Braunzone | AIB 115 / 2.2017 | 22.09.2017

Schlagkräftige rechte Netzwerke in Marburg?

In Marburg fand am 29. April 2017 der Landeskongress der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" (JA) in Hessen statt. Ausgerichtet von der Burschenschaft Germania Marburg versuchten einige der Anwesenden, vermummt und zum Teil bewaffnet antifaschistische Recherchen gewaltsam zu unterbinden — und scheiterten grandios. Aber auch darüber hinaus stand das Treffen exemplarisch für das völkische Networking, welches die Burschen der Germania seit einigen Jahren betreiben.

Ein Gastbeitrag von stadt.land.volk.

Am 29. April 2017 begaben sich Antifaschist_innen in die Lutherstraße, wo sich die Burschenschaften Rheinfranken und Germania Marburg eine Einfahrt zu ihren benachbarten Anwesen teilen. Dass der JA Landeskongress hier stattfinden würde, konnte sehr bald bestätigt werden, nachdem wichtige Funktionsträger aus verschiedenen Gliederungen von AfD und JA anreisten und sich zum Verbindungshaus der Germania begaben.

Als Jan Nolte (Vorsitzender der JA-Hessen und Platz 4 für die Bundestagswahl) eintraf, attackierten laut Augenzeugenberichten drei Männer, vom Anwesen der Germania kommend, einen Fotografen, nicht ohne vorher noch Jan Nolte und seine Begleitung in Empfang zu nehmen. Einer von ihnen war der bekannte Neonazi Aktivist und Rheinfranke Lars R. Von den „Germanen“ schloss sich Philip Stein an, welcher von Torben Braga mit dem Fraktionsauto der thüringischen AfD an den Ort des Geschehens gebracht wurde. Laut antifaschistischer Recherchen waren Lars R. und eine unbekannte Person dabei mit Schlagstöcken bewaffnet. Der zweite Angriff ereignete sich wenig später, als Antifaschist_innen die weitere Anreise in der Lutherstraße dokumentierten und daraufhin von einer noch größeren Gruppe in Hemd, Krawatte und Sturmhauben angegriffen wurden. Sie stürmten den Antifaschist_innen hinterher und versuchten mehrfach, diese zu attackieren. Hierbei soll unter anderem Reizgas eingesetzt worden sein. Eine weitere Kamera ermöglichte es, die mutmaßlichen Beteiligten des zweiten Übergriffs zu identifizieren. So ist u.a. eine Bildserie von Personen aus der Angreifergruppe entstanden, während diese sich ihrer Vermummung entledigten. Bekannte Personen aus dieser Gruppe waren Philip Stein und Max Kolb. Kolb ist Sprecher der Burschenschaft Germania Marburg, Mitglied im Vorstand der JA-Hessen und war Kommunalwahlkandidat für die AfD Homberg.

Fadenscheinige Schuldabwehr

Trotz der umfassenden Bilderstrecken versuchen sich Burschenschaftler und AfD in ebenso umfassender wie fadenscheiniger Schuldabwehr. So behaupten sowohl die Burschenschaftler gegenüber der Polizei als auch Fabian Flecken (Vorstand der JA-Hessen) gegenüber der „Frankfurter Rundschau“, die Angegriffenen seien „auf das Gelände der Burschenschafter vorgedrungen“ und Burschen seien von „Antifa-Aktivisten“ attackiert und verletzt worden. Eine entsprechende Anzeige dazu sei bei der Polizei Marburg eingereicht worden. Nachdem anfänglich die  Antifaschist_innen im Fokus der Polizei standen, ermittelt die Polizei einem Artikel der „Oberhessischen Presse“ zufolge mittlerweile „in alle Richtungen“. Die Polizei beklagte zudem die mangelnde Kooperationsbereitschaft der angeblich Geschädigten. Bedauernswert ist in der Nachbetrachtung vor allem auch das Nichtverhalten der örtlichen Politik. Im Marburger Kreistag wurde am 12. Mai 2017, also kurz vor Veröffentlichung der antifaschistischen Recherchen, einstimmig eine Resolution der AfD-Fraktion angenommen. In dieser wird sich „gegen Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung“ ausgesprochen, ohne dass auf die Gewalttaten aus den Kreisen des AfD-Nachwuchses auf einer Parteiveranstaltung in Marburg eingegangen wird.
Anwesend war immerhin der Großteil des Landesverbands der JA, an relevanten Gesichtern neben Nolte und Flecken auch die drei stellvertretenden Vorsitzenden. Aus dem Vorstand der hessischen AfD war Andreas Lichert zugegen, mit Simon Büssing zudem der Vorsitzende des Marburger JA-Ortsverbandes, seit dem Kongress darüber hinaus Beisitzer im Landesvorstand der JA. Neben den Gastgebern der Burschenschaft Germania zeigten sich zudem mehrere Burschenschafter der Rheinfranken.
 
Handshake mit Neonazi

Der Neonazi-Aktivist Lars R. wurde vor Ort von Jan Nolte begrüßt, ein Handschlag ist fotografisch festgehalten. Burschenschaftler, rechte Aktivisten und ein bekannter Neonazis waren augenscheinlich in das aggressive Geschehen in der Lutherstraße mit eingebunden. Durch Lars R. und den rechten Autoren Benjamin Haasis zeigt sich exemplarisch, wie die Burschenschaft Rheinfranken ohne Berührungsängste Aktivisten der rechten Szene aufnimmt. Der „Blaue Narzisse“-Autor Benjamin Haasis erlangte vor einigen Monaten eine überregionale Bekanntheit, als in einer als „Rheinfranken-Leak“ publizierten Veröffentlichung Fotos von ihm und einem weiteren Rheinfranken auftauchten. Hier posierte er u.a. vor einer Hakenkreuzfahne und allerlei NS-Devotionalien.

Rechte Konsolidierung

Doch auch bei der Burschenschaft Germania lohnt ein genauer Blick. So wirft die Anwesenheit von Torben Braga und Philip Stein einige Fragen auf. Braga ist ehemaliger Sprecher der Deutschen Burschenschaft (DB), vor geraumer Zeit jedoch nach Thüringen gezogen. Dort ist er nun Beisitzer im Landesvorstand der AfD, noch dazu Pressesprecher und Referent im Landtag. Einer breiteren Öffenlichkeit wurde sein Gesicht bekannt, nachdem er gemeinsam mit Björn Höcke aus dem KZ Buchenwald verwiesen wurde. Nach Marburg reiste er an jenem Tag mit dem Fraktionsauto der AfD Thüringen. Aus diesem Auto heraus soll sich Philip Stein in die Situation des ersten Übergriffes begeben haben. Aus der Anwesenheit der Beiden lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit folgern, dass es bei dem Kongress um mehr ging als um die Konsolidierung der JA in Hessen. Dass wenige Tage später eine „Identitäre Bewegung Marburg“ ihre Gründung verkündete und ihre ersten Aktionen anscheinend in den selben Räumen vorbereitete, in denen auch der Kongress stattfand, bestärkt diese Vermutungen.

Philip Stein gilt als ein Nachwuchskader der rechten Szene mit einem Fokus auf außerparlamentarische Organisationen. Schon zu seiner Studienzeit in Marburg knüpfte er u.a. als Autor für die rechte Zeitung „Sezession“ Kontakte zu Vertretern der „Konservativen Revolution“. 2016 gründete er gemeinsam mit Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer die rechte Initiative „EinProzent“. Als Vorsitzender dieses Vereins aquiriert Stein Geld für rechte Strukturen und leistet Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit. So sprach er im Februar diesen Jahres bei PEGIDA und besuchte wenige Tage später die „Winterakademie“ des „Institut für Staatspolitik“ (IfS). Des weiteren gründete er im letzten Jahr den „Jung Europa“-Verlag. Dort verlegt und rezensiert er bisher vor allem französische Frühfaschisten bzw. Protagonisten der an diese anknüpfenden „Neuen Rechten“.

„Burschen heraus!“

Diese Agenda scheint auch die Burschenschaft Germania angenommen zu haben. Bis vor wenigen Jahren waren sie vor allem damit beschäftigt, die „Deutsche Burschenschaft“ mit inhaltlichen Veranstaltungen nach rechtsaußen zu treiben. Diese Phase der burschenschaftlichen Selbstgespräche mag bewusst zur Konsoliderung gedient haben, schließlich solle die existentielle Bedrohung des deutschen Volkes „grundiert, aus einer weltanschaulich gefestigten Bastion heraus“ abgewehrt werden, wie der rechte Publizist Götz Kubitschek bei seiner Rede auf dem Burschentag 2015 forderte. Gewichtiger scheinen jedoch die Potentiale, die sich mit AfD, PEGIDA und Co. ergeben haben. Innerhalb weniger Jahre sind Anknüpfungspunkte entstanden, von denen „jeder auf seinem Posten, jeder auf seine Weise — in der Freiheitsbewegung wirkt“, wie es der Germania Burschenschaftler und rechte Rap-Musiker („Komplott“) Patrick Bass in einem Interview für eine Website der „Identitären“ formulierte.

Der Fall der Burschenschaft Germania Marburg steht dabei exemplarisch für ganz ähnliche Entwicklungen um Burschenschaften, AfD und IB in anderen Städten.    

Kontakt: https://stadtlandvolk.noblogs.org

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