Rezensionen | AIB 98 / 1.2013 | 24.05.2013

Schulverweis für Andi!

Arbeitskreis Extremismusbegriff

Seit 2005 werden vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen die sogenannten »Andi-Comics« aus der Reihe »CoDex – Comic für Demokratie und gegen Extremismus« herausgegeben. Im Mittelpunkt der drei unterschiedlichen Ausgaben stehen die Schwerpunkte »Rechtsextremismus«, »Islamismus« und »Linksextremismus«. Diese sogenannten »Bildungscomics«, die sich als Handreichungen für den Schulunterricht primär an Schüler_innen und Lehrer_innen richten sollen, sind Bestandteil der sogenannten »Extremismus-Offensive«, welche unter der Leitung der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kris­tina Schröder, maßgeblich vorangetrieben wird.

Die »Extremismus-Offensive« zeichnet sich durch den krampfhaften Versuch aus, entlang der sogenannten »Extremismustheorie« »Rechtsextremismus« mit »Linksextremismus« weitgehend gleichzusetzen. Ein politisch wie wissenschaftlich umstrittenes Projekt, was an Absurdität kaum zu überbieten ist. Eindeutige und mehrfach belegte, weit verbreitete, fremdenfeindliche, antisemitische und demokratiegefährdende Einstellungen in der sogenannten »Mitte der Gesellschaft« werden dabei durchweg vernachlässigt und fatalerweise relativiert. 

Das Buch »Schulverweis für Andi« bietet eine gut verständliche, vielseitige und profunde Analyse des Diskurses zum Extremismusbegriff. Dabei werden nicht nur die »Andi-Comics« selbst analysiert. Im Buch wird herausgearbeitet, dass sich der Verfassungsschutz zunehmend und auf offensive Weise in den Bereich der politischen Bildungsarbeit hineindrängt. Dabei handelt es sich nicht nur in juristischer Hinsicht um einen handfesten Skandal. Diese offensive und selbstermächtigende Ausweitung der Befugnisse eines Geheimdienstes, wohlgemerkt einem institutionellen Bestandteil der exekutiven Staatsgewalt, zeugt darüber hinaus von einer bedenklichen demokratiegefährdenden Tendenz.

Den Autor_innen des AK Extremismusbegriff gelingt nicht nur eine überzeugende Zusammenführung von comic-theoretischen, juristischen und politikwissenschaftlichen Perspektiven auf den »Extremismus-Diskurs«, das Buch »Schulverweis für Andi« stellt darüber hinaus ein gelungenes Beispiel für ein notwendiges und wissenschaftlich reflektiertes antifaschistisches Engagement in der politischen Bildungsarbeit dar, welches das »Linksextremismus«-Verständnis von Verfassungsschutz, Schröder und Co. ins öffentliche Abseits stellt. 

Renzension: Philippe Greif (Dipl. Pol.) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

Arbeitskreis Extremismusbegriff:
Schulverweis für Andi!
Warum der Verfassungsschutz mit seiner Bildungsarbeit gegen Extremismus scheitert
UNRAST-Verlag, Münster, 2012
119 Seiten

Zum Weiterlesen:
Palandt, Ralf (2011): Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics; Verlag Archiv der Jugendkulturen, Berlin; 400 Seiten.