Rezensionen | AIB 97 / 4.2012 | 25.02.2013

Reisen zu den Roma

Emmanuel Guibert, Alain Keler, Frédéric Lemencier

Der Comic »Reisen zu den Roma« verbindet erlebtes Erzählen, politische Analyse und künstlerische Darstellung zu einem nicht ganz runden, aber lesenswerten Ensemble. Als gezeichneter Cartoon nimmt der Fotograf Keler die Leser_innen mit auf eine Reise durch den Kosovo, Tschechien, Italien und Frankreich und zeigt ausschnitthaft, unter welchen Umständen und Gefahren Roma dort leben müssen. Neben Flüchtlingslagern, Ghettos und staatlichen Repressalien, begegnet der_die Leser_in auch einer Neonazidemonstration in Tschechien im Jahr 2008, der sich gegen die dort lebenden Roma richtete und brennenden Häusern, die in dem selben Kontext zu sehen sind. Neben das Foto des niedergebrannten Hauses einer Familie in Vitkov (Tschechien) stellt Keler die Fotos seiner in Auschwitz ermordeten Großeltern.

Durch die Nennung von Eigenammen real existierender Personen und Organisationen und durch die zahlreichen Fotos werden Authentifizierungsstrategien entwickelt, die jedoch immer wieder durch subjektive und wertende Kommentare des Erzählers und die Zeichnungen Guiberts durchbrochen werden. Es entsteht ein Mosaik aus bewegenden Bildern, persönlichen Erzählungen und sachlichen Kommentaren. Was dieses Mosaik aus Eindrücken nicht vermitteln kann, sind die Aussagen der Roma selbst, die nur durch ausgewählte Einzelpersonen zu Wort kommen, und tiefere Einblicke in die strukturellen Probleme, mit denen Roma überall zu kämpfen haben vermissen lassen. Nur teilweise werden diese durch das Vorwort und die angehängten Informationen nachgeholt.

Emmanuel Guibert, Alain Keler, Frédéric Lemencier
Reisen zu den Roma
Edition Modern Zürich, 2012, 88 S.; 25,- EUR
ISBN: 978-3-03731-090-8