Aufmarsch der "English Defence League" (EDL) in Newcastle im Mai 2010. (Foto: Gavin Lynn/CC BY 2.0)
NS-Szene | AIB 106 / 1.2015 | 10.06.2015

HoGeSa und EDL

Hooligans suchen Anhang

Nur 400 Teilnehmende in Ludwigshafen — die Geschichte der HoGeSa als Massenbewegung scheint Monate nach den Gewaltexzessen von Köln bereits vorüber. Auch ihr Vorbild, die English Defence League (EDL), kann Anfang Februar 2015 nur 600 Teilnehmende zu einer Demonstration nach Dudley mobilisieren.

Joschka Fröschner

So augenscheinlich die Nähe der beiden Gruppierungen auch sein mag, gibt es doch erhebliche Unterschiede zwischen ihnen, die erklären können, wieso bestenfalls die EDL als eigenständige Organisationsform eine Zukunft hat.

HoGeSa startet schlecht ins neue Jahr: Sowohl eine Demonstration in Essen, als auch ein geplantes Konzert  in Duisburg  scheitern im Januar 2015. Zeitgleich gibt es interne Querelen: Vorwürfe wegen veruntreuter Merchandise-Einnahmen werden laut. Ein Großteil der Führungsriege verlässt HoGeSa und gründet Gemeinsam Stark Deutschland e.V. (GSD). Ein neuer Name, während Ausrichtung und Personal weitestgehend unverändert bleiben. Wie bei HoGeSa wird den Hooligans in Ludwigshafen nur eine stationäre Kundgebung erlaubt.

Die EDL ist in einem ähnlich schlechten Zustand. Auch bei ihr gibt es Beschuldigungen wegen verschwundener Spendengelder und Grabenkämpfe wegen veruntreuten Marketingeinnahmen. Gleichzeitig sieht sich der Kopf der Londoner EDL, Dave Bolton, Vorwürfen wegen sexueller Belästigung von weiblichen EDL-Mitgliedern ausgesetzt. Dazu kommen heftige Gefängnisstrafen für EDL-Anhänger. Im vergangenen Jahr brachte es die EDL auf 24 Demonstrationen, zu nur dreien wurde landesweit mobilisiert — vor allem um ein Aufeinandertreffen mittlerweile verfeindeter Ortsgruppen zu vermeiden. Unter diesen Vorzeichen sind 600 Demonstranten in Dudley fast als Erfolg zu werten.

Beiden Bewegungen geht es also nicht gut — obwohl „Islamkritik“ nach den Attentaten von Paris und den Gräueltaten des IS Hochkonjunktur hat, gelingt es weder HoGeSa noch EDL ein breiteres Publikum anzuziehen. Dabei ist dies der EDL nach ihrem Entstehen im Jahr 2009 für einige Zeit gelungen. Sie entwickelte sich aus einem lokalen islamophoben Protest in der Kleinstadt Luton, bei dem Rechte und Hooligans zueinanderfinden. Von Anfang an hat die EDL einen „starken Mann“ an der Spitze: Stephen Yaxley-Lennon, ehemaliges Mitglied der neo-faschistischen British National Party (BNP). Lennon, wegen Ausschreitungen bei Fuß­ballspielen einschlägig vorbestraft, reüssiert von nun an unter dem Pseudonym Tommy Robinson. Im Kreis der EDL, bei der es keine offizielle Mitgliedschaft gibt, findet sich auch sonst jede Menge Personal mit eindeutig neonazistischer Gesinnung.

Inhaltlich beansprucht die EDL für sich, lediglich gegen den militanten Islam zu opponieren. Ihre Themen seien die vom linken Mainstream ignorierte schleichende Isla­misierung Englands sowie die Vernachlässigung der einheimischen Arbeiterklasse. Nach außen grenzt sie sich von den klassischen Gruppen der britischen Neonazi-Szene ab. Der Aufstieg der EDL wird gestützt von einer starken Mobilisierung über soziale Medien — heute hat die EDL auf Facebook über 180.000 Likes. Parallel dazu steigen auch die Teilnehmendenzahlen auf Demonstrationen, 3.000 Menschen in Luton im Jahr 2011 sind ein Höhepunkt. Immer neue Ortsgruppen schie­ßen aus dem Boden.

Die EDL verfügt über einige für rechte Gruppierungen ungewöhnliche Untergruppen, wie eine LGBT- und eine Jewish-Division. An ihrer Spitze stand lange Zeit Roberta Moore. Sie nannte die von Anders Breivik auf Utøya Ermordeten „Abschaum“, weil sie einer sozialdemokratischen Jugendorganisation angehörten. Später wurde bekannt, dass der Attentäter über gute Kontakte zur EDL verfügte und sie in seinem Manifest als Ins­piration nennt. Noch dazu bekundet Yaxley-Lennon (Tommy Robinson) Sympathien für Breivik. Die Jewish-Division gehört zum radikaleren Teil der EDL, sie knüpft Verbindungen zur US-amerikanischen Jewish Task Force, die rechten Gruppierungen nahe steht.

In erster Linie ist die EDL eine Bewegung, die die Straße braucht. Hier bricht sich der Rassismus Bahn, der in den offiziellen Verlautbarungen noch verschleiert wird. Rassistische Sprechchöre sind Normalität, genauso wie rassistische Beschimpfungen und körperliche Übergriffe auf Menschen nicht-weißer Hautfarbe. Bei ihren Demonstrationen geht die EDL bewusst an Orte, an denen es große muslimische Communities gibt, und versucht, an rassistisch aufgela­dene lokale Diskurse anzuknüpfen. Schwere Ausschreitungen sind bei Aufmärschen eher die Regel denn die Ausnahme. Doch immer häufiger stößt die EDL auf Gegenwehr nicht nur seitens der Polizei, sondern auch von örtlichen Communities und militant agie­renden AntifaschistInnen. Die Niederlagen auf der Straße sorgen für zunehmende Unzufriedenheit.

Der größte Schlag für die EDL ist aber der Rücktritt von Yaxley-Lennon (Robinson). Es sei nicht gelungen, Neonazis aus der Bewegung zu halten, so seine Begründung. Mehrere Ortsgruppen erklären ihre Abspaltung, und der Gegenwind aus dem Rest der rechten Szene nimmt zu. Eine EDL-Demonstration im nordenglischen Rotherham wird von der Neonazi-Gruppierung National Front (NF) angegriffen.

Bei der Entstehung von HoGeSa spielen soziale Netzwerke ebenfalls eine zentrale Rolle. Hier dienen sie allerdings ebenso zur Mobilisierung wie zur Vernetzung und Verfestigung der Kontakte zwischen Neonazis und rechten Hooligans. HoGeSas Ausgangs­punkt, die Störung einer Veranstaltung des Salafisten Pierre Vogel in Mönchengladbach, ähnelt durchaus den Aktionen der EDL. Die Schnittmenge der Gruppe mit dem klassisch neonazistischen Milieu ist von Anfang an offenkundig. Wie die EDL inszeniert sich HoGeSa einerseits als Opfer einer multikulturellen Mehrheitsgesellschaft,  stellt aber andererseits bei ihren Demonstrationen aggressive Männlichkeit zur Schau.

Zwar beansprucht auch HoGeSa für sich, lediglich „Islamkritik“ zu üben, dass dies aber nur eine taktische Orientierung ist, um jenseits der rechten Szene ein möglichst breites Spektrum mobilisieren zu können, wurde spätestens in Köln offensichtlich. Entgegen der Selbststilisierung als Opfer von Medien, linkem Mainstream, Migrant_innen, Überwachung und Überfremdung entlarvt sich HoGeSa in Köln als das, was es ist: rechtes Tätervolk. Aufgrund der Ausschreitungen von Köln reagiert die Politik äußerst restriktiv. Sie erlaubt nur noch Kundgebungen für eine Bewegung, die wie die EDL auf den Erlebnisraum Straße angewiesen ist. Der „Erfolg“ von Köln wird zum Hemmschuh für die weitere Entwicklung. Die lockere Organisation der Bewegung über soziale Medien hat ihre Schwä­chen. Es gibt wenig Struktur, kaum Personal, das langfristig Strategien entwickelt.

HoGeSa beweist mangelnde Flexibilität: Anstatt wie am Anfang auf kleine Aktionen zu setzen, wollen sie nur noch die große Bühne: Es sollen Demonstrationen durch die Innenbezirke von Millionenstädten sein, die rechten Hooligans wollen sich nach Jahren im Hintergrund unbedingt zeigen. In Hannover wird klar, dass HoGeSa nicht in der Lage ist, Inhalte zu verbreiten, die über die Parole „Ahu!“ aus dem Film „300“ hinausgehen. Die Hooligans sind auf Input von außen angewiesen, den sie sich bei den üblichen Agitatoren vom rechten Rand holen. Vom Anspruch, über die rechte Szene hinaus in die Gesellschaft hinein­zuwirken, hat sich HoGeSa längst verabschiedet. Was passiert, wenn die Gruppe versucht sich selbst zu artikulieren, zeigt sich in einem aktuellen Positionspapier, das eine Mischung neonazistischer Allgemeinplätze und kruder Verschwörungstheorien ist.

Momentan deutet nichts darauf hin, dass der Abwärtstrend von HoGeSa und GSD gestoppt werden könnte. Dies bedeutet aber nicht, dass AntifaschistInnen nun Pause haben. In Fußballstadien sind Zusammenschlüsse von Neonazis und Hooligans nach wie vor in der Offensive. Einen Hinweis auf die mögliche Zukunft von HoGeSa gibt ein Zwischenfall in Köln im Januar 2015. Dort wurden 50 bewaffnete Hooligans von der Polizei gestoppt, bevor sie eine Gedenkveranstaltung zum NSU-Bombenattentat in der Probsteigasse stören konnten.

Die Zukunft der EDL hängt an einem Mann: Yaxley-Lennon (Tommy Robinson). Nach einem Gefängnisaufenthalt spuckt Yaxley-Lennon (Robinson) wieder altbekannte Töne. Insider berichten über eine mög­liche Rückkehr von Yaxley-Lennon (Robinson) zur EDL. Für Sommer, nach Ablauf einer Bewährungsstrafe, wird seine Entscheidung erwartet. Eine Rückkehr könnte der rechten Hooligan-Szene Szene in England wieder etwas Auftrieb geben.

 

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