Rezensionen | AIB 115 / 2.2017 | 21.07.2017

Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein

Kalpaka, Rätzel, Weber (Hg.)

1986 erschien die Erstauflage dieses längst zum Klassiker gewordenen Buchs. Damals neu war der, in der Regel ignorierte, Fokus auf Alltagsrassismus und institutionellem Rassismus. Besonderes Augenmerk legte das Buch auf die Arbeit im sozialen Bereich. Dort war und ist meist das Bewusstsein für den Widerspruch zwischen ‚gut gemeint’ und ‚gut’ kaum vorhanden, da die Arbeit ja ‚sozial’ ist, ergo nicht rassistisch sein kann. Die geringe Entwicklung seither macht die Notwendigkeit dieser Neuveröffentlichung aus. Frappierend ist, dass fast alle Themen seit der Erstveröffentlichung auch heute noch die Debatte bestimmen.

Die hervorragende Einleitung, die gekonnt und jenseits der oft polarisierten Auseinandersetzungen auf aktuelle Debatten wie z.B. um das Konzept ‚Rassismuskritik’ statt ‚Antirassismus’ oder ‚Critical Whiteness’ eingeht, ist allein schon den Kauf wert. Hier wird auch auf die unerquicklichen Evergreens hingewiesen, wie etwa ‚die Inte­gration’ als Voraussetzung des ‚Dazugehö­rens’. Bis heute fehlt bei den Integrationsredner_innen jeder belastbare Gedanke, was der Inhalt dieser Worthülse jenseits von beliebigen, willkürlich sich ändernden Forderungen zur Unterordnung und Anpassung sein soll.

In einer Endlosschleife geführt werden die inzwischen unzählbaren ‚Kopftuchdebatten’. Alle verlaufen entlang der ewig gleichen zwei Linien — zum einen der Linie patriarchale Unterwerfung bzw. Frauenrechte, zum anderen der Linie Ausdruckkultureller Identifikation. Dass diese Debatte ein Zeichen einer zutiefst rassistischen Gesellschaft ist, ist den wenigsten Beteiligten klar, weshalb der Untertitel ‚Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein’ das Grundproblem treffend charakterisiert.
In Zeiten der AfD erfreut sich das Pseudo­erklärungsmuster der ‚Ängste’, der ‚Abge­hängten’, ‚Marginalisierten’ oder sich davon ‚bedroht Fühlenden’ als Motor des Rassismus trotz aller gegenteiligen Untersuchungen, Forschungen und Statistiken nach wie vor weiter Verbreitung. Dass hier vielmehr Normalisierungspraxen, die Zurichtung durch Unterwerfung sowie dasHinterfragen der eigenen Versagungen und dem daraus erhofften Gewinn als Aggressions- und Rassismusquelle wirken, rüttelt dann doch ein wenig zu sehr an den Fundamenten, als dass eine breite Rezeption auch nach über 30 Jahren zu erwarten wäre.

Die Neuauflage wurde um eine Kritik antirassistischer Erziehungskonzepte von Klaus Holzkamp und einer Analyse zu institutionellem Rassismus als gesellschaftliche Form der Herrschaftssicherung von Ute Osterkamp erweitert. Da es den Umfang des Artikels sprengen würde auf diese sehr lesenswerten Beiträge einzugehen, ist also die Anschaffung unumgänglich. Denn das Buch bietet sowohl eine Basis rassismuskritischer Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen als auch antirassistischer Praxis. Die Kenntnis (eigener) rassistischer Muster helfen im Kampf gegen eine strukturell rassistische Gesellschaft und ‚gut gemeinte’, unbewusst paternalistische Verhaltensweisen, Ansätze und Konzepte zu reduzieren.

Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein

Annita Kalpaka, Nora Rätzel, Klaus Weber (Hg.), Texte kritische Psychologie 7,
Argument Verlag 2017, 314 Seiten, 13,- €