Françoise Dior (rechts) ist eine Nichte des Gründers des Modehauses, Christian Dior. In der Aufnahme aus dem Jahr 1963 erklärt sie ihre Bewunderung für den Nationalsozialismus und zeigt sich gemeinsam mit ihrem britischen Ehemann Colin Jordan, einem Neonazi aus England. (Bild: Screenshot youtube.com/ina.fr)
Geschichte | AIB 90 / 1.2011 | 17.04.2011

Faschismus und Kollaboration

Die nicht wohlriechende Vergangenheit des Duftkonzerns L’Oréal

Bernard Schmid (Paris)

Frankreichs Eliten haben mannigfache Probleme. Unter anderem resultieren diese daraus, dass ein Teil der politischen Elite sich nie mit dem Verlust des früheren Status Frankreichs als Kolonial- und Weltmacht abgefunden hat; die aktuellen Umbrüche in Nordafrika bedeuten deswegen eine schwere Niederlage für Frankreichs dortige neokoloniale Einflusspolitik. Aber auch diverse, auf den ersten Blick isolierte Skandale, die von der überstaatlichen Sphäre ausgingen, drohen neben ökonomischen auch politische Auswirkungen zu haben. Die Rede ist von den Affären der letzten Monate, die Frankreichs Modemacher und Hersteller von Kosmetika und Luxusprodukten – die eine nicht unwesentliche Rolle für die Exportwirtschaft sowie die Reputation des Landes spielen – betreffen. Eine politische Bedeutung kommt ihnen (neben den direkten Kontakten des Hauses Bettencourt zu Nicolas Sarkozy) auch insofern zu, als sie die Leichen im Keller dieses Teils der Bourgeoisie, die aus den faschistischen Episoden der jüngeren Geschichte stammen, ins Licht der Öffentlichkeit rückten.

Den jüngsten Skandal löste Ende Februar und Anfang März diesen Jahres der britische Modemacher und Wahlfranzose John Galliano aus. Er leitete seit 1999 die Damenkollektion des führenden Pariser Modehauses Dior. Am 25. Februar 2011 war er in einer Bar im dritten Pariser Bezirk zu Gast, wo er mit einem jungen Paar in Streit geriet. Zunächst äußerte er sich abschätzig über das Aussehen der jungen Frau, ihre Haare, ihre Stiefel. Dann zog er ein anderes Register, griff sie an, weil sie – angeblich – Jüdin sei, und fügte hinzu: »Ich bewundere Hitler.« Die Angegriffene hätte »gar nicht existieren dürfen«. Nachdem die Betroffenen, mit drei Aussagen von Augenzeugen ausgestattet, Strafanzeige erstattet hatten, leugnete Galliano zunächst und erstattete seinerseits Anzeige wegen »Verleumdung«. In den folgenden Tagen machte er jedoch einen Rückzieher. Er erklärte nunmehr, er »bereue« die Entgleisung, und kündigte an, eine Entziehungskur für Alkohol und Drogen zu beginnen.

Das Haus Dior kündigte ihm daraufhin den Arbeitsvertrag und präsentierte die von Galliano zusammengestellte neue Kollektion am 4. März 2011 bei einer stark abgespeckten Modeschau. Galliano selbst war nicht anwesend, dafür präsentierten sich die sonst anonym bleibenden Mitarbeiter_innen. Insgesamt herrschte, wie mehrere Zeitungen übereinstimmend berichteten, »eine Stimmung wie auf einer Beerdigung«. Auf Galliano kommt nun ein Prozess wegen »Aufstachelung zum Rassenhass« zu, auch wenn ihn inzwischen eines der Opfer insofern in Schutz nahm, als es erklärte, es selbst halte Galliano »nicht für einen Rassisten«. Es mag sein, dass die Ausbrüche von John Galliano sich – in ihrer Intensität – aus den Alkohol- und Drogenexzessen der Person und dem Verlust jeder Selbstkontrolle erklären.

Und doch enthüllen sie auch, wie verbrecherische Inhalte, etwa Hitler-Bewunderung, in diesen Kreisen eher als ästhetische Pose oder exzentrischer Spleen betrachtet und über lange Jahre verharmlost wurden. Just aus Anlass dieser Affäre tauchte ein Video aus den Archiven auf, das Françoise Dior im Jahr 1963 zeigt – eine Nichte des Gründers des Modehauses, Christian Dior, dessen Familie stets mehr Kontrolle über die Geschäfte ausübte als er selbst. In der Aufnahme erklärt sie ihre Bewunderung für den Nationalsozialismus und zeigt sich gemeinsam mit ihrem britischen Ehemann Colin Jordan, einem Neonazi aus England.1 Solches galt damals in der Familie als einfacher Spleen.

Dieser Affäre in der Modebranche ging ein anderer Skandal voraus, der den Kosmetik- und Luxusartikel-Konzern L’Oréal berührte. Er hielt das französische Publikum den ganzen Sommer 2010 über in Atem, es ging dabei unter anderem um illegale Parteienfinanzierung zugunsten des früheren konservativen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy. Er lenkte jedoch zeitweise den Blick auch auf brisante politisch-historische Hintergründe. Liliane Bettencourt, deren Vermögen derzeit rund 15,6 Milliarden Euro beträgt2, ist die Tochter und die Witwe eines aktiven Nazikollaborateurs. Ihr im November 2007 verstorbener Gatte André Bettencourt war »immerhin« Frankreich-Chef der Joseph Goebbels unterstellten »Propagandastaffel« während der Besatzung gewesen, wie sogar der französischsprachige Wikipedia-Eintrag zu seiner Person angibt.

Bei der Libération (Befreiung Frankreichs von der Nazibesatzung im Jahr 1944) kam er jedoch ungeschoren davon: Wie andere mehr oder weniger prominente Kollaborateure auch, etwa ein gewisser Vichy-Beamter namens François Mitterrand, hatte er es geschafft, sein Fähnchen beim Wechsel des Kriegsverlaufs in den Jahren 1942/43 in den Wind zu hängen. Als der sich gegen die »Achsenmächte« zu drehen begann, hatte er Kontakte zur Résistance aufgenommen. Unter den Staatspräsidenten Charles de Gaulle und Georges Pompidou brachte André Bettencourt es in den Jahren von 1966 bis 1973 zum Staatssekretär und Minister.

Liliane Bettencourts Vater – der Chemiker Eugène Schueller, der im Jahre 1909 die Vorläuferfirma von L’Oréal gründete – war seinerseits in den 30er und 40er Jahren in ausgewiesen faschistischen Kreisen aktiv. Dies vertrug sich in seinen Augen übrigens ideologisch durchaus prächtig mit seinen wirtschaftlichen Aktivitäten, die darin bestanden, »Schönheitsprodukte« zu verkaufen. Denn ohne seine Produkte, so seine Auffassung, war das Gros der Bevölkerung eine hässliche und stinkende Masse, die es anzuführen und zu manipulieren galt – ideologisch, um sie im Gleichschritt marschieren zu lassen und kommerziell, um ihr seine Produkte anzudrehen. »Sagt den Leuten, dass sie ekelhaft seien, dass sie nicht gut riechen, dass sie hässlich sind!«, so lautete der Auftrag, den er seinen damaligen Vertretern erteilte.3

Er hatte während der 1930er und 1940er Jahre des 20. Jahrhunderts diverse faschistische Gruppierungen finanziert. U. a. die ab 1937 aktive rechtsterroristische Vereinigung ›La Cagoule‹, in welcher auch André Bettencourt aktiv war. Später, zu Anfang der 40er Jahre, trat er als Mitgründer zweier faschistischer Kollaborationsparteien auf: des ›Mouvement Social Révolutionnaire‹ (MSR) von Eugène Deloncle, sowie des ›Rassemblement National Populaire‹ (RNP) unter dem Ex-Sozialisten Marcel Déat. Deloncle wurde im Januar 1944 durch die Gestapo ermordet, weil er Kontakte zu deutschen Militärkreisen um den Abwehr-Chef Admiral Canaris hielt, die zu diesem Zeitpunkt Hitler loswerden wollten. Marcel Déat seinerseits überlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs und lebte noch bis 1955 unter einem Tarnnamen und falscher Identität in Norditalien.

Zurück zu Eugène Schueller: Auch ihm ist gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nichts passiert. Eine führende Rolle bei seiner »Reinwaschung« hatte just der Ex-Kollaborateur François Mitterrand gespielt, den Schueller in den Jahren 1945/46 als Direktor bei dem von ihm gegründeten Verlagshaus ›Editions du Rond-Point‹ und des Kosmetikmagazins ›Votre Beauté‹ anstellte (bevor Mitterrand sich 1946 zum Abgeordneten wählen ließ). Bei seinem Tod im Jahr 1957 vererbte er sein Vermögen an seine damals 35jährige Tochter Liliane, die seit 1950 mit André Bettencourt verheiratet war.