Othmar Toifl im Jahr 1934. (Bild: Kurt Daluege; Berlin Document Centre, wikimedia; Gemeinfrei)
Geschichte | AIB 121 / 4.2018 | 20.03.2019

Othmar Toifl: Spitzel gegen die Revolution

Vor genau 100 Jahren, am 9. November 1918, stürzte die Monarchie in Deutschland. Streiks und Proteste revoltierender Matrosen und großen Teilen der Arbeiterbewegung führten zur Novemberrevolution in der, neben Beendigung des Kriegs und Abschaffung der Monarchie, auch sozialistische Forderungen laut wurden. Schon früh versuchten konservative und antisozialistische Kreise daher, dieser Bewegung durch Spitzel und Denunzianten zu begegnen. Ausschreitungen sollten gezielt provoziert werden, um Legitimation für drakonische Polizei- und Militäraktionen zu liefern und damit die Bewegung als Ganzes zerschlagen zu können. Ein besonders eklatantes Beispiel für eine solche konterrevolutionäre Praxis waren die Tätigkeiten von Othmar Toifl. Toifl war der Prototyp eines Nachrichtenmannes. Sicherlich gehörte er zu den schillerndsten und skrupellosesten Agenten aus dem rechtsradikalen Milieu.

Bernnard Sauer

Überfälle

Toifl war in den Diensten der „Antibolschewistischen Liga“ und des Stabes der "Garde-Kavallerie-Schützendivision". Als deren Agent mischte er sich unter die Kommunisten, nach eigenen Angaben, um „Verbrechen“ aufzuklären. Er gewann sehr schnell das Vertrauen der Genossen. Besonders soll er sich mit dem Genossen Max Fichtmann „angefreundet“ haben, welcher eine Schankwirtschaft in der Jüdenstraße in Berlin besaß. Wiederholt wurde in der Schankwirtschaft darüber gesprochen, wie die Parteikasse „aufgefüllt“ werden könne. Zu diesem Zweck sollte eine geeignete Persönlichkeit „ausgehoben“ werden. Es wurde der Plan entwickelt,  den Diamantenhändler Orlowsky zu überfallen. Man verkleidete sich als Reichswehrpatrouille und Toifl verlangte die Herausgabe der Brieftasche. Orlowsky gab die Tasche her­aus in der Annahme, dass es sich um echte Reichswehrtruppen handele, die zu diesem Vorgehen berechtigt seien. Die Tasche enthielt ca. 2.000 Mark. „Gleich darauf“, so das spätere Urteil, „versetzte ihm ein anderer mit dem Gewehrkolben einen so heftigen Schlag über den Kopf, daß der Kolben teilweise zersplitterte. Orlowsky erreichte jedoch glücklich ein Haus an der Chaussee und wurde dort verbunden.“ Toifl erstattete sofort am nächsten Tag durch seinen Verbindungsmann Anzeige bei der Reichswehr. Das Gericht verurteilte Fichtmann im Oktober 1919 wegen versuchter räuberischer Erpressung zu einer Zuchthausstrafe von 12 Jahren. Gegen Toifl wurde keine Anklage erhoben. Er behauptete, dass er von den „Kommunisten gezwungen wurde, bei dem Ueberfall dabei zu sein. (…).“ Seine Aussagen blieben unbeeidigt.

Mord

Auch in einer Mordsache tauchte Toifl auf. Karl Blau besaß einen Mitgliedsausweis des Spartakusbundes und war während der Januarkämpfe 1919 in Berlin der Kommandant der revolutionären Besatzung der Büxenstein‘schen Druckerei und soll die Arbeiter aufgefordert haben, „bis zum letzten Blutstropfen gegen die Regierungstruppen zu kämpfen“. Doch Blau war auch ein Agent der „Antibolschewistischen Liga“ und betrieb ein Doppelspiel: Er lieferte auch den Kommunisten geheime Berichte und verlangte dafür eine entsprechende Entschädigung. Als die Kommunisten von der Spitzeltätigkeit Blau‘s erfuhren, beschlossen sie – so die Anklageschrift im Blau-Prozess – dessen Liquidierung. In Berlin besuchte Blau am Abend des 1. August 1919 eine kommunistische Versamm­lung. Schon auf der Versammlung wurde Blau von einem Teil der anwesenden Genossen zur Rede gestellt. Ein Trupp Kommunisten umringte Blau und bezichtigte ihn der Spitzelei. Die nächsten Stunden sind vor Gericht widersprüchlich. Fest steht nur, dass Blau ermordet wurde. Man hatte ihm Wein mit Morphium zu trinken gegeben. Als Blau eingeschlafen war, wurde ihm eine Schlinge um den Hals gelegt und zugezogen. Die Leiche wurde in eine Decke gehüllt, aus dem Haus gebracht und in den Landwehrkanal geworfen, aus dem sie dann am 7. August 1919 geborgen wurde. Und wieder tauchte Toifl im Umfeld dieses Vorganges auf.

Der Prozess selber dauerte vom 24. Juni bis zum 5. Juli 1920 und fand in der Öffentlichkeit reges Interesse. Von Seiten der Verteidigung wurde die Behauptung aufgestellt, dass die Lockspitzel der Polizei die eigentlichen Täter seien. Toifl stand im Verdacht, an der Tat beteiligt gewesen zu sein: „Man inszenierte ein Kesseltreiben; schob den Kommunisten den lästigen Blau hin, als Beute; man wollte ihnen die Ausführung eines Urteils überlassen, das man selbst gefällt hat. Dann hatte man zwei auf einen Schlag: man war den Blau los und hatte neue kommunistische Greuel!“.

Toifl wurde eingehend vernommen. Er beantragte Personenschutz, ansonsten aber bestritt er jedwede Tatbeteiligung. Zahlreiche Kommunisten behaupteten dagegen in den Verhandlungen, dass Toifl es gerade gewesen sei, der immer wieder versucht habe, die Genossen zu strafbaren Handlungen zu animieren. Eine Zeugin sagte aus, „er habe sich immer an die jungen Leute herangemacht und sie zu Gewalttaten aufgefordert“. Gegen Toifl wurde jedoch keine Anklage erhoben. Das Schwur­gericht verurteilte dagegen die anderen Beteiligten zu mehreren Jahren Zuchthaus.

Beide Prozesse machten die undurchsichtige Rolle von Toifl deutlich: Wenn es tatsächlich seine Aufgabe gewesen sein soll, Verbrechen aufzuklären, warum hat er nicht im Vorfeld versucht, diesen Überfall zu verhindern? Auffällig ist aber das massive Auftreten auch anderer Polizeispitzel. Warum haben diese nicht mit vereinten Kräften versucht, den Mord zu verhindern? Von den Polizeispitzeln erschien nicht einer vor Gericht. So blieb die Rolle der zahlreichen Agenten völlig im Dunkeln.

Agents Provocateurs

Festzuhalten ist, dass Toifl nur einer von hunderten bezahlten Spitzeln und Zuträgern war. Der Blau-Prozess hat offen gelegt, dass allein die Garde-Schützendivision 110 Agenten unterhielt. So ist wiederholt der Verdacht geäußert worden, dass Agenten der Garde-Kavallerie-Schützendivision im Anschluss an die große Protestdemonstration vom 5. Januar 1919 in Berlin die Druckerei des „Vorwärts“ und die großen Betriebe von Mosse, Ullstein, Scherl, Büxenstein und das Wolff’sche Telegrafenbüro besetzten. Die Besetzung der Zeitungshäuser war verhängnisvoll, sie lieferte auch den Vorwand für das brutale Eingreifen der Freikorps. Sind die Besetzer des Zeitungsviertels in eine Falle gelockt worden, um insgesamt gegen die Arbeiterbewegung vorgehen zu können?

Am 1. September 1930 trat Toifl der NSDAP bei (Mitglieds-Nr. 312782). Auch hier scheint er innerhalb der NSDAP seine Agententätigkeit weiter fortgeführt zu haben – diesmal für die NSDAP-Leitung gegen parteiinterne Abweichler. So berichtete der Leiter der SA Berlin-­Brandenburg und SS-Führer Kurt Daluege spätere Leiter der Gestapo, dass Toifl seit Juli 1931 für Heinrich Himmler und seit Oktober 1931 für ihn nachrichtendienstlich tätig gewesen sei. Toifl habe Daluege mit Informationen über Kommunisten, Sozialdemokraten und Zentrumsleute versorgt.

Nach der Machtübernahme habe Toifl begonnen Nachrichten über höhergestellte Persönlichkeiten der NSDAP zu sammeln. 1933 wurde Toifl bekannt und berüchtigt als Kommandant der SS-Mannschaft im Columbiahaus – eine der schlimms­ten Folterstätten, die die Nationalsozialisten nach 1933 errichtet hatten. In seinem Buch „Der SS-Staat“ schreibt Eugen Kogon, im Columbiahaus „wurden wohl die schlimmsten Greueltaten verübt, die sich menschliche Einbildung vorstellen kann1 und auch Diels berichtete über das Columbiahaus als einzigartige Folterstätte. „Die unzulänglichste Stätte war das Columbiahaus. Es übertraf an Systematik der Torturen die Marterhöhlen der SA. Es war eine völlig selbständige Domäne der SS. Erst allmählich drangen Gerüchte über den wahren Charakter dieser Unternehmung an unsere Ohren. Wie zum Symbol war ein Mann namens Toifl der ‚Leiter’. Er hatte sich durch nichts anderes als durch Eifer und Sadismus seine dominierende Stellung verschafft. (…)

Doch seine undurchsichtige Tätigkeit als Nachrichteninformant wurde ihm nun schnell zum Verhängnis. Während des sogenannten „Röhm-Putsches“ wurde Toifl erschossen. Die genauen Hintergründe und der Umfang seiner geheimdienstlichen Tätigkeiten sind bis heute unbekannt. Fest steht nur, dass Toifl über ein Jahrzehnt für die Gegner der Demokratie gespitzelt hatte und auch vor Mordkomplotten nicht zurückschreckte – bis er den neuen Herren schnell selber zu ungemütlich wurde.•

Die vollständige Version des Artikels auf der Homepage des Autors: http://www.bernhard-sauer-historiker.de/

  • 1. Zit. nach: Klaus Hübner, Das vergessene Gedenken. In: Der Tagesspiegel vom 28.12.2003.