Rezensionen | AIB 102 / 1.2014 | 15.05.2014

Rechtsextremismus der Mitte

Oliver Decker; Johannes Kiess; Elmar Brähler

Seit 2002 messen die „Mitte-Studien“ extrem rechte Einstellungen in der deutschen Bevölkerung und analysieren entsprechende Einflussfaktoren, wie etwa das Alter oder die Erwerbssituation, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen. Das letztere als Ausgangspunkt für extrem rechte Einstellungspotentiale gesehen werden müssen, verdeutlichen die Autoren in dem nun erschienenen Buch, das die Ergebnisse der Mitte-Studien der vergangenen zehn Jahre zusammenfasst, diese vor allem aber theoretisch unterfüttert und Tendenzen aufzeigt. Die vorerst letzte Untersuchung „Die Mitte im Umbruch“ aus dem Jahr 2012 fokussierte neben den immer wiederkehrenden sechs Items zu extrem rechten Einstellungen (Befürwortung einer rechts­au­to­ritären Diktatur, Chauvinismus, „Ausländer­feindlichkeit“, Antisemitismus, Sozialdar- winismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus) auf den sekundären Antisemitismus sowie die Islamfeindschaft, welche von einer menschenrechtsorientierten Religionskritik unterschieden wird. Beide würden sich nicht zufällig durch verhältnismäßig hohe Zustimmungswerte auszeichnen. Vielmehr postulieren die Autoren u.a. im Rückgriff auf Detlef Claussen einen „religiösen Untergrund“ der modernen kapitalistischen Gesellschaften, deren Heilserwartung sich auf ein ökonomisches Versprechen richte. Erweist dieses Versprechen Brüche, indem die dem Kapitalismus immanente Krise tatsächlich auch als Bedrohung gesehen wird, wirke sich dies auf antidemokratische Einstellungen aus. Diese seien demnach Produkte einer „missglückten Säkularisierung“. Das Buch zeigt auf Basis der Befragungen Zusammenhänge zwischen dem Legitimationsverlust der Parteien, Demokratiezufriedenheit, der zunehmenden Ökonomisierung und Entsolidarisierung in der Gesellschaft und einer sich stetig beschleunigenden Moderne auf. Nicht zuletzt verdeutlichen die Autoren, dass im Gegensatz zur Vorgängerstudie (Die Mitte in der Krise) die Wortwahl „Umbruch“ auf einen andauernden Prozess verweist, der als Fundament der gegenwärtigen Gesellschaft begriffen werden müsse.

Oliver Decker; Johannes Kiess; Elmar Brähler:
„Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose“
Psychosozial-Verlag, Gießen 2013, 227 Seiten, 19,90 Euro