Eine Gruppe von NSZ-Anhänger beim Gedenken in Ravensbrück 2018.
Geschichte | AIB 126 / 1.2020 | 28.04.2020

Ravensbrück: Umkämpftes Gedenken

2020 jährt sich die Befreiung vom NS-Faschismus zum 75. Mal. Geschichtspolitik im Nachfolgestaat des NS war immer, nicht erst angesichts des massiven Machtzuwachses der AfD, umkämpftes Terrain und hat Gedenkfeiern beeinflusst. Antifaschismus als Grundlage des Gedenkens und Mahnens, wie von den Überlebendenverbänden proklamiert, ist aus verschiedenen Gründen keine Selbstverständlichkeit (mehr). Antifaschist*innen kritisieren zunehmend: Leere Rituale, zumal wenn Akteur*innen teilnehmen, die bspw. den Holocaust negieren oder relativieren, oder verantwortungsleugnende Erinnerungsrituale für Angehörige von Tätergruppen. Der vorliegende Text befasst sich mit erinnerungspolitischen Konflikten in der Gedenkstätte Ravensbrück.

Maria Werner

In Ravensbrück hat es in den letzten zwei Jahren Kontroversen um Symbole der "Narodowe Siły Zbrojne" (NSZ, "Nationale Streitkräfte") gegeben. Diese aus dem faschistischen ONR ("Obóz Narodowo-Radykalny" – "Radikal Nationales Lager") der Zwischenkriegszeit hervorgegangene polnische militärische Formation hat während und noch nach dem 2. Weltkrieg u.a. polnische Juden und Kommunist*innen ermordet. Die Gruppe der polnischen Neofaschisten mit der NSZ-Fahne auf der Gedenkfeier 2018 umfasste zwar „nur“ etwa zehn Personen, war aber in eine größere Gruppe polnischer Teilnehmer gut integriert. Letztere bestand u.a. aus der Polnischen Katholischen Mission Berlin, dem Sportverein FC Polonia, dem Polnischen Staatsfernsehen (TVP), der polnischen Botschaft in Berlin und dem IPN Szczecin ("Instytut Pamięci Narodowej"/"Institut für das Nationale Gedenken").

Wie die Feier 2020 abläuft, ist schwer vorherzusagen. Es kann sein, dass sowohl die polnischen Neofaschist*innen stärker mobilisieren als auch, dass die rechtsnationalistische PiS mit ihren verbündeten Organisationen ihr exklusives Gedenken mit großem Pomp zelebrieren wird. Bislang ist die AfD in Ravensbrück nicht aufgetreten. Eine veränderte Politik wäre jedoch nicht verwunderlich - schließlich provoziert die AfD auch in anderen Gedenkstätten. Auch hat sie Verbindungen zu den polnischen Neofaschist*innen: So feierten AfD-Bundestagsabgeordnete im Herbst 2019 den Einzug des ultra-rechten Parteienbündnisses "Konfederacja Wolność i Niepodległość" ("Konföderation Freiheit und Unabhängigkeit") in das polnische Parlament mit diesen gemeinsam in Warschau.

Zum Hintergrund

Hinter dem Auftreten der NSZ in Ravensbrück steht eine politische Choreographie, die in der aktuellen polnischen Geschichtspolitik etabliert ist, wogegen polnische Antifa­schist*innen erheblichen Widerspruch einlegen. Die generelle Linie der polnischen Regierungspartei "Prawo i Sprawiedliwość" (PiS) konstruiert Polen als rein katholisches Land, das zwischen zwei Totalitarismen - dem deutschen Nationalsozialismus und dem kommunistischen Sowjetregime - aufgerieben werden sollte und diesen als erstes in Europa wirklichen Widerstand entgegen­gestellt hätte. In der PiS-Perspektive gibt es ausschließlich (christliche) Polen als Widerstandskämpfer oder Opfer. Die Shoah wird nicht geleugnet, jedoch eine Opferkonkurrenz betrieben. Zudem wird eine Mittäterschaft an der Ermordung polnischer Juden geleugnet oder bagatellisiert.

Kritische Forschungen oder Diskussionen zum Thema werden von Politiker*innen, den Staatsmedien und dem IPN attackiert. Darüber hinaus hat PiS eine ganze Reihe neuer Museen und Institute aufgebaut, die das Geschichtsbild der Regierungspartei transportieren sollen, z.B. das 2017 geschaf­fene "Pilecki-Institut", das seit September 2019 auch eine Niederlassung in Berlin hat.

Die Grenzen zwischen rechtsnationalistisch und neofaschistisch sind fließend. Ein Beispiel ist Dr. Wojciech Muszyński. Er arbeitet sowohl im IPN als auch als Mitarbeiter eines Beratergremiums, das Präsident Andrzej Duda Oppositionelle aus der Zeit der Volksrepublik für Auszeichnungen vorschlägt. Im Dezember 2019 äußerte er sich über die linke Oppositionspartei Razem dahingehend, dass man in Chile im Jahr 1973 die Mitglieder einer Partei wie Razem mit Hubschraubern über dem Ozean ins Meer geworfen hätte, 30 km vom Ufer entfernt.

Seit 2011 wurden weitreichende geschichtspolitische Initiativen angestoßen. So wird der 1. März als gesetzlicher Feiertag zu Ehren der Verstoßenen Soldaten, der "Żołnierze Wyklęci" begangen. Diese waren Mitglieder des antikommunistischen Untergrundes, die nach Kriegsende 1945 gegen die Regierung Volkspolens kämpften. Seit 2012 erhalten auch Veteranen der NSZ Ehrungen von höchster Staatsseite, zuletzt im Sommer 2019 durch Übernahme der Schirmherrschaft für die Ehrung einer NSZ-Brigade durch Duda.

Die Regierung erklärte 2011 auch den April zum Gedenkmonat für Ravensbrück. Auch dies zog Aktivitäten von Politikern nach sich: So war 2018 die Präsidentengattin Kornhauser-Duda bei der Befreiungsfeier anwesend, Ministerpräsident Morawiecki wollte, wie ein TVP-Reporter twitterte, am 27. Januar 2020 Ravensbrück besuchen, musste jedoch terminlich umdisponieren und gerüchteweise soll Duda zur 75. Jahresfeier anwesend sein. Das IPN veranstaltet sowohl zu den Verstoßenen Soldaten als auch zu Ravensbrück eine Vielzahl kultureller-historischer Events. Seit vielen Jahren organisiert es Schüler*innen-Wettbewerbe und sponsert den Gewinner*innen die Fahrt zur Gedenkfeier nach Ravensbrück. Aus diesem Grund werden 2020 wohl auch viele Schüler*innen aus ganz Polen vor Ort sein.

Dass die Orientierung auf ein NS-Gedanken exklusiv ist, zeigt u.a. die Tatsache, dass das IPN im Dezember 2019 der Stadt Szczecin geraten hat, die Bitte einer Angehörigen abzuweisen, die einen Stolperstein in Erinnerung an ihren ermordeten jüdischen Vater verlegen wollte. Die Begründung des IPN lautete, ein solcher Stolperstein könne zur Folge haben, dass Polen für die Ermordung der polnischen Juden verantwortlich gemacht werden. Der Empfehlung wurde gefolgt. Auf diese Art werden Gruppen wie bspw. die polnischen Juden aus dem öffentlichen Erinnern ausgegrenzt.

Neben der NSZ waren bei den Befreiungsfeiern 2018 in Ravensbrück auch folgenden Organisationen anwesend: Die "Organisation Polnische Werte" ("Polskie Wartości") aus Szczecin. Diese ist revisionistisch ausgerichtet und unterstützt unter dem Deckmantel karitativer Fürsorge notleidende „Landsleute“ in den Kresy, den ehemaligen polnischen Ostgebieten, heute zu Litauen, Belarus und der Ukraine zugehörig. Sie werben für die paramilitärische Nationalgarde ("Gwardia Narodowa", GN), die eine durch PiS 2017 legalisierte und durch Trainings durch die Armee unterstütze Bürgerwehr darstellt. Die GN war in Uniform ebenfalls bei der Feier 2018 in Ravensbrück.

Eine gesellschaftliche Scharnierfunktion für die PiS Regierungslinie stellen die Aktivitäten der "Polnischen Militärischen Mission Berlin" und des Sportvereins "FC Polonia Berlin" dar. Mitglieder des Vorstands des "FC Polonia" lassen sich mit T-Shirts ablichten, die die polnisch-ungarische Bruderschaft beschwört und sind auf Facebook mit den Budapest Ultra Hooligans vernetzt, die wiederum „Good night left side“ Buttons auf ihrer Seite abbilden.

Ein Akteur ist außerdem die "Stowarzyszenie Żołnierzy Narodowych Sił Zbrojnych" ("Verband der Soldaten der NSZ"). Für den Verband spricht Tomasz Dorosz, der bis Ende 2018 Vorsitzender des neofaschis­tischen ONR war und sich im Herbst 2019 für Konfederacja zur Wahl aufstellen ließ.

Komplexe Konstellationen

Bei der Gedenkfeier kommen verschiedene Ambivalenzen zusammen: Die an der Gedenkfeier teilnehmenden polnischen Über­lebenden und Nachkommen sowie weitere Menschen, die den ehemaligen polnischen Häftlingen im KZ Ravensbrück gedenken wollen, werden durch die nationalistische Politik der genannten Akteur­*innen instrumentalisiert.

Die polnischen Teilnehmer*innen, die sicherlich nicht alle mit der Regierungslinie einverstanden sind, haben eine vergleichs­weise große Präsenz. Denn Polinnen waren die zahlenmäßig größte Gruppe unter den Gefangenen. Ein Gedenken und ein Auseinandersetzen mit dem polnischen Widerstand in seinen verschiedenen Schattierungen sowie den verschiedenen Häftlingsgruppen – von christlichen Zwangs­arbeiterinnen zu polnischen Jüdinnen - ist jedoch in der deutschen Erinnerungspolitik unterrepräsentiert. Das macht es leicht, Kritik am aggressiven Auftreten der oben benannten Gruppen als „antipolnisch“ zu bezeichnen, wie es die polnische Botschaft 2018 tat.

Antifaschist*innen müssen sowohl das Leiden der Pol*innen in Ravensbrück stärker thematisieren als auch Kritik an allen Formen des exklusiven Erinnerns üben.
Sie sollten sich mit den gegenwärtigen Geschichtspolitiken vor dem Hintergrund der konkreten Orte wie Ravensbrück und den politischen Ambivalenzen und Fallstricken auseinandersetzen, um sich positioniert an Gedenkpraxen zu beteiligen und nicht instrumentalisieren zu lassen, um zu einem würdigen antifaschistischen Mahnen und Gedenken – auch jenseits von Gedenkfeiern beizutragen.