(Foto: Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0)
Braunzone | AIB 117 / 4.2017 | 31.03.2018

Interview mit Volker Weiß: "Faschisten von heute?"

In seinem ausführlichen Textbeitrag „Faschisten von heute? „Neue Rechte“ und ideologische Traditionen“ (APUZ 42–43) geht der Historiker Volker Weiß der Frage nach, ob es eine weltanschauliche Verbindung der „Neuen Rechten“ zum historischen Komplex „Faschismus“ gibt. Angesichts eines jahrelang inflationären Gebrauchs letzterer Kategorie sollte diese Frage mit Bedacht beantwortet werden. Volker Weiß kommt zu dem Schluss: Vor dem Hintergrund der weltanschaulichen Disposition der Neuen Rechten und angesichts ihrer Kontakte und historischen Vorbilder ist festzustellen, dass sie das Erbe des Faschismus zumindest in großen Teilen angetreten hat. Das faschistische Element kommt dabei meist habituell und ästhetisch zum Vorschein, manifestiert sich aber, sobald der einhegende gesetzliche Rahmen wegfällt. Eine wichtige Quelle sind die vielfältigen historischen Bezüge auf die Konservative Revolution, die sich für die italienische Variante des Faschismus begeisterte. In diesem Sinne kann vor allem der harte Kern um das IfS durchaus in der Tradition des Faschismus gesehen werden.

Wir haben mit Volker Weiß über seine Analyse gesprochen.

AIB: Gibt es eine ideologische Verbindung der „Neuen Rechten“ zum historischen Komplex „Faschismus“ und um welche handelt es sich?

Weiß: Trotz der Selbstdarstellung als „Konservative“ sind die Neuen Rechten in vielen Punkten wesentlich radikaler. Sie können aber dennoch nicht einfach als „nationalsozialistisch“ kategorisiert werden. Prägend ist ihr revolutionärer Anspruch, der sogar mit einem antibürgerlichen Habitus einhergehen kann. In diesem Sinne gelten Linke als die Spießer von heute. Ihr Ziel ist die Restauration einer durch soziale Ungleichheit strukturierten Gesellschaft, die von einem autoritären Staat gerahmt und von einer „nationalen Elite“ straff geführt wird.

Richtungsgebend ist der Gedanke einer „nationalen Wiedergeburt“, das Selbstverständnis ist antimarxistisch, antiliberal und antiuniversalistisch. Die Verbindung zum historischen Faschismus besteht in mehrerer Hinsicht. Sie zeigt sich besonders in einer vergleichsweise grenzübergreifenden Ausrichtung der Neuen Rechten. Historisch steht ihre Konstituierung in Europa, v.a. in Deutschland und Frankreich während der sechziger Jahre, in einer direkten Tradition der Kollaboration und des Eurofaschismus der Kriegsjahre. In ihr hallte immer auch der Diskurs um einer „Europäische Neuordnung“ nach Vorbild der Waffen-SS nach, der über den simplen Nationalismus hinausreichte.

Zudem bedient sich die Neue Rechte nach wie vor bei den „Neuen Nationalisten“ der Zwischenkriegszeit, die sich keineswegs nur auf den Nationalsozialismus bezogen. Gerade in den Kreisen der Theoretiker war Mussolini zunächst beliebter als Hitler. Dazu kommt — auch heute wieder — die Anziehungskraft des politischen Katholizismus, der im romanisch geprägten klassischen Faschismus durchaus präsent war. Insgesamt trug dieser Faschismus bei aller revolutionären Rhetorik noch mehr Elemente des Konservatismus in sich als seine deutsche Variante: der Nationalsozialismus. Relevante Teile der Neuen Rechten rücken ganz im Sinne Carl Schmitts eher die Begriffe Nation und Staat in den Mittelpunkt ihres Denkens, weniger Volk und Partei. All das sind feine Unterscheidungen, weshalb ihnen der Faschismus näher ist als der Nationalsozialismus.

Von diesen theoretischen Erwägungen gibt es recht handfeste Verbindungen etwa des Sezessions-Kreises zu italienischen Neofaschisten. Auch die Altright in den USA, die man schon vor der Wahl Trumps als die amerikanische Entsprechung des eigenen Projektes entdeckt hat, trägt deutlich faschistische Züge. Das gleiche gilt für die „Identitären“ als Jugendorganisation der Neuen Rechten. Wir sollten auch heute nicht unterschätzen, wie sehr Österreich als Vorbild gesehen wird. Dort finden wir mit dem Austrofaschismus eine eigene Tradition. Aber die Grenzen sind recht fließend, „die Neue Rechte“ ist ja kein geschlossenes Phänomen, sondern tritt in verschiedenen Gestalten auf.

AIB: Kann man die „strikte Trennung“ der Konservativen Revolution vom Nationalsozialismus aus den Reihen der sogenannten „Neuen Rechten“ ernst nehmen und warum sollte im Grunde nur im Plural von dieser „Neuen Rechten“ gesprochen werden?

Weiß: Diese Trennung war ein Konstrukt ihrer Gründerfigur Armin Mohler, der den rein taktischen Charakter der Distanzierung selbst einräumte. Das Problem beginnt bereits damit, dass es eine „Konservative Revolution“ als geschlossene Strömung nie gab. Mohlers Kompendium, mit dem sich dieser Terminus verbreitete, umfasst selbst eine Unzahl an rechten Strömungen, die kaum auf einen Begriff zu bringen sind. Das reichte von den Denkern des politischen Katholizismus über Preußen-Verehrer, völkische Reformer, wilhelminisch geprägte Reaktionäre, vorwärtsstürmende Jugendbewegte, Militaristen und Esoteriker bis zu frühen Nationalsozialisten. Eine einheitliche Linie ist dabei kaum auszumachen, außer dass Mohler die Tradition aus recht durchsichtigen Gründen 1932 abbrechen ließ. Insgesamt lässt sich daher eher mit Stefan Breuer von einem „Neuen Nationalismus“ sprechen, der stärker durch moderne und dynamische Elemente geprägt war als seine Vorläufer im 19. Jahrhundert.

AIB: Du sprichst von einer Latenz der faschistischen Form und weiter von der latenten Gewaltform der Neuen Rechten, was siehst du da konkret?

Weiß: Die Latenz der Form zeigt sich im internationalen Vergleich. Neue Rechte in Deutsch­land agieren vor strikten gesetzlichen Rege­lungen, was die schlimmsten Auswüchse — noch — eindämmt. Wirft man aber einen Blick auf ihre internationalen Partner, wie die Altright in den USA oder die "Casa Pound" Bewegung in Italien oder die Milizen in Ungarn, die sich in einem anderen rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmen bewegen, sieht man, wie dünn dieser Lack ist. Dort sind offen faschistische Bezüge — Hitlergrüße, Uniformen und Gewalt — viel präsenter. Sprechchöre wie in Charlottesville, man wolle sich nicht von den Juden verdrängen lassen („Jews will not replace us“), werden hier vermieden, obwohl das Denken selbstverständlich vorhanden ist. Es ist auch bezeichnend, dass in der Neuen Rechten immer wieder gegen das Verbot der Holocaustleugnung angeschrieben wird. Man würde gerne sehr viel weiter gehen, als nur eine „Schuldkult“-Debatte zu führen, fürchtet aber die rechtlichen Konsequenzen.

Gewalt hat derzeit ihren Platz vor allem in der Rhetorik. Man hat eine grundsätzliche Entscheidung getroffen, gewaltfrei zu agieren, da Gewalt weitgehend tabuisiert ist und als Merkmal des politischen Gegners gelten soll. Dennoch wurde diese Selbstreglementierung bereits in einigen Fällen überschritten, etwa bei "Kontrakultur Halle" oder auf der Buchmesse am Stand der "Jungen Freiheit". Vor allem aber zielt man ja nicht auf kleine Scharmützel, sondern die Übernahme des Staates, dessen Gewaltpotential dann effektiv genutzt werden soll.

AIB: Welche Rolle spielt der „Antirationalismus“ in diesem Milieu?

Weiß: Obgleich es dort sehr verbreitet ist, sich auf Kriminalitätsstatistiken oder demographische Erhebungen zu berufen, ist Antirationalismus eine tragende Säule. Letztlich hängt man geschichtsphilosophisch einem Schicksalsgedanken nach, nicht selten spielt auch Religion eine Rolle. Das reicht übrigens bis in scheinbar rational funktionierende Bereiche wie Wirtschaft und Staatsrecht hinein.

In der Wirtschaft soll sich letztlich der ewige Wettkampfcharakter des Daseins bewahrheiten — als gebe es keine gesellschaftlichen Voraussetzungen dieses Wettbewerbs. Das öffnet das Feld bis weit in wirtschaftsliberale Vorstellungen hinein. Das Staatsrecht wird mit Carl Schmitt immer vom Extrem her gedacht, was bedeutet, dass ein handlungsfähiger Staat gegen sein eigenes Recht verstoßen können muss. Zur Legitimierung bedarf es nun einer höheren Instanz als Parlament oder Verfassung, da kommen nun Gott oder ein ewiges Volk ins Spiel. Wir sehen, auch dieser Antirationalismus hat seine Logik.

Die größte Rolle spielt er aber in der ganz konkreten Mobilisierung. Hier wird hemmungslos auf das Gefühl, die empfundene Wahrheit gebaut. Das kommt aber nicht aus dem Nichts. Letztlich werden dem häufig ja ebenfalls sehr affektiven Achtsamkeits- und Befindlichkeitsdiskurs der Zivilgesellschaft einfach die eigenen Narrative aufgesetzt. So macht es etwa der weiße Nationalismus in den USA: „Wenn Ihr für alle Minderheiten Räume fordert, dann erklären wir uns nun selbst zur Minderheit und fordern ebenfalls Räume — nur für uns“.

Ängste und Bedrohungs­szenarien spielen eine zentrale Rolle, etwa bei PEGIDA oder in der „Umvolkungs“-Rhetorik bei AfD und den „Identitären“. Ein Blick ins Internet zeigt, dass sich das Milieu hemmungslos seinen Affekten hingibt und in Ressentiments schwelgt. Es gilt noch immer der Spruch der Jungkonservativen aus den 20er Jahren: „Gefühl geht vor Verstand“. Daher ist das beste Mittel, sie zu bekämpfen, ihnen mit einem kühlen Kopf zu begegnen.

(Volker Weiß ist Historiker und Publizist. Er forscht zu Geschichte und Gegenwart der extremen Rechten in Deutschland sowie der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.)