Gedenkstein am Potzlower Marktplatz. (Bild: inforiot.de)
NS-Szene | AIB 58 / 4.2002 | 14.12.2002

Mord in Potzlow

Im November des letzten Jahres wurde die Leiche des vermissten 17jährigen Marinus Schöberl gefunden. Die bestialische Tat geschah bereits vier Monate zuvor, in denen die Täter schwiegen und niemand Fragen stellte.

Am Tag der Tat besuchte Marinus das örtliche Dorffest und stieß im Anschluss auf seine Mörder, die beiden 17jährigen Sebastian F. und Marcel Sch. sowie seinen 6 Jahre älteren Bruder Marco Schönfeld. Über mehrere Stunden wurde Marinus in einer Wohnung mit Werkzeugen geschlagen und grausam gequält. Fünf bis sechs Personen sollen laut Staatsanwaltschaft zumindest den Beginn der Misshandlungen mitbekommen haben. Anschließend zwangen die Neonazis ihr Opfer mit ihnen zu einer stillgelegten LPG zu fahren. Dort prügelten und traten sie weiter auf ihn ein. Zuletzt warfen sie immer wieder einen schweren Stein auf den leblosen Körper ihres Opfers, speziell auf den Kopf und verscharrten anschließend die Leiche in einer Jauchegrube.

Den genauen Tathergang will die Staatsanwaltschaft aus Pietätgründen nicht veröffentlichen, so grausam sind die Täter vorgegangen. Als Motiv für ihre Tat gaben die Neonazis die Hip-Hop-Hosen und die blond gefärbten Haare ihres Opfers an, woraufhin sie Marinus als »Juden« klassifizierten. Monatelang blieb die Tat unentdeckt und Marinus galt lediglich als vermisst. Erst die Wette eines der Täter, dass er wisse, wo die Leiche liege, führte dazu, dass das Opfer gefunden wurde.

Zumindest der älteste der Täter wird von der Polizei zum harten Kern der aktiven Neonaziszene der Uckermark gezählt. Erst kurz vor dem Mord hatte er eine Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung, Autodiebstahl und Verwenden von Nazi-Symbolen abgesessen. Auch nach Entdeckung des Mordes musste er nicht erst festgenommen werden, da er bereits wieder in Haft war. Etwa einen Monat nach dem Mord an Marinus hatte er in Prenzlau einen Mann aus Sierra Leone mit einem Schlagring und einem Knüppel zusammengeschlagen.1

Das Erschreckende an diesem Mord ist seine Beliebigkeit. Marinus wurde umgebracht, weil er da war, als die Täter jemanden suchten, den sie fertig machen können. Sein Tod hatte keinen tieferen Zweck. »Man hat eher den Eindruck, dass Nazis hier einfach all jene sind, die schlagen, quälen und die Macht haben. Keine Nazis sind alle, die geschlagen werden.«2, bringt es eine Tageszeitung auf den Punkt. Die öffentliche Debatte wird von Ritualen, Platitüden und Schuldzuweisungen bestimmt. Den Erklärungsversuchen ist vor allem eines gemein: ihre Hilflosigkeit.

Bekannte Reaktionen

Die Reaktionen auf das Geschehen waren altbekannt: Das Dorf fühlt sich stigmatisiert und beteuert, kein Problem mit Rechten zu haben. Die Empörung gilt vor allem denjenigen, die Fragen stellen: den Medien, der Polizei, der Antifa. Brandenburgs Innenminister und CDU-Rechtsaußen Jörg Schönbohm beklagt »als Erbe der DDR eine entbürgerlichte und entchristlichte Gesellschaft«.3 Er setzt auf mehr Polizei und Sport als Therapie für »verirrte Jugendliche«. Die tief betroffene Sozialarbeiterin des örtlichen Jugendclubs gibt der hohen Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit vor Ort die Schuld und erhofft sich eine Diskussion innerhalb der Landesregierung, damit »Marinus Tod nicht ganz umsonst war«.4

Auch in der Lokalpresse herrscht Fassungslosigkeit vor. Die Dorfbevölkerung sucht die Schuld bei der Polizei und wirft ihr Untätigkeit vor, da sie trotz Vermisstenmeldung und etlichen Hinweisen keinen Anlass für Ermittlungen sah. Die eigene Verantwortung wird, wie zu erwarten, nicht hinterfragt. Antifaschistische Initiativen sehen die Schuld in der fehlenden oder verfehlten Jugendpolitik und fordern mehr Geld für alternative Jugendarbeit. Alles in allem nichts neues aus Brandenburg.

  • 1. Am 16. August 2002 hatte der 23jährige Marco Schönfeld zusammen mit den 20jährigen Daniel M. (Angermünde) und Daniel Sch. (Prenzlau) und seiner 16jährigen Freundin Nicole Br. (Zichow) den Mann attackiert. Nicole Br. sitzt derweil ebenfalls in Untersuchungshaft, da sie einen der Zeugen, die Marinus Leiche fanden, mit Reizgas attackierte und ihm drohte es könne ihm wie Marinus ergehen.
  • 2. Tagesspiegel, 21.11.2002
  • 3. Tagesspiegel, 3.12.2002
  • 4. Tagesspiegel, 4.12.2002