(Bild von Unbekannt; wikimedia.org)
Geschichte | AIB 46 / 1.1999 | 31.03.1999

Julius Evola - Geburtstagsfeiern für einen spirituellen Faschisten

100 Jahre wäre Julius Evola am 19. Mai 1998 geworden. Das große Aufsehen, das in rechten Kreisen um dieses zweifelhafte Jubiläum gemacht wurde, unterstreicht die Wichtigkeit Evolas. Vor allem in Kreisen der "intellektuellen Rechten" huldigte man ihm. Doch der italienische Faschist erlebte nicht wie sein Vorbild Ernst Jünger das Jubiläum, sondern verstarb 1974 in Rom. War er bisher in der Bundesrepublik »nur« einem auserwählten Kreis zwischen Faschismus und Esoterik bekannt, so würdigt man ihn jetzt quer durch den (extrem) rechten Blätterwald von "Criticon", "Junge Freiheit" über "Nation & Europa" bis zur "Deutschen Stimme". Viele Ideen haben sie den antidemokratischen Konzepten Evolas entnommen, und nun finden sie sich zusammen, um seiner zu gedenken und die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Doch es sind nicht nur die traditionell rechten Kreise, die ihn würdigten: Mit einer »Lichtscheibe« (einer profanen Musik-CD) reiht sich auch das »Eis und Licht« Label des Dresdners Stephan Pockrand (Herausgeber von "Sigill") mit Bands wie "Allerseelen" um Gerhard Petak in den Reigen ein. Der folgende Artikel soll das ideologi-sche Konzept Evolas beleuchten, um Schnittstellen zwischen vermeintlich unpolitischer, geschweige denn rechtsextremer Esoterik und einer tatsächlichen faschistischen Ideologie darzustellen.

Anklang findet bei den "Neuen Rechten" vor allem der mystische Antimodernismus von Baron Evola, der Sohn einer sizilianischen Adelsfamilie war. Er beklagt in seinen Werken die gesamte moderne Welt als sinnleer und entfremdet und fordert eine Rückbesinnung auf die »Tradition«. Darunter verstand er u.a. die Aufrechterhaltung hierarchischer Strukturen, Betonung von Männlichkeit, Autorität und Souveränität. »Dem traditionellen Grundsatz entsprechend«, so Martin Schwarz in einer Hommage in der Neonazi-Publikation "Nation & Europa", »daß aus Höherem Niederes werden kann, aber niemals aus Niederem Höheres, ist Geschichte Verfallsgeschichte«. Und die »moderne aufgeklärte Denkweise« ist folglich nicht Fortschritt, sondern Rückschritt, der ins »Nichts« führt. Evolas Ansatz ging aber noch darüber hinaus: »Die Leistung Evolas besteht (...) in der Wieder entdeckung und Freilegung des traditionellen Funkens in verschiedenen Lehren, Mythen, Religionen und Praktiken, das Retten des Unvergänglichen aus dem psychologischen moralistischen und neospiritualistischen Schutt«, so Schwarz weiter.

In der rechten Pfaffenhofener "Zeitschrift für Politik und Kultur" namens "Gegengift" von Michael Ludwig stellt Karlheinz Weißmann sein Idol als »Konservativen Revolutionär« dar, der in »verschiedenen theosophischen und esoterisch-sektiererischen Kreisen verkehrt(e)«. Evolas »Interesse richtete sich dabei vor allem auf die transzendente Bindung des Menschen, von der er annahm, daß sie im vollen Sinn nur in der Vergangenheit, in den 'traditionellen' Kulturen vorhanden war«. »Aber in Europa und den dem von ihm beherrschtem Gebiet erlosch (die Tradition) mit dem Beginn der Moderne«. Damit reihte sich Evola in die gängige rechte Modernismuskritik ein. Er sah in dem Gleichheitsgedanken der Moderne die Ursache für den Niedergang der Menschheit. Nach seiner Meinung bereitete das Christentum als wesentlicher Bestandteil der Moderne auf religiöser Ebene den politischen Egalitarismus vor, der mit der Französischen Revolution seinen angeblichen Siegeszug angetreten hätte.

Neben dem Christentum gilt jedoch auch das Judentum als schuldig an der Durchsetzung der Moderne. In seinem 1928 erschienenen »Heidnischen Imperialismus« schreibt er: »Wir rufen auf zu einer entschlossenen, bedingungslosen, integralen Rückkehr zur nordisch-heidnischen Tradition. Wir machen Schluß mit jedem Kompromiß, mit jeder Schwäche, jeder Nachsicht gegenüber allem, was von der semitisch-christlichen Wurzel herkommend, unser Blut und unseren Verstand infiziert hat. [...] Anti-Europa, Anti-Semitismus, Anti-Christianismus - das ist unsere Losung«.

Daher verwundert es kaum, das Evola 1937 einen einleitenden Essay für eine Neuauflage der vom Antisemiten Giovanni Preziosi herausgegebenen antisemitischen Fäschung "Protokolle der Weisen von Zion" verfasste.

 Evola ist mit seiner Vorstellung von spirituell legitimierten Hierarchien, seinem Antisemitismus und seiner Kirchenfeindschaft, die sich nicht gegen die Unterdrückung durch die Kirche, sondern die Kirche als Verbreiter von Gleichheitsgedanken und als Fortsatz der jüdischen Religion wendet, ein Paradebeispiel dafür, wie rechtes Denken mit all seinen Bestandteilen funktioniert. Gerade sein »Anti-Christianismus« brachte ihn in Konflikt mit dem italienischen Faschismus, der sich mit der römisch-katholischen Kirche arrangiert hatte. Mehr noch dürfte dessen Führern allerdings Evolas Kritik mißfallen haben, daß sie »von unten gekommene Leute ohne Namen und noch geistige Tradition« wären, die auch offenbar nicht willens seien, die »Schaffung einer Hierarchie, im höheren Sinn« durchzusetzen. Aufgrund dieser kritischen Anmerkungen stand Evola dem »Duce« Benito Mussolini ambivalent gegenüber. Wie vielen der sog. »Konservativen Revolutionäre« war ihm der Faschismus an der Macht zu bürgerlich und zu wenig heroisch. Zwar starben schon Hunderttausende, aber sie taten es nicht, so wie z.B. Evola es sich vorstellte, voller Hingabe, als Helden und Krieger, sondern mit Schmerz und Verzweiflung. Mit seinen Auffassungen war er Teil von lagerinternen Differenzen des Faschismus, deren Konflikte sich auch in körperlichen Übergriffen aus drückten.

Gleichzeitig publizierte Evola in der regimetreuen "Il Regime Fascista" von Roberto Farinacci und beteiligte sich als Ideenlieferant am Aufbau der Kaderschule "Scuola di mistica fascista" ("Mystische Schule des Faschismus"). Evolas Rassenlehre in »Sintesi di dotrina della Razza« ("Synthese einer Rassenlehre") interessierte Mussolini trotz aller Konflikte so sehr, daß er sich 1940 zum Gespräch mit ihm traf.

Während des Zweiten Weltkriegs erschien sein Buch »Grundrisse der faschistischen Rassenlehre« in Deutschland. Darin stellt er fest, daß die »Rasse des Körpers« nicht so wichtig sei wie die »Rasse der Seele«. Seine Ausführungen bewegen sich auf der Linie des nationalsozialistischen Rassentheoretikers Hans F. K. Günther.

1934 erschien Evolas kulturphilosophisches Hauptwerk »Rivolta Contro II Mondo Moderno« ("Revolte gegen die moderne Welt"). Darin beschreibt er aus der Sicht des Traditionalismus den Übergang von der traditionellen zur modernen Welt als kulturellen Verlust der transzendenten Dimension der Gemeinschaft und ruft zur »Revolte» gegen die »neuen Werte« auf, insbesondere gegen die Mitbestimmung der »Volksgemeinde«: »Die Vorstellung, daß der Staat seinen Ursprung im demos 1 hätte (...) ist eine ideologische Perversion (...) und bezeugt im wesentlichen einen Rückschritt«. Fortschritt wäre indes ein sakral legitimierter, hierarchisch gegliederter und auf dem Kastenwesen aufbauender Führerstaat: »Die Aufteilung der einzelnen Menschen auf Kasten oder andere gleichwertige Gruppen, entsprechend ihrer Natur und dem verschiedenen Rang der von ihnen ausgeübten Tätigkeit, gemessen an reiner Geistigkeit, findet sich mit feststehenden Grundzügen in jeder höheren Form traditioneller Kultur und bildet den Wesenskern der uranfänglichen Gesetzgebung und gerechter Ordnung«. Wenig Worte verliert Evola bei seiner Kritik an der »gesamten modernen Welt« zur Industriegesellschaft und deren Technologisierung, inklusive der Ausbeutung von Mensch und Natur. Dafür findet er immer wieder Worte gegen die Aufklärung (Demokratie ist ihm als Herrschaft des Pöbels ein Greuel) und für einen Ordensstaat, geführt von spirituellen Kriegern, als der er sich selbst verstand - so soll er sich auch als »Kahatriya« (Sanskrit: Krieger) bezeichnet haben.

Nicht ganz so tapfer floh der »Kahatriya« 1944 vor dem alliierten Vormarsch nach Wien, wo der Kulturphilosoph allerdings bei einem Bombenangriff so schwer verwundet wurde, daß er seitdem im Rollstuhl saß. Im April 1951 wurde Evola zwar wegen wegen „Bildung einer faschistischen Verschwörung“ und der „Verherrlichung des Faschismus“ verhaftet, im folgendem Prozess jedoch freigesprochen. Evola wurde zu einer Art "Vordenker" des (neo)faschistischen "Movimento Sociale Italiano" (MSI) um Giorgio Almirante und Pino Rauti. Auch auf die rechte Terrororganisation "Ordine Nuovo" soll er laut eigenen Aussagen einen gewissen Einfluss ausgeübt haben.

Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges drückte Evola in seinem 1953 erschienen »Menschen inmitten von Ruinen« mit neuen Worten seine alte Botschaft aus. In Bezug auf die aktuellen Entwicklungen stellte er wiederholt fest, daß »jede Demokratie in ihrem eigenen Prinzip eine Schule der Immoralität, eine Beleidigung der Würde und der inneren Haltung« ist. Folgerichtig wurde das Buch auch im deutschen Neonazi-Verlag "Hohenrain" von Wigbert Grabert verlegt. Im Vorwort einer neueren Ausgabe betonte er, daß es seinerzeit die Chance der Herausbildung einer »Rechtsgruppierung«, gegeben hätte: »Rechts, nicht im politischen, sondern auch und vor allem im idealen und spirituellem Sinn«.

Demjenigen, der es inmitten des Trümmerfeldes noch wage, aufrecht zu stehen, empfahl er in »Cavalcar la Tigre« ("Den Tiger reiten", 1961) eine innere Haltung des »Aufrechtbleibens«: »Handle so, daß dasjenige, dem Du nichts anhaben kannst, auch Dir nichts anhaben kann«. Denn schließlich muß der Tiger der Moderne mit Vorsicht geritten werden, nur, wer sich auf seinem Rücken hält, kann seinen Zähnen entgehen. In deutscher Übersetzung erschien „Den Tiger reiten" erstmals 1997 in dem "Arun Verlag" von dem früheren "Wiking Jugend"-Anhänger Stefan Ulbrich (alias Björn Ulbrich), wo auch die »Revolte gegen die moderne Welt« verlegt ist.

Schwarz betont in "Nation & Europa", daß Evolas Ergebnisse »weit von dem seichten New-Age-Geplätscher« entfernt seien und vergißt dabei zu erwähnen, daß Ulbrichts Buchangebot in zahlreichen Esoterik-Buchhandlungen ausliegt, und daß - bevor der einstige Mitarbeiter der ultra-rechten Zeitung "Junge Freiheit" seinen "Arun-Verlag" gründete - einer der Branchenführer des Esoterik-Buchhandels, der "Anasta Verlag", die »Revolte gegen die Moderne« verlegte.

Außer in "Nation & Europa" betitelte Schwarz Evola sowohl in der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" als auch im Booklet der CD »Calvalcare la Tigre« als »Philosoph in der Wolfszeit« und empfiehlt seine »Haltung«. Nur »wer es sich leicht machen will, der qualifiziert ihn als 'Faschisten'« stellt sich schützend Karlheinz Weißmann vor sein Idol. Dies behauptet jedoch nur, wer Evola aus der antimodernistischen Tradition des Faschismus lösen möchte. Er war keineswegs lediglich »Konservativer Revolutionär«, der in »verschiedenen theosophischen und esoterisch-sektiererischen Kreisen verkehrt(e)«.

Seine spirituell legitimierten Hierarchien, sein Antisemitismus und seine Kirchenfeindschaft, die sich gegen die Kirche als Verbreiter von Gleichheitsgedanken und in der Tradition der jüdischen Religion stehend wendet, sind beispielhaft für extrem rechtes Denken und offenbaren eine »rechtere Form« des Faschismus, wie sie bisher nicht durchgesetzt wurde. Die Bezeichnung Evolas als bloßen »Klassiker der Antimoderne« oder als »Konservativen Revolutionär« verharmlost seine Lehren. Den Rechten geht es darum, Evola so weit wie möglich vom Faschismus wegzuschreiben, um seine Ideen möglichst leicht rehabilitieren zu können.

  • 1. Volksgemeinde, Anm. AIB