NS-Szene | AIB 100 / 3.2013 | 25.11.2013

MMA – Neonazis im Kampfsport

In den letzten Jahren tauchte die Sportart Mixed Martial Arts (MMA) immer wieder in den Medien auf, nicht selten im Kontext mit Neonazis. Auch im AIB berichten wir regelmäßig über Kampfsportler aus dem neonazistischen Milieu. Grundlage einer präzisen Bewertung ist auch hier eine differenzierte Betrachtung der Gegebenheiten: Was genau ist eigentlich MMA? Welche Rolle spielen Neonazis tatsächlich im MMA-Sport? Und natürlich: Gibt es Widerstand gegen Neonazis in diesem Sport?

MMA vereint, vereinfacht ausgedrückt, hauptsächlich Techniken aus dem Ringen, dem Thai- und Kickboxen und dem brasilianischen Jiu-Jitsu. Meist finden die Kämpfe in einem Käfig aus Maschendraht statt, der weniger dem mar­ti­alischen Image als vielmehr dem Schutz der Sportler dient und einen anderen Kampfstil erlaubt, als dies zum Beispiel ein Boxring täte. Entgegen häufiger Annahmen gibt es ein umfassendes, knapp 35 Verbote umfassendes Regelwerk. Entschieden werden die in 3x5 Minuten gegliederten Kämpfe durch eine dem Boxen ähnelnde  Punktrichterbewertung, KO oder technischem KO oder die durch Abklopfen (»tappen«) signalisierte Aufgabe eines Kämpfers. Der MMA-Sport gewinnt seit nunmehr über zehn Jahren weltweit rasant an Anhän­ge­r_innen, was mit nie geahnten kommerziellen Erfolgen einhergeht. Die US-Amerikanischen Ultimate Fighting Championship (UFC) als größte MMA-Liga der Welt knackte bereits Mitte der 2000er Jahre deutlich die Hundert-Millionen-Dollar-Gewinngrenze, zählt zu den erfolgreichsten globalen Pay-Per-View-Anbietern und hat dem Boxsport in den USA an Popularität und kommerziellem Erfolg schon lange den Rang abgelaufen. Von solchen Bedingungen ist der Sport in Deutschland unzweifelhaft meilenweit entfernt und wird es mittelfristig wohl auch bleiben.  Doch auch die deutsche MMA-Szene orientiert sich an der UFC, welche ihre ausverkauften Live-Events inzwischen regelmäßig auch in Europa ausrichtet.

Dass ein Kampfsport, dem das Image anhaftet, der »Härteste« seiner Art zu sein, nicht nur fortschrittliche gesellschaftliche Kräfte anzieht, ist kein Geheimnis. Auch MMA bildet hier keine Ausnahme. Hervorzuheben wäre hier der »Atheltik Klub Ultra« (AKU)  aus dem schleswig-holsteinischen Neumünster. Der Kampfsportverein wurde vom ehemailgen Club-88-Betreiber Tim Bartling, dem ehemaligen schleswig-holsteiner NPD-Vorsitzenden Peter Borchert und einem knappen Dutzend weiterer Neonazis bereits 2002 gegründet und kann damit fast schon zu den Pionieren dieser Sportart gezählt werden (Vgl. AIB Nr. 68). Das Schulen des NPD-Ordnerdienstes, das Veranstalten von Rechtsrock-Konzerten in den Vereinsräumen, vor allem aber die Personalien nahezu sämtlicher Gründungsmitglieder ließen nie einen Zweifel an der politischen Ausrichtung des AKU. Ein Statement des Trainers Bartling auf der Homepage des Clubs liest sich dann auch wie ein Bekenntnis, keinesfalls jedoch wie eine Distanzierung zur Neonaziszene. Bartling verklärt diese als »subkulturelle Skinheadbewegung«, mit deren Inhalten er sich »mal mehr mal weniger identifizieren [sic]«1 könne. Seine multiethnische Schülerschaft muss hier ebenfalls als Feigenblatt herhalten, ohne jedoch ein konkretes Wort der Distanzierung zu Rassismus oder Neonazis zu verlieren. Wozu auch, spricht doch nach wie vor die aktive Teilnahme stadtbekannter aktiver Neonazis am Training für sich.

Während man in Neumünster seit jeher offen zu seiner Gesinnung steht, versucht das »First Fight Team Neubrandenburg« ( FFTN, ehemals »Fightclub NB«) sich mit aufwendigen Pressekonferenzen und zahlreichen Mitteilungen auf der eigenen Homepage sowie in diversen sozialen Medien reinzuwaschen, um sich ungestört von antifaschistischer Kritik als lokaler Veranstalter von MMA-Events etablieren zu können. Offenbar wird hier ganz schlicht auf die blinde Gutgläubigkeit des Auditorium gebaut. Anders sind vollmundige Distanzierungen von Rassimus und Neonazis kaum zu erklären, entbehren sie doch offensichtlich jeder Grundlage: Die für das Image des Vereins mitverantwortlichen Neonazis Denis Tomzek und Silvio Dahms, deren Konterfei in der Vergangenheit neben Plakaten für die »Neubrandenburger Fight-Night« auch den Jahreskalender der inzwischen verbotenen »Heimattreuen Deutschen Jugend« zierten, treten weiter fleißig im Namen des FFTN bei Wettkämpfen an2 – nur führt der Verein sie einfach nicht mehr öffentlich auf seiner Home­page auf.

Auch anderenorts gibt es immer wieder Anlässe zu Diskussionen, wenn beispielsweise einzelne Kämpfer zu Rechtsrock einlaufen oder entsprechende T-Shirts tragen. Eine der häufigsten Reaktionen der Kämpfer und deren Teams ist der Verweis auf das meist multikulturelle Trainingsumfeld, einhergehend mit der Behauptung, dieses würde doch einer neonazistischen Gesinnung widersprechen. Das dies jedoch lediglich Beleg für das diffuse und häufig mangels Trainingsalternativen von »Kompromissen« geprägte Wetlbild des jeweiligen Neonazis, nicht jedoch Entkräftung der Kritik an diesem ist, wird gerne ignoriert und ausgesessen.

Da MMA vom Deutschen Sportbund noch immer die offizielle Anerkennung verweigert wird und auch kein einheitlicher Dachverband existiert, gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Kleinstverbände und autarker Veranstaltungen. Dies gestaltet eine einheitliche Linie zum Umgang mit Neonazis und Sanktionierungen bei entsprechendem Verhalten nahezu unmöglich. Gerade viele kleinere Veranstaltungen lokaler Clubs im Osten Deutschlands zeigen häufig eine bittere Ignoranz und teils sogar offene Sympathie für Kämpfer, Fans und Sponsoren aus der Neonaziszene. So sind nicht nur bei der erwähnten Neubrandenburger »Fight-Night« sondern auch bei »Sachsen kämpft« und der »La Familia Fightnight« Neonazis eher die Regel als die Ausnahme. Versuche organisierter Neonazis, eigene Turnie­re zu etablieren, gab es mit dem »Kampf­sportturnier des Nationalen Widerstands« der inzwischen verbotenen bran­denburger »Spreelichter«. Diese wurden klandestin durchgeführt und fanden außerhalb der eigenen Szene keinen Anklang. Über eine Beteiligung deutscher Neonazis an der aus Russland kommenden und international agierenden Veranstaltung des neonazistischen Kampfsportausrüsters »White Rex« berichteten wir ausführlich in der letzten Ausgabe dieser Zeitung.

Doch gerade von Seiten der größeren, an kommerziellem Erfolg und seriösem Sponsoring interessierten Aktiven sind aus antifaschistischer Sicht immer häufiger erfreuliche Trends zu bemerken. Das wohl am professionellsten geführte deutsche MMA-Gym »MMA Spirit« aus Frankfurt a.M. positioniert sich in Videobotschaften offen gegen Rassimus und der Ausrüstungsversand Boxhaus vetreibt T-Shirts mit der Botschaft »Fight Racism«. Die norddeutsche »No Compromise Fighting Championship« (NCFC) forderte in einer Pressemitteilung von ihrem Publikum »gehobene Freizeitkleidung« und benannte »rassistische oder faschistische Zeichen, Bekleidungsmarken, die von entsprechenden Personen häufig getragen werden« und »Fanartikel entsprechender Bands« als eindeutige Ausschlusskriterien, welche »vor Ort rigoros« durchgesetzt würden.3 Die derzeit erfolgreichste deutsche Veranstaltungsreihe »Respect.FC« strich 2012 den Leipziger Benjamin Brinsa (siehe AIB Nr. 97) kurzfristig von ihrer Fightcard, nachdem die Organisatoren über dessen Verbindungen in die sächs­ische Neonaziszene informiert wurden. Auf Nazis habe er »absolut keinen Bock«, so Veranstalter Ben Helm damals gegenüber der taz.4

Dass im Juli diesen Jahres ausgrechnet die UFC nun eben diesen Brinsa unter Vertrag nahm, muss Helm und vielen Fans wie Hohn erschienen sein. In einem Interview auf Brinsas politische Heimat angesprochen gab sich UFC-Präsident Dana White erstaunt und versicherte, die Angelegenheit von einer Anwaltskanzlei überprüfen zu lassen und im Falle nachweisbarer Verbindungen zur Neonaziszene von dem Vertrag zurückzutreten. Mitte September löste die UFC den Vertrag dann wieder auf, noch vor Brinsas erstem Kampf für die Promotion. Ein erfreuliches Signal von »ganz oben«.

 

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