Lassana Cisse wurde im April 2019 auf einer Landstraße auf Malta ermordet. (Foto: Privat)
International | AIB 123 / 2.2019 | 03.08.2019

Rassistischer Mord auf Malta

Thomas Datt

Lassana Cisse lief am Abend des 6. April 2019 entlang der Landstraße, die das Flüchtlingslager Hal Far mit dem Nachbarort verbindet, um zu seiner Wohnung zu kommen. In der Gegenrichtung waren zwei Ghanaer unterwegs, die Fußball in einer Bar geschaut hatten. Auch sie wollten nach Hause. Der 42-jährige Cisse war vor vier Jahren von der Elfenbeinküste nach Malta geflohen. Wenn er nicht arbeitete, kümmerte er sich um die Neuankömmlinge im Flüchtlingslager. Die beiden Ghanaer waren erst vor kurzem aus Italien zugezogen, weil sie auf Malta Arbeit finden konnten. In der Dunkelheit fuhr ein Auto vorbei, verlangsamte seine Fahrt. Plötzlich fielen aus dem Wagen Schüsse. Einer traf Cisse in die linke Schläfe. Auch die beiden anderen Fußgänger wurden getroffen und verletzt. Als der zuständige Ermittler der Polizei eintraf, lag Cisse tot unter einer Plane. Er hatte Kopfhörer im Ohr, auf seinem Handy lief noch Musik.

Sechs Wochen später werden zwei Verdächtige festgenommen - beide Soldaten der maltesischen Streitkräfte. Der 22-jährige Lorin Scicluna arbeitete als Mechaniker beim Militär, sein 21-jähriger Freund Francesco Fenech, beide hatten sich in der Grundausbildung kennen gelernt, diente bei der Infanterie. Die Freundin Sciclunas sagte den Ermittlern, ihr Partner möge keine Einwanderer, weil sie Malta übernehmen wollten. Fenech erklärte in einer Vernehmung, er hasse Migranten nicht, sei aber dagegen, dass sie ins Land kommen. Er gab zu, dass sein Freund und er öfter in die Gegend des Flüchtlingslagers gefahren seien, um „Ausländer zu piesacken“. Ein Bekannter der beiden schilderte vor Gericht, wie sie zu dritt aus dem Auto heraus einen Migranten beleidigten. Als der Steine nach ihnen geworfen habe, seien sie ausgestiegen. Der Mann sei geflohen und sie hätten sein zurückgelassenes Fahrrad zerstört.

Erst nach dem Mord an Lassana Cisse wurde bekannt, dass auf derselben Straße schon im Februar ein junger Gambier angefahren worden war. Bewohner des Flüchtlingslagers fanden ihn in einer Blutlache und schleppten ihn zum Camp. Obwohl er schwer verletzt ins Krankenhaus kam, gab es zunächst offenbar keine Ermittlungen. Bis zu den tödlichen Schüssen zwei Monate später war das Opfer nie befragt worden. Dabei wäre der Mord möglicherweise zu verhindern gewesen, denn auch in diesem Fall sind die beiden Soldaten die Tatverdächtigen.

In den Vernehmungen räumte Scicluna ein, während des Mordes im Auto gesessen zu haben. Fenech schweigt zu den Vorwürfen. Die Tatwaffe gehörte Scicluna. Nach der Festnahme der beiden Soldaten kündigte die maltesische Armee interne Untersuchungen an. Eine Task Force soll aufklären, ob es sich um Taten zweier Einzelpersonen handelt oder ob es innerhalb der Streitkräfte größere Gruppen von Rassisten gibt. Maltas Regierungschef Joseph Muscat (Arbeitspartei) griff dem Ergebnis der erst angelaufenen Ermittlung schon mal vorweg, indem er feststellte: „Die Schlussfolgerung aus dieser Untersuchung zeigt, dass Malta ein sicherer Platz für jedermann ist …“.

Einen Aufschrei in der Bevölkerung löste der erste rassistische Mord, wie ihn maltesische Medien nennen, nicht aus. Das Land wirkt in der Migrations- und Flüchtlingsfrage tief gespalten. Den Weltoffenen, die darauf verweisen, dass eine kleine, rohstoffarme Insel wie Malta auf Zuwanderung angewiesen sei, stehen die gegenüber, die um den Verlust einer „weißen, christlichen Identität“ fürchten. Rassistische Einstellungen sind weit verbreitet - eine offene Auseinandersetzung darüber meiden sowohl die regierenden Sozialdemokraten als auch die oppositionellen Nationalisten. Oppositionsführer Adrian Delia behauptete, obdachlose Ausländer würden die maltesisch-christliche Identität gefährden. Regierungschef Joseph Muscat bekundete, er wolle, dass Malteser nur qualifizierte Stellen besetzten und Hilfsarbeiten in der Sonne von Ausländern erledigt würden.

Tatsächlich leisten vor allem Flüchtlinge einen Großteil der körperlich anstrengenden Arbeiten - meist zum niedrigen Mindestlohn von knapp 4,50 Euro. Früh um sechs warten an den Haltestellen viele junge Afrikaner und Afrikanerinnen auf die Busse, die sie zu den Baustellen, Restaurants und Supermärkten bringen. Diejenigen, die keine dauerhafte Stelle haben, postieren sich an einem Kreisverkehr in Marsa, wo Bauunternehmer Leute für Tagesjobs einsammeln.