Antifa | AIB 106 / 1.2015 | 28.05.2015

Neonazis morden — auch in Baden-Württemberg

Der Arbeitskreis „Unvergessen —­ Opfer rechter Gewalt in Baden-Württemberg“ dokumentiert rechte Mordfälle in Baden-Württemberg und stellt darüber hinaus Verdachtsfälle von Morden mit möglichem rechten Hintergrund dar. Bei einer Kategorisierung von Morden als rechts motiviert, muss das entscheidende Kriterium das Tatmotiv selbst sein. Faktoren wie die politische Selbstverortung der TäterInnen, eine nachweisbare Einbindung in die organisierte extreme Rechte, rechte Tätowierungen, der Konsum rechter Musik oder ein entsprechendes Profil in sozialen Netzwerken im Internet sind lediglich Indizien für ein solches Tatmotiv. Ein Fehlen dieser Hinweise bzw. deren fehlender Nachweis bedeutet nicht, dass das Motiv ein unpolitisches ist. Besonders fatal ist, wenn Aussagen der TäterInnen vor Gericht über ihre Motive ignoriert werden und die Taten mit einem Verweis auf Alkohol oder den fehlenden Beweis einer Einbindung in die rechte Szene entpolitisiert werden. Deswegen müssen solche Fälle auch von unabhängiger Seite geprüft, bewertet und dokumentiert werden. Eine Fall-Sammlung sollte bereits vor 1990 ansetzen, weil es in Westdeutschland bereits vor Vereinigung von BRD und DDR zu rechten Morden kam. Vor dem Jahr 1990 wurden mindestens zwei Menschen in Baden-Württemberg Opfer rechter Gewalt.

Rechtsmotivierte Morde vor 1990

In einem Fall wurde Martin Katschker (17) am 29. August 1970 in Konstanz aus sozialdarwinistischen Motiven von Hans Obser ermordet. Die Tat ging als „Gammlermord“ in die Lokalgeschichte ein. Der Täter verstand sich als Mitglied einer „Bürgerwehr“ und wollte „aufräumen“. Er hielt sein Opfer für einen „Gammler“, eine Gruppe, gegen die der damalige Bürgermeister von Konstanz, die regionale Tageszeitung und die NPD-Stadtratsfraktion Stimmung geschürt hatten. In einem weiteren Fall erschlugen Mitglieder der rechten Motorrad-Bande „Stander Greif“ in Gündelbach (Kreis Ludwigsburg) in der Neujahrsnacht von 1981 auf 1982 den türkischstämmigen Arbeiter Sydi Battal Koparan. Der „Stander Greif“ galt als eine Nachfolgegruppe der verbotenen „Wehrsportgruppe Hoffmann“.

Rechtsmotivierte Morde nach 1990

Ab 1990 wurden in Baden-Württemberg mindestens sieben Menschen Opfer rechter Gewalt. Davon waren fünf Opfer aus rassistischen und drei aus sonstigen Motiven. Zu den Todesopfern rechter Gewalt aus sonstigen Motiven gehören zwei vergessene und ein bundesweit bekannter Fall. Nach einem Bundesliga-Basketballspiel am 21. Oktober 1990 in Ludwigsburg griffen rechte Skinheads eine Fan-Gruppe des SSV Ulm auf dem Ludwigsburger Bahnhof an. Dabei warfen sie Molotow-Cocktails in die am Bahnsteig stehende Menge, die daraufhin die Flucht ergriff. Einer der Flüchtenden war der 23-jährige Ulmer Fan Eberhard Arnold. Dieser stürzte vor eine einfahrende S-Bahn und starb. Am 19. Juli 1996 wurde Werner Weickum (44) am Bahnhof von Eppingen (Landkreis Heilbronn) von einer zehnköpfigen Neonazi-Jugendbande überfallen, ausgeraubt und zu Tode geprügelt. Die Polizistin Michèle Kiesewetter (24) wurde am 25. April 2007 in Heilbronn von Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ erschossen. Die Hintergründe und eine mögliche Tatbeteiligung weiterer Personen sind bis heute ungeklärt. Fünf rechte Morde waren offenkundig rassistisch motiviert. In der Nacht zum 16. Juni 1991 wurde der Angolaner Agostinho Comboio (34) vor einer Kneipe in Friedrichshafen von dem Neonazi-Skinhead Mario Radovanovic aus Ravensburg erstochen. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1992 zog eine siebenköpfige Gruppe von Rechten in Ostfildern-Kemnat bei Esslingen zu einem von jugoslawischen Arbeitern bewohnten Containerheim. Drei Täter warteten vor dem Gebäude, die anderen drangen in das Haus ein und erschlugen den schlafenden Kosovo-Albaner Sadri Berisha (56). Der Spätaussiedler Arthur Lampel wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. September 2001 bei einem Fest in Bräunlingen (Kreis Schwarzwald-Baar-Heuberg) vom Wortführer einer rechten Skinhead-Clique tödlich verletzt. In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2003 erstach in Heidenheim an der Brenz der 17-jährige Neonazi Leonhard Sch. die drei Spätaussiedlerjugendlichen Viktor Filimonovim (15), Waldemar Ickert (16) und Aleksander Schleicher (17). Am 26. November 2005 wurde Tim Maier (20) in Bad Buchau (Kreis Biberach) von dem 24-jährigen ehemaligen NPD-Mitglied Achim M. erstochen. Als er mit Freunden ein Lokal verließ, wurde die Gruppe von Neonazis verfolgt und als „Scheiß Ausländer“ beschimpft.

Verdachtsfälle thematisieren 

Über die genannten zehn relativ eindeutig rechts motivierten Morde hinaus gibt es zwölf weitere Morde, in denen ein rechtes Motiv eine Rolle gespielt haben könnte. Von diesen zwölf Fällen ist je ein Mord mutmaßlich sozialdarwinistisch, einer homophob, zwei anderweitig motiviert und acht sind mutmaßlich rassistisch motiviert gewesen. Ein Verdachtsfall aus der Zeit vor 1990 ist der Mord an Kiomars Javadi. Am 19. August 1987 wurde der 20-jährige iranische Flüchtling Kiomars Javadi in Tübingen nach einem vermeintlichen Diebstahl von Angestellten eines Supermarktes festgehalten und misshandelt. Der 18-jährige Lehrling Andreas U. hatte ihn für 18 Minuten in einen Würgegriff genommen. Laut Gerichtsmedizinern war Kiomars bereits nach vier bis sechs Minuten tot. Der Mord an der Antifaschistin Kerstin Winter am 22. Januar 1993 durch eine Paketbombe in Freiburg hinterließ bei vielen große Fragezeichen. Zwar präsentierte die Polizei mit einem Ex-Freund Winters einen Tatverdächtigen, der 1994 auf Grund von Indizien-Beweisen verurteilt wurde, doch blieben Zweifel an dessen Schuld.  Am 16. März 1994 brannte durch eine möglicherweise rassistisch motivierte Brandstiftung das fünfstöckige Haus Geißstraße 7 in der Stuttgarter Altstadt. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben und 16 wurden verletzt. Es starben eine 24-jährige Deutsche und deren zweijährige Tochter, eine 27-jährige schwangere Türkin und deren vierjährige Tochter sowie ein 60-jähriger Kroate und seine 55-jährige Ehefrau. Eine 57-jährige Jugoslawin verfehlte das Sprungtuch und stürzte in den Tod. Am 30. Juni 1995 wurde ein 25-jähriger Deutscher bei einer offenbar rassistisch motivierten Brandlegung in Esslingen festgenommen, der auch die Tat in Stuttgart gestand. Laut Medien handelte es sich um einen psychisch kranken Einzelgänger, der durch rechte Äußerungen auffiel. Im Januar 2005 traten in Stuttgart zwei 16-jährige einen Obdachlosen zu Tode. Die beiden Täter gestanden vor Gericht ihre Tat, konnten oder wollten aber kein Motiv angeben. Am 8. Mai 2010 wurde ein 30-jähriger homosexueller Mann bei einer Autobahnraststätte in Magstadt (Landkreis Böblingen) von einem 56-jährigen Frührentner aus Esslingen durch einen Kopfschuss von hinten ermordet. Tatort war ein Schwulentreffpunkt. Der verurteilte Täter ist ein offenbar heterosexueller Mann, der sich nach Medienberichten in den 1990er Jahren mit dem HI-Virus angesteckt haben soll. Der polizeiliche Fallanalytiker, der ein Täter-Profil anlegte, ging davon aus, dass der Angeklagte aus Hass auf Homosexuelle mordete.

Bei weiteren, auch jüngeren Fällen bleibt ein möglicher rechter Hintergrund ungeklärt. So soll beispielsweise der Tatverdächtige eines brutalen Mordes an einem Rentnerehepaar 2014 in Albstadt (Zollernalbkreis) im März 2014 der Reichsbürger-Szene angehört haben. Falls das zutreffen sollte, bleibt unklar, ob die Tat etwas mit der politischen Ideologie des Täters zu tun hat.

Die Erinnerung an die Opfer und das Bewusstsein für die Gefahr stärken!  

Von den ermittelten 22 sicheren oder möglichen Opfern rechter Gewalt in Baden-Württemberg waren die meisten Opfer von Rassismus. Damit hat der Rassismus seine tödliche „Qualität“ auch in Baden-Württemberg bewiesen. Eine unabhängige Recherche ohne Ressourcen und öffentlichen Auftrag stößt schnell an ihre Grenzen. Sie kann die Fälle eher darstellen und in Erinnerung rufen, als neue Fakten ermitteln. Auch das ist wichtig, denn an die meisten Todesopfer rechter Gewalt in Baden-Württemberg wird unzureichend oder gar nicht erinnert. Das Projekt „Unvergessen — Opfer rechter Gewalt in Baden-Württemberg“ hofft durch seine Dokumentation eindeutiger und möglicher Fälle rechts motivierter Morde in Baden-Württemberg sowohl an die Opfer zu erinnern, als auch auf die tödliche Gefahr aufmerksam zu machen, die extrem rechter Ideologie innewohnt. Denn die TäterInnen haben menschenverachtende Einstellungen verinnerlicht, die in Teilen der Gesellschaft weit verbreitet sind: Rassismus, Homo- und Transphobie, Antiziganismus, Antisemitismus oder Sozialdarwinismus.  Ziel ist es auch ein würdiges Gedenken zu etablieren, in Form von Jahrestagen, Gedenktafeln, Straßen und Platz-Benennungen. Nach Aufdeckung der NSU-Mordserie gerieten auch alte und ungeklärte Fälle wieder auf den Prüfstand. Dazu sollen bundesweit 746 versuchte und vollendete Tötungsdelikte zwischen 1990 und 2011 erneut unter die Lupe genommen werden. Davon gelten 120 als aufgeklärt und 626 als unaufgeklärt. Nach Bundesländern verteilt, nimmt Baden-Württemberg mit 261 neu aufgerollten bzw. 216 ungelösten Fällen, denen möglicherweise rechte Motive zu Grunde liegen, einen Spitzenrang ein, während Sachsen lediglich zwei Fälle neu untersuchen lassen will. Grund für die ungleiche Verteilung dürften unterschiedliche Kriterien oder die unterschiedliche Motivation der Behörden sein, sich solchen alten Fällen zu widmen. Interessant wird, ob diese Fälle und ihre Bewertung durch die Behörden einer kritischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, so dass es möglich ist, sich ein unabhängiges Bild zu machen.