Der verhaftete Neonazi Jérémy Mourain (im Kreis) war Teil der organisierten Neonazi-Szene. Im Bild oben rechts mit Yohan Mutte (mitte). Fotos: La Horde
International | AIB 115 / 2.2017 | 04.08.2017

Frankreich: Neonazi-Mordserie aufgedeckt?

In Frankreich sind extrem rechte Skinheads weder zahlreich noch organisiert, aber sie sind in den letzten Jahren für mehrere Angriffe verantwortlich, von denen einige tödlich endeten. So sind gerade drei neonazistische Skinheads aus Nordfrankreich angeklagt, im Jahre 2011 den Gitarristen der Punk-Band Ashtones Hervé Rybarczyk ermordet zu haben. Die Polizei behauptete lange, es habe sich um einen Unfall gehandelt. In diesem Fall konnte der Schleier um die unklaren Beziehungen zwischen Polizei, französischem Nachrichtendienst und der neonazistischen Szene in Frankreich ein wenig gelüftet werden.

Gastbeitrag von „La Horde — méchamment antifasciste “

Am 27. und 28. April 2017 wurden drei Mitglieder der Neonazi-Szene der Stadt Lille verhaftet. Sie sollen an den Morden von fünf „ertrunkenen“ Männern im Kanal der Deûle in Lille im Oktober 2010 und September 2011 beteiligt gewesen sein. Diese Fälle galten zunächst als gelöst, da die Polizei das Ertrinken mit dem Konsum von Drogen oder Alkohol begründete. Um zu verstehen, wer die Angreifer sind und warum sie so gehandelt haben, muss man sich die Geschichte der lokalen extrem rechten Skinhead-Bewegung in Erinnerung rufen: Im Jahre 1985 begründete Serge Ayoub, Spitzname „Batskin“ und Führungsfigur der neonazistischen Skinhead-Szene die erste extrem rechte Organisation „von Skinheads für Skinheads“. Zwei Jahre später gründet Ayoub innerhalb der Gruppe „Troisième Voie“ (TV, Dritter Weg)1 die „Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires“ (JNR, National-Revolutionäre Jugend)2, der es gelang, einige Neonazi-Skinhead-­Gruppen zu vereinen. Die JNR fiel durch gewalttätige Angriffe auf AntifaschistInnen und MigrantInnen auf, etwa in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 1990 ,als Neonazis aus Le Havre und Paris — unter ihnen das JNR-Mitglied Régis Kerhuel, der sich „Madskin“ nennt — James Dindoyal, einen jungen Mann aus Mauritius ermordeten.3

Bemerkenswert ist, dass der „Front National“ (FN) noch Anfang der 1990er Jahre ein gutes Verhältnis zu den Skinheads zu haben schien. „Batskin“ behauptet sogar, dass die Partei mit ihm damals Kontakt aufgenommen hätte, damit er 1995 für die Kommunalwahlen kandidiere. Erst am 1. Mai 1995 musste sich die Partei distanzieren, nachdem Brahim Bouarram von Neonazi-Skinheads am Rande einer FN-Demonstration ermordet und in die Seine geworfen wurde.

2009 belebte Ayoub die Gruppe „Troisième Voie“ wieder, deren Ziel es ist, die verschiedenen extrem rechten Skinhead-­Gruppen, die in ganz Frankreich4 zersplittert sind, unter eine einzige Autorität zu bringen. Ayoub reaktivierte zudem die JNR,  welche „Troisième Voie“ als Ordnungsdienst dienen soll. „Troisième Voie“ und JNR treten zum ersten Mal im Mai 2010 in Paris gemeinsam öffentlich auf, als sie neben anderen kleinen nationalistischen Organisationen wie der "Groupe Union Défense" (GUD, Gruppe Union und Verteidigung) an einer Demonstration zu Ehren Johanna von Orléans teilnehmen. In den folgenden zwei Jahren bestreiten sie weitere Demonstrationen, bis sich "Troisième Voie" im Jahr 2013 auflösen muss, nachdem der Angriff ihres Mitglieds Esteban Morillo und anderer Anhänger der Organisation auf den Antifaschisten Clément Méric tödlich endete.

Wichtige JNR-Mitglieder neben Ayoub sind Jérémy Mourain aus Paris, die rechte Hand von Serge Ayoub in der Picardie, sowie Yohan Mutte, der Chef von "Troisième Voie" in der Stadt Lille und Umgebung.

Nach der Auflösung von „Troisième Voie“ gründet Mourain im Juli 2013 seine eigene neonazistische Gruppe, den „White Wolf Klan“, der aber mehr einer Sekte als einer politischen Gruppe ähnelt. Im März 2015 wird Mourain verhaftet, weil er wegen verschiedener Angriffe und Gewalttätigkeiten in der Picardie und in Nordfrankreich angeklagt wird, darunter wegen eines Mordversuchs an einem Mitglied der extrem rechten "Nationalistes Autonomes" (NA, Autonome Nationalisten) im Dezember 2012. Dazu äußerte sich Mourain mit der Begründung, der Mann habe sich während einer Demonstration von „Troisième Voie“ im Mai desselben Jahres Ayoub gegenüber respektlos verhalten. Damals hätte Ayoub ihm befohlen, das Problem der NA zu „regeln“. Als Ayoub daraufhin verhört wird, distanziert er sich. Wie beim Prozess von JNR-Mitglied Régis Kerhuel wird er freigesprochen, während Mourain zu neun Jahren Haft verurteilt wird.

Anlässlich dieses Verfahrens sagen viele der Beschuldigten und Zeugen aus, so dass die Fälle der verschwundenen Männer am Kanal der Deûle rücken wieder in den polizeilichen Fokus. Zwei von den im März 2015 Verhafteten berichten von Jérémy Mourain und Yohan Mutte, die sie zu den „Antreibern“ aus Lille zählen: Mourain habe sogar von einem Punk geredet, den sie erschlagen und dann in einen Kanal geworfen hätten. Dabei handelt es sich wohl um Hervé Rybarczyk, Musiker der Punk-Band Ashtones, der nach einem Konzert am 11. November 2011 nie nach Hause zurückkehrte.

Diese Aussagen zeigen, wie nachlässig die Kriminalpolizei der Stadt Lille ermittelt hat und wie Spuren des Verbrechens beiseite geschoben wurden, obwohl die Familien der Opfer nicht an einen Unfall glaubten. Obwohl die Ermittlungen schon im Juli 2015 wieder aufgenommen wurden dauerte es zwei weitere Jahre, bis die Justiz die Hauptverdächtigen erneut verhörte.

Die polizeiliche Nachsicht gegenüber den Neonazis überrascht lokale Antifagruppen nicht, da „Troisième Voie“ zu dieser Zeit eng mit dem „Maison de l’Identité Flamande“ (Vlaams Huis, Haus der Flämischen Identität) zusammenarbeitete. Das Vlaams Huis war Treffpunkt der Neonazis von „Troisième Voie“ und den "Identitären" von Opstaan (dem Vorgänger von „Génération Identitaire“), unter ihnen Aurélien Verhassel, dem heutigen Chef vom Haus "La Citadelle". Als Anhängern des Vlaams Huis galt auch der Chef der Kommunalpolizei von Lambersart. Es sei vorgekommen, dass Polizisten dort ihre Geburtstage feierten. Hinzu kommt, dass sympathisierende Polizisten den Neonazis Informationen über linke AktivistInnen weitergegeben haben sollen.5

Antoine Denevi, der „Troisième Voie“ für ganz Nordfrankreich leitete und oft im Vlaams Huis war, soll auch an einem umfangreichen Waffenschmuggel teilgenommen haben, der von Claude Hermant, dem Chef vom Vlaams Huis, initiiert wurde. Dieses Netzwerk um Denevi und Hermant, das die Mörder von Hervé beeinflusst hat, soll dem Dschihadisten Amedy Coulibaly das Sturmgewehr und die Tokarev-Pistolen besorgt haben, mit denen er am 9. Januar 2015 während der Geiselnahme im Supermarkt östlich von Paris vier Opfer erschossen hat.6

Es stellte sich heraus, dass Hermant ein Spitzel der Polizei war, der die Waffen lediglich auf Wunsch der Sicherheitskräfte geliefert haben will. Wie die Zeitungen Mediapart und La Voix du Nord berichteten, sollen auch die Polizei, die DCRI (Direction C du Renseignement Intérieur, der Nachrichtendienst), die Gendarmerie (das Militär) und die Zollpolizei bei diesem Schmuggel eine Rolle gespielt haben.7

Die Staatsanwaltschaft versuchte, die innerhalb weniger Monate begangenen Morde am Kanal der Deûle mit der Tat eines Serienkillers zu erklären. Uns ist bekannt, dass die Mitglieder dieser Gruppe sich jede Woche in der „White only“-Kneipe „La Citadelle“ trafen, die im letzten Herbst eröffnet worden war und die von den Behörden trotz zahlreicher Proteste nicht geschlossen wird. Die für den Mai 2017 geplante Demonstration in Erinnerung an Hervé Rybarczyk wurde hingegen polizeilich untersagt und mit Hilfe der berittenen Polizei und anderer Spezialeinheiten verhindert. Es stellt sich die Frage, welches gefährliche Spiel die Sicherheitskräfte hier mit den neonazistischen Aktivisten spielen.

  • 1. Diese antisemitische national-revolutionäre Splittergruppe, die sich von der faschistischen Tradition inspiriert, wurde 1984 von Jean-Gilles Malliarakis gegründet.
  • 2. JNR, National-Revolutionäre Jugend. 1989 verlassen die JNR Troisième Voie und werden dann zu einer selbständigen Organisation.
  • 3. James Dindoyal wurde zum Trinken von Säure gezwungen und im Anschluss ins Hafenbecken von Le Havre geworfen wurde. Zwar entkam er dem Ertrinken, verstarb jedoch an inneren Verletzungen. Im Oktober 2000 werden Régis Kerhuel und Joël Giraud zu 20 Jahren Haft verurteilt, während Ayoub, der Kerhuels Alibi war, behauptet, er wäre zur Zeit des Mordes in Japan gewesen. Er wird freigesprochen.
  • 4. U.a. Front des Patriotes (Patriotenfront) in Limoges, Lyon Dissident in Lyon, Opstaan in Lille, Picard Crew in Amiens
  • 5. Vgl: cettesemaine.info, 21. August 2009: Vidéo de la Maison flamande: le point sur l’affaire
  • 6. Vgl. Le Monde, 13. April 2016: Un Français interpellé en Espagne pour trafic d’armes
  • 7. Vgl. mediapart.fr vom 7. Mai 2016: Karl Laske: Quatre services de sécurité connaissaient les fournisseurs d’armes de Coulibaly
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