Das Bandidos-Mitglied Peter Borchert (1 v.l.) am 1. Mai 2008 bei einem Neonaziaufmarsch in Hamburg.
NS-Szene | AIB 87 / 2.2010 | 11.06.2010

Neonazis und Rocker

Gemeinsamkeiten, Beziehungen und Doppelmitgliedschaften

Die Überstellung der Verbotsverfügung überraschte die Betroffenen. Am frühen Morgen des 29. Aprils 2010 standen Sondereinsatzkräfte der Polizei vor den Clubhäusern der »Hells Angels« in Flensburg und der »Bandidos« in Neumünster – vermummt und schwer bewaffnet. Ohne Vorwarnung hatte am 17. März ein »Hells Angel« in Ahnhausen bei einer Durchsuchung auf einen Polizisten  geschossen. Diesmal fiel kein Schuss. Die Beamten konnten ungestört die Clubzeichen an den Häusern entfernen.

Andreas Speit

Erst vor wenigen Monaten hatten die »Bandidos« in Neumünster ihr Clubhaus eröffnet und ihr Logo angebracht: Einen Mexikaner mit Sombrero auf dem Kopf, in den Händen Pistole und Machete. Als angeblicher Hausherr galt Peter Borchert (vgl. AIB 85). Die Verbotsverfügung des schleswig-holsteinischen Innenministeriums nahm Borchert als Vize der »Bandidos« aber nicht in Empfang. Der ehemalige NPD-Landesvorsitzende und Vorbild der neonazistischen »Aktionsgruppe Kiel« (vgl. AIB 84) saß da schon wieder in Haft. Am frühen Morgen des 27. April 2010 hatten Beamte die Wohnung von Bochert gestürmt. Verdacht: Mit mehreren »Bandidos« soll er am 13. Januar 2010 zwei »Hells Angels« in einem Schnellrestaurant in Neumünster niedergestochen haben. Bereits zehn Jahre hat der 36-Jährige wegen eines Tötungsdelikts und mehrfachem Waffenhandel in Gefängnissen verbracht.

In Neumünster waren für den drahtigen »Kerl« die Wege kurz. Keine zehn Minuten lagen das Neonazizentrum »Club 88« und das örtliche Quartier der Rockergang »Bandidos« in der Kummerfelder Straße auseinander. In beiden Häusern war er willkommen. »Ist er Rechtsextremer oder Rocker?« Mit einem Lächeln überlegte er im Flur des Hamburger Landgerichts und sagte: »Vielleicht verstehe ich mich als Revolutionär. Nein, als Revolteur gegen die bürgerliche Ordnung«. In der Haft, erzählte er am 4. Mai kurz vor einer Verurteilung wegen Körperverletzung und Beleidigung, hätte er viel gelesen. Gern hebt er hervor: auch Autoren der »Konservativen Revolution«, einer extrem rechten Geistesströmung der 1920er-Jahre. Hier will einer nicht bloß als brutaler Krimineller erscheinen. Seinen Werdegang möchte er auch als »antibürgerlichen Lebensstil« verstanden wissen.

Beziehungen zwischen Neonazis und Rockern finden sich seit Jahren immer wieder. Vor allem im Türsteher- und Security-Geschäft begegnen sich beide Szenen. Aus gegenseitiger Achtung zwischen Rocker-Chef und Neonazi-Kader des jeweiligen Ortes könne eine Zusammenarbeit entstehen, beobachten Insider. Nicht Respekt sondern Geld ist für die Sicherheitsbehörden der Hauptgrund für die Neonazi-Rocker-Verbindungen. »Die haben sich zusammengeschlossen, um aus dem Schutz der Gruppe heraus kriminelle Geschäfte zu betreiben«, sagt Stefan Jung vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. Man zähle die »Bandidos« der organisierten Kriminalität zu. Ihre Einnahmequellen: Drogenhandel, Waffengeschäfte, Schutzgelderpressung und Prostitution. Das bestätigt auch ein Sprecher des Landeskriminalamts Bayern: »Im Bereich der Rockerkriminalität fallen hier vor allem die Bandidos auf«.

Die Weste der »Bandidos« trägt auch Sascha Roßmüller, stellvertretender NPD-Landesvorsitzender in Bayern und Mitarbeiter der NPD-Fraktion in Sachsen. Eine Aufnahme auf der Website der »Bandidos Regensburg« zeigt den 37-Jährigen, den rechten Arm um einen anderen Rocker gelegt und die linke Hand zur Pistole geformt. Längst hat Roßmüllers »Bandido«-Mitgliedschaft in der Neonaziszene Debatten ausgelöst. Schließlich tritt gerade die NPD gerne als Vorkämpferin gegen Kriminalität auf. Auf dem Neonazi-Szeneportal »Altermedia« pöbeln die Kommentatoren, was ein NPD-Kader bei einer Bande »aus kriminellen Türken und Arabern« zu suchen habe. Hintergrund: Die »Bandidos« stehen im Ruf in der Regel eher Einwanderer und Migranten aufzunehmen als die »Hells Angels«. Holger Apfel, NPD-Fraktionschef der sich in Sachsen gern als bürgerlicher Nationaldemokrat gibt, verteidigt den »engagiert kämpfenden Parteifreund«. Für den bayrischen NPD-Geschäftsführer Axel Michaelis ist die Mitgliedschaft bei einem Rockerclub sowieso bloß »reine Privatsache«. Lange wollte Roßmüller selbst nichts zu seiner »Privatsache« sagen.

Die Vorwürfe brachen aber nicht ab. So erklärte er Tage später: »Ich bin kein eindimensionaler Apparatschik, mich gibt’s auch als Privatmensch«. Der multikulturelle Touch der Bandidos störe ihn nicht: »Ich hatte auch mal einen Türken als Fußballkameraden«. Von kriminellen Aktivitäten der Rockergruppe will er aber »nichts wissen«, betont stattdessen  »hinsichtlich Zusammengehörigkeit, (...) Couragiertheit und intellektuellem Niveau in bester Gesellschaft« zu sein. Dieses Urteil, so der stämmige Bartträger weiter, könne er »über viele politische Gremien oder gar Parlamente leider nicht fällen«.

Wie viele »Borcherts« und »Roßmüllers« sich im Rockermilieu umtun, weiß niemand. »Uns sind einzelne Kontakte von Rechtsextremen und Rockern bekannt«, erklärt eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums und verweist auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei. In dieser hieß es 2008, dass das Ministerium trotz »vereinzelter bestehender Kontakte« von keiner »nachhaltigen Politisierung der Rocker« ausgeht. Allzu viel wissen die deutschen Sicherheitsbehörden aber nicht über das Miteinander von Rechten und Rockern, weil »Hells Angels« oder »Bandidos« beispielsweise gar nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Das Ministerium erklärt warum: Bei den Rockergruppen lägen keine ausreichenden Anhaltspunkte vor, dass sie gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung  operierten.

In Neumünster trägt Borcherts »Kumpel« Alexander Hardt auch die schwarzen Weste mit dem Logo der »Bandidos«. Er kommt ebenso von rechts. An der Produktion des Rechtsrock-Projekts »Kommando Freisler« war Hardt zusammen mit dem NPD-Bundesvorstandsmitglied Thorsten Heise beteiligt. In Neumünster wirkt er bei der »Aktionsgruppe« mit. Über das Internet bot der Rocker und Neonazi einen »Polenschlüssel« an. Unter der umgangssprachlichen Bezeichnung wird ein Generalschlüssel verstanden, der von Autodieben benutzt wird. Als Büroanschrift diente Hardt der »Club 88«. Über seine Einkünfte möchte Borchert wenig reden. Er sagt nur, seit seiner Ausbildung in der Jugendhaft zum Metallbauer keine geregelte Anstellung mehr ausgeübt zu haben.

»Bei allen Differenzen finden sich im Gruppenverhalten der Rockerclubs Positionen die Rechtsextremen entgegenkommen«, sagt Rena Kenzo, Mitgründerin des »Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus«. Sie verweist auf Hierarchien, Probezeiten, Rituale und Ehrenkodizes der geschlossenen Rockergemeinschaften, die es so ähnlich auch in rechtsextremen Gruppen gebe. Dazu komme noch der Charakter eines Bundes durchtrainierter und gewaltbereiter Männer, für die Frauen nur als Beiwerk oder auszubeutende Subjekte vorhanden seien. Auch der Hang zu Waffen, als Mittel und Fetisch, dürfte nicht vergessen werden, sagt Kenzo weiter. »Eine Pistole, die Macht, das hat natürlich etwas... «, betonte Borchert selbst im Gerichtsflur. 

Das Geschäft geht vor der Politik, meint Jung vom LKA. Die »Schwarze Schar MC« scheint beides offen vereinen zu wollen. In Gägelow kaufte sich die »Schwarze Schar« ein Clubheim. Dem Betreiber Philip Schlaffer gehörte in Wismar zuvor der Neonazi-Szeneladen »Werwolf-Shop« (vgl. AIB 73 & AIB 75). Auf ihrer Website erklären die Rocker ihre Namenswahl: Die »Schwarze Schar« war ein »Freikorps« während der napoleonischen Kriege. Vollmitglied kann laut Website nur werden, wer einen Chopper mit mindestens 800ccm besitzt und sich zu »seiner deutschen Herkunft« bekennt.