Am 29. September 1991 demonstrierten AntifaschistInnen in Hoyerswerda gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit
Antifa | AIB 73 / 4.2006 | 09.12.2006

Hoyerswerda

Für viele gerade jüngere AntifaschistInnen ist Hoyerswerda 1991 ein Symbol. Der konkrete Bezug des erlebten Zeitgeschehens ist aufgrund des Alters nicht mehr vorhanden. Hoyerswerda steht so als Fanal, für das erste Pogrom1, welches nach dem  Ende des zweiten Weltkrieges in Deutschland stattfand. Es folgten weitere. Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und ungezählte andere Orte wurden Schauplätze des sich bahnbrechenden Mobs aus organisierten Neonazis und BürgerInnen. Weit über 100 Menschen wurden seither ermordet, weil sie eine andere Hautfarbe hatten, anders sprachen, anders dachten, anders lebten, als es in das Weltbild der RassistInnen passt.

Das Pogrom von Hoyerswerda liegt inzwischen 15 Jahre zurück. Vieles hat sich seither verändert, Vieles ist schlimmer geworden. Anlass genug, den Blick zurück zu richten, damit das, was damals seinen Anfang nahm nicht vergessen und damit der Opfer in Würde gedacht wird. Ein Blick zurück im Zorn. Im September 1991 kam es in Hoyerswerda zu den ersten pogromartigen Angriffen durch einen Mob aus Neonazis und BürgerInnen gegen Flüchtlinge in Ostdeutschland. Dieses »Fanal« fand später seine Fortsetzung in den Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland.

In den knapp zwei Wochen vom 17. September bis zum 29. September 1991 befand sich die Stadt im »Ausnahmezustand«. Hatte es noch mit einer Hetzjagd lokaler Neonazis auf vietnamesische Straßenhändler begonnen, wurden die Ereignisse schnell von organisierten Neonazistrukturen der Deutschen Alternative (DA) und anderen aufgegriffen und durch eine überregionale Mobilisierung angeheizt. In nahezu perfekter Arbeitsteilung mit der Bevölkerung wurden die Angriffe auf zwei Flüchtlingsheime fortgesetzt und fanden ihren Höhepunkt im Abtransport der Flüchtlinge, welcher Beifall klatschend vom Mob begleitet wurde. Hoyerswerda galt fortan als »erste ausländerfreie Stadt Deutschlands«.

Obwohl noch kurz nach den Pogromen die regionale Presse resümierte, dass sich vorrangig lokale Neonazis und BürgerInnen von Hoyerswerda aktiv beteiligten, rückte zunehmend die Mär der »auswärtigen Krawalltouristen« und der Kampf gegen das medial geprägte schlechte Image der Stadt in den Vordergrund und so behauptete der Pressesprecher des Oberbürgermeisters und nunmehr designierte Oberbürgermeister Stefan Skora wider jedes bessere Wissen: »Wenn Ausländer nicht in Hoyerswerda wohnen wollen, dann ist das doch ihre freie Entscheidung.«2 Der Noch-Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig verkündet derweil stolz, obwohl der schlechte Ruf noch immer auf der Stadt laste: »Hoyerswerda hat sich nie gebeugt.«3

Rassistischer Alltag

In der Tat, Hoyerswerda brauchte sich nicht zu beugen. Hoyerswerda steht für das, was längst in breiten gesellschaftlichen Schichten Konsens ist, ein alltäglicher Rassismus, dessen tödliche Dimension meist außen vor bleibt, dennoch sich immer wieder offen zeigt. Hoyerswerda ist keine Ausnahme, Hoyerswerda wurde zur Regel.

Wie fast überall in Deutschland begann auch hier Anfang der 90er Jahre der alltägliche Neonaziterror. Die Szene war durch die Pogrome ge- und bestärkt und sich auch weiterhin der Unterstützung und schweigenden Zustimmung weiter Bevölkerungsteile gewiss. Nachdem die VertragsarbeiterInnen und AsylbewerberInnen Ende September die Stadt verlassen mussten, richtete sich die Gewalt der Neonazis gegen ausländische GeschäftsbetreiberInnen, Andersdenkende und Alternative. Regelmäßig kam es zu Überfällen auf ein besetztes Haus und auf der Straße dominierte ein beinahe schon systematisches gewalttätiges Vorgehen, was eine Vielzahl linker Jugendlicher schließlich veranlasste, die Stadt zu verlassen. Türkische Imbissstuben wurden niedergebrannt, griechische und asiatische Restaurants und deren BetreiberInnen angegriffen.

Kein Vergeben, Kein Vergessen

Traurige Höhepunkte waren die Morde an Waltraud Scheffler und Mike Zerna. Im Oktober 1992 provozierten Neonazis mit rassistischen Parolen in einer Disko in Geierswalde unweit von Hoyerswerda und griffen BesucherInnen an. Als die 44jährige Aushilfskellnerin Waltraud Scheffler versuchte, auf die Neonazis, die mit »Sieg Heil«- Rufen in das Lokal drangen, einzureden, wurde sie mit einer Holzlatte mehrfach auf den Kopf geschlagen. 13 Tage später verstarb sie an ihren schweren Verletzungen.

Unter dem Ruf »Schlagt die Zecken tot!« stürmten am 19. Februar 1993 etwa 20 Neonazi-Skinheads aus Hoyerswerda und Umgebung die Diskothek »Nachtasyl« in Hoyerswerda. Mehrere Personen wurden dabei schwer verletzt. Mike Zerna, der Fahrer der aufgetretenen Metalband Necromanths, wurde vor der Disco niedergeschlagen und ein Transporter auf ihn gekippt. Erst eine knappe Stunde später trafen der Notarzt und die Polizei ein. Eingegangene Notrufe wurden vom zuständigen Beamten zuvor ignoriert. Ohne nochmal das Bewusstsein erlangt zu haben, stirbt Mike Zerna sechs Tage später im Krankenhaus. Er wurde 22 Jahre alt.

Trotz der Dauerpräsenz und Dominanz neonazistischer Gruppen und Schläger sahen sich gesellschaftliche Verantwortungsträger kaum zu Lösungsstrategien genötigt. Im Gegenteil, die gesellschaftlichen Diskurse (re-)produzierten die rassistischen Einstellungen und bestätigten so den rechten Konsens, der Neonazis zu »Vollstreckern eines Volkswillens« machte und seine Vollendung in der Abschaffung des Asylrechts und der sich verschärfenden AusländerInnenpolitik fand.

Die Wiedervereinigungszeit 1989/90 lieferte einen positiven Gründungsmythos der Nation. Das »Volk« hatte sich auf der Straße seinen Willen erkämpft und das »Volk« war sich eines neuen Selbstbewusstseins gewiss. Der nationale Taumel erinnerte vor allem im Ausland stark an die Gefahren des Nationalsozialismus, während er im Inland als Überwindung der »erlittenen Teilung« und der »zwei Diktaturen auf deutschem Boden« propagiert wurde. Die Realität des neuen Deutschland in seinem rassistischen Alltag, seinem Sicherheitswahn und seinem »Patriotismus« hat sich in den letzten 15 Jahren entwickelt und verändert. Von Hoyerswerda bleibt, dass es im September 1991 einer der ersten Orte war, wo sich das neue Gefühl der Gemeinschaft, der »deutschen Gemeinschaft«, gewaltsam Bahn brach.

In diesem Jahr haben antifaschistische Gruppen wieder in Hoyerswerda demonstriert. Denn, so der Aufruf der antifaschistischen Gruppen: »Heute, nach 15 Jahren, haben sich einige Umstände geändert. Geblieben ist jedoch der Nationalismus als eine ungebrochen mobilisierbare und mobilisierende Basisideologie. Einerseits verhält er sich verblümter als damals – der neue Umgang mit dem eigenen Nationalismus findet seine Entsprechung in Deutschlandfahnen schwenkenden WM-Fans, Aktionen wie der ›Du-bist-Deutschland‹-Kampagne, oder pop-nationalistischen Schlagersternchen wie der Band MIA. Andererseits scheint der Nationalismus heute geregelter, weil das, was der Mob aus BürgerInnen und Nazis damals vollstreckte, momentan viel effektiver durch die Staatsmacht erfüllt wird: durch Abschiebungen, eine de facto Abschaffung des Asylrechts und ein restriktives StaatsbürgerInnenschaftsrecht«.

Weitere Informationen gibt es unter: http://aag-hoyerswerda. systes.net
Die Fotos sind vom Umbruch Bildarchiv. Anlässlich des 15. Jahrestages der Pogrome hat das Bildarchiv eine Fotoseite ins Netz gestellt: www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/hoyerswerda1991.html

 

  • 1. Zur Auseinandersetzung um den Begriff »Pogrom« in diesem Zusammenhang vgl. AIB # 20a November/Dezember 1992, Seite 21.
  • 2. Jungle World, September 1997.
  • 3. dpa, 12. September 2006.
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