Die Angeklagten v.l.n.r.: Felix Budin, Wilhelm Christian Anderle, Gottfried Küssel | Foto: Martin Juen
NS-Szene | AIB 98 / 1.2013 | 05.05.2013

Neonazis, Makerspaces, Nerds

Im Januar 2013 wurden die österreichischen Neonazis Gottfried Küssel, Felix Budin und Wilhelm Christian Anderle zu mehrjährigen Haftstrafen wegen neonazistischer »Wiederbetätigung« verurteilt.1 Sie waren angeklagt, die neonazistische Website alpen-donau.info (ADI) und ein daran angeschlossenes Forum (alinfodo.com) betrieben zu haben. Im Laufe des Prozesses fiel ein Name immer wieder: Robert Marquardt

Emil Meyer

Ein »stiller« Ausstieg der keiner ist…

Marquardt betrieb einen Server auf dem neben rund 50 neonazistischen Websites auch ADI und das Forum gehostet wurden. Darüber hinaus hat er die Domain ADI und alinfodo.com registrieren lassen und bezahlt. Auch ist er zusammen mit Anderle Mitbegründer und Betreiber des Anonymsierungsdienstleisters »Perfect Privacy«. Eigentlich sollte Marquardt im Prozessverlauf an einer Videobefragung teilnehmen, dies verweigerte er jedoch und schwieg beharrlich zu den dargelegten Sachverhalten. Lange war er Vorsitzender des Hamburger Makerspace2 »Attraktor e.V.« und verkehrt(e) ohne Probleme in Hacker- und Makerkreisen. Auch die Tatsache, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Volksverhetzung ermittelt scheint die Communities rund um den Hackerspace nicht besonders zum Nachdenken und Handeln anzuregen.

https://www.robert-marquardt.com

Zur Person Robert Marquardts gab es bereits einige Veröffentlichungen3, die allen Interessierten sehr detailreich deutlich gemacht haben sollten, wessen Geistes Kind hier am Werke ist. So war er nicht nur Mitglied auf skadi.net, als das »Nationale Forum« mit dieser Seite fusionierte, sondern wurde auch gleich als Mitglied im »Nationalsozialisten Privatforum« (NSPF) auf skadi.net aufgenommen. Nach Marquardts Meinung wurde das NSPF »speziell für die NS'ler eingerichtet um Themen geschlossen besprechen zu können«. Im Mai 2005 gründete er das »Forum Großdeutsches Vaterland« als Abspaltung von »Skadi« mit: ein Forum »exklusiv für Nationalsozialisten und Sympathisanten des Nationalsozialismus«. Konsequent schließt der sich auf grossdeutsches-vaterland.net ebenfalls »Patria« nennende Marquardt, seine Hauptfeinde aus: »Juden, Negern sowie Mischlingen ist die Mitgliedschaft untersagt.« Als sich thiazi.net 2007 von skadi.net abspaltete, unterstützte Marquardt die »Thiazi«-ModeratorInnen, indem er ihnen den Umgang mit verschlüsselter Kommunikation beibrachte und Jabber-Accounts auf seinem eigenen Server einrichtete. 2009 ging ADI nach dem Vorbild der deutschen Sektion von »Altermedia« online. Im Forum von »Perfect Privacy« schreibt Marquardt unter dem Pseudonym »Patrick« in der »Plauderecke«: »Zugriff auf die PP Server haben alle Administratoren, die auch regelmäßig einen Blick auf die Konfiguration werfen und damit gewährleisten, dass nicht geloggt wird.«

Eine Tatsache, die neben allen anderen Fakten gerade in der Hacker_innenszene offensichtlich lange nicht ernsthaft wahrgenommen wurde, ist die, dass Marquardt nach wie vor den Anonymisierungsdienst »perfect-privacy« anbietet. Ein florierendes Geschäft, zumal Aktive des »Attraktor e.V.« und des Hamburger Chaos Computer Clubs seinen Dienst anpriesen.4

Zu späte "Konsequenzen"…

Im Zuge der Auseinandersetzungen rund um die Veröffentlichungen gab es zwar eine Stellungsnahme vom »Attraktor e.V.«5, dieser stellte sich allerdings hinter Marquardt und behauptete gar, er sei ein Aussteiger aus der rechten Szene. Auch die einstimmige Wiederwahl Marquardts zum Vorstand machte deutlich, wie die Vereinsmitglieder zu den recherchierten Tatsachen standen. Einige wenige (inzwischen ehemalige) Nutzer_innen des »Attraktor e.V.« zogen die richtigen Konsequenzen. So verließ neben dem »AK Vorratsdatenspeicherung«6 auch der Chaos Computer Club (CCC)7 die Räume und fror die Gelder für die Miete des Hamburger CCC ein. Als aktive Mietervereine im Makerspace »Attraktor e.V.« verblieben damit nur noch die »Sportsfreunde der Sperrtechnik – Deutschland e.V.« und der »Attraktor e.V.« selbst. Aus internen Quellen war bekannt geworden, dass die Mietsituation zu einem Problem werden könnte: Die Räume in der City Nord kosten an Miete mehrere tausend Euro im Monat, eigentlich zu viel für die verbleibenden Mieter. Wäre da nicht u.a. Robert Marquardt gewesen der dem Attraktor e.V. mit beträchtlichen Eigenmitteln unter die Arme griff. Kein Wunder also, dass er dort auf eine solch starke Unterstützung setzen konnte. Anfang April 2013 wurde ein neuer Attraktor e.V. Vorstand gewählt."Nach über zweijähriger Tätigkeit war das bestehende Vorstands-Team nicht zu einer Wiederwahl angetreten." hieß es in einer Meldung auf dem Vereinsblog. 8Nach einer konsequenten Distanzierung klingt das eher nicht.

29c3 – Nazis not in any department

Zum Glück sind aber nicht alle an Technik Interessierten nach rechts offen, wie die FreundInnen Marquardts. Ein Workshop auf dem CCC-Kongress 29c3/2013 zu Neonazis in Hacker/ Maker-Spaces, der von Hamburger Antifas und einer linken Tech-Gruppe organisiert wurde, war mit rund 100 Teilnehmenden sehr gut besucht. Die anschließende Diskussion zeigte auf, dass es durchaus eine große Anzahl an Menschen gibt, die weder für das Verhalten des »Attraktor e.V.« noch für deren Unterstützung Verständnis haben und sich eine klare Trennung wünschen würden. Auch wurde deutlich, dass der Großteil der Anwesenden sich eine klare antifaschistische Grundhaltung von Hackerspaces wünscht. Die UnterstützerInnen Marquardts versuchten derweil, das Problem auf ein Kommunikationsdefizit zwischen »Antifa« und »Attraktor« kleinzureden und sich selbst als Opfer darzustellen, da sie selber schon länger an einem »stillen« Ausstieg mit Marquardt arbeiten würden.

Zu einem Ausstieg, der keiner ist…

In allen Diskussionen, die geführt wurden, sprachen die FreundInnen Marquardts von einer vermeintlichen Abkehr bzw. Ausstieg aus der rechten Szene. Für einen ernstgemeinten Ausstieg aus der rechten Szene wurden aber keine klaren Anhaltspunkte transparent, nachvollziehbar und öffentlich gemacht.9 Bei dem Strafverfahren in Österreich hätte er eine Aussage machen und so einen öffentlichen Bruch mit der Neonaziszene verdeutlichen können. Marquardt lehnte dies ab. Und das, obwohl er behauptet, bereits 2008 aus der Neonaziszene ausgestiegen zu sein. Auch die Tatsache, dass ADI erst 2009 online ging, also ein Jahr nach seinem vermeintlichen Ausstieg, macht seine Aussagen mehr als unglaubwürdig. Die von Marquardt aufgebaute und jahrelang betreute technische Infrastruktur für Neonazis besteht jedoch zum Teil noch immer und sein umfangreiches Wissen über die neonazistischen Admins und den von ihnen aufgebauten Strukturen werden nicht Preis gegeben. Auch sein beharrliches Schweigen zur eigenen Geschichte und Verwobenheit in der rechten Szene gegenüber einer interessierten Öffentlichkeit macht deutlich, dass sich hier jemand den Weg in alle Richtungen offen halten will. Kein Wunder, da auch viele Neonazis nach wie vor gerne »perfect privacy« nutzen – wissen sie doch, »welchen Kameraden man auch in schwierigen Zeiten vertrauen kann«.10

Es ist nicht davon auszugehen, dass sich der »Attraktor e.V.« und die UnterstützerInnen von Marquardt ohne antifaschistische Interventionen kritisch zu dem weiteren Verlauf verhalten werden. Die bisher gemachten Erfahrungen lassen vielmehr darauf schließen, dass die Situation totgeschwiegen und möglichst nichts mehr davon thematisiert werden soll.