Barackenlager der I. G. Farbenwerke Auschwitz, 1941. (Bundesarchiv, Bild 146-2007-0076 / CC-BY-SA 3.0)
Gesellschaft | AIB 49 / 4.1999 | 29.12.1999

Hauptversammlung der IG Farben in Frankfurt/M

Die Stimmung im städtischen Saalbau des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim war am Morgen des 18. August 1999 gespannt. Die Aktionäre des einstigen NS-Unternehmens "Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG", kurz IG Farben, hatten zur Hauptversammlung geladen. Mit ihnen waren auch rund 120 DemonstrantInnen gekommen. Unter ihnen etliche Überlebende des Holocaust. Vor den Toren der Versammlungsstätte forderten die RednerInnen-unter ihnen der Auschwitzüberlebende und ehemalige IG-Farben-Zwangsarbeiter Hans Frankenthal- die sofortige Auflösung der Aktiengesellschaft. Das gesamte Kapital des einstigen NS-Unternehmens solle bedingungslos den Überlebenden zur Verfügung gestellt werden. Von solchen Forderungen lassen sich die sogenannten Liquidatoren des Unternehmens schon seit Jahrzehnten nicht beeindrucken. Ganz im Gegenteil: Jahr für Jahr trifft man sich, um die neuesten Geschäftszahlen zu begutachten und die Gewinne aus dem Geschäft aufzuteilen.

"The Guards" gegen Presse und Kritik

Damit die Damen und Herren Aktionäre dabei kein ungebetener Gast stört, bedient sich das Unternehmen des Frankfurter Wachschutzunternehmens »The Guards«. In schwarzen Uniformen und mit Reizgas sowie Schlagstöcken bewaffnet sichern die Sicherheitskräfte die Versammlungsstätten der IG Farben. Vor zwei Jahren hatten die »Guards« mehrere PressevertreterInnen aus der Hauptversammlung entfernt, bis hin zu einer Vertreterin der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Als in diesem Jahr ein Rundfunkjournalist die Rede eines IG Farben Vertreters mitschnitt, forderte man ihn auf, den Tonträger herauszurücken. Kurz zuvor hatte der Vorstand des Unternehmens sich geweigert, Ton und Videoaufnahmen zuzulassen.

Als Hans Frankenthal an das RednerInnenpult trat, eskalierte die Situation. Der Auschwitzüberlebende und ehemalige Zwangsarbeiter von Monowitz wagte etwas Unerhörtes: Er verlas einen Brief vom 30. August 1944, in dem die IG Farben die Lagerleitung von Auschwitz-Monowitz aufforderte, den Häftling 157 040 energisch zu bestrafen. Am gleichen Tage, das ergaben Hans Frankenthals Recherchen, wurde der aus Frankreich stammende Mann ermordet.

Ernst Krienke, Aufsichtsratsvorsitzender der IG Farben, passten die Ausführungen von Hans Frankenthal ganz und gar nicht, so daß er ihm das Wort entzog, das Mikro abstellte und des Pultes verwies. Hans Frankentahl ließ sich von dem Aufsichtsratsvorsitzenden des ehemaligen NS-Unternehmens nicht beeindrucken. Auf den Stock gestützt setzte er mit lauter Stimme die Rede fort. Auf Weisung der Versammlungsleitung eilten die schlagstockbewährten »Guards« zu ihm, sie sollten, so die Anweisung, den Auschwitzüberlebenden zum Platz »geleiten«. AntifaschistInnen verhinderten jedoch, daß die Ordner den alten Mann anfassten.

Einige Aktionäre kommentierten das Geschehen laut Augenzeugen mit »Judensau« oder «Hau ab« Sprüchen. Hans Frankenthal verliess nach dem Vorfall den Saal. »Hier herrscht ein Tonfall wie in Auschwitz« kommentierte er später den Vorfall. Gleichzeitig kümmerten sich die Ordner um weitere »Störer« im Saal. Ein Pressefotograf, der versucht hatte, die Szene am Rednerpult zu fotografieren, wurde des Saals verwiesen, einen anderen, der lediglich seine Kamera um den Hals trug, schliffen die »Guards« aus dem Saal. Im Vorraum sollen sie laut Augenzeugen-Berichten auf den Journalisten eingeschlagen haben und seine Kamera-Ausrüstung beschädigt haben. Pressevertretern, die ihrem Kollegen zur Hilfe eilten und sich als Zeugen zur Verfügung stellten, wurde demnach Hausverbot erteilt.

Hans Frankenthal blieb nicht der einzige Redner, der des Pultes verwiesen wurde. Rund ein Dutzend antifaschistischer Kleinaktionäre hatten es sich zum Ziel gesetzt, in die Fusstapfen ihres Vorredners zu treten. Abwechselnd lasen sie Berichte von Überlebenden vor. Wurden sie dabei vom Vorstand unterbrochen, so knüpften die ihnen folgenden RednerInnen genau da an und lasen weiter.

IG Farben in der Kritik

Die IG Farben expandierte im Nationalsozialismus durch die „Arisierung“ vormaliger jüdischer Konkurrenz-Firmen, beschäftigte eine große Zahl an ZwangsarbeiterInnen und errichtete das "KZ Auschwitz III Monowitz" als eine Art privat finanziertes Konzentrationslager. „Um jede künftige Bedrohung seiner Nachbarn oder des Weltfriedens durch Deutschland unmöglich zu machen, und mit Rücksicht auf die Tatsache, daß die I. G. Farbenindustrie sich wissentlich und in hervorragendem Maße mit dem Ausbau und der Erhaltung des deutschen Kriegspotentials befaßt hat“, beschlagnahmte der "Alliierte Kontrollrat" 1945 das gesamte Vermögen der I. G. Farben. Doch schon 1951 wurde in der Bundesrepublik beschlossen, den IG Farben-Betrieb weiterzuführen in dem aus der IG Farben deren ursprüngliche Einzelfirmen-Bestandteile wieder ausgegliedert werden.

Seit rund zehn Jahren wiederholen sich daher die politischen Auseinandersetzungen in den Hauptversammlungen der IG Farben. Hintergrund ist die Forderung des Auschwitz-Komitees, der VVN, des Dachverbandes der Kritischen AktionärInnen sowie etlicher antifaschistischer Gruppen, das ehemalige NS-Unternehmen sofort aufzulösen. Die rund 25 Millionen Mark Firmenkapital sollen bedingungslos den ehemaligen ZwangsarbeiterInnen zur Verfügung gestellt werden.

Wie in den Jahren zuvor, lehnte auch die diesjährigen Hauptversammlung diese Forderung ab. Im Gegenzug beschloß eine 92-prozentige Mehrheit, eine mit 3 Millionen Mark ausgestattete Stiftung ins Leben zu rufen. Ausgeschüttet werden sollen aber lediglich die Zinserträge. Laut IG Farben angeblich 300.000 Mark pro Jahr. »Diese Bank möchte ich sehen, bei der es solch einen Zinssatz gibt«, kommentierte Hans Frankenthal die Behauptungen der IG Farben. Bei den 3 Millionen Mark handelt es sich genau um die Summe, die die IG Farben in den sechziger Jahren von der Jewish Claims Conference zurückgefordert und -erhalten hatte. Es sind die Überreste eines seinerzeit gerichtlich erzwungenen Fonds zur Entschädigung von im Westen lebenden ZwangsarbeiterInnen. Eigentlich war damals die Forderung, die übriggebliebenen 3 Millionen an die Hinterbliebenen der ermordeten ZwangsarbeiterInnen auszuzahlen, dazu waren die damaligen Liquidatoren der IG Farben aber nicht bereit. Sie verlangten die Rückzahlung der Summe.

Angesichts der vielen noch lebenden Anspruchsberechtigten ist der Sprecher des Bündnisses gegen die IG Farben, Georg Brau, sichtlich empört. Die 3 Millionen seien weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein, sagte er.

Die Leitung der Stiftung sollen die Liquidatoren der IG Farben inne haben, beschlossen die Aktionäre. Opferverbände werden in ihr keinen Platz finden. Die ersten Auszahlungen aus der Stiftung werden frühestens im Jahr 2003 stattfinden, so daß die meisten ehemaligen ZwangsarbeiterInnen dies nicht mehr erleben dürften.