International | AIB 73 / 4.2006 | 09.12.2006

Kärntner Zustände

Im Jahr 2005 veranstaltete der »Arbeitskreis gegen den Kärntner Konsens« erstmals antifaschistische Aktionstage gegen das Ulrichsbergtreffen in der Nähe von Klagenfurt/Celovec (Kärnten/Koroska). Es war nach einigen Jahren wieder ein Versuch öffentlichen Protest gegen das extrem rechte Treffen zu organisieren.

Die Ulrichsberggemeinschaft (UBG) gründete sich 1953 aus dem Umfeld österreichischer Kameradenverbände. Es galt einen neuen österreichischen Patriotismus zu bekunden und gleichzeitig eine Plattform für die alten Kameraden aus Wehrmacht und Waffen-SS zu organisieren. Mittlerweile jährt sich die Grundsteinlegung für die »Heimkehrer, Friedens- und Europagedenkstätte« am Gipfel des Ulrichsberg zum 48 mal. Seit den 1950er Jahren ist es Kameradenverbänden, deutsch-nationalen Traditionsvereinen, Burschenschaftlern und Neonazis, unter reger Anteilnahme des Bundesheers und örtlicher Honoratioren, möglich, den deutschen Vernichtungskrieg als einen ganz normalen Krieg unter vielen zu relativieren. Den braven Soldaten wird ihre standhafte Abwehr der kommunistischen Bedrohung gedankt, als Deckmäntelchen dient dem Ganzen das Bild der mahnenden Friedensbewahrer, die unter Verlust der nicht heimgekehrten Kameraden, den Wert des Friedens als Einzige tatsächlich zu schätzen wissen.

Am Vorabend der Gedenkveranstaltung am Ulrichsberg findet traditionell der Kameradschaftsabend der K IV (ein Zusammenschluss ehemaliger Waffen-SS Mitglieder) in Krumpendorf/Kriva Vrba statt – hier sind die Mörder (darunter der in Dänemark zum Tode verurteilte NS-Kriegsverbrecher Sören Kam), die ideologischen Nachfahren (so die Himmler-Tochter Gudrun Burwitz) und ihre Anhänger unter sich, hier wird offen ausgesprochen, was selbst in Kärnten nur angedeutet werden kann. Neonazis, etwa jüngere Kader der HIAG, schwärmen vom Krumpendorftreffen, gescheitelt oder rasiert erhält der Nachwuchs Autogramme von den Vorbildern älteren Jahrgangs. Als 1995 Jörg Haider die Kameraden der SS zur ihrer ideellen Standfestigkeit beglückwünschte, reichte das selbst in Österreich für einen kleinen Skandal.

Antifaschistische Proteste

2005 demonstrierten knapp 100 Personen gegen diese Veranstaltung. Die Polizei nutzte eine kleine Rangelei für die Festnahme eines deutschen Antifaschisten. Unter Schikanen wie der Verweigerung von Essen und Kontakt zum Anwalt, wurde er von der Kärntner Justiz derartig unter Druck gesetzt, dass er nach dreitägiger Untersuchungshaft einem »Schnellverfahren« ohne Beteiligung seines Anwalts zustimmte. Er wurde zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt, das Urteil ist derzeit nicht rechtskräftig.

Am frühen Sonntagmorgen wurde etwa 100 Meter unterhalb des Veranstaltungsorts der Feierlichkeiten gegen die Kameradenseligkeit protestiert. Oben hatten sich um die 1.000 Alt- und Neonazis, Mitglieder von Kameradschaftsverbänden und extrem rechten Vorfeldorganisationen wie dem Kärntner Heimatdienst und dem Abwehrkämpferbund, Politiker, und eine Bundesheerkappelle eingefunden. Die Wut auf die DemonstrantInnen war nicht zu überhören, der Dank an die Exekutive umso inbrünstiger. Bezeichnend die Reaktion auf die »Festrede« des konservativen Landesrates Martinz, der in seiner über weite Strecken zutiefst revisionistischen Ansprache auch eine Verurteilung der Verbrechen der Totenkopf- und Waffen-SS verpackte und Auschwitz als Symbol nationalsozialistischer Verbrechen erwähnte: Vor allem im hinteren Teil des Zeltes verließen die Besucher daraufhin in Scharen murrend die Veranstaltung – sie waren erst wieder einigermaßen versöhnt, als der Präsident der Ulrichsberggemeinschaft, Rudolf Gallob (SPÖ), ans Mikrofon trat und im Namen der UBG versicherte, dass die »ehemaligen Teilnehmer der Waffen-SS [...] am Ulrichsberg gerne willkommen« seien; da applaudierten die »Kameraden und Kameradenfrauen«. Ansonsten war viel vom »Frieden« und vom »vereinten Europa« die Rede – ein Europa der »zusammenwachsenden Völker und Nationen«, versteht sich.

Gedenken am Ulrichsberg

Worum es am Ulrichsberg tatsächlich geht, wenn von »Europa« und von »Versöhnung« die Rede ist, offenbart ein genauerer Blick auf die Gedenkstätte selbst. Seit den 80er Jahren gibt man sich einen bemüht internationalen Anstrich und zitiert zum Beweis die Gedenktafeln aus verschiedenen europäischen Ländern. Schon der zweite Blick macht allerdings deutlich, dass es sich bei den »nicht-deutschen« Verbänden, derer dort gedacht wird, vor allem um Freiwilligeneinheiten verschiedener SS-Divisionen von Lettland bis Belgien handelt.

Viele der Tafeln halten den Dank an die »Garnisonsstadt Klagenfurt« fest, beherbergte Klagenfurt doch eine wichtige SS-Kaserne (heute unter anderem Namen vom Bundesheer benutzt) samt angeschlossenem Konzentrationslager. Die ideologischen Nachfahren der »Freiwilligen« sind am Ulrichsberg gern gesehene Gäste – auch wenn 2005 von den früher üblichen »Grußworten« abgesehen wurde, um – so die Begründung der UBG – keine »sprachlichen Entgleisungen« zu ermöglichen. Auch mit den westlichen Alliierten hat man sich soweit »versöhnt«, dass einzelne britische oder (2005 erstmals) US-amerikanische und australische Veteranen eingeladen wurden. Das Ende der »Versöhnung« zeigte sich 2004, als ein Teil der UBG versuchte, eine slowenische Veteranendelegation aus dem Jugoslawien-Krieg der 90er Jahre einzuladen, und andere Teile des Vereins daraufhin befürchteten, dass dadurch ehemalige Partisanen den »Heiligen Berg« entweihen könnten. Die Aufregung legte sich etwas, als die slowenische Delegation kurzfristig absagte.

Das Europa der Ulrichsbergler wird vom Hass zusammengehalten, vom Hass auf den »besiegten« Kommunismus im Allgemeinen und – nicht umsonst sind wir in Kärnten – vom Hass auf alles Slowenische im Besonderen. Die Ulrichsbergfeier ist mehr als ein Treffen von alten und jungen Rechtsextremen, es ist auch ein Stück Kärntner Normalität. Nicht nur hochrangige LandespolitikerInnen der drei relevanten Parteien (FPÖ bzw. BZÖ, ÖVP, SPÖ) geben sich die Ehre, von der Freiwilligen Feuerwehr über katholische und evangelische Geistliche bis zum Roten Kreuz ist so ziemlich alles vertreten.

Die Ulrichsberggemeinschaft kann in ihren revisionistischen Geschichtsdeutungen direkt an einen breiten Konsens anknüpfen, für den die Verdrängung und Verfälschung der slowenischen Geschichte Kärntens zentral ist. Verdrängt wird die Geschichte der Unterdrückung der Slowenen, die in den nationalsozialistischen Deportationen (der sogenannten »Aussiedlung«) gipfelte; in revisionistischer Manier verfälscht wird – weit über die Grenzen organisierter extrem rechter Zusammenhänge hinaus – die Geschichte der Slowenischen Partisanen, deren antifaschistischer Kampf zu einer von jugoslawischem Nationalismus bestimmten Folge von Verbrechen umgelogen wird – symptomatisch dafür ist, dass sich Haider schlicht weigerte, ehemaligen Widerstandskämpfer das vom Bund verliehene »Ehrenzeichen um die Befreiung Österreichs« zu überreichen.

Antifaschistischer Protest kann sich – ganz besonders in Kärnten/Koroska – nicht nur gegen die Neonazis und organisierten Rechtsextremismus wenden, sondern muss sich gegen weitgehend konsensuale Geschichtsdeutungen und ihre politischen Implikationen stellen. Das nächste Ulrichsbergtreffen ist für das 3. Septemberwochenende 2006 angekündigt. 

Nähere Informationen, Recherchen, Hintergrundtexte und Material gibt es auf: www.u-berg.at