Einzug der Fahnenkompanien des Stahlhelm während einer Großveranstaltung „Zehn Jahre Versailler Vertrag“ im Juni 1929 in Berlin. (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-07998 /CC BY-SA 3.0)
NS-Szene | AIB 50 / 1.2000 | 21.03.2000

Gewehr bei Fuß – Der Stahlhelm

Heute ist der Stahlhelm – Kampfbund für Europa e.V.  eine kleine faschistische Gruppe mit Schwerpunkten in Rheinland/Pfalz, Niedersachsen, Hamburg und einem eigenen Landesverband in Belgien (Flandern). »Das oberste Ziel des Stahlhelms ist die Wiederherstellung des Deutschen Reiches in seinen historischen Grenzen« erklärt der 1996 zum Bundesführer gewählte Günter Drückhammer. Drückhammer sagt weiter: »Wir streben die Wehrhafthaltung der deutschen Jugend« an und »setzten uns gegen die seit 1945 planmäßig betriebene Überfremdung unseres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens« zur Wehr.

Im Jahr 1918 gründete der spätere NSDAP-Arbeitsminister Franz Seldte für die Veteranen des ersten Weltkrieges den Stahlhelm. Der Stahlhelm wurde in der Weimarer Republik zu einer der bedeutensden militaristischen Vereinigungen. 1933 gliederte Seldte den Stahlhelm freiwillig in die SA ein. Nach der Wiederbelebung im Jahr 1951 durch die »Helden vergangener deutscher Taten« war der Verein ein Forum für alte Wehrmachts-Frontkämpfer, die in Kriegserinnerungen schwelgten. Ab den siebziger Jahren gingen sie auf die extreme Rechte zu, so warben sie u.a. den Chef der Wehrsportgruppe Hoffmann, Karl-Heinz Hoffmann, als Gastredner.

Seit Jahren unterhält der Stahlhelm-Kampfbund für Europa e.V. an der Landesgrenze von Niedersachsen zu Hamburg in Jork Klein Hove sein zentrales Schulungszentrum. Geschützt von hohen Tannen befindet sich auf dem 2.200 qm großen Anwesen das Franz-Seldte-Haus, wo Bundesführer Günter Drückhammer die Kameraden über die Tugenden des Soldatentums und die Leistungen der Wehrmacht aufklärt. Sein Sohn Kai-Uwe Drückhammer, Bundesjugend- und Landesführer Niedersachsen, soll dort die zukünftigen Wehrhelden in den Umgang mit der Waffe einführen. Das Seldte-Haus fungiert für den Stahlhelm als zentrale Anlaufstelle, so u.a. für den Bundesverband, die Redaktion der Zeitschrift »Der Stahlhelm«, den Devotionalienversand »Der Stahlhof« und vor allem die norddeutschen Stahlhelm-Verbände. Seit 1983 bis heute finden hier regelmäßig Schulungen, »Führerbesprechungen«, »nationale Feiern« und »Ortsappelle« des Stahlhelm statt. Hier ist auch der Ausgangspunkt für die alljährlichen »Wehrsportkreuzprüfungen« des Vereins. Die Prüfungen beinhalten u.a. »Gewehrschiessen«. Nach bestandener Wehrsportprüfung - passender Weise am 20. April – zeichnen Vater oder Sohn Drückhammer die Kameraden mit dem Wehrsportkreuz aus. So auch Stefan Bliesmer aus der Tostedter militanten Neonaziszene, der 1998 Ortsgruppenführer des Stahlhelm im Landesverband Niedersachsen war. »Jeder Kamerad soll befähigt werden eines Tages zu befehlen und zu führen,« schreibt Kai-Uwe Drückhammer in einem internen Rundbrief. Den 36jährigen ehemaligen Bundeswehr-Oberfeldwebel treibt der Ehrgeiz an, aus laschen Skinheads wehrfähige Soldaten zu machen.

Dass die Wehrsportübungen keine Trockenübungen sind, beweisen die Mitglieder des rund 100 Personen starken Vereins. Gegen etliche von ihnen laufen derzeit Ermittlungsverfahren wegen Land- und Hausfriedensbruchs sowie wegen Verstössen gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz. Im März 1998 fand die rheinland-pfälzische Polizei bei Hausdurchsuchungen mehrere Maschinenpistolen, Minen, Sprengsätze, Gewehre, Munition und eine Panzergranate, die u.a. Stahlhelm-Mitgliedern zugeordnet wurden.1 Über das Vereinsblatt Der Stahlhelm werden die Mitglieder aufgefordert, ihre  Kinder im vereinseigenen Schamhorst Bund Deutscher Jungen und Mädchen anzumelden. Im Sommer 1999 veranstaltete Kai-Uwe Drückhammer ein Biwak mit 30 Kindern ab zwölf Jahren an der Ostsee. Neben Marschieren mit Plastikgewehren übten sie das Bedienen echter Waffen und »bewährte Tricks im Gelände, die unsere Väter anwendeten«, wie der Bundesjugendführer schrieb. Aussteiger berichten von einer wachsenden Militanz der Truppe um den zweiten Bundesführer Hans-Jürgen Hertlein. Hans-Jürgen Hertlein aus Pleisweiler war 1991 zeitweilig Funktionär des völkisch-rassistischen Vereins "Die Artgemeinschaft e.V.". Mehrere Stahlhelm-Mitglieder soll inzwischen eine eigene Maschinenpistole besitzen. Bei der letzten Silvesterparty riefen Nachbarn des kürzlich bezogenen und von Hertlein geführten Pfälzer Stahlhelmheims am Potzberg bei Altengan (Kusel) nach Schüssen die Polizei. Auf dem diesjährigen Sommerfest übten auf dem Gelände Männer, Frauen und Kinder das Schießen mit vollautomatischen Waffen. Zur Truppe um Hertlein gehört auch der Ex-JN Funktionär Josef Maria Sutter, Waffenbastler und Tattooshop Betreiber aus Kreimbach-Kaulbach.

Nach Angaben der Polizei liefert er die Waffen für den Stahlhelm. 1995 verkaufte Sutter eine Maschinenpistole für 600,- an Stefan Michael B. von der Anti-Antifa Saarpfalz. Den Hang zur »militärischen Aktion« unterstreicht auch der zur Zeit inhaftierte Roman Greifenstein in einem Artikel im vereinseigenen Stahlhelm: »Im Bund zu dienen bringt auch wieder eine militärische Ausbildung mit sich, wie man sie legaler und einfacher nicht erwerben kann. Das kann einmal lebenswichtig für unseren Befreiungskampf sein!«.  Roman Greifenstein (Hermannsburg) soll neben Stefan Bliesmer (Tostedt) und Andreas Haye (Hamburg) Mitglied einer Stahlhem Gruppe im Hamburger Raum gewesen sein. Andere Mitglieder setzen die Waffen auch ein: 1995 erschoss der saarländische Landesführer Wolfgang Fritschi seine Ex-Lebensgefährtin im Auto, während im Fond ihr Sohn saß. Im süddeutschen Raum bestehen enge Beziehungen zur NPD und im Norden zur Artgemeinschaft-Germanische-Glaubensgemeinschaft. In der Pfalz soll Elfrun von H. als Mitglied im Stahlhelm und im Armanen-Orden bekannt gewesen sein. Sie soll sich für einen 1996 gegründeten "Halgadom-Kreis" zuständig gefühlt haben.
Das Bundesinnenministerium bestätigte auf eine kleine Anfrage der PDS- Bundestagsfraktion, dass der Stahlhelm eine »rechtsextremistische Gruppierung« mit »antisemitischem und revisionistischem Gedankengut« ist, die »militärische Aktionen« durchführt. Er würde aber seit 1975 nicht mehr im Bundesverfassungsschutzbericht erwähnt, da der Verein »bundesweit unbedeutend« sei. 

  • 1. Frankfurter Rundschau vom 26. März 1998