Opfer des rassistischen Attentäters in Christchurch (Bild: Screenshot von YouTube.com/ABC News)
International | AIB 122 / 1.2019 | 08.07.2019

Rassistisches Attentat in Christchurch/Neuseeland

Am 15. März 2019 drang ein 28-jähriger Australier in zwei Moscheen der neuseeländischen Stadt Christchurch ein, wo gerade die Freitagsgebete abgehalten wurden. Dort begann er auf die Menschen zu schießen: 50 Personen wurden getötet, mehrere Dutzend verletzt. Der Attentäter Brenton Tarrant streamte den Anschlag dabei live. Kurz zuvor hatte er eine Schrift mit dem Titel „The great replacement“ (Der große Austausch) über das US-amerikanische Online-Forum 8chan veröffentlicht und an die neuseeländische Premierministerin verschickt.

Aufgrund dieses Bekenntnisses wurde die Tat von den neuseeländischen Behörden sofort als rechtsextremer Terroranschlag eingeordnet. Die medial als „Manifest“ rezipierten 74 Seiten verdeutlichen die ideologischen Hintergründe des Täters, der sich darin selbst als Faschist, Öko-Faschist oder auch Ethno-Nationalist bezeichnet. Zentrale Fragmente extrem rechter Ideologie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schrift. Dabei stehen originär neurechte Ideologeme, etwa der sogenannte Ethnopluralismus, neben klar neonazistischen Inhalten, so die Rede vom „white genocide“ oder die „14 words“ des US-amerikanischen Neonazis David Lane, die mehrfach in abgewandelter Form zitiert werden.

Der Täter zeichnet ein rassistisch grundiertes Endzeit-Szenario, das durch Migration (“invaders”), aber auch eine vermeintliche mangelnde europäische Abwehrbereitschaft, Dekadenz sowie die vermeintlich niedrigen Geburtenraten in westlichen Gesellschaften bevorstehe. Dieses zentrale Narrativ, wie auch weitere Fragmente, etwa der Titel oder die Bezugnahme auf verschiedene historische Schlachten, die der Attentäter auf seine Waffen geschrieben hatte, haben wiederum deutliche Parallelen zu identitärer Propaganda. Laut dem “Manifest” habe sich Terrant auf Reisen u.a. in Europa in den vergangenen zwei Jahren radikalisiert und insbesondere von Anders Breivik “inspirieren” lassen, von dem er sich gar den “Segen” für seine “Mission” geholt haben will.In der Tat sind die zahlreichen Bezüge zum Diskurs der europäischen Rechten im “Manifest” auffällig. Sicherheitsbehörden in mehreren europäischen Ländern haben angekündigt, etwaige Kontakte des Attentäters zur lokalen Neonaziszene zu prüfen.

Nachdem am Tag des Anschlags zunächst weitere Personen festgenommen worden waren, geht die neuseeländische Polizei eine Woche nach dem Anschlag von einem „Einzeltäter“ aus. Ob Tarrant in direktem Kontakt zu anderen Neonazis gestanden hat, ist derzeit unklar.1 Nicht zuletzt am Duktus seines “Manifests” wird jedoch deutlich, dass er sich viel im Internet bewegt hat und andere User zu seiner Zielgruppe gehören.

Dass ein Teil der Internet- und Gamer-Szene, die stark männlich geprägt ist und rechtsaffine Züge aufweist dafür empfänglich ist, verdeutlichen etliche Kommentare im thread von 8chan während des Attentates, die Tarrant als Helden feiern. Gerade diese Form anonymisierter Kommunikation kann sicherlich als ein Merkmal von modernem Terrorismus angesehen werden. Austausch und Radikalisierung werden über extrem rechte Internetseiten, aber auch unmoderierte Foren wie 8chan ermöglicht. Gleichzeitig zielen die Attentate auch auf dieses Milieu, um eine gewalttätige Eskalation zu befeuern.

In seiner Schrift fordert Tarrant die “Männer des Westens” zu weiteren Anschlägen und Morden auf: „Make your plans, get training, form alliances, get equipped and then act. (…) Men of the West must be men once more.“ Laut Angaben von Facebook, auf dessen Streaming-Portal der Anschlag zu sehen war, wurden allein in den ersten 24 Stunden weltweit 1,5 Millionen Kopien des Videos hochgeladen und von dem Unternehmen wieder gelöscht. Während einige Medien bewusst auf die Reproduktion von Bildern aus dem Video verzichteten und ihre Berichterstattung auch den Opfern des Attentates widmeten, verbreitete die Bild-Zeitung auf ihrer Online-Präsenz sensationsheischend Teile des Videos sowie zahlreiche Screenshots. In Reaktion darauf sah sich der Deutsche Journalisten-Verband genötigt, in Sachen Presseethik Nachhilfe zu erteilen und stellte klar, dass das “Massaker-Video für Medien tabu” sei.

  • 1. Nachtrag: Am 5. Januar 2018 spendete er laut Medienberichten dem rechten Kader Martin Sellner (Leiter der "Identitären Bewegung" in Österreich) einen Geldbetrag von 1500 Euro. Außerdem hatten er und Martin Sellner danach mehrmaligen schriftlichen Kontakt, wobei sie sich gegenseitig Bier und Kaffee versprachen.