(Bild: flickr.com/caratello/CC BY NC 2.0)
Gesellschaft | AIB 39 / 2.1997 | 04.09.1997

Jugendsubkultur im Umbruch

»Politikverdrossenheit« ist eines der Worte, die die heutige Zeit prägen. Vor allem unter Jugendlichen soll sie, so besagen es Umfragen und Studien, in den letzten Jahren rapide zugenommen haben.

»Die Jugend (...) entfernt sich von der Politischen Kaste, will nichts mehr von ihr wissen, fühlt sich nur betrogen und sucht ihre Bestimmung im hemmungslosen Vergnügen«1 meint der Österreicher Christian Böhm-Ermolli, Funktionär der Haider-Partei FPÖ, - eine Analyse, der bürgerliche wie linke Kreise weitgehend zustimmen können.

Doch die sogenannte Generation X verabschiedet sich nicht nur von der »Politischen Kaste«. Politik allgemein wird im breiten Spektrum der Jugendkulturen mehr und mehr zum negativ besetzten Begriff. Für die kulturell über lange Jahre abseitsstehende Rechte ist dies ein wesentlicher Einschnitt, sie feiert den »Abschied der 68er«2 von der Jugendkultur und sieht sich vor der Herausforderung, das entstandene politische Niemandsland schrittweise zu besetzen.

Die Linke hingegen debattiert sich auf der Suche nach ihrem verloren gegangenen Lebensgefühl durch die Kulturen, verliert dabei immer weiter an Authenzität und verbreitet mehr Depression als Aufbruchsstimmung. Dieser Problematik muß sich die antirassistische und antifaschistische Bewegung stellen, denn sie ist nicht nur ein Teil, sondern ein Kernpunkt fortschrittlicher linker Politik.

Kultur und Subkultur als »vorpolitischer Raum«

Gingen Anfang der 90er Jahre noch hunderttausende von Jugendlichen auf die Straße, um gegen den Golfkrieg und gegen die neonazistischen Pogrome zu demonstrieren, so ist dieser Lust zum Protest heute vielfach Hilflosigkeit und Verdrängung gewichen. Organisationen, in denen Protest mehr kanalisiert und institutionalisiert wird, schöpfen den Großteil des noch vorhandenen jugendlichen Protestpotentials ab, selbst das antirassistische Engagement vieler Schülerinnen und Schüler findet selten einen engeren Bezug zu linker Politik.

Ein Grund mag sein, daß die Linke noch keine Orientierung im gesellschaftlichen Umbruch der 90er gefunden hat. Die politischen Spiel- und Freiräume, wie sie in der »reichen« und vergleichsweise liberalen Boom-Epoche möglich waren, sind in den Verteilungskämpfen von heute knapp geworden. Viele Konzepte wirken erstarrt und avantgardistisch, Diskussionen prägen das Geschehen, die nur für InsiderInnen vermittelbar sind, oft als ausgrenzend empfunden werden und eher demotivierend sind. Die Linke hat ihre Rolle des Revolutionären, des Ideen-Gebenden in Teilbereichen abgeben müssen - eine Bewegung, die ihre Integrationskraft daraus schöpft, Kulturelles und Politisches in einem Lebensgefühl zu verbinden, ist nicht (mehr) erfahrbar.

Doch Jugendliche werden nicht links, weil sie nach ausgiebiger Lektüre entsprechender Literatur davon überzeugt werden. Sie suchen vielmehr nach dem Lebens- und Zusammengehörigkeitsgefühl, in dem sie ihrem oft diffusen Protest Ausdruck geben können. Darüber beginnt die politische Prägung. Gegenkultur und Subkultur sind unbedingter Ausdruck dieses Lebensgefühls. Wenn diese ausschließlich instrumentalisiert werden, verliert die Politik ihre Erfahrbarkeit. So ist die Frage nach linker Politik auch die Frage nach alternativer Subkultur, laut Duden, »die von einer bestimmten gesellschaftlichen, ethnischen ... Gruppe getragene Kultur mit eigenen Normen und Werten«.

Die Subkultur ist aber vor allem die Suche nach Selbstbestimmung über Selbstinszenierung über eine eigene Sprache, die Musik. Zu den Jugendsubkulturen, die heute wesentliche Berührungspunkte mit der politischen Linken aufweisen, zählen die Punkbewegung und der Hip- Hop. Die nachfolgende Betrachtung soll verdeutlichen, daß das Verhältnis der Linken zu den ihr nahestehenden Subkulturen keinesfalls störungsfrei ist, daß der individuelle Schritt von der »Kultur« zur »Politik« größer geworden ist, und das es naiv wäre, zu glauben, linke Subkultur sei ein Selbstläufer.

Am Beispiel anderer Subkulturen, die entweder auf eine eher linke Geschichte zurückblicken können (Dark-Wave/Gothic) oder denen sich viele Linke verbunden fühlen (Techno), wird deutlich, wie sehr die Rechte bemüht ist, sich dort Einflußsphären zu erschließen. Eine Betrachtung und Wertung von Tendenzen in Jugendsubkulturen, birgt immer die Gefahr, eine Pauschalisierung zu betreiben. Doch diese wird der Realität nicht gerecht, denn keine Subkultur ist in sich homogen, die Übergänge gerade auch zur »politischen Szene« sind vielfach fließend und die beschriebenen Szenarien zeigen sich in den verschiedenen Regionen und Orten höchst unterschiedlich. Auffallend ist das Ost-West-Gefälle. Jugendkulturen, die im Westen Deutschlands nicht als rechts-besetzt gesehen werden können, sind in den östlichen Bundesländern teilweise von neonazistischen Jugendlichen dominiert. Zumindest dort scheint die Rechte ihrem erklärten Ziel der »kulturellen Hegemonie« einen großen Schritt näher gekommen zu sein.

Punks und Autonome: Trennung im gegenseitigen Einvernehmen?

»Wir rufen die Autonomen auf, uns beim Kampf gegen die Neonazis zu helfen. Ihr seid uns durch eure bessere Organisation eine wichtige Hilfe.« (Flugblatt zu den Chaos-Tagen in Hannover 1984) »Nächstes Jahr will der eine oder andere Autonome aber doch nach Hannover kommen. Danke! Die Straße freut sich, wenn ihr von euren Sperrmüll-Bürosesseln und durchfurzten WG-Sofas, welche in Hannover zu Barrikaden verarbeitet wurden, mal wieder aufsteht.« (Nachbetrachtung der Chaostage 1995 im Punk-Magazin ZAP, 10/1995).

Ausdruck einer linken Subkultur war in den letzten 15 Jahren die Punkbewegung, einschließlich des aus ihr entstandenen Hardcores. Stand in den Anfangsjahren noch die Ablehnung jeder Politik und eine »Gegen Alles«-Haltung im Vordergrund, so politisierte und polarisierte sich die Bewegung Anfang der 80er Jahre. Die Punks mit latent rechtem Weltbild wurden zumeist Skins, andere stagnierten im Nihilismus und ein unübersehbarer Teil tendierte zu linken Ideen. Doch Punk war nie explizit »die Kultur der radikalen Linken«. Er ist vielmehr eine Erlebniswelt, die sich in mancher Hinsicht mit den »Spontis«, den damaligen Autonomen, verband. In der Boom-Epoche der 80er war es vor allem der Kampf um die Freiräume, der sich zum Kristallisationspunkt der Punk-Subkultur und autonomer Politik gleichermaßen entwickelte. Hier gelang es die unterschiedlichen Ansätze in einer heterogenen Bewegung zu bündeln und eine gemeinsame Identität (»Die Hausbesetzerbewegung«) zu schaffen, der sich jeder und jede zugehörig empfinden konnte, der/die dabei war oder ihr nahestand.

Die Ohnmacht gegenüber den politischen Veränderungen in den 90ern führte jedoch immer weiter in die Zersplitterung und in die Tendenz, die eigene Identität vor allem über die Abgrenzung zu anderen zu bestimmen. So ist die gemeinsame Erlebniswelt heute weitgehend zerfallen, mit ihr schwanden die verbindenden Momente und die trennenden traten immer stärker zum Vorschein. Autonome kritisieren den »inhaltslosen Aktionismus« der Punks und die mangelnde Bereitschaft, sich an Diskussionen beispielsweise über Sexismus/Patriarchat zu beteiligen. Für die Punks wurden Autonome zu »Automaten« oder zu Hippies - gebraucht als Synonym für eine intellektuell geprägte, beständig moralisierende und die Weltverbesserung beschwörende Gemeinschaft.

Vielen aus der jungen Generation fehlt heute schon der Erfahrungswert von einem Stück gemeinsamer Geschichte. Im Osten Deutschlands hatte der Punk eine etwas andere Entwicklung durchlaufen. Eine undogmatische linke Bewegung bestand in dieser Form nicht und die Tatsache, daß Punk einer überaus repressiven Behandlung durch einen Staat ausgesetzt war, der den Antifaschismus zur Doktrin erhoben hatte, verhinderte eine allgemein positive Besetzung des Begriffes. So hatte der »Ost- Punk« eine anti-rechte wie auch anti- linke Tradition und oftmals keine Bindung zu den linken und autonomen Gruppen.

Als Gemeinsamkeiten zwischen (vielen) Punks und (vielen) Linken existieren heute zwar der Kampf gegen Neonazis und für Freiräume, doch läßt die Fraktionierung oft nur ein gespanntes Nebeneinander zu. Da die gegenseitige Identifizierung negativ besetzt ist, ist eine Verständigung derzeit schwer möglich. Mangels politischer Konzeption und Alternative begann ein Großteil der Punks, sich mehr aufs Kulturelle zurückzuziehen und sich – rückblickend auf die eigene Geschichte - wieder ausschließlich als Gegenbewegung zu verstehen, in der Lust zur Provokation und »Fun« die bestimmenden Faktoren sind. Über die Chaos-Tage 1994 und 1995 erlebte der Punk seine Renaissance und die Euphorie darüber kann bislang jede (auch interne) Skepsis übertönen.

Rechte Skins: Eine kulturelle Expansion

Parallel zu dieser Entwicklung geht ein Teil der rechten Skinkultur, so scheint es, einen ähnlichen Weg. Viele der Skins stehen dem organisierten Neonazismus traditionell eher distanziert gegenüber, was die deutschnationale Aufbruchstimmung nach der Wiedervereinigung nur für einige Jahre überbrücken konnte. Mit dem Teilrückzug des organisierten Neonazismus aus der Öffentlichkeit ist mancherorts ein politisches Vakuum entstanden und viele rechte Skins beginnen, sich (wieder) stärker über »ihre« Kultur zu identifizieren, wo es mehr darauf ankommt, Teil einer Bewegung zu sein, als einen Parteiausweis zu haben.

Anders als die Linke, die den Bezug zu »ihren« Punks weitgehend verloren hat, haben die organisierten Neonazis für sich das Rückzugsgebiet der Subkultur erkannt und zu einem wesentlichen Standbein ihrer Politik ausgebaut. Netzwerke wie die Blood & Honour-Bewegung und die Hammerskins (vgl. AIB Nr. 34, AIB Nr. 38) wie Fanzines und Plattenlabels sorgen dafür, daß die Kultur immer mit ausreichend Ideologie unterfüttert wird und gleichzeitig expandiert.

Rassistisches, neofaschistisches Denken wird häufig mit Begriffen wie »patriotisch« oder »deutsch« verbrämt, als bestimmende Momente werden der »Way of life« und »Parole Spaß« vorgegeben. Auf dieser scheinbar unpolitischen Ebene begegnet die Rechte anderen Jugendsubkulturen, wie zum Beispiel Teilen der Heavy Metal- oder der Punkbewegung. Auch wenn die Verbrüderung ausbleibt, entsteht oft an diesen Schmelzpunkten ein faktischer Konsens, der besagt: Die Politik bleibt draußen, Musik und Spaß stehen im Vordergrund. Es wird eine Friedenspflicht festgeschrieben und wer diese bricht, ganz gleich ob links oder rechts, wird als Störenfried begriffen.

Antifaschistisches Handeln wird dann nicht mehr zustimmend oder wenigstens differenziert betrachtet, sondern eher grundsätzlich mit politischen Dogmatismus gleichgesetzt und abgelehnt. Für die Rechte ist dies zweifelsohne ein Durchbruch. Sie hat es ansatzweise geschafft, ihre subkulturelle Isolation aufzubrechen und sich Räume zu erschließen, die ihnen bislang verschlossen waren. Der Punk, in seiner Gesamtheit immer noch weitgehend resistent gegen eine Infiltration von rechts, verwickelt sich dabei zusehends in Widersprüche. Für seine Vorstellung des unpolitischen Zusammenseins konnte der Sänger der Punkband Beck's Pistols (heute Pöbel & Gesocks), »Willi Wucher«, sogar in der Neonazi-Gazette Endsieg werben.

Erst auf Druck aus der Szene relativierte er diese Aussage. Das auf den Jacken mancher Punks über dem Gegen-Nazis-Aufnäher das Bandlogo der Beck's Pistols prangert, kann sicher nicht als Bekenntnis zu den Aussagen des Willi Wucher aufgefaßt werden, doch spiegelt sich darin eine Inhaltslosigkeit wieder, mit der Gegen-Attribute zuweilen benutzt werden.

Die Braunschweiger »Kult«-Punkband Daily Terror, die sich immer von Rechten distanzierte, führte ihr Selbstverständnis in ihrer dritten LP (Textprobe: »...verleugnet nie woher ihr kommt, seid stolz auf euer Land...«) ad absurdum. Nachfolgend produzierte Sänger Peter Teumer zwei Sampler, auf denen auch rechte Bands vertreten waren, die neonazistischen Bands Noie Werte und Endstufe zählte er zu seinem »engsten Bekanntenkreis«.

Das alles konnte ihn in der Punkbewegung nicht vollständig isolieren. Aber nicht nur Punks haben, so scheint es, damit ihre Schwierigkeiten. Glaubt mensch einem Artikel des antirassistischen Skinhead-Magazins SkinTonic (heute SkinUp) von 1994, so wurde Teumer bei einem Konzert in Salzgitter »von einem guten Dutzend antifaschistischer Schläger ins Krankenhaus geschickt (...), um dann von besorgten Hildesheimer Antifaschisten (die auch schon mit ihm zum Konzert gekommen waren) nach Hause eskortiert zu werden3

Die Linke, Jugendgangs und der Hip-Hop: Geschichte eines Mißverständnisses?

Der beginnende Bruch mit Teilen der Punkbewegung wurde von nicht wenigen radikalen Linken nur achselzuckend registriert. Punk galt als in seiner Entwicklung stehengeblieben und im zunehmenden Anspruchsdenken war es sowieso immer mühseliger geworden, Kompromisse zu finden.

Als (neues) Potential wurde Hip-Hop entdeckt, eine »Arbeitslosen- und Hoffnungslosenkultur«4 mit vielen Ausdrucksformen, die ihre Ursprünge in den Schwärzen-Ghettos der US-Metropolen hat. Dort sieht er sich in der Tradition der schwarzen Befreiungsbewegungen und ist vielfach mit einem weitergehenden politischen und sozialen Engagement verbunden. Hier mußte die Linke jedoch feststellen, daß »Hip-Hop nicht einfach in einen anderen Lebensraum/Kulturkreis übernommen werden (kann)«.5

Zwar sorgt die Hip-Hop-Industrie dafür, daß anti- rassistische Statements zur besten Sendezeit über MTV laufen, andererseits aber auch dafür, daß die politischen Aussagen verwässern und Hip-Hop zur leicht verdaulichen Massenkost auch für die privilegierte, deutsche Mittelstandsjugend wird. Der in Deutschland gespielte Hip-Hop entpuppt sich leider allzuoft als eine Kopie des amerikanischen Vorbilds, ohne daß dessen Verwurzelung und Zustandsbeschreibung hier seine Entsprechung fände.

Was Hip-Hop für die antirassistische Bewegung besonders relevant machte, war die Tatsache, daß viele jugendliche MigrantInnen darin punktgenau ihr Lebensgefühl wiederfanden.

Doch die oft in Gangs zusammengeschlossenen Jugendlichen verschrieben sich meist dem sogenannten Gangster-Rap, in dem der soziale Aufstieg idealisiert wird. Dies steht konträr zum Punk. Der ist geprägt von Jugendlichen aus der deutschen Mittelklasse, die das herrschende (kapitalistische) Wertesystem ablehnen, darin freiwillig den sozialen Abstieg vollziehen und provokativ zur Schau stellen. Damit kann sich die radikale Linke, die die gleiche Sozialisation hat, weitgehend identifizieren. Mit dem Gangster-Rap identifizieren sich jedoch Kids aus unteren Schichten und sie fordern ihren Platz in eben diesem Wertesystem ein.

Die Idee, aus dem Ghetto aufzusteigen, Wohlstand und »Macht« zu erreichen, steht oft weit mehr im Vordergrund als beispielsweise eine Kapitalismuskritik oder die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sexismus. Progressive und nachdenkliche Hip-Hop-Töne, die sich zum Beispiel gegen die Faszination für die gewalttätigen Jugendgangs in den US-Ghettos wenden, verhallen oft ohne breitere Wahrnehmung.

Hip-Hop wird dann auf die sexistischen und gewaltverherrlichenden Elemente reduziert und als Verkündung des stammesmäßigen, sozialdarwinistischen Verteilungskampfes interpretiert. So ist Hip-Hop als Kommunikationsmittel zwischen der (deutschen) Linken und den Jugendgangs nur bedingt tauglich. Deren Realität bleibt für (deutsche) Linke oft eine fremde Welt und umgekehrt ebenso, der gemeinsame Nenner erschöpft sich zumeist in der Ablehnung von Neonazis und Staatsgewalt.

Techno: Soundtrack eines Unibruchs oder Tanz ins Ungewisse?

»Heute nacht werden Farbige und Weiße, Deutsche, Engländer, Franzosen, Polen, Schweizer, Leute aus dem protestantischen Teil von Belfast und Leute aus dem katholischen Teil gemeinsam tanzen und sich amüsieren. Techno steht für Toleranz. Homosexuelle haben sich sicher auch über ihren Einfluß in der Techno- und Houseszene Akzeptanz erkämpfen können.« (Raveline)6

»...Wer hat aus der Euthanasie eigentlich so ein Riesentabu gemacht? Wenn man mich fragt: Wenn sie sterben wollen, sollen sie sterben, wenn sie nicht mehr leben wollen, bringt sie unter die Erde! JaJa, da rufen die Moralisten wieder, wo bleibt der Humanismus, aber ich sage euch, ich pfeif auf den Humanismus, wenn ich schweißgebadet hinter so einer alten tumben Schnecke stehe und draußen die Sonne die Welt verzaubert...« (Houseattack, Oktober 1996).

Die Widersprüche in den Aussagen sind typisch für die Techno-Kultur. Ihr haben sich auch viele Linke geöffnet, um sich ein Stück »neues« Lebensgefühl heranzuholen. Techno symbolisiert Lebenslust, plädiert für Frieden, für ein ungezwungenes Verhältnis zum eigenen Körper, für Bewußtseinserweiterung durch Drogen - Begriffe, die von der Linken geprägt wurden und (mit Ausnahme der Drogenproblematik) eigentlich durchweg positiv besetzt sind.

Also nur Neohippies im Soundcard- Zeitalter? Skepsis ist angebracht, hat doch die Massenware Techno die Ideale weitgehend in den Hintergrund ge drängt -  Konsum statt Kreativität, Anpassung statt Anders-Sein. Der allgegenwärtige Trend zur Individualisierung findet dort seinen Ausdruck und kehrt sich im Starkult um die DJ's und in mechanisch wirkenden Massenspektakeln brachial ins Gegenteil. In diesen Selbstinszenierungen werden die herrschenden Gegensätze - schwarz und weiß, arm und reich, links und rechts usw. - dem Gemeinschaftserlebnis untergeordnet, für unbedeutend und nichtig erklärt. So wirkt allzuoft Techno als eine Scheuklappe, die die gesellschaftlichen Widersprüche ausblendet und entpolitisiert.

Die von Techno ausgehende Entpolitisierung mag ein Grund sein, daß er vom einem Teil der Linken mißtrauisch beäugt wird - erhebt doch die Linke den Anspruch, zur politischen Bewußtseinsbildung und zur Polarisierung, gerade unter Jugendlichen, beitragen zu wollen.

Raimund Hethey bemüht sich, leider undifferenziert, in "Der Rechten Rand" Nr.37 (»Tanz ins Ungewisse: Neofaschisten entdecken Techno«) um die Beweisführung, daß Techno ins Visier der Neonazis geraten sei. Doch Hethey erwähnt nicht, daß Techno bei manchen rechten Gruppen ebenfalls Ablehnung erfährt - und die ist gezeichnet von der Angst, »eigene« Leute und die Jugendlichen, die »als Hoffnungsträger aus keiner utopischen, zukunftsorientierten Ideologie wegzudenken sind«7, an Techno zu »verlieren«.

In gewisser Weise mag der Eindruck entstehen, daß Techno - und da greift die Kritik von Hethey - einem »neu«- rechten Gesellschaftsbild näher kommt als der von Humanismus und Moral geprägten linken Lebensphilosophie. Das erkannt zu haben glaubt zumindest der notorische Trittbrettfahrer Roland Bubik von der rechten Zeitung Junge Freiheit, der seine Bestimmung darüber findet, Jugendkulturen auf Rechtskompatibilität zu prüfen, bzw. diese herzustellen.

Mit fasziniertem Blick sieht er in den Events den »Rausch der Masse« und in den Animationen der DJ's die »Kommandos ihrer Führer«.8 Und vor allem: »Techno ist europäischen Ursprungs« und »individuell gesehen, anonym und austauschbar, andersherum betrachtet global und nur in einer Gemeinschaft funktionierend«.9

Der FPÖ-Vordenker Andreas Mölzer sinniert über Techno als den »Soundtrack eines Umbruchs«, der »längst die Grundmauern dieser Gesellschaft erschüttert hat.«10 Damit glaubt auch er, die Gemeinsamkeit mit dem »rechten Lebensgefühl« schon gefunden zu haben.

Diese Analysen lassen die Rechte selbstbewußt mit Techno umgehen, für sie ist eine klare rechte Ideologie nicht Grundvorraussetzung für eigenes Engagement in der Bewegung. Dabeisein ist alles - es geht darum,  einen Platz in der Kultur zu finden. Diesen auszubauen und ideologisch zu besetzen, ist mittel- und langfristiges Ziel. Perspektivisch sind beispielsweise das von der Jungen Union Bayern 1995 geforderte Techno-Verbot, sowie die Verhängung von Verboten für Techno-Musik in Freiburger Diskotheken 1996 Ansatzpunkte - können sich doch Kreise wie die Junge Freiheit mit ihrer Anti- Political Correctness (PC)-Kampagne, mit der sie sich schon seit geraumer Zeit versucht, als Vorkämpferin gegen »Zensur« zu profilieren, der Bewegung als potentielle Fürsprecherin anbieten.

Die Krise linker Kultur: Bewegung oder Avantgarde?"

»1991 war ein Jahr der traurig-komischen Randgeschichten wie der von dem Teenager, der im Plattenladen nach einer L.P von den Böhsen Onkelz verlangte und dann - nachdem man ihm gesagt hatte, daß man die wegen wegen der Nazi-Sympathien dieser Band nicht verkaufe – nachfragte, ob den stattdessen was von Public Enemy auf Lager sei: das würden er und seine Freunde nämlich auch noch gerne hören.« (Spex)11

So bleibt bei Techno wie bei der Dark-Wave-Szene die irgendwie absurde Feststellung, daß ausgerechnet die Rechte als selbsternannte Verfechterin von Toleranz, Meinungsfreiheit und kultureller Vielfalt sich in Teilen der Jugendkultur Gehör verschaffen kann. Und es bleibt die Frage, ob das ungenierte Wühlen auf einem bislang links- und liberalbesetzten Terrain nicht vielleicht der eigentliche politische Einschnitt ist, auf dessen Grundlage der Kampf um die kulturelle Hegemonie erst geführt werden kann.

Die Linke, bzw. die linke Subkultur ist in der Krise. Sie steht paralysiert vor der Entwicklung zur hyperindividualistischen Konsumgeneration, in der elementare Begriffe wie »Solidarität« oder »politisches Bewußtsein« weiter an Bedeutung verlieren werden. Auch wenn es rechten Strategen gelungen ist, dort einige Ansätze zu plazieren, sollte eine übergreifende Politisierung nach rechtsaußen nicht herbeigeredet werden.

Die selbsternannten Kulturexperten sind doppelzüngig und durchschaubar. So zum Beispiel Bubik und Boßdorf, deren Medien inhaltlich nur zeitgemäßen Aufgüsse alter, autoritärer Ideen geben oder Torsten Lemmer, profilierungssüchtiger Buchautor und Ex-Manager der Neonaziband Störkraft, für den Geschäftsinteressen an erster Stelle stehen.

Selbst in der Dark-Wave- und der Techno-Szene sind mit unterschiedlichen Einfluß und Erfolg Strömungen geblieben oder am Entstehen, die sich nicht nur offen gegen rechts wenden, sondern auch die Gedankenlosigkeit der »eigenen« Leute thematisieren. Die antirassistische Bewegung sollte sich um Differenzierung bemühen und sich dort als Ansprech- und Austauschpartner anbieten. Doch spätestens dann zeigt sich die andere, hausgemachte Seite des Problems.

Ein lesenswerter Beitrag in der autonomen Zeitschrift Interim vom 4. Mai 1995 beschreibt dies als den Konflikt zwischen »Spaßhaben und Spaßverderben« und meint die Kluft zwischen der Gegen-/Subkultur und dem politischen Widerstand, wobei es ein deutsches Phänomen ist, daß diese beiden Bereiche sich nicht grundsätzlich aufeinander beziehen und ergänzen. Vor allem die Rundumschläge der Antinationalen, manche Organisierungsdebatten und Diskussionen um Political Correctness (PC) werden vielfach als Zensur, Bevormundung oder versuchte Disziplinierung abgelehnt.

Das Punk-Fanzine »we're coming back« wirft den Verfechterinnen der »PC« vor »den szenekonformen Einheitsmenschen« formen zu wollen und vertritt den Standpunkt, »daß sich die Größe und Stärke einer Bewegung nicht an deren Parteidisziplin mißt, sondern an der Vielfalt der Meinungen und der Kultur und an den vielen Menschen, die trotz aller Unterschiede was zusammen auf die Reihe kriegen«12 Dem gegenüber steht beispielsweise der Anspruch autonomer Kreise, bestimmte Positionen, wie zu Sexismus und Rassismus, als allgemeingültiges Selbstverständnis festzuklopfen – als Fundament dafür, die »emanzipative Kraft« zu behalten und um zu verhindern, daß »erkämpft geglaubte antipatriarchale Positionen wieder in weite Ferne rücken13

So stehen sich unterschiedliche Ansätze scheinbar unüberbrückbar gegenüber: Zum einen der, sich über ein betont undogmatisches, pluralistisches Selbstverständnis in der Jugend zu verankern. Zum anderen der, diskriminierten gesellschaftlichen Gruppen Solidarität zu vermitteln und (zumindest innerhalb der »Szene«) maximale Lebensbedingungen zu ermöglichen.

Den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang von Kapitalismus, Imperialismus, Sexismus, Patriarchat und Rassismus, in dem die ausschließliche Bekämpfung eines Teilbereiches allenfalls Stückwerk ist, in einem falsch verstandenen Toleranzdenken und im Schielen nach Bündnissen auszublenden, wäre in der Tat ein bedenklicher Verlust an politischer Radikalität.

Doch erscheinen, gerade für das (sub)kulturelle Umfeld, einzelne Begriffsdefinitionen zu eng gesteckt und zu absolut verfaßt, der vortragende Kreis wirkt elitär und unberührbar. So werden statt Denkprozessen eher Trotzreaktionen und real nicht existierende Solidarisierungseffekte ausgelöst.

Denn Leben in der Subkultur ist ein gruppenfixierter Selbstfindungs- und Selbstbehauptungsprozeß, der zwar progressive Elemente beinhalten kann, sich aber nie an einem »von außen« hineingetragenen Wunsch- und Anspruchsdenken orientieren wird. Die antirassistische und antifaschistische Bewegung sollte stark genug sein, mit ihren Widersprüchen zu leben. Sie darf sich nicht in diesem Spannungsfeld aufreiben und auf die Suche nach der einzig gültigen Wahrheit begeben, sondern sie sollte sich als eine Bewegung verstehen, die bemüht ist, unterschiedlichen Ansätze und Optionen miteinander zu verbinden.

Für sie kann die Frage nicht primär lauten, ob und wie weit Positionen aufgegeben oder hintenangestellt werden müssen. Vielmehr gilt es eine Erfahrbarkeit zu entwickeln um darüber zu einer Diskussionsebene und zu einer Streitkultur zu finden, die nicht von Mißtrauen und von Identitätsbestimmung über Abgrenzung geprägt ist.

  • 1. zitiert nach Der Rechte Rand Nr. 37
  • 2. Vgl. Junge Freiheit, 14.7.1995
  • 3.

    Skin Tonic Nr. 17/1994

  • 4. Diederichsen, Neue Soundtracks für den Volksempfänger, 1993
  • 5. Rabaz Nr.1/1994
  • 6. Rabaz Nr.5 / Frühjahr 1996
  • 7. Der Rechte Rand Nr. 40
  • 8. Bubik in Identität, Nr. 2, 1994
  • 9. Bubik in Identität, Nr. 2, 1994
  • 10. Mölzer/Bubik in AULA 4/95
  • 11. Spex Nr. 1, 1992, S.39
  • 12. vgl. We're coming back, Frankfurt/Main, Nr. 2, 1995
  • 13. Stellungnahme der Autonomen Männerantifa Hamburg, September 1994, vgl. Interim 3.11.94, S. 27