Der amerikanische Neonazi-Führer William Luther Pierce. (Bild: de.wikipedia.org; Robert Hartnell/CC BY-SA 3.0)
International | AIB 50 / 1.2000 | 21.03.2000

Mit White Power Musik zum »Rassenkrieg« William Pierce, Nordland und die NPD

Der us-amerikanische Neonazianführer William Pierce, ein ehemaliger Physik-Professor, hat die US-Rechtsrockfirma Resistance Records sowie die Lagerbestände und Plattenverträgedes schwedischen Nazirock-Labels Nordland gekauft. Damit hat er einen Großteil der internationalen White-Power-Musikszene unter seine Kontrolle gebracht. Der 66jährige Pierce lebt auf einem abgeschiedenen festungsähnlich ausgebauten Grundstück in den Bergen von West Virginia und hört selbst keinen Skinhead Rock'n Roll, aber er will mit seinem neuen Musikgeschäft mehr als 750.000 Dollar (1,5 Mio Mark) im Jahr einnehmen. Und er rechnet damit, eine »zunehmende Zahl von jüngeren Mitgliedern« für seine Organisation National Alliance zu gewinnen. 

Vom USA-Korrespondenten des AIB

Pierce ist in Europa kein Unbekannter, u.a. hat er gute Beziehungen zu Udo Voigt und zur NPD. Der Verkauf von CDs und Zubehör könnte sich als der bisher beste Schachzug in der 35jährigen Nazikarriere von Pierce entpuppen. William Pierces Einstieg in die rechte Szene begann in der rechtsextremen John Birch Scociety. Ende der 60er Jahre wurde er Propaganda-Chef der National Socialist White Peoples Party (Nationalsozialistische Weiße Volkspartei) und war Herausgeber einer Zeitschrift für die World Union of National Socialistes (Weltvereinigung der Nationalsozialisten). 1974 gründete er die National Alliance (NA). Diese kleine Organisation wurde 1978 durch die Veröffentlichung von Pierces Nazi-Roman »The Turner Diaries« schlagartig bekannt. »Turners Tagebücher« schildern einen Rassenkrieg in Nordamerika, der mit Atombomben und Massenmord an Juden und Jüdinnen, AfroamerikanerInnen und weißen »Rasse-Verrätern« endet.

Der Roman propagiert eine »reine« revolutionäre Ideologie und die Pflichten der Kader in einer The Order genannten Untergrund-Organisation. Bis heute wurden mehr als 300.000 Exemplare des Buches verkauft, vor allem per Versandhandel und an Büchertischen bei entsprechenden Treffen und Veranstaltungen. Anfang der 80er Jahre gründete das NA-Mitglied Bob Mathews mit rund 50 weißen Rassisten eine Untergrundgruppe, die er The Order nannte. Nach zahlreichen Morden und Raubüberfällen wurde Mathews schließlich bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet. Seine Komplizen kamen vor Gericht. Laut FBI erhielten zwar verschiedene rechtsextreme Gruppen (darunter auch Pierce) insgesamt rund eine Million Dollar aus den Überfällen, aber Festnahmen gab es deswegen keine. Kurz nach Mathews' Tod kaufte Pierce rund 120 Hektar Land für 95.000 Dollar, baute einen großen Versammlungsraum mit Büros, verbarrikadierte das Gelände und verschwand praktisch in den Wäldern. Nach seinen Angaben veröffentlichte er in den späten 80er und frühen 90er Jahren weniger Propagandamaterial. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Aufbau einer Infrastruktur und einer Kader-Organisation.

Als die rechtsgerichtete Bürgermiliz-Bewegung sich Mitte der 90er Jahre explosionsartig ausdehnte, konnte Pierce sie dadurch beeinflussen, dass er seine Kader in wichtige Positionen in diesen »Massen-Organisationen« platzierte. Heute ist die NA auf rund 3.000 Mitglieder angewachsen und hat – nach Schätzungen des antifaschistischen Southern Poverty Law Center - 35 lokale Gruppen in den USA. Pierce produziert jede Woche eine kurze predigtähnliche Sendung namens American Dissident Voices (ADV), die - gegen Bezahlung - von fünf US-Radiostationen ausgestrahlt wird. Diese Sendungen werden auch per e-mail und über die sehr aktive Internet-Seite der NA verschickt. Außerdem vertreibt die NA verschiedene Zeitschriften, Bücher, Hörkassetten und Videos. Nachdem die NA zunächst ihre eigene Struktur ausgebaut und gefestigt hat, strebt sie mittlerweile einen größeren Masseneinfluss an. Unter den neuen Mitgliedern überwiegen Studenten, Akademiker und Soldaten. Letztes Jahr ernannte Pierce einen neuen Koordinator für Mitglieder-Rekrutierung: den 34-jährigen Südafrikaner Sam van Rensberg. Rensberg war unter der Apartheid-Regierung Soldat in einer Elite-Einheit der südafrikanischen Armee und Mitglied in der Buren-Gruppe Oriana. Seine internationalen Verbindungen ergänzen die von Pierce.

Pierce als »arischer Internationalist«

Im Unterschied zum Ku-Klux-Klan oder den Bürgermilizen wedeln Pierce und seine National Alliance nicht mit der US-Fahne und berufen sich auch nicht auf die »Gründerväter« der USA. Für Pierce verkörpern die USA nicht eine große demokratische Idee, sondern ein Stück Land, das von Weißen bewohnt werden sollte - ohne Juden und Jüdinnen oder AfroamerikanerInnen, Hispanics, Native Americans und asiatische MigrantInnen. Pierce ist kein bürgerlicher Nationalist, sondern Internationalist. Pierce steht für klassischen Hitlerismus.

Pierce und die NPD

Der engste europäische Verbündete von Pierce ist die deutsche NPD. Die NPD und die British National Party (BNP) sind die einzigen beiden europäischen Organisationen, die direkt mit der NA-Internet-Seite verknüpft sind. Mit der NPD verbindet die NA ihr Interesse an Jugendkulturen und Kader-Aufbau. Laut Pierce ist die »NPD eine der progressivsten und best-organisierten nationalistischen Gruppen, die es derzeit in Europa gibt«. Als Udo Voigt Vorsitzender der NPD wurde, wurde er von dem NA-Mitglied Wolfgang Keller für Pierces Zeitschrift National Vanguard interviewt. 1Voigt bezeichnete die Zusammenarbeit mit der NA (und Verbindungen mit der ukrainischen Nationalen Partei) als wichtig für die Arbeit der NPD. 1998 sandte die NPD den NHB-Vorsitzenden Alexander von Webenau für eine Woche zu Pierce nach West Virginia, wo er vor einem Kader-Treffen über Jugendarbeit referierte. Im Gegenzug sprach Pierce am 30. Oktober 1999 auf dem Kongress der Jungen Nationaldemokraten (JN) im bayerischen Falkenberg über die »Notwendigkeit von besserer internationaler Zusammenarbeit«. Die NA betreibt mittlerweile Internet-Seiten auf Schwedisch, Holländisch und Deutsch und hat die kompletten »Turner Tagebücher« auf Französisch und Deutsch ins Internet gestellt. Eine polnische Version erschien 1999. Außerdem sprach Pierce auf einem internationalen Treffen der griechischen Gruppe »Morgendämmerung« und hat enge Verbindungen nach Ungarn.

Resistance Records und Nordland

Während seines Besuchs in Deutschland bei der NPD im vergangenen Oktober stärkte Pierce seine Position in der White Power-Musikszene, indem er die Lagerbestände, Zeitschrift und Adressen-Verteiler des schwedischen Nordland-Vertriebes 2 für 50.000 Dollar übernahm. Zuvor hatte er bereits Resistance Records für angeblich 250.000 Dollar gekauft. Das CD-Lager befindet sich nun in West Virginia, wo Pierce ein 150qm großes Gebäude für das neue Unternehmen baut. Resistance Records (RR) wurde 1993 von dem Kanadier George Burdi und zwei anderen in Detroit (Michigan) gegründet. Es war die erste derartige Profi-Organisation in Nordamerika und produzierte ein Hochglanz-Magazin und Dutzende von CDs von rassistischen Bands. Aber nach acht Ausgaben der Zeitschrift brach das Ganze zusammen. Burdi musste wegen eines Angriffs auf einen Antirassisten ins Gefängnis, und das Finanzamt beschlagnahmte 1997 die CDs. Während Resistance Records verschwand, gedieh ein ähnliches Unternehmen in Schweden. Aber auch Nordland geriet in eine Krise durch die Konkurrenz und Gewalt von seiten des britischen Combat 18 und des Blood & Honour-Netzwerks (vgl. AIB # 49). In den USA sah es zunächst so aus, als ob Resistance Records durch den 73jährigen Antisemiten Willis Carto wiederbelebt werden würde. Carto ist der erfolgreichste us-amerikanische Rechtsextremist. Seine Organisation Liberty Lobby hat einen Jahresetat von vier Millionen Dollar. Aber auch Carto geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste das RR-Geschäft wieder abstoßen. Schließlich kaufte Pierce RR auf. Das neue Resistance-Projekt wird von dem örtlichen NA-Führer Erich Gliebe von Cleveland (Ohio) aus geführt. Und in Pierce Hauptquartier in West Virginia kümmern sich zwei Angestellte um den Versand. Im Jahr 2000 will Pierce 70.000 CDs verkaufen.

Die erste Ausgabe des neuen RR-Magazins erschien im vergangenen Herbst. Die Hochglanz-Zeitschrift richtet sich nicht mehr nur an Skinheads. Sie enthält auch Fotos von einem traditionellen »Europäischen Kulturfest« im Lederhosen-Stil, einem Treffen der »Freunde der British National Party« in Virginia und einem »Hammerskin Nation«-Konzert in Texas. In seinem ersten Zine-Editorial feierte Pierce die White Power Musik: »Sie wird die Musik des Widerstands und der Wut gegen die Feinde unseres Volkes sein; gegen die Bürokraten und Schleimer. Sie wird die Musik der kommenden großen reinigenden Revolution sein.« Wenn es Pierce gelingen sollte, aus dieser Musik-Subkultur ein Rekrutierungsfeld für die National Alliance zu machen, dann wird sich die Skinhead-Szene von einer Latrinengrube voller rassistischer Verrückter in einen Abwasserkanal von organisierter Gefahr verwandeln.

  • 1. Als deutsche Kontaktperson von Pierce galt Sicherheitsbehörden der Augsburger William Allen Coppage Keller. Der amerikanische Staatsbürger soll sogar NA-Europabeauftragter gewesen sein.
  • 2. Der ehemalige VAM-Funktionärs Per-Anders Lennart Johansson ("Pajen") galt Sicherheitsbehörden zeitweilig als Leiter des Nordland-Verlages und Resistance Shop bzw. Midgard Service in Göteborg.
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