Rezensionen | AIB 115 / 2.2017 | 21.07.2017

Kobane Calling — Gesichter, Worte und Kritzeleien von Ribibbia bis zur türkisch-syrischen Grenze

zerocalcare

Es ist die Auflösung, die mich fertig macht. Ich bin dabei eine gute Sachen zu machen, aber ich komme mir vor, als ob ich einen Knaller auf die Rektorin werfen würde. (die auf jeden Fall eine blöde Kuh war, was auch diese Sache moralisch rechtfertigt.)“ So beschreibt zerocalcare, Protagonist der folgenden Erzählung und Alter-Ego des gleichnamigen Comiczeichners, die verpixelte Stelle in einem Tortendiagramm in seinem Gehirn. Es ist ein Diagramm, das seine Motivationen aufzeigen soll, seine Motivationen nach Rojava zu fahren.
Da ist die Überzeugung, dass Rojava als Vorbild für ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten dient, da ist der Wunsch, eine andere mediale Perspektive zu schaffen und da ist das Ego des Comiczeichners, aber eine Stelle fehlt: „Hier, das vierte Stück, das grösste, verschwimmt, verpixelt sich. Völlig unklar, was das ist.“  Also nimmt uns zerocalcare in seiner Comic-Reportage „Kobane Calling“  mit nach Kurdistan, um diesem verpixelten, grauen Fleck auf die Spur zu kommen.

Die erste Fahrt geht 2014 nach Mehser. Das liegt auf der türkischen Seite der Grenze. Gemeinsam mit einer Delegation von insgesamt acht Personen will zerocalcare Medikamente nach Kurdistan bringen, in Camps für geflüchtete Menschen helfen und eine Medienkampagne aufbauen. „Ungefähr drei Metrostationen von hier. So wie von Ribibbia nach Santa Maria del Soccorso.“ So weit ist Kobane entfernt, wo kurdische Kämpfer*innen gegen den sogenannten Islamischen Staat kämpfen. Es ist Nacht. Zerocalcare steht auf dem Dach einer Moschee. Von dort kann er in der Dunkelheit die Leuchtraketen drüben in Kobane sehen und die Schüsse hören.

Acht Monate später wird Kobane befreit und zerocalcare plant seine zweite Reise. Diesmal soll es auf die syrische Seite gehen, nach Rojava. Von der türkischen Grenzpolizei am Flughafen aufgehalten, die ihnen die Hilfsgüter abnimmt, erreicht die Gruppe schließlich mit einem Reisebus Erbil im Irak. Dort erhalten sie die Erlaubnis, Vertreter_innen der PKK in den Kandil-Bergen zu treffen. An dieser Stelle setzt zerocalcare bewusst eine Leerstelle im Erzählfluss ein, um keine empfindlichen Informationen weiterzugeben. Nach diesem Zwischenstopp können zerocalcare und seine Mitstreiter_innen endlich nach Rojava. Aus dem Gesellschaftsvertrag von Rojava zitierend überquert er die Grenze ins Kanton Cizîrê, um von dort ungeplant auch Kobane einen Besuch abzustatten.

Auf knapp 300 Comic-Seiten zeigt zerocalcare die Eindrücke und Erfahrungen, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Er beschreibt viele Gespräche mit Kämpfer_innen an den verschiedenen Orten und Zivilisten mit unterschiedlichsten biographischen Hintergründen. So schafft er einen unmittelbaren Zugang zu den individuellen Geschichten der Figuren. In Zwiegesprächen mit seinen imaginären Freunden, einem Gürteltier, einem Mammut und einem Schwein, ergänzt er diese subjektiven Eindrücke durch historische und geographische Informationen. Ebenso verbindet der Comiczeichner gekonnt bedrückende Bilder von Krieg, Zerstörung und den Schicksalen der Kämpfer_innen mit humorvollen Anekdoten. Dies ist zum einen dem spannenden sowie ironischen Erzählstil des Zeichners geschuldet. Zum anderen dem Medium Comic, das, wie schon durch andere Comic-Reportagen gezeigt worden ist, durch seine spezifische Medialität prädestiniert ist, auch ernste Geschichten immer wieder auch humoristisch unterlaufen zu können, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Erfrischend ist auch die selbstreflexive Transparenz, mit der zerocalcare seine eigenen Beweggründe und den Blick einer europäischen Linken auf Rojava immer wieder hinterfragt und versucht, dem verpixelten Fleck auf den Grund zu kommen. Aber lest selbst...

Kobane Calling — Gesichter, Worte und Kritzeleien von Ribibbia bis zur türkisch-syrischen Grenze

Text & Zeichnung: zerocalcare
Avant-Verlag 2017
272 Seiten , schwarzweiß, Hardcover, 24.95 €