Rezensionen | AIB 58 / 4.2002 | 28.02.2003

Jugendbücher zum Neofaschismus

Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Viel Kinder- und Jugendliteratur ist seit den 60er Jahren zum Nationalsozialismus erschienen. Zunächst ging es meist um den historischen Nationalsozialismus; ab den 80er Jahren entstanden in der BRD erstmals Romane, in denen aktuelle rechte Tendenzen problematisiert wurden (in der DDR gab es solche Romane nicht). Weniger bekannt sind die Romane, die nach der Eskalation rechter Gewalt Anfang der 90er Jahre erschienen. Besonders nach Pogromen wie in Rostock sind etliche Bücher über Neofaschismus geschrieben worden. Durch die große Medienpräsenz kamen verstärkt auch journalistische Ansätze vor. So werden Recherchen, die für Fernsehfilme gemacht wurden, zum Jugendbuch verarbeitet. Einige dieser Romane sind empfehlenswert, andere basieren auf Klischees und Vorurteilen oder sind moralisierend.

Grobe Unterteilungen

Generell festzustellen sind verschiedene Vorgehensweisen. Da ist zum einen die Erzählung aus der Sicht von Betroffenen, die also außerhalb der Naziszene stehen. Sie beobachten oder versuchen einzugreifen – zumeist auf sehr individuelle Weise. In diesem Kontext wird häufig die Lebensrealität von MigrantInnen beschrieben. Bereits in den 80er Jahren findet sich z.B. unter dem Stichwort »Ausländerfeindlichkeit« ein wichtiges Thema. So wird auch in aktuellen Büchern Rassismus und Migration zum Beispiel aus der Perspektive ausländischer Jugendlicher thematisiert. Ein anderer Versuch ist, Geschichten von Mitgliedern rechter Cliquen oder Nazigruppen zu erzählen. Die »Helden« sind oft psychologisiert dargestellt, es geht um die Frage nach den Ursachen ihrer Mitgliedschaft, und das jugendkulturelle Milieu ist zentral. Meist geht es um den Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Die Protagonisten sind meist männlich. Wenn in seltenen Fällen Mädchen/junge Frauen in den Blick geraten, dann meist in der Rolle der stillen Begleiterin mit positivem Einfluss oder aber als Fanatikerinnen rechter Skinkultur. Mädchen, die einen eigenständigen realistischen Entwicklungsprozess durchmachen, existieren so gut wie nicht.

Gute Absichten: Information und Aufklärung

Gemeinsam ist den skizzierten Büchern der Wunsch, aufzuklären und aufzurütteln. Einige der AutorInnen verfehlen diesen Anspruch aber. Manche Bücher sind durch die Informationsflut über Naziideologie dröge, andere kommen zu pädagogisch daher. Zu groß ist das Bemühen, eine Gesamtanalyse jugendlich rüber zu bringen. Manchmal wird gar rassistischen Argumentationen auf den Leim gegangen, wenn z.B. der Grund für Rassismus bei »den Ausländern« gesucht wird. Andere Erzählungen reduzieren die Neonaziszene ausschließlich auf Jugendbanden, die völlig unpolitisch seien. Das passiert besonders dann, wenn es um Jugendgewalt geht.

Selbsthilfe minus Antifa?

AntifaschistInnen tauchen als AkteurInnem nirgendwo auf. Als Opposition werden höchstens antifaschistische Zeitzeugen aus der Großelterngeneration beschrieben. Deshalb soll auf das herausragende »Friß und stirb trotzdem«1 von Raul Zelik hingewiesen werden, das sich durch die Darstellung von Alltag und Denken von AntifaschistInnen auszeichnet: Erzählt wird vom authentischen Kaindl-Fall. Bei einer Aktion gegen ein Nazitreffen wird ein Nazi-Funktionär getötet, die AktivistInnen werden verhaftet oder tauchen unter. Neben Zeliks Roman wollen wir noch vier positiv auffallende Bücher nennen. Lutz van Dijk beschreibt in seinem Roman »Von Skinheads keine Spur«2 die Geschichte zweier Jugendlicher, deren Weg sich bei einem rassistischen Überfall in einer ostdeutschen Kleinstadt kurz nach 1989 kreuzt. Der eine ist Kumpel der Angreifer – Sören aus der (ehemaligen) DDR, der andere wird zum Opfer – Jim aus Namibia, der als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen war. Ausgezeichnet ist die parallele Beschreibung der beiden völlig verschiedenen Lebenswelten. Gute Neuerscheinungen kommen vor allem aus Skandinavien. Da ist zum Beispiel Band 1 der Detektivgeschichten von »Peter und dem Prof«3 des Autors Ingvar Ambjörnsen. In einer Osloer Schule taucht Neonazipropaganda auf, woraufhin zwei Jungen die Urheber suchen und eine Verbindung zwischen einer »legalen« faschistischen Organisation und einer Gruppe terroristischer Neonazis entdecken. Das Buch setzt auf eine selbstverständliche Ablehnung von Neonazismus, betont den eigenen Handlungsspielraum und spart nicht mit Kritik an der weitgehend untätigen Erwachsenenwelt. In Mats Wahls Krimi-Roman »Der Unsichtbare«4 geht es um Gewalt von Neonazis in einer schwedischen Kleinstadt, in der ein Jugendlicher verschwindet. Zwei Kommissare stoßen bei ihrer Suche auf eine Neonaziclique, die MigrantInnen und antifaschistische Jugendliche terrorisiert. Der verschwundene Hilmer begleitet als Unsichtbarer die Polizisten und alle Menschen, die an ihn denken, bei der Suche. Dies macht das Buch besonders lesenswert. Ebenfalls gelungen ist dem Autor die Skizze der Kleinstadtstimmung, wo zu viele BürgerInnen lieber ihren Ruf retten wollen, als die Existenz von Neonazis zuzugeben. Neonaziorganisierung ist auch Thema des Romans »Der Mond isst die Sterne auf«5 von Dilek Zaptcioglu. Vordergründig geht es um den Alltag des jungen Berliner Türken Ömer. Als eines Abends sein Vater halb ertrunken aus der Spree gerettet wird, beginnt für Ömer und seine Freunde die Suche nach den möglichen Tätern. Das Leben zwischen Integration und Ausgrenzung ist u.a. ein Thema, das die Autorin in realitätsnaher Sprache vermittelt.

  • 1. Raul Zelik, Friß und stirb trotzdem, Hamburg 1997
  • 2. Lutz van Dijk: Von Skinheads keine Spur, C. Bertelsmann Taschenbuch, 2002
  • 3. Ingvar Ambjörnsen, Die Riesen fallen, Zürich 1997
  • 4. Mats Wahl: Der Unsichtbare, Hanser, 2001
  • 5. Dilek Zaptcioglu: Der Mond isst die Sterne auf, Omnibus, 2001