Deutsche KFOR-Soldaten (Fallschirmjaeger) patroullieren in Prizren im Kosovo.
Geschichte | AIB 50 / 1.2000 | 21.03.2000

Reserve hat Ruh

Nun, da das Hamburger Institut für Sozialforschung die Wehrmachtsausstellung fürs Erste los ist, kann es sich ganz seiner eigentlichen Aufgabe widmen: Propaganda für die Berliner Republik und ihre Eliten zu machen.

Ein Gastbeitrag von Otto Köhler

Ostersamstag 1999. Vorsorglich hat Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping weitere Tornados zur Verfügung gestellt, die Luftangriffe können zum Osterfest verstärkt werden: Erstmals seit 1941 bombardiert die deutsche Luftwaffe wieder Jugoslawien. In Köln eröffnet die Bürgermeisterin Renate Canisius (SPD) am elften Tag des dritten deutschen Krieges eine Ausstellung : »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944«. Sie steckt das Gelände ab. Es sei »hier nicht der Ort«, klärt sie auf, die »in den Auseinandersetzungen im Kosovo gefällten Entscheidungen erneut zu erörtern«. Sie begründet vielmehr, warum sich die Bundeswehr am Krieg gegen Jugoslawien beteiligt und warum »wir alle Vertrauen in den Geist unserer Bundeswehr« haben sollten: »Erstmals« sei auch »unsere Bundeswehr« an dem Versuch beteiligt, »mit Waffengewalt eine Schneise zum Frieden zu schlagen«. Und sie verlangt von ihren Zuhörern, von denen nur wenige protestieren: »Lassen Sie uns auch in diesem Geiste des Schutzes der Menschenwürde die heute zu eröffnende Ausstellung betrachten.«

Aus einer zunächst lediglich als hausinterne Fotowand des Hamburger Instituts für Sozialforschung geplanten Dokumentation war Anfang 1995 eine große Ausstellung über den deutschen Vernichtungskrieg im Osten geworden. Ihre These vom verbrecherischen Charakter der Institution Wehrmacht war unter ernsthaften – es gibt genug andere - Historikern nicht mehr umstritten. Auch das Militärgeschichtliche Forschungsamt Freiburg, damals noch unter Manfred Messerschmidt, hatte sie in vielen seiner Bücher und Aufsätze längst bestätigt. Doch in der Öffentlichkeit bestand weiter das Bild von der sauberen Wehrmacht, das in den Jahrzehnten nach dem Krieg von den Memoiren der Generäle, den von Springer verbreiteten Schriften des ehemaligen NS-Propagandisten Paul Carrell (Unternehmen Barbarossa), den Landserheften und der Volksaufklärungstätigkeit der Bundeszentrale für Heimatdienst (heute: für politische Bildung) gepflegt wurde. Damit hat die von einem Team unter Hannes Heer gestaltete Wehrmachtsausstellung aufgeräumt. Ihren Erfolg aber verdankte sie dem CSU-Extremisten Peter Gauweiler, der in München alles, was rechts ist, gegen sie mobilisierte.

Die Ausstellung hat in diesem Lande aufgeklärt über etwas, was alle Welt weiß - nur bis dato eben die Deutschen nicht: dass die Wehrmacht eine verbrecherische Organisation war. Wie viele in diesemLand habe ich die Ausstellung, vor allem die Reaktion der Öffentlichkeit auf sie, bestaunt, die Tatsache, dass nahezu 900.000 Menschen sie in 34 Städten aufsuchten, diskutierten und endlich zu begreifen schienen, was die Wehrmacht war. Doch spätestens mit dem dritten deutschen Angriffskrieg in diesem Jahrhundert und dem nahezu synchronen künstlichen Koma, in das der Veranstalter, das Hamburger Institut für Sozialforschung, die Ausstellung durch ihre vorläufige Schließung versetzt hat, zeigt sich, welche List der historischen Unvernunft hinter ihr steckt(e). Denn geplant war sie nicht so, wie sie schließlich wahrgenommen worden ist. Ich hätte vorsichtig sein müssen, aber ich hatte, als ich im Frühjahr 1995 die Ausstellung zum ersten Mal sah, vergessen oder verdrängt, was ich im November zuvor erlebt hatte. Im Institut hatte es damals eine Ausstellung zu Ehren des schon vor Jahrzehnten aus der Emigration nach Hamburg zurückgekehrten, aber nie angekommenen 85jährigen Künstlers und Kritikers Arie Goral-Sternheim gegeben. Zu seiner Ehrung diskutierten der Institutsangestellte Wolfgang Kraushaar und sein Chef Jan-Phillipp Reemtsma die Frage »Gibt es nach 1989/90 noch eine Linke?« Sie waren sich einig, und Goral war entsetzt über diese Ehrung: Es war die Beerdigung des linken Projekts, das manche noch immer im Hamburger Institut für Sozialforschung verkörpert sehen.

Anderes war längst angelaufen: »Projekt 1995. Zivilisation und Barbarei, Zwischenbilanzen zu einer Gewaltgeschichtedes 20.Jahrhunderts«. Das Projekt sollte den Schlüssel dazu finden, »was im 20. fahrhundert falsch gelaufen« ist, und entdeckte Auschwitz, den Gulag und Hiroshima als »exemplarische Trias« der als »Rätsel« bezeichneten »Makroverbrechen«, denen nun eine »Makrotheorie« beikommen sollte (vgl. Karl Heinz Roth: Geschichtsrevisionismus. Konkret-Texte 19). Daraus ist nicht viel geworden, allenfalls zur Wiederauflage der altbewährten Totalitarismustheorie hat es gereicht. Wolfgang Kraushaar erforschte den »Bedeutungshof der Totalitarismustheorie« und verstand sich dabei als »Tabubrecher«: »Ich will die Totalitarismus-Theorie der 50er fahre nicht reaktivieren, aber ich will sie für neue Untersuchungen fruchtbar machen.« Seither fragt er, das ist eine anstrengende Beschäftigung, nach dem »libidinösen Kitt totalitärer Regime«. Inzwischen ist man im Institut beim »Geschichtstotalitarismus der französischen Revolution« von 1789 angekommen. Während die Untersuchungen der »Chiffren der Gewalt im 20. Jahrhundert« vor sich hindümpeln, war als Nebenprodukt des »Projekts 1995« die Ausstellung über den deutschen Vernichtungskrieg entstanden, die das Institut berühmt gemacht und in Westdeutschland die Legende von der sauberen Wehrmacht gekippt hat. Aber war die enorme öffentliche Resonanz auf ihre Wehrmachtskritiktatsächlich im Interesse der Beteiligten? Reemtsma zur »Welt«: »Das Schicksal dieser Ausstellung ist ihre öffentliche Aneignung. Die hat dazu geführt, dass vieles, was Wirkung der Ausstellung ist, ihr als Intention angerechnet wird.« Sein Institut war längst ein anderes geworden, mit anderen Intentionen. Es ist heute Think-Tank der rot-grünen Kriegskoalition, mit Mitarbeitern, die beflissen das Geschäft der Politikberatung erledigen und Propaganda für die Berliner Republik treiben. Und so schloss das Nein zur Wehrmacht ein Ja zum Krieg gegen Jugoslawien ein.

Am 27. April 1999 rief Wolfgang Kraushaar in der »taz« zur bedingungslosen Parteinahme auf:  Wer glaube, er könne sich hier - »bei einem gegen eine völlig wehrlose Zivilbevölkerung gerichteten Vertreibungskrieg« - neutral, friedensstiftend oder diplomatisch verhalten, der mache sich zum »Komplizen eines Massenmordregimes«. Enzensberger habe recht, wenn »er in der Militärintervention der Alliierten eine Art Existential der Bundesrepublik zu erkennen glaubt«. Und Heinz Bude, Leiter des Institutsbereichs »Politik und Gesellschaft der alten und neuen Bundesrepublik«, der mehr und mehr als eine Mischung von Anchorman und Schamane der Hamburger Politikberater von sich reden macht, hat gleich »Nach dem Krieg« , so die Überschrift seiner Betrachtung in der »Süddeutschen Zeitung« vom 14. Juni, Erwägungen über den kriegsbedingten »Stilwechsel in der Performanz« der »neuen Politikergeneration« angestellt. Bilanz: Wer sich für den Krieg einsetzte, hat gewonnen. Am meisten Rudolf Scharping, der »als Verteidigungsminister wohl den größten Glaubwürdigkeitsgewinn“ verbucht habe. Man nehme ihm, ab dass er »unsere Soldaten« - so Bude wörtlich – nicht leichtfertig aufs Spiel setzte: »Scharping trägt an der Last des Ältesten, der an Stelle des Vaters Sorge für seine Geschwister zu tragen hat. Das ist keine freudig gewählte Aufgabe, sondern eine Obligation natürlicher Vergemeinschaftung. Als psychodynamische Führungsfigur verkörpert Scharping die Transformation der großen patriarchalischen Brüderlichkeit in eine kleine, aber unnachgiebige Geschwisterlichkeit.«

Und so geht es mit den Geschwistern weiter. Der Flüchtlingsjäger Otto Schily »gewinnt Glaubwürdigkeit aus Undurchsichtigkeit und Uneindeutigkeit« und könne wie kein anderer in der jetzigen Regierung »partikularistische Interessenwahrung mit universalistischer Werteverpflichtung in Einklang« bringen. In Joschka Fischer »erfüllt sich ein Drama der Versöhnung«. Er sei der »Staatsmann seiner Generation geworden, in dessen Gesicht der Schmerz steht, der mit dem Abschied von dem schönsten Projekt der alten Bundesrepublik verbunden ist«. Und Gerhard Schröder sei »mit der Entscheidung für daserste militärische Engagement der Deutschen außerhalb des Landes, nach 1945« das »Kellerkind«, das »sich jetzt im Ernstfall bewähren« konnte. Bude hatte bereits vor der letzten Bundestagswahl eine »Generation Berlin« als »Vorbereitungsbegriff für den politischen Wechsel« ausgerufen. Die per Regierung in der gesamtdeutschen Republik angekommenen 68er brauchen intellektuelle Unterstützung, meint Bude, sie seien »angewiesen auf eine neue Generation von Stichwortgebern und Praxisvirtuosen, die ihnen die Impulse und Leitbegriffe liefern könne. Es wird viel davon abhängen, inwieweit die 68er auf der Vorderbühne die Chance ergreifen, die Generation auf der Hinterbühne für sich zu gewinnen. Voraussetzung dafür ist eine sensible Stichwortdurchlässigkeit des führenden Personals.«

Die Hinterbühne ist das Hamburger Institut für Sozialforschung. Es hat mit der Wehrmachtsausstellung - das ist die fürchterliche List der Unvernunft – die Wehrmacht historisch gemacht, zu einem Phänomen, mit dem die Bundeswehr nichts zu tun hat, die eben deshalb heute wieder Kriege führen darf, ja soll, nein muß. November 1999. In Berlin spricht ein Amtsgericht den 45jährigen Dozenten Dr. Wilfried Kerntke frei, der öffentlich alle am Kosovkrieg beteiligten Soldaten der Bundeswehr aufgefordert hatte, ihre Einsatzbefehle zu verweigern, sich von der Truppe zu entfernen und sich gegen den Krieg aufzulehnen. Zur gleichen Zeit verkündet Prof. Dr. Reemtsma in einem Vortragsraum seines Instituts vor der geladenen Presse ein - er spricht von mindestens drei Monaten - Moratorium der Wehmachtsausstellung und legt ein Sündenbekenntnis ab: »Es gibt handwerkliche Fehler, die hätten vermieden werden können, und es gibt Probleme des Materials, die man hätte in der Ausstellung auch besser spiegeln müssen.« Und es gebe einen nachgewachsenen Forschungsstand, der eingearbeitet werden müsse. Die Schließung der Ausstellung kam nicht von ungefähr. Eine Woche vor Reemtsmas Frontbegradigung hatte die »Zeit« auf der Titelseite gepredigt, »das archaische Bildverbot (Du sollst dir kein Bildnis machen!)« habe »schon etwas für sich« gehabt. Ihr Autor Leicht entschloß sich darum zu einem in seinen Augen nur »scheinbar unziemliche[n], fast skandalöse[n]«, in Wirklichkeit also völlig angebrachten Vergleich: »Als die A-Klasse einer bestimmten Automarke den 'Elchtest' nicht bestand, wollten die meisten Manager mit einzelnen Notgriffen flicken, zurechtfummeln, nachbessern - jedenfalls möglichst unverdrossen weitermachen, mit dem Kopf durch die Wand der Zweifel. Bis der Konzernchef einsam entschied: Schluss mit der ganzen Produktion, bis die Sache von Grund auf stimmt. Dieser Entscheid rettete alles.« Was gut ist für Daimler Chrysler, ist gut für die Wehrmachtsausstellung. Leichts Schlussfolgerung: »Die Ausstellung wird aus dem Verkehr gezogen. Bis sämtliche Bilder, die Verbrechen der Wehrmacht bezeugen sollen, unter Mitwirkungsämtlicher verfügbarer Experten auf den Kern jener Stücke reduziert worden sind, an  denen niemand mehr zweifelt.« Niemand? Auch nicht jene Historiker, die die Ausstellung von Anfang an zum Teufel gewünscht haben? Bis sie am Ende so aussieht, dass keiner mehr widerspricht? Eindeutsches Markenprodukt wie Mercedes? Vier Tage nach der Anregung aus dem Hamburger Pressehaus stoppte Reemtsma die Arbeiten an den notwendigen Korrekturen der Ausstellung, derennächste Station Braunschweig hätte sein sollen. Nach weiteren zwei Tagen, am Vorabend seiner Pressekonferenz, ließ er auch die Arbeiten für die geplante Präsentation in den USA einstellen. Dabei war er auf den Ausstellungsort New York besonders stolz gewesen. Manches war schon umgestaltet worden. Die große zentrale Installation der Ausstellung - das Eiserne Kreuz, auf dem die Mordbefehle und die Bilder von der Judenvernichtung angebracht waren - hatte verschwinden müssen. Es hätte zu Missverständnissen führen können. Schließlich wird das Eiserne Kreuz von der Bundeswehr weiter benutzt und soll auch wieder Kriegsorden für die kämpfende Truppe werden - so hatte es jedenfalls schon einen Monat nach Beginn des Kosovo-Krieges der ehemalige Generalinspekteur Klaus Naumann vorgeschlagen. Derselbe, der 1992 einen Bundeswehrauftrag zur »Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt« durchgesetzt hatte.

Doch Reemtsmas Verzicht auf das Eiserne Kreuz im fernen New York hatte nichts genutzt. Sechs Wochen bevor dort (am 2. Dezember) die Ausstellung hätte eröffnet werden sollen, war die Oktoberausgabe der »Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte« mit dem Aufsatz erschienen, vor dem Reemtsma und der Anfang November schließlich suspendierte Ausstellungsleiter Heer kapitulierten. Die »Vierteljahrshefte« werden vom Münchner Institut für Zeitgeschichte und dessen Chef Horst Möller herausgegeben. Zur Redaktion gehört der Zitel-Mann Manfred Kittel, Verfasser des Werkes »Die Legende von der Zweiten Schuld« (konkret 10/93). Möller war schon im Historikerstreit an Ernst Noltes Seite engagiert, und er hatte von Anfang an gegen die Wehrmachtsausstellung polemisiert. Jetzt aber konnte er mit einem Aufsatz des polnischen Historikers Bogdan Musial auftrumpfen, dem es tatsächlich gelang, falsche Beschriftungen einiger der knapp 1.500 Ausstellungsfotos nachzuweisen. Musial war wegen seiner schon früher vorgebrachten Kritik vom Reemtsma-Institut mit einer Klage überzogen worden. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, die vom ersten Tag ihres nunmehr fünfzigjährigen Bestehens an als »Stimme Deutschlands in der Welt«, den deutschen Soldaten verteidigt hat – am l. November 1949 war es der Verbrechergeneral Manstein - , machte ihre erste Seite mit den Vorwürfen Musials auf. Und konnte am nächsten Tag nachlegen mit einer weniger ernstzunehmenden Kritik, die der ungarische Historiker Kristian Ungvary gerade in »Geschichte in Wissenschaft und Unterricht«, dem Organ des Geschichtslehrerverbandes, veröffentlicht hatte. Sein erkenntnisleitendes Interesse offenbarte Ungvary in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: »Das ist eigentlich mein großer Vorwurf: ganz atypische Situationen werden als Alltagserscheinungen der Wehrmacht gezeigt, obwohl die Wehrmacht als Organisation im Ausland als eine der diszipliniertesten Organisationen bekannt ist.« Eine Tradition, die »FAZ«-Leser in der Bundeswehr wiedererkennen, denn: »Die Bundeswehr wurde von Offizieren der Wehrmacht aufgestellt, sie wurde in den ersten Jahren fast ausschließlich von Offizieren und Unteroffizieren der Wehrmacht geführt, ausgebildet und erzogen«, schreibt ein »FAZ«-Leser und fragt: »Sollen diese jetzt nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, aus der viel beschworenen Kameradschaft entlassen werden?« Thema verfehlt: Bezüge auf die Soldaten der Bundeswehr hatten die Ausstellungsmacher von Anfang an nicht im Sinn.

Hannes Heer erklärte schon im Juni 1995 in der »taz«, warum die Kontinuität der deutschen Militäreliten unberücksichtigt bleiben sollte: »Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Obwohl es auch innerhalb des Teams ganz starke Voten gab, mal zu zeigen, wie diese Wehrmachts-Generäle dann in die Bundeswehr gekommen sind. Aber da haben wir gesagt, dazu sind wir nicht in der Lage. Es hat sich also eine gewisse handwerkliche Bescheidenheit durchgesetzt.« Drei Tage vor der Moratoriumspressekonferenz nun hat Institutsmitarbeiter Klaus Naumann (nein, nicht der Ex-Generalinspekteur) dortselbst einen handwerklich hervorragenden Vortrag über die Kontinuität der Militäreliten gehalten, der keinerlei Zweifel ließ, wie die Wehrmachtsgeneräle die Bundeswehraufbauten. Naumann aber zog ein beruhigendes Fazit: Es sei doch alles gut gegangen, und die Bundeswehr habe heute eine prima demokratische Wehrverfassung. Mit dem neuen Krieg setzte folgerichtig eine vorsichtige Rehabilitierung des alten ein. Als die Wehrmachtsausstellung im Juni diesen Jahres nach Hamburg zurückkehrte, durfte der lokale CDU-Chef van Beust am Eingang eineTafel mit Zitaten des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (er hatte 1933 im Reichstag, widerstrebend natürlich, die Hand für Hitler gehoben) aufstellen, die die deutschen Soldaten durch Einbeziehung ihrer »seelischen Situation« und ihres »dauernden inneren Konfliktes« von der Mittäterschaft entbinden. Auch die Kölner SPD-Bürgermeisterin hat Anfang April sehr deutlich ausgesprochen, wozu im Zeichen des Krieges unserer Zivilgesellschaft die Ausstellung nicht mehr soll dienen können. »Meine Damen und Herren«, sagte sie, »es geht hier nicht um tausende braver Soldaten und Offiziere der ehemaligen Wehrmacht, die von einer verantwortungslosen Regierung unter einem verbrecherischen Diktator getäuscht wurden, als man ihnen sagte, sie müssten ihr Vaterland verteidigen, und die dann zu Werkzeugen eines Angriffskrieges wurden«. Es gehe auch nicht um das »unreflektierte Mitläufertum«, es gehe vielmehr »einzig und allein um jene Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der ehemaligen Wehrmacht, die ohne Not und auch ohne Skrupel an Greueltaten beteiligt waren«. Die ehemalige Wehrmacht?

Ohne Not und ohne Skrupel hat jedenfalls auch Ausstellungsleiter Heer den Taten der neuen Wehrmacht in Jugoslawien zugestimmt. Am 4.11. erklärte er in Hamburg: »Ich bin ein Befürworter der Intervention gewesen. Ich habe das auch geäußert im Rahmen der Öffnung der Ausstellung (in Köln, O.K.), und ich bin als Privatmann zufällig derselben Meinung wie die Bürgermeisterin. Und das war's.« Ob die Ausstellung ihr Moratorium überlebt, ist fraglich. Reemtsma auf der Pressekonferenz: »Den Ergebnissen dieses Moratoriums soll nicht vorgegriffen werden. Deshalb sage ich es so, wie es ist: Es ist eine offene Situation, Transparenz wird hergestellt sein. Über die Ergebnisse werden Sie unterrichtet. Ich werde vorweg über die Ergebnisse nicht spekulieren.« Das heißt: Wenn es die Ausstellung wieder gibt, werden nicht einfach Fehler beseitigt, das Thema wird ein anderes geworden sein. Samstag, 6. November 1999. Die »Welt« fragt Reemtsma: »Ist es denkbar, dass in der neuen Ausstellung auch die gegenseitige Verschränktheit der nazistischen und der kommunistischen Barbarei thematisiert wird?« Reemtsma antwortet: »Das kann ich mir sehr gut vorstellen.«

Der Gastbeitrag erschien in konkret 12/99 und wurde dem AIB vom Autor zum Nachdruck zur Verfügung gestellt.