichtig einen der „schwarzen Geister“ der dunklen Jahre der „Strategie der Spannungen“. Noch im März habe Delle Chiaie auf dem Blog seiner wieder neu aufgelegten „Avanguardia Nazionale“ selbst­sicher verkündet: „Die Unterdrückung beugt uns nicht.“

Personen wie Delle Chiaie bieten Stoff für spektakuläre Thesen. Wer den rechten Terrorismus - auf welche Weise und mit welchen Absichten - beeinflusste, darüber sind sich die Betroffenen, die politischen Machthaber, Gerichte und Historiker sicher nicht einig. Politisch bedeutsam ist für die (potentiell) Betroffenen der Neonazigewalt: Wenn es staatlich gewollt gewesen wäre, hätten viele Tote, Verletzte, Verschwundene, Folteropfer dieses extrem rechten Terrorismus schon Anfang der 1970er Jahre verhindert werden können.

An geheimdienstlich Beteiligten hat es in dieser Szene nie gemangelt. Rechter Terror wurde gedeckt, gesteuert, gefördert und beobachtet - aber nie zerschlagen. Dass Delle Chiaie von seiner gewaltsamen Historie unbehelligt seinen Lebensabend verbringen konnte, war da nur folgerichtig. Einen Hehl hat er aus seiner Mitverantwortung und der Rolle der Behörden nie gemacht. Auch in Deutschland wurde ein Interview mit ihm in einer Fernsehdokumentation des ZDF („Kennzeichen D“) von Egmont Koch und Oliver Schröm ausgestrahlt. Es ging in diesem Beitrag übrigens um die Kontakte der italienischen (Neo)Faschisten zur deutschen „Hans-Seidel-Stiftung“ (Rom) und zur CSU um Franz Josef Strauss.

  • 1. "Stefano Delle Chiaie: Portrait of a 'black' terrorist" von Stuart Christie, Black Papers No 1
  • 2. www.parlamento.it/773?shadow_organo=405513
  • 3. https://nsarchive2.gwu.edu//NSAEBB/NSAEBB8/nsaebb8.htm
  • 4. In einer Reportage der „La Gazzetta di Lucca“ hieß es: „Einmal pro Woche, donnerstags, organisieren er und seine Freunde Treffen für die Jüngsten: mit den ersten haben sie sich mit der Situation in der Ukraine beschäftigt, mit den zweiten mit Syrien und so weiter. Für jemanden wie ihn, der im Zuge seiner Flucht in Chile, Argentinien, Bolivien, Costa Rica, San Salvador - und schon gar nicht aus touristischen Gründen - Angola bereist und geblieben ist, ein schöner Schritt zurück.“