Einige Soldaten der HOS mit "Hitlergruß" nach der Eroberung von Klepci bei Čapljina im Jahr 1992. (Foto: Croatian military photographer; CC0, wikimedia)
International | AIB 19 / 3.1992 | 02.09.1992

Kroatien Krieg - Tummelplatz für Neonazis

Der seit mehreren Monaten herrschende Bürgerkrieg in Jugoslawien ist für Außenstehende kaum zu durchschauen. Ursachen der Auseinandersetzungen werden von den Medien vereinfacht und auch den jeweiligen Interessen angepaßt. Die Situation in Jugoslawien genauer zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, doch soll auf die jüngere Geschichte Kroatiens kurz eingegangen werden.

In Kroatien regiert seit 1990 die "Hrvatska demokratska zajednica" (HDZ) - auf deutsch "Kroatisch Demokratische Union«. Unter Präsident Franjo Tuđman versucht die "Kroatischen Demokratischen Union" die Loslösung Kroatiens von Jugoslawien zu erreichen. Die nationalistische Politik findet u.a. darin ihren Ausdruck, daß das alte Wappen der kroatischen Könige, welches auch das Zeichen der faschistischen Ustascha-Bewegung ("Ustaša – Hrvatska revolucionarna organizacija") war, zum Staatssymbol erklärt wurde.

Im Januar wurde das Urteil gegen den Nazi-Kollaborateur Kardinal Alojzije Stepinac vom kroatischen Parlament für ungültig erklärt. Zudem sind Teile der Polizei und die früheren sogenannten Territorialeinheiten (zum Schutz der jeweiligen Region dienende Reservetruppen) in eine rein kroatische Nationalgarde umgewandelt worden. Darunter gibt es auch Spezialeinheiten wie die „Hrvatske obrambene snage“ kurz »Hos«, die in der Tradition der faschistischen Organisation Ustascha steht. Die Ustascha wurde 1929 unter dem Einfluß des italienischen Faschismus gegründet. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch faschistische Truppen wurde die Ustascha von diesen an die Macht des neugebildeten kroatischen Staates gesetzt. Nach dem Sieg der Partisanenbewegung und der Befreiung Jugoslawiens wurde die kroatischen Faschisten unterdrückt. Dies änderte sich erst mit der erneuten Unabhängigkeit Kroatiens.

Neonazistische Söldner im jugoslawischen Bürgerkrieg

Das alles bietet einen idealen Nährboden für neonazistische Organisationen. Der ehemalige Mitstreiter Le Pens, Michel Faci - alias Michel Leloup - war als Söldner in Argentinien, Irak, Rumänien und nun in Kroatien. Sein Ziel sei: »...für den Erhalt der weißen Rasse zu kämpfen und zu töten, und damit die Sicherung Europas«. Mit zwei Freunden kam er im vergangenen Herbst in Zagreb an, um sich dort von der Hos anheuern zu lassen. Nach eigenen Angaben befehligte Faci / Leloup eine 200-Mann-Einheit. Die meisten Männer dieser Einheit seien Kroaten, aber auch ca. 100 ausländische Freiwillige, darunter einige Deutsche und Österreicher, gehörten dazu. Diese Aussage deckt sich mit Angaben des Bundesdeutschen Kriminalamtes (BKA). Demnach würden viele Söldner in den neuen Bundesländern angeworben werden. Insgesamt soll sich die Anzahl der deutschen Söldner auf 200 belaufen.

Anfang des Jahres fand im Wiener »Kursalon Hübner«, ein Versammlungsort der Neonazis, eine Veranstaltung für ein »starkes und ethnisch reines Kroatien« statt. Am Ende der Versammlung kam es zu freiwilligen Meldungen zum Fronteinsatz in Kroatien. Organisationen wie die "Nationale Liste" in Hamburg, die "Deutsche Alternative" in Cottbus oder der Bayrische "Nationale Block" hatten bereits im Dezember 1991 Aufrufe veröffentlicht, es müsse nationale Solidarität mit kroatischen Söldnern geübt und Geld für Waffen, Munition und Sanitätsmittel gespendet werden. In diesen Aufrufen wurde auch für "Freiwillige" in Kroatien geworben. Die NSDAP/AO-Zeitung »New Order« des Amerikaners Gerhard "Gary Rex" Lauck rief ebenfalls zur Unterstützung der kroatischen Milizen auf. Mitte Januar sollte sich eine 50-Mann starke Gruppe aus Österreich auf den Weg nach Kroatien machen. Einige Verhaftungen, darunter auch Gottfried Küssel (aus der Führungsgruppe der GdNF), führten zu einer Neuorganisierung des ganzen Unternehmens.

Offiziell handelt es sich nun um eine Sanitätsgruppe, denn nach österreichischem Recht droht Söldern im Auslandseinsatz der Entzug der Staatsbürgerschaft. Der Wiener Neonazi-Anführer Gerhard Endres erklärte: »Wir schicken ein zur Verteidigung bewaffnetes Sanitätskorps nach Kroatien.« Um Schwierigkeiten mit den Behörden zu vermeiden, treffen sich die Söldner auf neutralem Gebiet, also Schweiz oder Lichtenstein.

Wie brisant die internationalen Beziehungen der Neonazis nach Kroatien sind, wird auch durch den Tod zweier Journalisten, die in diesem Milieu recherchierten, deutlich. Zunächst wurde der 27jährige Schweizer Journalist Christian Würtenberg tot aufgefunden, dieser hatte sich zuvor Zugang zu der internationalen kroatischen Brigade verschafft hatte. Sein britischer Kollege, der Fotograf Paul Jenks, welcher die Hintergründe des Todes recherchierte, wurde wenig später am 17. Januar 1992 in Kroatien, nahe Osijek, erschossen.1

Die rechten Kontakte der Tuđman-Regierung

Die Regierung Tuđman unternahm bisher nichts gegen den Fronteinsatz europäischer Neonazis. Im Gegenteil: Am 5. Mai 1991 empfingen kroatische Regierungsvertreter eine Delegation Abgeordneter der extremen Rechten im Europäischen Parlament. Darunter waren Jean-Marie Le Pen und Harald Neubauer (führender Kopf der "Deutschen Liga für Volk und Heimat"). Dazu der Berater von Tudmann, Hrvoje Šošić: »Negative Einstellungen von Le Pen und seiner Partei sind Vorurteile, wenn nicht gar Verleumdungen aus bolschewistischen Quellen«. Neubauer sieht in der Souveränität Kroatiens einen ersten Schritt zur Neuordnung Europas - erst im Osten, dann im Westen. Er fühle sich als Vertreter einer nationalistischen Vorhut.Solche Einladungen der Tudmann- Regierung sind keine Ausnahme: Im Januar 1992 besuchten belgische Abgeordnete des extrem rechten "Vlaams Blok" die kroatische Hauptstadt und Kampfgebiete um Vukovar und Osijek. Es wurden große Übereinstimmungen mit der Regierung Kroatiens festgestellt.

Deutsche Neonazis in Osteuropa

Der Zusammenbruch der ehemals sozialistischen Staaten ermöglicht europäischen Neonazis fast unbegrenzten Spielraum. Nach Polen wird Propaganda-Material und Bürotechnik geliefert. Personen aus der NPD suchen selbst in Alma Ata (Kasachstan) Kontakte und leistet auch Hilfe beim Parteiaufbau in Bulgarien. Das rechte Blatt »Europa vorn« wird in der Ukraine gedruckt. Die Neonazis Ernst Zündel und Ewald Althans wollen nach Moskau fahren um dort ihre geschichtsrevisionistische Propaganda zu veröffentlichen. Der Brandenburger Neonazi Frank Hübner von der "Deutschen Alternative" pflegt Kontakte zu russischen und ukrainischen Neonazis in Moskau und Kiew. Wolfgang Strauss (Fürth) von der Neonazi-Zeitung "Nation und Europa" ist ebenfalls um rechte Vernetzung in der früheren Sowjetunion bemüht.

  • 1. Nachtrag: Am 16. April 2009 hat die bolivianische Polizei den Söldner Eduardo Rozsa Flores erschossen und einen seiner Leutnants, den Kroaten Mario Tadic in der Stadt Santa Cruz, wegen paramilitärischer Aktivitäten festgenommen. Diese beiden Personen werden u.a. verdächtigt 1992 in Kroatien den Basler Christian Würtenberg ermordet zu haben. Vgl. EL PAIS 27.2.1992