Rezensionen | AIB 83 / 2.2009 | 11.06.2009

Mission Gottesreich

Oda Lambrecht, Christian Baars

Ein aktuelles Buch über christlichen Fundamentalismus in Deutschland kommt genau zur rechten Zeit. Verschiedene Auseinandersetzungen in der jüngsten Vergangenheit haben gezeigt, wie umstritten und gleichermaßen unbekannt die Evangelikalen sind. Die beiden AutorInnen, Oda Lambrecht und Christian Baars, sind seit Jahren als JournalistInnen für Rundfunk und Fernsehen aktiv.

Sie liefern in diesem Sachbuch eine erste detaillierte Studie über die evangelischen Fundamentalisten ab, die so umfangreich bisher nicht nachzulesen war. Das Spektrum der Gruppen ist komplex und für Außenstehende oftmals verwirrend. Lambrecht/Baars unternehmen nicht den Versuch, die verschiedenen Gruppen aus ihrer organisatorischen Herkunft zu analysieren oder durch ihre Zugehörigkeit zu Netzwerken, Bünden oder Allianzen zu unterscheiden. Sie unterteilen ihr Buch in sieben thematische Kapitel und nähern sich so den Aktionsfeldern dieser Gruppierungen. Eine Methode, die funktioniert, doch eine Darstellung der Genese der Evangelikalen Gruppen in Deutschland wäre dennoch ratsam gewesen. Eine Darstellung des Einflusses der Evangelikalen auf die Landeskirchen sowie ein Schlusswort gegen Intoleranz und Diskriminierung schließen das Buch ab.

In dem langen einführenden Kapitel »Kampf dem Teufel – Alltag zwischen Wundern und Dämonen« machen die AutorInnen deutlich, wie attraktiv die Heils- und die Heilungsversprechen der diversen Prediger sind. Christliche Wunderheiler haben Konjunktur: »Sie erzählt von ihrem Mann Siegfried, der sei KfZ-Meister und betreibe ein Autogeschäft. Sie glaubten, auch Gott habe Ersatzteile – da wüchsen manchmal neue Zähne oder sogar Arme oder Beine.« (S.20) Schwere Erkrankungen, aber auch »Perversionen« wie »Intellektualismus« werden durch Beten, Handauflegen oder auch durch schlichte Dämonenaustreibungen »besiegt«.

Hier wie in dem anschließenden Kapitel über Sexualität (»Sex und Sünde«) wird deutlich, wie diese Gruppierungen über die Körper der Menschen Macht über ihre Köpfe erlangen. Homosexualität wird von vielen als Leiden oder eine »Störung« angesehen, die entweder therapiert oder geheilt gehört; auf jeden Fall darf ein evangelikaler Christ diese »Neigung« nicht praktizieren (S. 61). Auf homosexuelle Mitglieder der Gemeinden wird ein starker religiöser Druck ausgeübt: »Das könnte zu schweren Depressionen bis hin zum Suizid führen« (S. 63).

Zwei kürzere Kapitel stellen den Einfluss des sogenannten »Kreationismus« in Gesellschaft und in den Schulen dar. Dem ausgeprägten »Sendungsbewusstsein« der evangelikalen Gemeinden, der Missionierung in Deutschland und weltweit, widmen sich die AutorInnen in weiteren Abschnitten intensiv. Die penetrante Missionierung gehört sicher zu den herausforderndsten Eigenschaften dieser Gruppen.

Die Aussagen ihrer Reportagen belegen die AutorInnen mit einer überdurchschnittlichen Anzahl von Quellen. Eine Stärke des Buches ist die zurückhaltende Sprache. Vorschnelle Wertungen oder Polemik fallen nicht auf. Die Auswahl der Quellen – Publikationen der Gruppen, Internet, Interviews mit ExpertInnen und ehemaligen Mitgliedern – erscheint ausgewogen und folgt journalistischen Grundsätzen: alle Gruppen erhielten die Möglichkeit, Stellung zu nehmen, was viele allerdings unterlassen haben. Trotzdem erreichte uns das Buch bereits mit einer ersten Schwärzung durch den Verlag.

Oda Lambrecht, Christian Baars
Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland
Berlin 2009, Ch. Links Verlag
250 Seiten