Rezensionen | AIB 71 / 2.2006 | 15.06.2006

Fußball unterm Hakenkreuz

Seit Ende letzten Jahres liegt die Untersuchung des Historikers Nils Havemann über »Fußball unterm Hakenkreuz« und im Speziellen über die Rolle des DFB während des Nationalsozialismus vor. 

Nils Havemann

Das Erscheinen und seine Nähe zur WM sind nicht zufällig gewählt: Weder zur WM 1974 in West-Deutschland, noch 1975 zur 75-Jahr-Feier des DFB oder beim 100jährigen DFB-Jubiläum im Jahr 2000 sah man sich veranlasst, auf die braunen Vergangenheit auch nur einzugehen. Im Gegenteil: Als der Festredner Walter Jens zur Jubelfeier 1975 die Notwendigkeit einer Aufarbeitung ansprach, gab man sich allseitig verstimmt, ja fast beleidigt, als ob er das Podium nackt betreten hätte. Jetzt aber, zur WM im vereinigten Deutschland, soll nichts die verordnete Quietschvergnügtheit stören und man gab die Studie in Auftrag.  Deutschland soll während der WM biedere Gemütlichkeit ausstrahlen und natürlich gibt sich auch der DFB redliche Mühe, diese Aura zu verströmen – der offiziellen Losungsspruch »Die Welt zu Gast bei Freunden« soll diesen Anspruch kommunizierens.

Es ist eine bemerkenswert detaillierte Arbeit. Havemann ackerte sich durch unzählige in- und ausländische Archive und ging dabei durchaus kritisch vor: Seine erste These ist, dass es den DFB ohne die Nazis nicht gegeben hätte. Zumindest nicht in der Form als einziger bundesweiter Fußballverband. Denn vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten musste sich der Bundesverband mit mächtigen Landesverbänden herumplagen. Außerdem vertrat der DFB zu dieser Zeit eine rigorose Amateurspolitik, nach der Fußball kein Berufssport sein durfte.

Dagegen regte sich Widerstand und im süddeutschen Raum formierte sich ein Konkurrenzverband der Berufsspieler. Denn die Position des DFB beruhte allein auf den umfangreichen Steuervergünstigungen, die er als »gemeinnütziger« Amateursverband erhielt. Das war natürlich reine Heuchelei, der Verband hatte sich schon längst zu einem »professionellen, gewinnorientierten Unternehmen« mit festen Mitarbeitern entwickelt, im Verborgenen wurden erfolgreiche Spieler seit langem mit »Aufwandsentschädigungen« oder mietfreien Wohnungen bezahlt.

Die Reibereien mit Konkurrenzverbänden hatten mit Beginn der Naziherrschaft ein Ende. Denn zur Olympiade 1936 in Berlin, mit der sich das »Dritte Reich« der Welt als moderne, friedliebende und erfolgreiche Nation präsentieren wollte, waren nur Amateursportler zugelassen. Und gerade eine publikumswirksame Sportart wie der Fußball durfte da natürlich nicht fehlen. Deshalb waren die neuen Machthaber schnell von der Linie des DFB zu überzeugen. Und auch in anderer Hinsicht kamen den DFB-Oberen die Nazis gelegen: In vielen mächtigen Vereinen, die den Berufsverband angeregt hatten, saßen Juden im Vorstand. Viele Vereine wiederum waren bei jüdischen Sponsoren verschuldet.

Zu den strammsten Nazivereinen gehörten ausgerechnet Werder Bremen und Schalke 04. Der damalige Bremer Vorstand bemühte sich schon vor der Nazidiktatur, den Verein auf Linie zu bringen und gab bekannt, dabei »alle Querulanten und Stänkerer mit eiserner Energie für immer verschwinden zu lassen«. Schalke war mit sechs Meisterschaften der erfolgreichste Verein der NS-Zeit, in ihrem Gau wurden die königsblauen Kicker von 1933 bis 1944 jedes Jahr Meister. Der damalige Star des Arbeitervereins war Fritz Szepan, Kapitän der Nationalmannschaft und Teil des legendären »Schalker Kreisels«. Und der Schalker Vorstand wusste, wie man sich um seinen bekanntesten Spieler kümmert: Bei der »Arisierung« des Textilgeschäfts Rohde übten die Funktionäre den nötigen Druck auf die jüdischen Eigentümer aus, so dass Szepan den Laden für einen Bruchteil des Wertes kaufen konnte.

Viele DFB-Funktionäre traten nach 1933 in die NSDAP ein, aber nicht, wie sich Havemann beeilt hinzuzufügen, aus »blankem Opportunismus«, sondern aus der selben Mischung aus Zukunftsangst, gekränktem Nationalstolz ob des verlorenen Krieges und handfesten wirtschaftlichen Interessen heraus, die auch die auch die Mehrheit des deutschen Volks leitete. Havemann versucht, den DFB als Beispiel für die Deutschen darzustellen, die auf gleiche Weise den Nazis nicht vorrangig wegen ihrer Ideologie nachliefen, sondern wegen persönlicher Interessen und einer Angst um die eigenen Vorteile und Pöstchen.

Er versucht, dies an zahlreichen individuellen Schicksalen von DFB-Funktionären darzustellen. Bei allen beruht eine anfängliche Euphorie für die NS-Herrschaft vor allem auf der Verbesserung der eigenen Stellung innerhalb der deutschen Fußball-Hierarchie und einem diffusem Gefühl, dass es jetzt aufwärts und vorwärts gehe, weil die vielen Hindernisse – wie die jüdischen Verfechter des Berufssports – aus dem Weg geräumt wurden. Als der Nazi-Terror dann sein wahres Gesicht so deutlich zeigte, dass es auch von den dumpfesten Pöstchenschacherern nicht mehr ignoriert werden konnte, waren die eigenen Karrieren schon so mit dem Regime verflochten, dass sich die Funktionäre längst zu Mittätern gemacht hatten. Bei aller Kritik bringt Havemann dafür immer Verständnis auf: »Da das Selbstwertgefühl erschüttert war, suchten viele Menschen in dem Begriff der Nation eine aggressive Projektionsfläche für den Wunsch nach Anerkennung und Sicherheit, die nur im Rahmen einer funktionierenden, machtvollen und daher von fast allen politischen Richtungen beschworenen ‚Volksgemeinschaft’ erreichbar schien.«

In diesen psychologisierenden Erklärungsversuchen von Einzelschicksalen liegt die Schwäche der Untersuchung. Havemann verstrickt sich in den Lebensläufen der einzelnen DFB-Funktionäre bis hinunter zum Kassenwart und die Detailliertheit gereicht der Studie hier zum Nachteil: Zwischen all den Personen, Persönlichkeiten und Persönchen geht die Frage nach dem größeren Zusammenhang verloren. Mit der Fokussierung auf Persönliches gelingt es Havemann zwar tatsächlich, darzustellen, dass die Funktionäre genauso Mitläufer waren wie die Mehrheit der Deutschen, die sich mit einer Mischung aus persönlicher Vorteilsnahme und ideologischer Entwurzelung mit dem Regime arrangierten. Damit ist aber nichts über die Rolle des DFB als gesellschaftliche Größe gesagt. Havemann geht zwar anfangs auf die Tatsache ein, dass der DFB schon früh ein »professionelles, gewinnorientiertes Unternehmen« war, das nach kapitalistischen Gesichtspunkten funktionierte. Eine abschließende Einordnung des Verbandes in diese größeren Zusammenhänge, die das Dritte Reich letztlich möglich machten, fehlt jedoch völlig.

Der DFB sieht das Kapitel seiner Rolle im Nationalsozialismus mit der Studie als abgeschlossen an. Die Untersuchung kann in dieser Form jedoch nur der Anfang, sozusagen eine erste Materialsammlung, der Aufarbeitung sein. Die Aussicht auf weitergehende Arbeiten ist allerdings schlecht in der Atmosphäre der schmunzeligen Gutmütigkeit, die der DFB dem ganzen Land anlässlich der WM verordnet hat. (Benedikt Blos)

Nils Havemann
Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz.
Campus, Frankfurt a. M. 2005
473 Seiten, 19,90 Euro