Rezensionen | AIB 95 / 2.2012 | 01.09.2012

Made in Thüringen? - Nazi-Terror und Verfassungsschutz-Skandal

Bodo Ramelow

Am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus, erschien der Sammelband »Made in Thüringen? – Nazi-Terror und Verfassungsschutz-Skandal« – herausgegeben vom Vorsitzenden der Linksfraktion im Thüringischen Landtag, Bodo Ramelow. In dem Buch tragen die 25 Autor_innen, darunter Journalist_innen, Aktivist_innen antifaschistischer Initiativen sowie Wissenschaftler_innen umfassend Informationen zum mörderischen Treiben des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), seinen Unterstützer_innen in der extrem rechten Szene und dem absoluten Versagen der Inlandsgeheimdienste zusammen. Dies scheint auch bitter nötig: Eine transparente und schonungslose Aufklärung ist von den Behörden nicht zu erwarten. Hier liefern die Autor_innen mit ihrem Werk einen kaum zu überschätzenden Fundus.

Das systematische Vertuschen, Wegschauen und Verharmlosen durch die staatlichen Behörden und zahlreiche bürgerliche Politiker_innen hat die 13 Jahre währende Mord- und Raubserie der polizeibekannten Neonazis des NSU mit ermöglicht. Entsprechend liegt hier ein Hauptaugenmerk der Autor_innen. Dass ausgerechnet in Sachsen die Täter weitgehend unbehelligt agieren konnten, verwundert da kaum. Hier fand man die optimalen Bedingungen, wie sie auch in den Handlungsanleitungen im Neonazihandbuch »Der politische Soldat« zu finden sind, die durch die Aktivist_innen des NSU beherzt aufgegriffen wurden: »Keine Zelle sollte in den bewaffneten Kampf einsteigen, wenn sie keinen sicheren Ort hat, wo sie Waffen, Munition und gesammelte Informationen usw. verstauen kann«, heißt es dort. Die Rolle des Staates beleuchten auch Buchkapitel zur braunen Vergangenheit des Verfassungsschutzes und zur unendlichen Skandalgeschichte um den Thüringer Ableger dieser Behörde.

Akribisch wird der rechte Sumpf ausgeleuchtet, der gerade in Thüringen und Sachsen jahrzehntelang als Nährboden für den Neonaziterror gedeihen konnte. Zu nennen sind beispielsweise das Freie Netz und der Thüringische Heimatschutz (THS), in dem auch die drei Jenaer Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aktiv waren – vor deren Untertauchen sollen sich mindestens zehn V-Leute in der Gruppe befunden haben. Hierzu liefert die Gamma-Redaktion aus Leipzig umfassende Analysen. Sören Frerks und Paul Wellsow tragen in ihrem Beitrag Recherchen über die Unterstützer und das Umfeld des NSU zusammen. Spannend lesen sich auch die Erkenntnisse über die Methoden, mit denen der NSU nach dem Untertauchen seiner Mitglieder den Kontakt zu diesen Leuten aufrecht erhielt.

Bodo Ramelow (Hrsg.):
Made in Thüringen? Nazi-Terror und Verfassungsschutz-Skandal
VSA Verlag Hamburg, 222 S.
ISBN 978-3-89965-521-6