Inhaftierte Neonazis werden von der Neonazi-Bewegung unterstützt. Hier ein Transparent für den Neonazi-Mörder Kay Diesner im Dezember 1998 auf einer NPD-Demonstration in Berlin. (Foto: Christian Ditsch)
NS-Szene | AIB 46 / 1.1999 | 25.03.1999

Neonaziorganisierung in den Knästen

Jahrzehntelang galten Knäste als Orte, wo Widerstand von links geprägt wurde. Die radikale Linke der 70er und 80er Jahre setzte sich als Teil eines politischen Konzepts mit den Haftbedingungen und den Forderungen nicht nur von politischen Gefangenen auseinander. Knastgruppen organisierten Kontakte zu sogenannten sozialen Gefangenen, gaben Knastzeitungen heraus, organisierten Kundgebungen vor den Knästen. Auch unter den Gefangenen schienen Proteste vor allem von progressiven Ideen, von Kollektivität und Solidarität, gemeinsamen Aktionen wie Hungerstreiks geprägt zu sein. Ende der 1980er /Anfang der 1990er Jahre erloschen diese Aktivitäten zunehmend. Das lag auch an der Veränderung innerhalb der Knäste, unter deren gefangener »Bevölkerung« sich eben auch die Hoffnungen, Wünsche oder auch die Apathie und Vereinzelung der Bevölkerung »draußen« wiederspiegeln. Statt politischer Diskussionen und Solidarität sind in vielen, vor allem ostdeutschen Knästen mittlerweile nur noch Einzelkämpfertum und - wen wundert es angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - zunehmend rechte Ideen zu finden.

Ausnahmen sind sicherlich die Knäste in den (westdeutschen) Großstädten, wo eine relativ hohe Anzahl von inhaftierten MigrantInnen es den Neonazis noch immer schwer macht, eine rechte Vorherrschaft zu etablieren. In den vergangenen Jahren ist eine zunehmende Vernetzung zwischen inhaftierten Neonazis zu beobachten. Sie gründen eigene Organisationen, schreiben eigene Artikel in Neonaziblättern oder geben sogar eigene Knast-Zeitungen heraus. Daneben existiert ein reger Fluß von rechtem Propagandamaterial in die Knäste hinein, das dann an Sympathisanten und Mitläufer weiterverteilt wird. »Politisch gesehen ist das ganze ohnehin lachhaf (sic!), denn wer will denn schon den eigentlichen Auftrag erfüllen, sich mit uns auseinandersetzen, wie der Strafvollzug es vorsieht?(...) Anpassen und fraternisieren wäre indiskutabel und eine falsche Lösung. Ein gesundes Abheben (...) scheint mir notwendig.« So beschreibt ein inhaftierter Neonazi seine Situation im Gefängnis. Wir wollen hier versuchen, die Entwicklung seit 1995 an einigen Beispielen nachzuvollziehen, können vieles aber nur anreißen.

Vom Knast zur Kameradschaft

Die Neonaziorganisierung in den Knästen ist oft schwer nachvollziehbar. Verlegungen, Haftentlassungen und die extreme Öffentlichkeitsscheu der Anstaltsleitungen - nicht nur bei diesem Thema - sorgen dafür, daß nur die Spitze des Eisbergs hinter Gittern sichtbar wird. Es gibt jedoch viele Gründe, sich die Situation in den JVAs genauer anzuschauen: Gerade im Osten Deutschlands steht die erste Generation der verurteilten Neonazischläger und rassistischer Mörder kurz vor ihrer Haftentlassung. Die meisten von ihnen sind während der Haft noch in ihrer Gesinnung gestärkt worden und können bei ihrer Entlassung auf gut funktionierende Strukturen zurückgreifen. Die rechte Dominanz und die häufige Blindheit der Anstaltsleitungen gegenüber diesem Problem in ostdeutschen Knästen sowie die Sympathie mancher Schließer für Neonazis, machen die JVAs zum idealen Rekrutierungsfeld für Neonazi-Organisationen. In einigen JVAs ist die Situation gerade für ausländische Gefangene so unerträglich geworden, daß sie sich kaum noch zum Hofgang oder Umschluß trauen, wie dies z.B. zeitweise in der JVA Brandenburg der Fall war.

Von "Weißen Wölfen"...

Von drei Neonazi-Skinfanzines aus Brandenburg wurde bekannt, daß inhaftierte Neonazis maßgeblich an ihrer Herstellung mitgewirkt haben sollen. Das "United Skins" von Carsten Szczepanski aus Königs Wusterhausen1, dem "Der Wehrpass" von Mike Danowski aus Frankfurt/Oder2 und dem "Der weiße Wolf" von Maik Fischer aus Königs Wusterhausen3. Auch wenn dieses Machwerk das Niveau von zusammengehefteten DIN A4-Kopien noch nicht überschritten hat, ist es deshalb in seiner Bedeutung für die Neonazi-Szene nicht zu unterschätzen.

"Der weiße Wolf" erschien erstmals 1996 als „Rundbrief inhaftierter Kameraden der Justizvollzugsanstalt Brandenburg“. An seiner Herstellung, die zeitweise in der JVA-eigenen Druckerei stattgefunden haben soll4, waren laut eigenen Angaben5 die damals in der JVA Brandenburg inhaftierten Neonazis Maik Fischer und Jens Zugehör beteiligt. Laut Berichten aus der Neonazi-Szene galt das Blatt ursprünglich als Produkt der neonazistischen "Knast- und Kerkerkameradschaft Brandenburg" um den "Der Weiße Wolf"-Autoren Jens Werner Klocke ("Werwölfchen")6, Maik Fischer, Jens Zugehör, Mike Danowski, den "Der Weiße Wolf"-Autoren Klaus Neubauer7 und Sascha Hempfling. Maik Fischer berichtet im "United Skins": »Die Entstehung war eigentlich ganz einfach, wir haben uns gedacht man sollte nicht nur sinnlos seine Zeit absitzen und haben uns deshalb überlegt, was man am besten tun kann. Kurz darauf entschlossen wir (Jens und ich) uns ein Zine zu machen und schon war der Anfang vom Weissen Wolf gemacht.« Erst nachdem die Medien Ende 1996 enthüllten, daß der "Der Weiße Wolf" in der JVA Brandenburg bestellt werden konnte, reagierte die Anstaltsleitung: Es folgten Zellenrazzien, über die sich die betroffenen Neonazis später beklagten.

Nach der Haftentlassung des Hauptmachers Maik Fischer im Jahr 1997 und dessen Umzug zu seiner Ehefrau Sylvia Fischer (geborene Sylvia Endres) in die brandenburgische Kleinstadt Mittenwalde, änderte "Der weiße Wolf" seine Bestelladresse. Er ist seitdem nicht mehr über die JVA Brandenburg, sondern vor allem über die Postfachadresse des "Der Weiße Wolf"-Autoren Falko Pareigis8 im thüringischen Uder, der als Herausgeber der Neonazi-Zeitung "Die Kameradenhilfe" gilt. Herausgeber von "Der weiße Wolf" ist weiterhin Maik Fischer. Im "Der weiße Wolf" finden sich neben Leserbriefen von Neonazikadern wie Thorsten Heise vor allem Beiträge inhaftierter Neonazis wie Thomas Starke (Chemnitz)9 und Roland Paschel (JVA Bernau/By). Aber auch persönlich-politische Streitigkeiten zwischen den Neonazikadern Christian Worch (Hamburg) und Arnulf Priem (Berlin) über die fehlende Unterstützung für den inhaftierten Berliner Neonazi Marcus Bischoff wurden in dem Fanzine öffentlich ausgetragen. Einer der Wegbegleiter von "Der weiße Wolf", Jens-Werner Klocke10, verfaßte unter dem Pseudonym »Wehrwölfchen« Rund- und Bettelbriefe des "Gau Brandenburg / JVA Brdb. a.d. Havel". Er sammelt Geld, damit sich die »Brandenburger« - gemeint sind die in der JVA einsitzenden Neonazis - Bücher des rassistischen "Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V." kaufen können. Für die in England inhaftierten "Combat 18"-Aktivisten Charlie Sargent und Martin Cross kratzten Jens-Werner Klocke und seine »Brandenburger« angeblich 260 Mark zusammen.

... und dem "Der Wehrpass"

Das ebenfalls zumindest teilweise in der JVA Brandenburg erstellte Nazi-Zine "Der Wehrpass" ist im Erscheinungsbild mitunter am Stil der "Hammerskins" orientiert. Die offizielle Postfachadresse befindet sich in Krakow am See in Mecklenburg-Vorpommern. Im Impressum wurde 1996 als Mitverantwortlicher der damals in der JVA Brandenburg inhaftierte Mike Danowski genannt. Für die »computertechnische Schriftbearbeitung« war eine "ANF/SH-Nework KS-Brandenburg" verantwortlich. In "Der Wehrpass" finden sich unter anderem Interviews mit den Neonazibands "Brutale Haie" aus Erfurt und "Noie Werte" aus Stuttgart und dem Neonazi-Fanzine "Foier Frei" von Jens Schaarschmidt und seinen Chemnitzer Kameraden. Über die achte Ausgabe des Neonazi-Zines "United Skins" ist in "Der Wehrpass"11 zu lesen: »Was der Carsten nun dort hinter Gittern vollbracht hat, grenzt schon an Zauberei. Das Zine hat ganze 48 Seiten und ist randvoll mit Konzert - und Sieneberichten, Intis und alles was halt in ein vernünftiges Zine hineingehört. Über die JVA Brandenburg, in welcher er sich derzeit befindet, ist auch ein sehr interessanter Bericht drinnen.« Gelobt wird hier der "United Skins"-Macher Carsten Szczepanski. Das "United Skins" wurde nach seiner Inhaftierung 1995 zeitweilig von seiner Verlobten Christiane S. aus Streganz vertrieben.

Auch bei der offiziellen Gefangenenzeitung der JVA Brandenburg "Unsere Zeitung" hatten zum Teil inhaftierte Neonazis ihre Hände mit im Spiel. So gelang es dem ehemaligen NF-Mitglied Kai M., sich hier zeitweise als festes Redaktionsmitglied zu etablieren.

Neonaziblätter für inhaftierte Neonazis

Mehrere Neonaziblätter haben mittlerweile die nicht gerade kleine Gruppe inhaftierter Neonazis als Mitarbeiter und neue Zielgruppe entdeckt. Dazu gehören unter anderem Zeitung "Die Kameradenhilfe" aus Uder, das Fanzine "Feuer & Sturm" aus Beilrode, das Blatt "Ostara" von Enrico Marx aus Sangerhausen und das Heft "Das Sonnenrad" aus Werdohl. "Die Kameradenhilfe" wird von dem Thüringer Falko Pareigis herausgegeben, der mit dem Erfurter Neonazi-Führer Thomas Dienel in der "Deutsch Nationalen Partei" (DNP) zusammenarbeitete und früher beim "Freundeskreis Nationaler Sozialisten / Aktion Volkswille" (FNS/AV) in der Gefangenenbetreuung aktiv war. Später taufte Falko Pareigis die FNS/AV-Zeitung "Kameradschaftshilfe" in "Kameradenhilfe - Informationsschrift für national-politische Gefangene der B.R.D.", um, in der sich viele antisemitisch ausgerichtete Beiträge finden.

Eine weitere Publikation, die sich insbesondere an inhaftierte Neonazis richtet, ist das Heft "Feuer & Sturm". Das "Feuer & Sturm" wird von dem Torgauer Neonazi Marco Happke herausgegeben. Zu finden sind in dem Fanzine die üblichen Interviews mit Neonazi-Bands und -Projekten, die man wiederum auch in dem Neonazi-Magazin "Das Sonnenrad" aus Werdohl findet. Das "Das Sonnenrad"-Heft ist ein Gemeinschaftsprojekt von Marco Happke, Maik Fischer, Roman Rheinsberg (Fanzine "Der Schwarze Drache") und Sylvia Fischer von der "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG) und von Holger Stenzel.

Holger Stenzel stammt aus der Region Königs Wusterhausen und gilt in der Neonazi-Szene als einer der Verantwortlicher hinter der kleinen Neonazi-Gruppe "Deutscher Jugend Bund" (DJB) aus NRW. Mittlerweile tritt er auch für die Neonazi-Zeitung "Westdeutsche Volkszeitung" aus dem "Nationalen Medienverbund" (NMV) von Frank Schwerdt und Christian Wendt in Erscheinung. Holger Stenzel stellte auch eine Brandenburger Kontonummer für die »Julfest-Sammlung« von "Der Weißen Wolf" für inhaftierte Neonazis zu Weihnachten 1998 zur Verfügung. Um die Neonazi-Publikationen ist ein Netzwerk entstanden, das offenbar auch gezielt inhaftierte Neonazis betreut.

Projekte von inhaftierte Neonazis

Neben diesen Neonazi-Knastzeitungen bzw. knastnahen Neonazi-Zeitungen gibt es seit mehreren Jahren Versuche, direkt aus der Haft heraus Neonazigrüppchen aufzubauen und aktiv zu werden, was sich nicht nur auf das Verfassen von Texten, Schulungen und Kraftsport beschränkt. Besonders bekannt wurden die »nationalen Gefängnisrevolten« im Dezember 1992 in der JVA Zeithain, im Dezember 1993 in der JVA Luckau und die Geiselnahme in Königs-Wusterhausen 1993, an der auch inhaftierte Neonazis beteiligt waren. Auch gemeinsame Ausbruchsversuche gab es: Im Dezember 1993 flohen neun inhaftierte Neonazis aus der "JVA Schwarze Pumpe". Zu einer hohen Anzahl von Organisierungsversuchen kam es seit 1995 in der JVA Brandenburg. Zeitweise betreute die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG) hier ihre meisten Gefangenen. Der ehemalige "HNG-Gebietsbeauftragte für Mitteldeutschland" Maik Hampel aus Oranienburg12 wollte deshalb 1994 sogar eine »mitteldeutsche« Beilage für die "HNG-Nachrichten" ins Leben rufen. Doch Entlassungen, Verlegungen und Neuzugänge machen es für die Neonazikader mit langjährigen Haftstrafen schwierig, feste Gruppen aufzubauen. 1995 wurde bekannt, daß sich die inhaftierten Brandenburger Neonazis alle bei der Arbeit im anstaltseigenen Heizhaus und in der Freizeit im Kraftraum treffen können. Die Gefängnisleitung versuchte daraufhin, den harten rechten Kern auf verschiedene Häuser aufzuspalten.

Maik Fischer ließ sich 1997 als Kandidate für die offiziellen GMV-Wahlen (Gefangenenvertretung) in der JVA Brandenburg aufstellen. Neben den genannten rechten Knast-Fanzines bildeten sich in der JVA Brandenburg Gruppen, wie die "Vereinigung Germanischer Jugend" (VGJ) und die "Knast- und Kerkerkameradschaft Brandenburg" der JVA Brandenburg. Zu der Gründung von sogenannten "Knastkameradschaften" (KKS) hatten bereits 1995 die in Brandenburg inhaftierten Nazis Mike Danowski, Sascha Hempfling und Maik Fischer zusammen mit dem Lüdenscheider Neonazi Axel Schoppmann aus der JVA Remscheid in dem Neonazi-Schulungsblatt "Umbruch" von Steffen Hupka aufgerufen: »Nutzt jede Gelegenheit zur Kontaktaufnahme bzw. Kameradschaftstreffen(Umschluß, Freistunde usw.). Verbringt diese Treffen nicht nur mit Kaffeetrinken, sondern führt politische Gespräche, tauscht Erfahrungen und betreibt politische und rechtliche Schulungen. (...) Materielle Unterstützung muß von Draußen erfolgen, moralische Solidarität kann auch von Kameraden Drinnen geleistet werden (...)«.

Die "Vereinigung Germanische Jugend" (VGJ) soll laut Berichten aus der Neonazi-Szene von Klaus Neubauer aus Oranienburg und von Rene Berger13 gegründet worden seien. Die beiden wollten die »Jugendlichen Deutschlands, die genauso national denken wie wir, bei ihrer Zukunftsplanung unterstützen (...) Inhaftierte Kameraden sollen bei ihren Entlassungsvorbereitungen unterstützt werden.« Kontaktperson für die VGJ ist neben Klaus Neubauer der Feuer & Sturm-Herausgeber Marco Happke.14 Bisher scheint die VGJ in ihren Aktivitäten aber nicht über das Schreiben eines Gründungspapiers und die Einrichtung eines eigenen Kontos herausgekommen zu sein. Im Neonaziblatt "Ostara" faßt Rene Berger als Autor Mitte 1998 seine Erfahrungen so zusammen: »Es ist natürlich nicht immer leicht eine gut funktionierende Kameradschaft aufzubauen, aber wenn ALLE an einem Strang ziehen, ist es möglich und durchsetzbar15

Die "Knast- und Kerkerkameradschaft Brandenburg" will die in Brandenburg inhaftierten Neonazis mit Kontakten, Briefmarken und Briefpapier versorgen. Außerdem verfaßt sie Rundbriefe und Haftberichte für die »Kameraden draußen« und versucht, unpolitische Gefangene zu rekrutieren. VGJ-Initiator Klaus Neubauer ist hier ebenfalls Mitglied. Als Kontaktadresse dienten die Knastadresse von Andreas Deutloff16, die Adresse der "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG) in Mainz-Gonsenheim sowie die Adresse von Sylvia Fischer in Mittenwalde.

Aber auch in anderen Knästen versuchen Neonazis, eigene Strukturen zu schaffen. So gaben die Gefangenen Zandy Billy Wagner (JVA Bückeburg)17 und Daniel Wenzl 1997 die Gründung der Gruppe "Patriotische Vereinigung Germania" (PVG) bekannt.18 Mittlerweile wird die PVG vor allem von Zandy Billy Wagner und Holger Sch. (JVA Bückeburg) betrieben. Die Gruppierung soll von inhaftierten Neonazis aus verschiedenen Gefängnissen initiiert worden sein, die schon länger in Kontakt miteinander standen. Sie will »so viel Kameraden wie möglich zu einen grossen Kameradenkreis zusammenziehen«. Laut einem Rundbrief der "Patriotischen Vereinigung Germania" von Zandy Wagner hat die „Kerkerkameradschaft“ angeblich 203 Mitglieder in ganz Deutschland.19 Später ist in eigenen Angaben von über 300 Mitgliedern, die alle zehn bis fünfzig Mark Beitrag im Monat bezahlen, die Rede. Die Gruppierung faßt ihre Bestrebungen ganz unverblümt mit der Parole »Steigende Mitgliederzahl = steigendes Beitragsaufkommen = steigende Macht!« zusammen. Schon jetzt laufen angeblich die Vorbereitungen für die Gründung eines Sicherheitsdienstes und eines Maurerunternehmens. Das erwirtschaftete Geld soll zur Gründung weiterer Unternehmen verwendet werden. Nachdem ein "Herr M." der PVG 50.000 DM spendete, werden sogar eigene Wohnkomplexe ins Auge gefaßt.

In der JVA Bochum gründete der inhaftierte Peter K. Maaßen zusammen mit Marco Happke eine "Initiative Todesstrafe für Kinderschänder". Er kandidiert außerdem quer durch die BRD für Bürgermeisterämter, schreibt Publikationskritiken20 und verfasst "Offene Briefe". Peter K. Maaßen war Stadtrat für die REPs in Dortmund, landete später bei der NPD und versucht sich nun in der Mini-Partei "Vereinigte Rechte" (VR).

Rechte Appelle aus dem Knast

Falko Pareigis, der nach eigenen Angaben fünfzehn »inhaftierte Kameraden« betreut, initierte zusammen mit dem Kemptener Neonazi Roland Paschel (JVA Bernau/By) auch einen gemeinsamen Aufruf von inhaftierten Neonazis unter dem Motto „Kameraden/innen – Nationalisten – Patrioten!“ im "Der Weiße Wolf"21, in dem alle nationalen Parteien und Organisationen aufgefordert wurden, in der sogenannten »Bewegung« aufzugehen. Unterstützer des Aufrufes waren der Metzinger Neonazi Steffen Failenschmid (JVA Bruchsal), Thomas Wede (JVA Bruchsal)22, Torsten Schau (JVA Waldheim)23, Robert Gutermuth (JVA Ebrach), Dirk Hase (JVA Torgau) und Dirk Poser (JVA Bautzen)24. Etwas später erschien in den "Nachrichten der HNG"25 ein ähnlicher "Appell für Deutschland" der „Inhaftierten der JVA Bruchsal“, der zur Vereinigung der Rechten und Neonazis aufruft. Auch dieser JVA-Appell wurde von Roland Paschel, Steffen Failenschmid, Thomas Wede, Robert Gutermuth, Dirk Hase und Torsten Schau unterzeichnet. Weitere Unterzeichner waren der frühere "Kreuzritter für Deutschland"-Anführer Andreas J. Voigt, Jürgen Jersch, der frühere NPD-Chef Günther Deckert, Roland Wede26, Bertram Handlos und Jens Schuhknecht.

»Gefangenenbetreuung«

Projekte zur Betreuung und Vernetzung von inhaftierten Neonazis gibt es schon lange. Die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG) ist das dienstälteste Projekt in dieser Richtung. Sie wurde 1979 in Frankfurt/M. von Henry Beier gegründet, heute ist Ursel Müller aus Mainz-Gonsenheim Vorsitzende. Die HNG versorgt inhaftierte Neonazis mit Briefkontakten, Geld, Besuchen und "moralischer Unterstützung". Außerdem gibt sie regelmäßig die "Nachrichten der HNG" heraus, die als wichtiges Mitteilungsblatt zwischen den inhaftierten Kadern und der Szene draußen gilt. Die HNG ist eine der wichtigsten legalen Scharnierorganisationen zwischen den verschiedenen Fraktionen der Neonazi-Szene. In Konkurrenz zur HNG gründete der Neonazikader Ernst Tag aus Ludwigshafen 1987 das "Internationale Hilfskomitee für nationale politische Verfolgte und deren Angehörige" (IHV), nachdem er aufgrund von internen Auseinandersetzungen um die Homosexualität von dem Neonazi-Führer Michael Kühnen aus der HNG ausgetreten war. Die IHV macht die gleiche Arbeit wie die HNG, ist aber wesentlich schlechter organisiert und reichte nie an die HNG heran.
Mit ihrem Projekt »Einfach ins kalte Wasser geworfen« gaben Sylvia Fischer, Michaela Kiese (HNG-Beauftragte) aus Wolfsburg, Cathleen Dassow (Wismar) den öffentlichen Startschuß für neue Aktivitäten im Bereich der rechten Gefangenenbetreuung. Die Neonazifrauen wollen »Kameradinnen« helfen, deren Ehemänner und Partner inhaftiert sind. Sie haben eine Liste mit juristischen und rechtlichen Tips zusammengestellt, die über "Der Weiße Wolf" zu bestellen ist. Bereits 1996 wurde in den "HNG Nachrichten" berichtet, dass Cathleen Dassow27, Sylvia Endres28 und Michaela Kiese einen HNG-Ratgeber für Inhaftierte erstellt hätten.

Bei den Initiatorinnen handelt es sich größtenteils um langjährige Aktivistinnen: Sylvia Endres/Fischer stammt ursprünglich aus Kronach und ist seit längerem in der Neonazi-Szene unterwegs. Mittlerweile ist sie Funktionärin im Vorstand der HNG. Über das Postfach von Cathleen Grewe läuft die Ende 1998 ins Leben gerufene »nationale Sanitätstruppe« "Braunes Kreuz", die von Frauen aus dem "Skingirl-Freundeskreis Deutschland" (SFD) initiiert wurde und einen weiteren infrastrukturellen Bereich für die Neonaziszene abdeckt. Mittlerweile haben sich die HNG, das Blatt "Das Sonnenrad" und der "Verein zum Schutz der Bürgerrechte" (VSB) zu einer gemeinsamen Solidaritätskampagne für die HNG zusammengetan. Unter dem Motto: »Kameradschaft ist mehr als nur ein Wort« können sich Spender auf einer Liste veröffentlichen lassen.

"Verein zum Schutz der Bürgerrechte"

Um die Zahl der Anwälte für die Neonazi-Szene zu steigern, hat sich der "Arbeitskreis Recht" des "Verein zum Schutz der Bürgerrechte" (VSB) um Rolf M. aus Wehr einen Drei-Stufen-Plan einfallen lassen: In der Stufe Eins sollen auf Darlehensbasis Stipendien an »geeignete Kameraden« vergeben werden, damit diese die Hochschulreife erlangen und ein Jura-Studium ergreifen können. Ist das geschafft, soll ab Stufe Zwei ein angestellter Volljurist für die VSB tätig werden. Im Rahmen der Stufe Drei soll dann die anwaltliche Vertretung vor Gericht ermöglicht werden. Außerdem sollen die »juristisch geschulten Kameraden« eine gemeinsame Kanzlei eröffnen, die gleichzeitig als Studienzentrum für die »in Ausbildung befindlichen Kameraden« dienen soll. Momentan dürfte dieses Projekt Stufe Eins noch nicht verlassen haben. Noch verfügt die Neonaziszene gerade über eine Handvoll Anwälte, die die Kommunikation zwischen den Kadern in- und außerhalb der Knäste gewährleisten.

"Braune Hochschulen" im Osten?

Letztendlich bleibt festzuhalten, daß der Organisierungsgrad der inhaftierten Neonazis zugenommen hat. Wurden sie bis vor wenigen Jahren »nur« betreut, so haben sie mittlerweile einige Versuche unternommen, sich selbständig zu organisieren. Sollten sie mit diesen Versuchen Erfolg haben, könnten die Gefängnisse zu neuen Rekrutierungsfeldern werden. Entsprechende Berichte aus den JVAs Schwarze Pumpe und Brandenburg gibt es bereits seit längerem. Auf antifaschistischen Widerstand werden die Neonazis zumindest in den meisten ostdeutschen Haftanstalten kaum stoßen. Bereits jetzt gelten einige JVAs im Osten Deutschlands als »braune Hochschulen«. Ein Umdenken oder ein Ausstieg kommt für ungefestigte Neonazis bei solchen Bedingungen wohl kaum in Frage. Im Gegenteil: Durch die »Betreuung« von Außen und die »Organisierung« innerhalb der Gefängnisse können die Neonazis eine ideologische Festigung auch unorganisierter Sympathisanten während ihrer Haftzeit erreichen. Die Gefängnisleitungen werden meistens erst dann aktiv, wenn sie den »Anstaltsfrieden« in Gefahr sehen. Ohnehin sind die meisten Ost-JVAs klassische »Verwahranstalten« ohne Konzepte. In der JVA Schwarze Pumpe sah 1996 die »Lösung« der Anstaltsleitung laut Berichten der Gefangenen für den Umgang mit Neonazis so aus, daß neue Gefangene bei ihrer Einlieferung gefragt wurden, ob sie rechts seien. Bejahten sie, wurden sie in eine "rechte" Abteilungen verlegt. Als Freizeitangebot steht ihnen im Keller ein Krafttrainingsraum zur Verfügung. »Normale« und ausländische Gefangene kamen in andere Trakte. Auch das Brandenburger Justizministerium hat Mühe mit dem Thema: Auf eine Anfrage zum Umgang mit Neonazis in den Knästen hieß es, daß man dort erst ab Mitte Januar Zeit für eine Antwort habe.

  • 1. Carsten Szczepanski wurde 1995  wegen Beihilfe zu versuchtem Mord an einem nigerianischen Flüchtling 1992 in Wendisch-Rietz zu acht Jahren Haft verurteilt. Der Ku-Klux-Klan-Anhänger war auch Brandenburg-Beauftragter vom "Internationalen Hilfskomitee für nationale politische Verfolgte und deren Angehörige". Er befindet sich seit Jahren auch auf der Liste »Briefkontaktwünschen« der "HNG-Nachrichten".
  • 2. Mike Danowski wurde wegen versuchten Mordes an einem nigerianischen Flüchtling im Sommer 1993 zu sieben Jahren Haft verurteilt. In der JVA Schwarze Pumpe bei Spremberg, wo Mike Danowski zuerst inhaftiert war, zählte er zusammen mit den Brüdern Sven B. und Kay-Nando B. aus Eberswalde und dem Neonazi Michael Sch. aus Kirchmöser zu den Anführern der rechten Gefangenen. Laut Berichten aus der Neonazi-Szene soll Mike Danowski mittlerweile entlassen worden sein und sich in Kreisen von "Blood & Honour" bewegen.
  • 3. Laut Berichten aus der Neonazi-Szene soll Maik Fischer mittlerweile entlassen worden sein, Neonazi-Konzerte besuchen und zusammen mit dem regionalen Neonazi-Aktivisten Ralf L. rechte Fußballturniere mit sächsischer Beteiligung organisieren.
  • 4. Junge Welt, 19.12.1996
  • 5. U.a. in "Der weiße Wolf", Nummer 3/1996
  • 6. In "Der weiße Wolf" Nr. 3/1996 und Nr. 5/1997
  • 7. In der "Der weiße Wolf" Nr. 7/1998: Vorstellung der Vereinigung Germanischer Jugend
  • 8. In "Der weiße Wolf" Nr. 5/1997
  • 9. In "Der weiße Wolf" Nr. 3/1996
  • 10. Jens Werner Klocke war Chef der "Werwolf Jagdeinheit Senftenberg". Am 12. Dezember 1991 erschossen deren Mitglieder Klocke, Daniel L., Maik H. und Silvio K. einen Autofahrer weil sie ein Auto für einen Raubüberfall benötigten. Klocke wurden wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt.
  • 11. "Der Wehrpass" Nr. 2/1996
  • 12. Maik Hampel stammt aus den Kreisen der "Kameradschaft Oranienburg" und der "Kameradschaft Oberhavel". Aktuell belegt er den dritten Platz der NPD-Landesliste bei der Bundestagswahl
  • 13. Rene Berger ermordete 1993 zusammen mit zwei weiteren rechten Skinheads einen 35jährigen in der S-Bahn bei Petershagen. Er wurde 1994 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und 1998 entlassen.
  • 14. "Der weiße Wolf" Nr. 7/1998: Vorstellung der Vereinigung Germanischer Jugend von Klaus Neubauer (JVA Brandenburg) und Marco Happke
  • 15. "Ostara" Nr. 4
  • 16. Auch genannt in: "Nachrichten der HNG", »Briefkontakte wünschen ...«, Oktober 1998
  • 17. Auch genannt in "Nachrichten der HNG", »Briefkontakte wünschen ...«, Oktober 1998 und "Zentralorgan" Nr. 4, Oktober 1998
  • 18. "Der Weiße Wolf" 5/1997
  • 19. "Der Weiße Wolf" 7/1998
  • 20. "Der Weiße Wolf" 7/1998
  • 21. "Der Weiße Wolf" Nr. 3/1996
  • 22. Thomas Wede: Thomas Wede gehörte zu einer Gruppe Neonazis die in Ostfildern-Kemnat bei Stuttgart einen 55jährigen Kosovo-Albaner in der Ausländerunterkunft einer Baufirma mit Baseballschlägern totschlugen. Vgl. DER SPIEGEL 17/1993.
  • 23. Er zählte zu den Kreisen der "Skinheads Chemnitz 88". Benannt wurde er auch unter der Rubrik »Briefkontakte wünschen...« in: "Nachrichten der HNG", Oktober 1998
  • 24. Benannt in "Nachrichten der HNG", Oktober 1998, "Briefkontakte wünschen ..."; Zentralorgan Nr. 4, Oktober 1998, »Gefangenenliste«
  • 25. "Nachrichten der HNG", August 1996
  • 26. Roland Wede gehörte zu einer Gruppe Neonazis die in Ostfildern-Kemnat bei Stuttgart einen 55jährigen Kosovo-Albaner in der Ausländerunterkunft einer Baufirma mit Baseballschlägern totschlugen. Vgl. DER SPIEGEL 17/1993.
  • 27. Später Cathleen Grewe aus Adendorf
  • 28. Seit ihrer Hochzeit 1998 mit Maik Fischer heißt sie Sylvia Fischer