Gesellschaft | AIB 60 / 2.2003 | 17.06.2003

Im Niemandsland der Wahrheit

Potzlow und der grausame Mord an einem Jugendlichen: »Der wird nicht mehr. Den müssen wir jetzt umbringen.« Auch ein Jahr nach dem Geschehen reagieren viele in dem uckermärkischen Dorf mit Hilflosigkeit und Verweigerung auf die Hintergründe der Tat 

Annette Ramelsberger

Potzlow, im Juli – Die Mohnfelder blühen so schön in Potzlow. Der Oberuckersee liegt wie hingegossen zwischen den sanften Hügeln der Uckermark, vor dem alten Herrenhaus rauschen die Linden und von gegenüber, aus den Fenstern eines niedrigen Feldsteinhauses, leuchten die blütenweißen Spitzengardinen. Keine 100 Meter sind es vom Herrenhaus zu diesen Gardinen. Kein Zaun, keine Mauer, nur 100 Meter Wiese. Freier Blick. Hätte sie etwas spüren müssen? Hätte sie etwas verhindern können? Hätte sie ahnen müssen, dass hinter diesen Gardinen etwas passiert? Unter den Linden, vor dem Herrenhaus, das jetzt ein Jugendclub ist, sitzt Petra Freiberg und zermartert sich den Kopf. Denn hinter diesen Gardinen, an der Rückseite des Feldsteinhauses, liegt eine Veranda. Und auf dieser Veranda begann das Martyrium des Schülers Marinus Schöberl. Ein Martyrium, das zu einem grausamen Mord führte, einem Mord, der die Republik aufschreckte, das Dorf, in dem er geschah, aber nicht.

Ein stiller, schlaksiger Junge

Petra Freiberg hat das Opfer gekannt: ein stiller, schlaksiger Junge, der weite Hosen trug und sich die Haare blond färbte, so wie viele in seinem Alter. Marinus war einer, der Unsinn machte, so wie sie es alle machen, mit 16, 17 Jahren. Einer, der mit den Freunden auf den Rädern durchs Dorf flitzte und »Kräuter« trank, so nennen sie hier in der Uckermark die kleinen Fläschchen Kräuterschnaps. Und der leicht ins Stottern geriet, wenn er aufgeregt war. Petra Freiberg kannte auch die Mörder, zumindest ein en von ihnen gut. Wochenlang hat sich der 17 Jahre alte Marcel im letzten Sommer bei ihr im Jugendclub aufgehalten, hat mit den anderen Späße gemacht, mit ihnen Hiphop gehört. Und hat nichts gesagt.

Es war ein heißer Tag, dieser 12. Juli 2002. Die Jugendbetreuerin Petra Freiberg hatte mit ein paar Jugendlichen eine Nachtwanderung gemacht. Zur gleichen Zeit zogen andere junge Leute durchs Dorf und landeten nach Mitternacht an jenem Feldsteinhaus jenseits der Wiese, wo Monika Spiering wohnt. Dort klingelten sie die Leute aus dem Bett, stellten einen Kasten Bier hin und Schnaps. Marinus war dabei, Marcel und sein älterer Bruder Marco, 23. Und Sebastian, ein Freund Marcels. Dann setzten sie sich auf die Veranda. Einen Fernseher gab es nicht.

Aber wie um das fehlende Fernsehprogramm zu ersetzen, starteten sie nun selbst ein Programm: Es begann damit, ihren Kumpel Marinus zu schlagen. Dann flößten sie ihm Schnaps ein, bis er sich erbrach. Dann schleppten sie ihn hinaus auf die Terrasse, wo er hilflos liegen blieb. Dann urinierten sie auf den Jungen, dann schlugen sie ihn, bis er zugab, »ein Jude« zu sein, obwohl er doch gar keiner war. Und dann luden sie den zerschlagenen, stinkenden, taumelnden Jungen auf ein Rad und fuhren ihn zu den verlassenen Schweineställen der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) am Rande des Dorfes. Und dort brachten sie ihr Abendprogramm dann zu Ende.

Was in den Schweineställen geschah, wird seit zwei Monaten vor dem Landgericht Neuruppin verhandelt. Gleichzeitig eröffnet dieser Prozess einen Einblick in die Wirklichkeit eines Dorfes, so banal und ungeheuerlich, dass es scheint, als blättere hier die Tünche der Zivilisation. Dieser Eindruck wird stärker, je mehr Zeugen auftreten. Zeugen wie Monika Spiering, hinter deren Gardinen, auf deren Terrasse alles begann. 42 Jahre ist Monika Spiering alt, mager, mit dünnen, aschblonden Haaren, ar­beits­­los. Sie, ihr Lebensgefährte und ihr Bruder wohnen in dem Feldsteinhaus mit den Spitzengardinen, meist ohne Strom. Der war auch an jenem 12. Juli abgedreht.

Innere Angelegenheiten

Der Polizei hat sie fast aufgekratzt geschildert, wo Marinus geschlagen wurde, wo er zusammengebrochen ist, wo er später lag. Über diese Aussage gibt es einen Video-Mitschnitt. Jetzt will sie nichts mehr sagen, denn die Staatsanwaltschaft hat ihr einen Straf­­befehl geschickt – acht Monate Haft auf Bewährung, wegen unterlassener Hilfeleistung. Denn Spiering hat nichts getan, um dem Jungen zu helfen. Außer man wertet ihren Satz als Hilfe: »Gib doch zu, dass du ein Jude bist, dann hören die auf.« Selbstverständlich hat Frau Spiering den Strafbefehl abgelehnt. »Ich habe mir nichts vorzuwerfen«, sagt sie und schleudert der Richterin hin: »Zum 12. Juli sage ich gar nichts – alles Weitere über meine Anwältin.«

Richterin Ria Becher fragt trotzdem, zum Beispiel nach dem Alkoholkonsum vor der Tat. Klar habe sie mitgetrunken, schnappt Spiering. »Ist doch nicht verboten!« Einen Kasten Bier habe es gegeben. Und? Was ist das schon? »An einem Kasten ist ja nicht viel dran.« Frau Spiering hat diesen empörten Unterton in der Stimme, den viele im Ort haben, wenn man sie auf den Mord an Marinus Schöberl anspricht. Entrüstung darüber, dass sich hier Leute in ihre inneren Angelegenheiten einmischen. Es ist ein Ton, den man wieder erkennt – bei ganz anderen Menschen als Frau Spiering.

Ein normales Dorf, normale Menschen. »Eine Menge guter Sachen« gebe es hier, sagt Ortsbürgermeister Johannes Weber: die Feuerwehr, den Angel- und den Brieftaubenverein, die Fußballmannschaft. Woanders ziehen die Leute weg, hier ziehen sie hin. Fast 600 Einwohner hat Potzlow. Mehr als vor der Wende. Ist das nichts?

Es ist vieles ganz normal in Potzlow. Und manches nicht. Dass seit Jahren ein Judenstern an die Mauer am Friedhof gesprüht ist, darunter ein Neonazi-Symbol. Keinen störte es. Dass ein junger Mann von der Feuerwehr Blankenburg im Ort vorbeischaut, in kurzen Hosen, auf der Wade hat er SS-Runen tätowiert. Keiner sagt was. Dass Jugendliche sich vor den Augen ihrer Eltern mit Bier zuschütten. Keiner tut was. Und wenn jemand etwas tut, empfinden das die Eltern als Angriff, als Einmischung in ihre Angelegenheiten.

Es ist hier vieles normal, was anders­wo als Problem betrachtet wür­de. Marcel, der damals 17 Jahre alte Junge, der nun vor Gericht als Haupt­angeklagter gilt, war häufig betrunken. So oft, dass es gar nicht mehr auffiel. »Ganz normal« sei das gewesen, sagen die jungen Zeugen. »Ganz normal« habe Marcel auch erzählt, dass er einen umgebracht habe. »Ganz normal« ist offenbar alles, was den jungen Leuten widerfährt. Eine Zeugin, 22 Jahre alt, Beruf: »arbeitslos«, erzählt, wie sie mit Schwester und Freunden vor dem Videogerät saß und sich immer wieder den Film American History X angesehen habe – einen Film, in dem ein Rechtsradikaler einen Schwarzen zwingt, in eine Bordsteinkante zu beißen und dann auf seinen Kopf springt, dass der Schädel knackt. »Wir haben alle gelacht«, berichtet die Zeugin. »Jetzt kommt er, jetzt kommt er«, hätten sie sich auf die Szene mit dem Bordsteinkick heiß gemacht. Sie haben gelacht. »Haben Sie das lustig gefunden?«, fragt der psychologische Sachverständige Alexander Böhle. Er bekommt keine Antwort.

Hört man den Zeugen im Gericht von Neuruppin zu, erscheint es, als wenn viele dieser Menschen noch nicht einmal wüssten, was gut ist und was böse. Dass sie von Regeln allenfalls mal gehört haben, aber sie für nebensächlich halten. Für nicht zutreffend auf ihr eigenes Leben. Und dass es offenbar niemanden gibt, der ihnen Werte vermittelt. In jener Nacht an den Schweineställen gab es keine Regeln, keine Werte und keine Würde. Die drei jungen Männer schleppten ihr Opfer in den Schweinestall. Jetzt, wo er zugegeben hatte, dass er »Jude« sei, hatten sie ihn als Untermenschen markiert, der kein Recht auf menschliche Behandlung mehr hatte. Sie stießen ihn in eine mit Jauche gefüllte Grube – »um zu sehen, ob er untergeht«, sagt die Staatsanwältin. Dann drückten sie ihn in die Knie und ließen ihn in einen Betontrog beißen. Spätestens in diesem Moment muss dem Opfer klar gewesen sein, was ihm bevorstand: Denn auch Marinus hatte den Film gesehen. So wie fast alle.

Marcel springt mit seinen Springerstiefeln auf Marinus`Kopf. Der sinkt zur Seite, das Gesicht ist völlig entstellt. Dann, so die Staatsanwältin, habe Marcels älterer Bruder Marco gesagt: »Der wird nicht mehr. Den können wir keinem Arzt mehr vorstellen. Den müssen wir jetzt umbringen.« Sie suchen einen Stein, Marcel zermalmt den Kopf des Jungen mit zwei heftigen Hieben. Dann, so berichtete Marcel in der polizeilichen Vernehmung, habe Marco dem Toten den Puls gefühlt: »Er meinte dann, dass er hin wäre.« So steht es im Protokoll. Zu dritt verscharren sie ihr Opfer in der Jauchegrube.

In den Wochen danach geschehen seltsame Dinge. Der Rucksack von Marinus wird gefleddert, aber keinen kümmert`s. Marcel berichtet einem Schulkameraden, er habe »einen Assi«, einen Asozialen, umgebracht. In der Kneipe saßen sie da zusammen, »Marcel war lustig drauf«, berichtet der Schüler. »Ganz normal hat er das erzählt, wie man unter Kumpels erzählt.« Die Reaktion? Offen­bar keine. Auch zwei Elektriker-Lehrlingen auf seiner Berufsförderschule erzählt Marcel, dass er jemanden umgebracht habe. Gegrinst habe er dabei, sagt einer der beiden. Schon morgens um acht Uhr habe er damit herumgeprahlt, sagt der andere. Reak­tionen? Offenbar keine. Im Herbst führt Marcel die Freundin seines Bruders und ein paar Kumpels zur Jauchegrube. Und die ist auch noch stolz auf die Tat.

Nicole, 17 Jahre alt, Kaugummi im Mund, Hände in den Schlabberhosen, schlendert ins Gericht, direkt aus der Haft. Sie ist das, was man eine Skinbraut nennt, eine überzeugte Rechtsradikale. Sie hat einen der Jungs aus dem Dorf bedroht, es werde ihm genauso ergehen wie Marinus, wenn er der Polizei etwas sage. Bei der Polizei machte sie anfangs sogar den Versuch, sich als Mittäterin auszugeben. Und erzählte dort, was sie von Marcel erfahren hatte. »Ein richtig guter Kick« sei die Tat gewesen, vor allem wie das Opfer »dann so dalag«. Und wie Marcel auf der Stelle herumgetrampelt sei, an der die Leiche lag. »Das kann ja nur der Scheiß-Schädel sein«, habe er gerufen, sagte Nicole der Polizei.

Der Gang zur Grube

Eine ganze Reihe von Menschen haben gewusst, dass ein Mord geschehen war. Oder es zumindest geahnt. Aber keiner hat reagiert. Obwohl die Eltern von Marinus überall im Dorf herumfragten, wo ihr Sohn geblieben sei. Auch bei Frau Spiering. Auch bei den Tätern. Vermutlich wäre der Mord nie bekannt geworden, wenn Marcel im Herbst nicht mit ein paar Leuten gewettet hätte: Er wisse, wo Marinus liege. Erst da sind sie mit ihm zur Grube und haben den Leichnam ausgegraben. Und erst da erfuhr Petra Freiberg, dass der Junge, der Marinus ermordet hatte, wochenlang bei ihr im Haus verkehrte.

Vielleicht ist es die Nähe zu Opfer und Tätern, die Frau Freiberg empfindlicher macht als die anderen. Vielleicht will sie deswegen so beharrlich wissen, warum so etwas passieren konnte, ob es wieder passieren kann, was sie dagegen tun kann. Was das Dorf dagegen tun kann. Und vielleicht will sie auch deswegen nichts mehr übersehen.

Deswegen ist ihr die Sache mit der Bude da hinterm Jugendclub so wichtig. Eine Hütte, weiß getüncht, darin stehen ein paar alte, vergammelte Sofas. Davor ein Feuerplatz. Drumherum liegen Glassplitter, leere Bierflaschen. Hier treffen sie sich jetzt, nicht die Jugendlichen von Potzlow, aber doch einige. Weil man hier trinken kann, viel mehr als im Jugendclub bei Petra Freiberg. Weil man hier in Ruhe gelassen wird.

Der Bürgermeister verstummt. »Ich sehe da kein eigenständiges Problem der Gemeinde. Das betrifft doch die Erziehungsberechtigten«, sagt er knapp und dann am liebsten gar nichts mehr. Die Kinder des Dorfes saufen sich um den Verstand, doch es ist kein Problem der Gemeinde. Deswegen erfährt man von Bürgermeister Weber auch kein Wort darüber, dass es Zoff gab auf der Gemeinderatssitzung. Dass einige Eltern es sich sogar verbeten haben, dass das Alkoholproblem ihrer Kinder von anderen angesprochen wird. Seitdem wird auch über den Brief geschwiegen, den die Sozialarbeiter des Jugendhauses den Eltern geschrieben haben und in dem sie ein Treffen anregten. Den Elternabend wird es nicht geben. Jetzt nicht. Vermutlich nie.

Petra Freiberg ist laut geworden bei der Sitzung. Sie fühlt sich wie ein Feigenblatt, das dafür herhalten soll, die Blöße des Dorfes zu verdecken. 1997 ist sie geholt worden, damals hatten hier Rechtsradikale einen Sozial­arbeiter ermordet, Jugendliche trauten sich nicht mehr durch das Dorf aus Angst, von Rechten angemacht zu werden. Freiberg hat die Szene befriedet, das Dorf wurde ruhig, das Symptom Rechtsradikalismus schwächer. Doch das eigentliche Problem blieb: die Entzivilisierung von Menschen am Rande der Gesellschaft.

Ausgerechnet der Verteidiger des Hauptangeklagten Marcel spricht den Punkt an. Volkmar Schöneburg, aufgewachsen in der DDR, PDS-Funktionär, ist unverdächtig, die Situation im Osten zu schwarz zu malen. Er sagt, in dem Dorf fehle einfach der »zivilisatorische Standard«. Man kümmere sich nicht umeinander. Es habe keinen belastet, den Rucksack, das Handy und das Fahrrad von Marinus zu finden. Keiner habe etwas getan. Schöneburg spricht aus, was sich schon während des ganzen Prozesses aufdrängt: »Die Werte, die wir für selbstverständlich halten, sind dort gar nicht vorhanden.«

Früher hatte die LPG die soziale Kontrolle und die soziale Verantwortung für den Großteil der Leute im Dorf. Was die LPG nicht schaffte, machte die Partei. Dann zerbrach alles, was die Menschen als Autorität anerkannten: der Betrieb, die Partei, der Staat. Und noch immer, 13 Jahre danach, fühlen sich offenbar manche so, als wenn sie in ein Niemandsland geschleudert worden wären, wo sich keiner um sie kümmert und sie sich ihre Regeln deshalb selber machen. Oder es eben bleiben lassen.

»Ich hätte aus euren Kindern auch Nazis machen können, und ihr hättet es nicht gemerkt« , hat Freiberg den Eltern in Potzlow entgegengehalten. Die bekommen so erstaunlich wenig mit: Ein Vater kennt die Adresse der Freundin nicht, wo sein minderjähriger Sohn seit Monaten wohnt. Ein anderer weiß nicht, dass der Sohn mitten in der Nacht sturzbetrunken im Dorf herumläuft. Die Mutter eines der jungen Trinker hielt der Sozialarbeiterin vor: »Du hast es nicht geschafft, mein Kind zu erziehen.« Die Eltern der Täter Marcel und Marco kritisieren nun, der Jugendclub habe sich zu wenig um die Jugendlichen gekümmert.

»Die Leute halten sich eine Sozialarbeiterin wie einen Dienstleister – zuständig für die Erziehung und Ruhigstellung ihrer Jugendlichen«, sagt Jürgen Lorenz vom Mobilen Beratungsteam im Regierungsprogramm Tolerantes Brandenburg. Lorenz ist seit Monaten immer wieder im Dorf, doch er nimmt keine wirklichen Aktivitäten wahr, um den Mord an Marinus zu verarbeiten. »Das Dorf hat keinen Bezug zu seinen Jugendlichen«, sagt er. Und offenbar auch keinen zueinander. Es gibt kaum Treffen, und wenn, dann zum Trinken, die Mittelschicht macht ihr eigenes Ding, dann werden die Jalousien runtergelassen. Schweigen.

Immer diese Fragen

Es ist so unheimlich, weil einen das Gefühl beschleichen könnte, dass Petra Freiberg und ihre Kollegen so ziemlich die Einzigen sind, die sich fragen, ob etwas falsch gelaufen ist. Die anderen erscheinen lediglich genervt, dass sie immer noch gefragt werden. Dass immer noch Menschen im Dorf auftauchen, die nicht den See genießen wollen, sondern fragen, wie so etwas geschehen konnte. »Diese permanenten Fragen: Was ist passiert? Was haben Sie gemacht?«, sagt Johannes Weber, der Ortsbürgermeister, und man spürt bei jedem Wort, wie sehr er sich zusammenreißen muss, das Gespräch nicht abzubrechen. Er ist nie bei der Verhandlung in Neuruppin gewesen, auch nicht auf der Bürgerversammlung, als ein Polizeispsychologe erklärt hat, wie Jugend­gewalt entsteht. Der Mann hat aber auch anderes zu tun. Führt einen Malerbetrieb, muss sehen, dass Aufträge reinkommen. »Sachen müssen auch mal zu Ende gehen«, sagt Weber.

Er ist auch nie bei den Eltern von Marinus gewesen. Die wohnen im Dorf nebenan. Der Pfarrer war bei ihnen, auch Petra Freiberg, sonst niemand. »Absolutes Desinteresse« erfährt die Familie, sagt ihr Anwalt. Der Grabstein für Marinus wurde von Berlinern gespendet.

Hinten im Gerichtssaal sitzt Peter Feike. Er stammt nicht direkt aus Potzlow, aber er arbeitet dort, als Koordinator der Jugendarbeit. Er ist einer der ganz wenigen, die den Prozess gegen die Mörder von Marinus regelmäßig besuchen. Feike ist auch Bürgermeister, allerdings der Großgemeinde Oberuckersee, zu der Potzlow gehört.Und seit er das Alkoholproblem im Gemeinderat angesprochen hat, gibt es Zoff. Wie könne er so etwas nur in die Öffentlichkeit tragen?

Feike hat am Anfang auch abgewiegelt, was in Potzlow geschah. Hat gesagt, das komme in der Großstadt doch jeden Tag vor, damals im November, als die Leiche gefunden wurde. Seit er den Prozess verfolgt, hat er dazugelernt. Er weiß, dass die Tat von Potzlow außergewöhnlich war, er­schreck­end, unheimlich. Und will wie Freiberg jetzt nicht mehr wegschauen. »Man kann das doch nicht als Lappalie runtermachen, wenn sich die Jugendlichen ständig betrinken. Gera­de nach dem, was geschehen ist, muss man doch sensibler reagieren«, sagt Feike. »Sonst kommt am Ende der Verdacht auf, es ist einem alles egal.«

Vermutlich ist es aber einfach so.
 

Annette Ramels­berger arbeitet als Redakteurin für die Süddeutsche Zeitung. Die Repor­tage erschien am 11. Juli 2003 in der Süd­deutschen Zei­tung und wurde dem AIB mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des DIZ Dokumentations- und Informationszentrum München GmbH zur Verfügung gestellt.