Der ehemalige Chef vom »Selbstschutz Deutschland« Mirko Appelt (rechts) auf einem NPD-Sommerfest am 4. August 2007 in Sangershausen
NS-Szene | AIB 87 / 2.2010 | 11.06.2010

Rote Teufel mit braunen Brüdern

Red Devils in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen

Die Mitgliedschaft von NPD-Funktionären oder ehemaligen »Blood and Honour«-Aktivisten im Rockermilieu sind keine Einzelfälle (siehe AIB 61 und AIB 65). Auch in einigen Chartern der »Red Devils« finden sich rechte Hooligans, Neonazi-Securitys und Kameradschaftsführer unter den Mitgliedern und Gästen.

Rocker Nachschub aus dem braunen Sumpf

Die »Red Devils«, als größter Hells Angels Supporter Club, eröffneten im Mai 2010 ihr 50. Charter in Grevesmühlen (Mecklenburg Vorpommern). Sie verstehen sich als sogenannter »Outlaw Motorcycle Club«, auch Onepercenter1 genannt, also dem kleinen Teil der Motoradfahrer, die sich selber als Rocker bzw. Outlaws mit eigenen Gesetzen verstehen und sich bewußt von den Wochenend-Bikern abgrenzen. Im Kampf um Marktanteile in der Grauzone zum kriminellen »Schattenkapitalismus« sowie der Tattoo-, Türsteher- und Kampfsportszene zementieren sie den Machtbereich der Hells Angels, stellen Gebietsansprüche gegenüber der Konkurrenz und fungieren als lokale Statthalter. Im Zuge des Wettrüstens der großen »Outlaw MCs« sprießen neue Supporter-Clubs wie Pilze aus dem Boden und andere Clubs werden übernommen. So sind auch in Niedersachsen zahlreiche neue Charter der »Red Devils« vor allem im Einflussbereich der »Hells Angels« Hannover entstanden.

In einem Milieu, in dem Vorstrafen wegen Körperverletzung als gute Visitenkarten gelten und unter Expansionsdrang ständig neue Mitglieder benötigt werden, sind auch Neonazis und rechte Hooligans willkommen. Diese fühlen sich ihrerseits zu hierarchischer Männerbündelei, Outlaw-Inszenierung und Gewaltfetischismus hingezogen. Kein Wunder, dass sich Neonazis auf den Partys in den Clubhäusern wohlfühlen und aus Kameraden »Member« bzw. »Brüder« wurden. Solche Mischszenen, welche den Neonazis in Kutte Prestigezuwachs und neue Geschäftsfelder versprechen und den Rockern neue gewalterfahrene Verstärkung sichert, bergen auch Spannungen. Öffentliche verbale Distanzierung von ehemaligen Neonazi-Aktivisten oder die Bandidos-Mitgliedschaft von NPD-Funktionären sorgen in der rechten Szene für Aufsehen. Die MCs hingegen versuchen eher ein »Nazi-Image« zu vermeiden, da Negativschlagzeilen für die Geschäfte schädlich sind.

Nachwuchs um jeden Preis...

Eine solche Image-Pflege wird bei einigen »Red Devils« Chartern offensichlich nicht besonders groß geschrieben. Hier scheint die Rekrutierung im Zweifel wichtiger zu sein als die Außenwirkung. Beispiele im Einflussbereich des Charter Hannover belegen diese Entwicklung: In Helmstedt dekorierten die »Red Devils« ihr Clubhaus mit einer »White Power«-Fahne und dem rassistischen NPD-Wahlplakat »Gute Heimreise«.

Fotos zeigen den Helmstedter »Sergeant at Arms« (zuständig für die Sicherheit im Club) mit SS-Totenkopf am Barret. In Seesen wurde Thomas Wipperich, bekannt als Betreiber der neonazistischen Szeneläden »Tap Out Store« (Seesen) und »Ragnarök Shop« (Halberstadt), Präsident des örtlichen »Red Devils« Charters. Auf der Tattoo-Convention der hannoverschen Hells Angels war er als Tätowierer samt Verkaufsstand präsent. Auch bei den 2009 gegründeten »Red Devils MC Wolfenbüttel« lässt sich sehen woher der Zuwachs der »Roten Teufel« kommt. Kaum einer der Mitglieder kommt aus der Bikerszene. Ihre »Lorbeeren« verdienten sie sich eher als Hooligans, Türsteher, Bodybuilder oder eben in der Neonazi- und Rechtsrockszene. Präsident ist hier der 33-jährige Micha M. Der Kampfsportler gehört der rechtsoffenen Hooligantruppe »Alte Kameraden« an und arbeitet als Sicherheitsfachkraft mit Waffensachkundenachweis. Fotos zeigen ihn bei einer Feier von Hooligans und Neonazis, darunter exponierte Personen wie Oliver Malina, dem  »Kameradschaftsführer« des Neonazimusiknetzwerkes  »Honour & Pride«.2

Dieser Kameradschaft und dem Charter Wolfenbüttel wird auch Dennis K. zugerechnet. Er ist Domaininhaber der Homepage der Devils in Wolfenbüttel. Fotos zeigen ihn im »Blood & Honour« Shirt oder im Kreise von Aktivisten aus dem lokalen Neonazi-Spektrum. Zu diesem zählt auch Mario B., der ebenfalls seine Neonazi-Shirts gegen die Kutte der Wolfenbütteler »Red Devils« tauschte. Seit Jahren ist er auf Neonazidemonstrationen oder in der Hooliganszene anzutreffen. Vom rechtsorientierten Fanclub des Eintracht Braunschweig namens »Fette Schweine/Hungerhaken« ist er zur rechten Hooligan-Truppe »Kategorie Braunschweig«3 gekommen.

Vom Neonazi-Ordnerdienst, über die Tür zum MC

Ähnliches ist beim Charter Salzwedel zu beobachten. Hier rekrutieren sich maßgebliche Teile des Clubs aus dem Kameradschaftsspektrum der »Freien Nationalisten Altmark West« (FNAW) bzw. dem ehemaligen Neonazi-Ordnerdienst »Selbstschutz Deutschland«. Bereits in den Jahren zuvor veranstalteten die FNAW ein »Schottenfest« auf dem Clubgelände der »Speedkings Altmark« bei dem Neonazi-Mannschaften im Schottenrock mit Kraftmeier-Spielen wie Tauziehen oder Baumstammwerfen gegeneinander antraten. Neben dem politischen Aktivismus und der Tätigkeit im »Selbstschutz Deutschland« arbeiteten zahlreiche Neonazis als Türsteher in der Region Salzwedel. Mit dabei die langgedienten Neonazis Kay Schweigel und Dennis S. Beide galten als preisgünstig und durchsetzungsfähig bzw. brutal und rechts.4

Ein erster Professionalisierungsversuch der rechten Türsteher-Szene erfolgte mit der Gründung der Firma »S&S Security«, die trotz des Klangnamens »SS-Security« ihre Aufträge auch bei Abi-Partys im nahen Wendland bekam. Offiziell war die Firma in Braunschweig auf eine unverfängliche Person eingetragen, aber Telefon- und Faxkontakt verwiesen auf den bekannten Dennis S. Die Kontakte der rechten altmärker Türsteher zum Hells Angels-Umfeld wurden erstmals bei einer »Fightnight« in Salzwedel deutlich, zu der im Juni 2008 der Freefighter, Kampfsportschulen-Betreiber und Hells-Angels Anwärter Marcel U. lud. Zu den Gästen zählten hier Mitglieder der FNAW inklusive des Neonazis Mirko Appelt als Chef vom »Selbstschutz Deutschland«, welcher mittlerweile ebenfalls Hells Angels-Anwärter ist.

Im Juni 2009 gründete sich das »Red Devils Charter Salzwedel«, zunächst unter der Führung eines Präsidenten, der nicht überregional als Neonazi verschrieen war. Aktueller Präsident ist jedoch Kay Schweigel, seine rechte Hand und »Sergeant at Arms« ist sein Weggefährte Dennis S. Ein Foto zeigt die beiden samt ihrem Charter auf einem Rockertreffen. Ganz offen trägt Präsident Schweigel unter der Kutte ein »White Power«-Keltenkreuz-Shirt. Nur zwei Monate vor offizieller Clubgründung war Schweigel zusammen mit Neonazis der FNAW bei einem Neonazi-Aufmarsch in Lüneburg anzutreffen. Die »S & S Security« ist mit Gründung des Salzwedeler Charters in der Sicherheitsfirma »Pro Guard Salzwedel« aufgegangen, die – ihrer Internetpräsenz zufolge – den Firmensitz auch im Clubhaus der »Red Devils« Salzwedel hat und deren Geschäftsführer Dennis S. ist.

Wie mit unliebsamer Konkurrenz umgegangen wird, zeigt ein Vorfall in Lüchow: Salzwedeler »Red Devils« attackierten Mitarbeiter eines Ordnerdienstes bei einem Rockkonzert und forderten diese auf, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. 

  • 1. Dieses wird in den Clubemblemen der vier großen Clubs und ihrer Supporter meist als eine 1% symbolisiert.
  • 2. Malina gilt als einer der erfolgreichsten Konzertorganisatoren der norddeutschen Neonaziszene, regelmäßig veranstaltet er Konzerte mit bis 800 Gästen.
  • 3. Auf Videos der »Fettenschweine« sind u.a. »Anti-Antifa« und andere extrem reche Symbole zu sehen.
  • 4. Der Ruf als Neonazis eilte diesen Securitys in der Region vorraus, immer wieder beschwerten sich alternative Jugendliche, dass ihnen aufgrund ihres Aussehen oder ihrer politischen Einstellung der Zugang zu Veranstaltungen verwehrt wurde.